4. Sonntag nach Trinitatis (27. Juni 2021)

Autorin / Autor: Dekanin Dr. Brigitte Müller, Brackenheim [Brigitte.Mueller@elkw.de]

1. Mose 50, 15-21

IntentionKonflikte gibt es in den besten Familien. Schuld ist selten eine/r allein, Opfer und Täter/innen sind alle Beteiligten. Wie kommt man aus der Spirale eskalierender Streitigkeiten und Schuldverstrickungen heraus? Die Antwort der Josefsgeschichte in 1. Mose 50 ist folgende: Das Eingeständnis von Schuld und die Bitte um Vergebung seitens der Täter/innen ermöglicht es den Opfern, die Situation zu tragen, zu er-tragen und im übertragenen Wortsinn zu vergeben (vgl. hebr. Wortlaut נשא /שׂא , imp. Sg. Qal; Bedeutung „tragen“).

Das kommt in den besten Familien vor, liebe Gemeinde:
Hinter einer schönen Fassade verstecken sich unschöne Dinge: Konflikte, Verletzungen, Schuld, Scham. Von außen sieht man das nicht unbedingt. Aber wer drinsteckt, hat keine Ruhe.

Josef und seine Brüder: Das ist eine angesehene Familie. die älteren Brüder mit Frauen, Kindern, Knechten und Mägden, eigenen Haushalten. Ein Clan im Lande Kanaan.
Und Josef erst, der zweitjüngste Bruder: Superminister beim Pharao in Ägypten.
Er hat durch kluge Planung die Ägypter vor einer Hungerkatastrophe bewahrt. Wo Josef mit seinem Wagen fährt, da laufen zwei Ausrufer nebenher und verkünden laut: „Der ist des Landes Vater.“ (1. Mose 41,43)

Die „Leiche im Keller“Aber hinter der glänzenden Fassade, da haben Josef und seine Brüder miteinander noch eine „Leiche im Keller“.
Josef, der Liebling des Vaters, hatte schon früh Eifersucht und Neid der Brüder auf sich gezogen. Sie warfen ihn in eine Zisterne und verkauften ihn an einen Sklavenhändler, der ihn nach Ägypten brachte. Josefs Mantel tauchten sie in Ziegenblut und brachten ihn dem Vater. Der sollte denken, dass Josef von einem wilden Tier zerrissen worden war.
Jahrelang hatten sie alles verdrängt. Und dann doch wieder gefürchtet, dass ihre Tat sie irgendwann einholen würde. Wer mit solcher Schuld leben muss, lebt in ständiger Unruhe. Und außerdem: Wie konnten sie untereinander noch Vertrauen haben, da sie doch gemeinsam Böses getan hatten und keiner unschuldig war, sondern alle in dieselbe Untat und Lüge verstrickt?

Vielleicht haben sie sich gegenseitig auch etwas vorgemacht. Etwa so: Josef war doch selbst schuld. Dieser Angeber! Hatte der sie nicht selbst provoziert durch seine Träume, in denen die Brüder und die Eltern sich vor ihm verneigten?
Und der Vater, der hatte ihn ganz offensichtlich bevorzugt und verwöhnt. Keiner der anderen Brüder hatte je so einen schönen Mantel von ihm bekommen wie Josef, sein Liebling. Ja, eigentlich war schon der Vater schuld!

Man findet immer Erklärungen und Entschuldigungen, wenn man sich selber in solchen Verstrickungen von Eifersucht und Wut und Schuld vorfindet.
Aber alle guten Gründe und Entschuldigungen führen doch zu nichts anderem als zur Fortsetzung von Unrecht und Schuld. Bis man nicht mehr aus der Sache herauskommt. Irgendwann holen Untaten und Lügen einen jeden, eine jede ein.

So wie Josefs Brüder, als der Vater gestorben ist. Denn der Vater, das war letzten Endes ihre Garantie für den Frieden mit dem Bruder. Nach seinem Tod fürchten sie nun Josefs Rache. Sie begreifen: Man kann das Vergangene wegschieben, verdrängen, vertuschen. Aus der Welt schaffen kann man es nicht.

Das Ende der GeschichteLassen Sie uns also hören, wie die Geschichte ausgeht:

„Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“ (1. Mose 50,15-21)

Letzter Ausweg: EhrlichkeitDie Brüder haben eingesehen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie können ihre Schuld nicht länger mit sich herumschleppen. Und ihre Angst auch nicht. Deshalb besinnen sie sich auf die Möglichkeit, die sie noch nicht probiert haben: Sie stellen sich ihrer Vergangenheit. Sie nennen beim Namen, was gewesen ist: „Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.“

Natürlich, sie bringen das Andenken des Vaters ins Spiel, appellieren an Josefs Verbundenheit mit ihm. Das schon. Aber sie beschönigen und verharmlosen nicht mehr, was sie selbst getan haben.
Sie schieben die Schuld nicht ab auf den Vater, auch nicht auf Josef oder irgendwie auf die Verhältnisse. Sie nennen das Böse böse und die Schuld Schuld und sind zum ersten Mal in der ganzen Geschichte ehrlich genug, zu sich selbst zu stehen: „Vergib uns unsere Schuld!“
Wortwörtlich heißt es im Hebräischen: „Trage doch unsere Schuld!“ Die Schuld vergeben heißt, die Schuld des anderen tragen. Der, dem das Böse angetan wird, der muss es „er-tragen“ ohne zurückzuschlagen. So geht Vergebung.

Wie finden Täter- und Opferseele Ruhe?Aber einfach ist das nicht! Niemand verzichtet gerne auf Gerechtigkeit. Jeder möchte einen Ausgleich für das, was ihm oder ihr angetan wurde. Und je frischer und tiefer eine Verletzung, umso lauter ist oft der Schrei nach Rache. Und doch ist Rache kein Ausweg aus Schuldzusammenhängen. Ausgleichende Gerechtigkeit gibt es nur selten.
Also bleibt wirklich nur ein Weg, der Verheißung hat: Das Opfer muss die Schuld des Täters ertragen. Anders kann sie nicht unschädlich gemacht werden. Anders nagt sie sich weiter in die Opferseele hinein und setzt ihr zerstörerisches Werk fort.
Auf der Seite der Täter braucht es aber auch das Eingeständnis der Schuld. Anders kommt auch die Täterseele nicht zur Ruhe. Ohne Reue zerstört die Schuld auch den, der die Untat begangen hat.

Das Böse zerstört den Lebensentwurf des Opfers wie auch des Täters.
Das Opfer findet sich – wie Josef, den seine Brüder verkauft haben – als Sklave vor, als Gefangener, am Boden zerstört. Die Täter werden zu Gefangenen ihrer Schuld und müssen ständig Entdeckung fürchten. Und alle Leichtigkeit ist aus ihrem Leben verschwunden.

Josef tut nun, worum ihn seine Brüder bitten. Er vergibt. Er hat es längst schon getan, Jahre zuvor, als er sie nicht verhungern ließ, sondern ihnen Korn gab. Damals, als er sie nach Ägypten holte, wo sie sich niederlassen konnten. Er hat sie ausgehalten, seine Brüder. Hat ihre Schuld getragen, er-tragen, vergeben.

Wie konnte Josef das?
Dazu müssen wir sehen, wie die Geschichte von seiner Seite aussieht. Da ist zweierlei:

Einmal: Josef weint. Diesmal nicht heimlich, wie früher, als er seinen Brüdern zum ersten Mal wieder begegnet war (1. Mose 42,24). Damals mag es Rührung gewesen sein. Nun aber ist es weit mehr. Josef weint über all die verdorbenen Jahre, das zerstörte Vertrauen. Denn die Brüder hatten nicht nur sein Leben preisgegeben. Sie hatten auch ihr eigenes gleich mit verpfuscht.
Am Rande der Zisterne, in die er geworfen war, oder im Gefängnis des Pharaos war sein Leben nichts mehr wert gewesen. Dass Josef schlussendlich ein angesehener und mächtiger Mann geworden ist, das hatte keiner vorhersehen können. Aber die Jahre als Sklave und Gefangener sind doch Teil seines Lebens geblieben. Sie haben ihn geformt und zu dem gemacht, der er jetzt ist.

Josef bleibt nicht bei seiner Enttäuschung oder seiner Wut stehen. Und das ist das Zweite: Er klagt nicht über sein Schicksal, das ihn hin und her gestoßen hat. Fast schon gelassen stellt er fest: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“

(Von Dietrich Bonhoeffer, dem Gefangenen Adolf Hitlers, haben wir ein ähnliches Diktum überliefert bekommen: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.“ (EG Wü S. 709))

Gottes Wege – SinnfindungJosef gelingt es, in dem, was ihm zugestoßen ist, Gottes Wege zu erkennen. Nicht weil Gott es so gewollt hätte. Das nicht. Aber Gott hat aus dem Bösen etwas Gutes wachsen lassen. So deutet Josef sein Leben im Rückblick. Und auch die Jahre des Gefängnisses haben darin ihren sinnvollen und notwendigen Platz. Er begreift: Gerade auch die schlimmen Erfahrungen haben aus dem angeberischen Lieblingssohn einen Mann gemacht, der ein ganzes Volk am Leben halten konnte: Die Ägypter zuerst, die ihn „Vater des Landes“ nennen. Und dann auch Israel, der Clan aus dem er selbst stammt.

Josef sieht Gottes Wege hinter seinen bösen Erfahrungen, aber auch hinter seinem ruhmreichen Aufstieg. Er hat zurückgeschaut und nach dem Sinn gefragt. Und als er den Sinn gefunden hat, da kann er „er-tragen“, was die Brüder mit ihm gemacht haben. Da kann er vergeben. Nun kann es wieder gut werden zwischen ihm und seinen Brüdern, weil er erkennt: Gott hat es ja längst gut gemacht.

Doch Josef urteilt im Nachhinein. Aus einer guten Erfahrung heraus. Was er sagt, kann man nicht verallgemeinern. Denn es hätte auch anders ausgehen können … Es gibt eben auch viele, die im Gefängnis umkommen. – So wie Bonhoeffer, der vier Wochen vor Kriegsende noch hingerichtet worden ist.
Und niemand macht gut, was ihm und anderen angetan wurde. Darum ist unsere Geschichte auch nicht für alle gleich ermutigend.
Aber vielleicht kann das, was für einen Einzelnen böse ausgegangen ist, umso mehr zur Mahnung für die Nachgeborenen werden: Lasst es nicht so weit kommen. Lasst niemanden umkommen in schlimmen Erfahrungen.

Diejenigen aber, die den Kopf am Ende noch herausstrecken können aus dem Bösen, das man ihnen angetan hat oder das sie selbst verbrochen haben und bereuen, die können sich an Josef und seinen Brüdern orientieren und hoffen: Gott will es gut machen … Und ich kann meinen Teil dazu tun. Auch in meinen Beziehungen und Familienkonflikten. Amen.

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