12. Sonntag nach Trinitatis (22. August 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer Jakob Späth, Stuttgart-Uhlbach [Jakob.Spaeth@elkw.de]

Markus 7, 31-37

IntentionDie Predigt will die Themen „Heilung“ und „Wunder“ aus der Vergangenheit in das gegenwärtige Leben über-setzen. Das scheint für eine Predigt genug Stoff. Deshalb sind die beiden Verse Mk 7, 36f nicht Gegenstand dieser Predigt. Sie sollen deshalb auch nicht vorgelesen werden. Die Heilungsgeschichte spricht für sich.

Liebe Gemeinde,
zufällig wurde bei einer Vorsorgeuntersuchung entdeckt, dass das Kind einer befreundeten Familie kaum hören konnte. Nicht die Stimmen von Mutter und Vater, nicht das Klopfen, wenn man Bauklötze zusammenschlägt, nicht das Singen der Vögel, nicht die lieben Worte der Geschwister, keine Musik. Die Mutter hat mir davon erzählt. Laienhaft habe ich verstanden, dass eine fehlende Verbindung im Innen-Ohr der Grund war. Die Eltern waren schockiert. –
Aber die Ärzte liefen zu Hochform auf. In einer Operation wurde ein Gerät in den Kopf des Kindes operiert, das die Schwingungen so verstärkt, dass das Kind doch hören kann. Eine Art Computerchip. Die operierende Ärztin ist ein ganz normaler Mensch wie du und ich – aber sie hat die Taubheit geheilt. Mit ihrer Hilfe, modernster Technik und einem guten Gesundheitssystem kann das Kind jetzt hören! Es gibt Heilung!
Auch vor rund 2000 Jahren wurden Menschen geheilt. Jesus war als Heilender unterwegs und hat Menschen gesund gemacht. Anders als heute – klar. Weniger technisch und weniger wissenschaftlich ging es damals zu, aber dass Jesus damals geheilt hat, das ist ziemlich unbestritten.
Der Predigttext heute handelt von so einer Heilung. Die Geschichte erzählt, wie Jesus einen Tauben heilt. Am Anfang der Geschichte gibt es einen, der ist taub. Am Ende kann dieser Mann hören und normal reden.
Geschlossene Ohren werden offene Ohren. Jesus macht es möglich.
Hören wir, wie der Evangelist Markus von der Heilung erzählt: (Mk 7,31-37)

„Und als er [Jesus] wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.
Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege.
Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig.
(36 Und er [Jesus] gebot ihnen, sie sollten es niemandem sagen. Je mehr er es ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.
37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.)“

Körperliche HeilungDie Art, wie die Heilungsgeschichte erzählt wird, ist aufschlussreich – auch für uns heute:
Der Evangelist Markus erzählt, dass der Taube von anderen zu Jesus gebracht wird. Es gibt Menschen, die sich um den Tauben kümmern. Menschen, die ihn bringen. Menschen, die sich auf den Weg machen und die für ihn reden.
Wie viele Menschen in der Gemeinde übernehmen zurzeit solche Dienste für diejenigen, die zum Arzt müssen! Sie kümmern sich um Termine, fahren hin, reden mit den Ärztinnen, holen Medikamente ab. Menschen kümmern sich.
Und als der Taube bei Jesus ist, da nimmt ihn Jesus zur Seite und wendet sich dem Tauben zu. Jesus kümmert sich. Jesus legt seine Finger an die Ohren, fasst die Zunge an. Jesus nimmt sich Zeit und legt Hand an.
Ich muss daran denken, wie sich in der Corona-Zeit Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger den Kranken zugewandt haben. Viele von ihnen haben sich wirklich um die gekümmert, die krank waren. Unglaublich, wie sie angepackt haben.
So sind für mich diejenigen, die anderen helfen, gesund zu werden, in gewisser Hinsicht Nachfolger Jesu. Menschen, die sich kümmern und andere Menschen heilen, sind in Jesu Fußstapfen unterwegs.
Es gibt Heilungen.

Gesundwerden als unverfügbares WunderAber…
Aber viele hier werden auch Situationen kennen, in denen die Heilung ausbleibt. Viele von uns kennen jemanden, der unheilbar krank ist. Es bleibt ja trotz aller Medizin unverfügbar, ob jemand gesund wird oder nicht.
Mal wird eine Krankheit rechtzeitig entdeckt, mal nicht. Mal schlägt eine Therapie an, mal nicht. Mal gibt es eine Medizin, mal nicht. Niemand kann sagen, warum der eine die COVID-Erkrankung recht problemlos wegsteckt – und die andere nicht.
Zu Jesu Zeiten war Heilung noch mehr ein Wunder als heute – aber auch heute können wir nicht garantieren, dass jemand gesund wird. Gesundwerden hat auch heute noch etwas Wunder-bares! Es bleibt unverfügbar. Oft höre ich jemanden nach einer schweren Krankheit sagen, dass er dankbar ist fürs Gesundwerden. Es ist mehr als nur ärztliches Können, wenn jemand gesund wird – es kommt irgendwie das Wunder der Heilung noch dazu.
Wenn ich gesund werden will, dann denke ich deshalb nicht nur an medizinisches Personal, Krankenhausmaschinen und Medizin. Ich wende mich auch an Gott, dass er mein Gesundwerden möglich macht.
Das Wunder der Heilung – auch zwischen Menschen 1
Und wenn ich schon dabei bin, Gott zu bitten um Gesundheit für mich oder jemanden, der mir nahesteht – dann bitte ich um Heilung auch noch für ganz andere Situationen: nicht nur Risse im Gehörgang sollen heil werden, sondern auch Risse in Familien oder zwischen Bekannten.
Nur: wie bei der Heilung des Körpers, so ist auch zwischen Menschen die Heilung unverfügbar. Es muss irgendwie das Wunder noch dazukommen.
„Jetzt hör doch mal zu“, ruft die Mutter. Sie geht zu der gerade laut zugeknallten Tür, klopft an und sagt diesmal ruhiger durch die Tür: „Jetzt hör doch mal, was ich meine, ist…“ Aber ihre Worte werden drinnen nicht gehört. Akustisch schon, aber sie erreichen die Tochter nicht, die sich voller Wut und Enttäuschung zurückgezogen hat. Da steht die Mutter jetzt und weiß nicht so recht, was tun. Als die Freundinnen mit älteren Kindern von der Pubertät erzählt haben, da hat sie immer gelacht: „Pubertät halt“. Jetzt erlebt sie die Situation selbst – und fühlt: sie ist vor allem traurig. Die Situation schmerzt. Sie sagt ein paar Sätze durch die Tür. Aber sie trifft den Ton nicht, findet nicht die richtigen Worte für ihre Tochter. Irgendwie hilflos fühlt sich die Mutter. Sie wünscht sich, dass sich die Tochter drinnen nicht mehr taubstellt. Dass sie sich verstehen. Ja, das wäre wunder-bar. Aber so – das ist klar: so funktioniert das nicht.
Doch auch Mütter von pubertierenden Töchtern können erfinderisch sein wie Impfstoffforscherinnen und durchhalten wie Pflegepersonal! Die Mutter nimmt am Abend nochmal einen Anlauf. Sie kocht ein gutes Abendessen, setzt sich mit ihrer Tochter an den Tisch und isst mit. Ob sich am Ende noch ein echtes Gespräch ergibt?
Was sind Ihre Erfahrungen? Öffnen sich die Ohren? Heilt der Riss?

Das Wunder der Heilung – auch zwischen Menschen 2„Jetzt hör doch mal zu“, sagt ein Mann ins Telefon. Aber die Bitte findet kein Gehör. „Du hörst mir ja gar nicht zu!“ Ärgerlich schweigt er, während der andere spricht. Eigentlich ist es nur ein Telefonat zwischen alten Freunden. Eigentlich. Aber irgendwie ist das Telefonat diesmal anders. Klar: man hat sich halt auch lang nicht gesehen. Und es ist manches passiert in den letzten zwei Jahren. Er nimmt noch einen Anlauf: „Jetzt hör doch mal auf, ständig von Verschwörungen zu plappern! Es ist völliger Unfug, was du da sagst! Nein, hör mal zu! Die Masken sind keine Teufelswerkzeuge! Und Merkel ist nicht die Inkarnation des Bösen! Und nein, ich bin nicht verseucht von dem, was die Presse sagt. Ich fass es nicht, dass du so redest! Du solltest dich hören!“ Zwei Freunde am Telefon – das könnte ganz nett sein! Aber einen der ältesten Freunde so zu hören – das tut weh. „Also mach‘s gut. Ich muss los.“ Das Gespräch ist zu Ende. Es ist gefühlt wirklich zu Ende. Der eine stellt sich taub. Und der andere verstummt.
Aber auch alte Männer können anpacken. Der Mann packt die Tischtennis-Schläger, fährt zu seinem Freund und klingelt. Er will den Kumpel von früher nicht an Verschwörungstheorien verloren geben, sondern im Gespräch bleiben. Er steht da, als wäre er Arzt und es ginge ums Gesundwerden der Freundschaft.
Wie haben Sie es erlebt? Haben Sie es öfters erlebt, dass nichts mehr zu machen ist – oder öfters, dass Heilung gelingt? Kennen Sie von sich, dass andere Ihnen zuhören und Sie wieder anderen zuhören können – auch nach Streit? Dass etwas heilt – oder eher nicht?

In Jesu FußstapfenIch sehe oft, wie Menschen ihren Teil tun, dass Heilung möglich ist. Körperliche Heilung und die Heilung von Beziehungen. Es macht mir Mut, dass diese Menschen in den Fußstapfen Jesu gehen.
Es macht mir Mut, die Geschichte zu hören, wie Jesus geheilt hat. Denn oft steh ich da und hoffe, dass die Heilungen irgendwie auch wirklich gelingen. Deshalb hoffe ich auf den, der schon damals geheilt hat.
Amen.

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