14. Sonntag nach Trinitatis (05. September 2021)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dorothea Schlatter, Ludwigsburg [Dorothea.Schlatter@elkw.de]

1. Thessalonicher 5, 14-24

Intention Paulus gibt Hinweise, wie das Zusammenleben in der Gemeinde gelingen kann. Wo Veränderungen nötig sind, da können Menschen auf Gottes Hilfe hoffen.

5,14 Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann. 15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann.
16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch. 19 Den Geist löscht nicht aus. 20 Prophetische Rede verachtet nicht. 21 Prüft aber alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt.
23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.


Liebe Gemeinde,
wie ging es Ihnen beim ersten Hören dieses Briefausschnitts?
Dachten Sie vielleicht – o nein, nicht schon wieder. Wir haben genug von Vorschriften. Seit 1 ½ Jahren müssen wir uns an so viele Regeln halten. Halte Abstand, trage Maske, wasche die Hände, lass dich impfen. Es reicht. Nicht auch noch im Gottesdienst. Bitte Zuspruch und nicht noch mehr Anspruch!
Vielleicht haben Sie den Text aber auch mit ganz anderen Ohren gehört:
Erstaunlich, was Paulus da als Grundmuster für Christen zusammenträgt. Ja, genau so ist es gut. Das muss noch viel mehr sichtbar werden. Es geht doch darum aufzubauen, einander und die christliche Gemeinde und das mit Hilfe von Gottes gutem Geist.
Vielleicht haben Sie auch gedacht: Wow, was uns Christen nicht alles zugetraut wird. Was für eine Ermutigung! Was für ein Vorschuss an Vertrauen.

Wem wird der Brief geschrieben? Was für eine Situation wird angesprochen?Der 1. Thessalonicher Brief gilt als erster Brief des Paulus, um 50 nach Christus verfasst, aus Korinth geschrieben. Damit ist er die älteste Schrift des Neuen Testamentes.
Erst ein paar Wochen waren vergangen, seit Paulus in Thessalonich, einer griechischen Stadt, einige Menschen, vor allem vornehme Frauen, mit seiner Botschaft von Jesus begeistert hatte. Eine kleine Gemeinde hatte sich kaum gebildet, als Paulus dann Hals über Kopf aus der Stadt fliehen musste. Nun machte er sich seine Gedanken, wie die Gemeinde in Thessalonich es schaffen würde, im Geist Jesu zu leben. Der Abschnitt, der uns vorliegt, steht am Ende seines Briefes. Dreizehn Ermahnungen gibt Paulus den Thessalonichern mit auf den Weg.

Was mir auffälltPaulus weist nicht zurecht, er droht nicht, er verurteilt nicht. Er ruft dazu auf, liebevoll mit den Mitmenschen umzugehen. Dazu beschreibt er einen Rahmen für das Zusammenleben. Es geht ihm nun nicht um feste Ordnungen, sondern darum, dass alle sich in der Gemeinde wohlfühlen und ihre Gaben und Möglichkeiten einbringen können.

Die Basis für christliches HandelnIch möchte den Brief von seinem Schluss her zu verstehen suchen und dann auf einige der Ermahnungen eingehen. Der Gemeinde in Thessalonich und auch uns wird zugesagt, Gott ist treu. Er begleitet, trägt und hält die Gemeinde. Vers 24: Treu ist er, der euch ruft; er wird‘s auch tun. Das ist die Basis, die Grundlage, von der aus christliches Handeln möglich wird. Weil wir getragen sind von Gottes Liebe, können wir uns liebevoll unseren Mitmenschen zuwenden. Wir können auf Gottes Treue und Hilfe hoffen. So können wir es wagen, neue Lebensmöglichkeiten mit anderen und für andere zu eröffnen, auch wenn unsere Umwelt andere Maßstäbe und Gesetze hat.

Was können wir in unseren Alltag davon mitnehmen?Da sind die Nachlässigen, Kleinmütigen und Schwachen angesprochen. In unserer Gesellschaft wird das, was kleinmütig und schwach ist, eher nicht wahrgenommen. Darum möchte ich bei dieser Ermahnung genau hinhören.
Wo wird in unserem Land bei den Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern gespart? Wie wird mit schutzsuchenden Flüchtlingen umgegangen? Bei uns gelten Sätze wie: Die sollen sich eben anstrengen. Leistung zählt und wer da nicht mitmachen kann, der fällt eben raus. Schwäche zeigen, das darf es nicht geben. Aber die Leistungsanforderungen sind hoch, und mancher bleibt dabei auf der Strecke. Das ist eben so – aber es muss nicht so sein. Paulus weist auf einen anderen Umgang mit menschlichen Fehlern und Schwächen hin.

Wer könnte denn mit den Nachlässigen, Kleinmütigen, Schwachen gemeint sein?Das möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen. Ich sehe einen Menschen vor mir, der sein Leben, so wie es ist, nicht ertragen kann. Um dem zu entgehen, flüchtet er sich in den Alkohol. Er kann für eine Weile vergessen, dass die Arbeit immer der gleiche Trott ist. Er möchte nicht daran denken, dass seine Beziehungen zu Freunden im Gerede und Schimpfen über Ungerechtigkeiten stecken bleiben. Er will vergessen, dass er immer wieder nicht schafft, was er sich vorgenommen hat.
Aber wenn die Wirkung des Alkohols nachlässt, ist er wieder auf sich geworfen. Die Arbeit hat sich nicht erledigt, sie türmt sich aufs Neue vor ihm auf, und er weiß, dass er es nicht schaffen kann. Weil er keine Kraft verspürt, etwas davon anzupacken, betäubt er seine Sinne wieder.
Es fällt mir schwer, ihn zu verstehen.
Ich denke, so geht‘s doch nicht. Wenn er doch wenigstens das Wenige, das er kann, tun würde. Sieht er denn nicht, dass er immer nur tiefer sinkt? Ich sehe nicht, dass er kein Zutrauen zu seinen Fähigkeiten hat. Ich reagiere ärgerlich, weil er so sinnlos seine Zeit vergeudet. Ich bin enttäuscht, dass er immer wieder ausweicht und sich störrisch davor drückt, sein Leben in die Hand zu nehmen. Ich schreibe ihn ab und denke mir, dann soll er doch tun, was er will, ich kann ihm doch nicht helfen. Und anderen sage ich: Zählen können wir auf den nicht. Damit nehme ich ihm dann jede Chance. Genau wie der Mann selbst will ich seine Schwäche nicht sehen und verschließe meine Augen und mein Herz. Und dabei bräuchte er so dringend meine Solidarität, ein offenes Wort und jemand, der ihm eine Stütze ist, auch und gerade dann, wenn er wieder umfällt.
Ermutigt die Nachlässigen, seid geduldig gegen jedermann. Was heißt das?
Ich möchte versuchen, ihn etwas mehr zu verstehen. Ich möchte versuchen, die Geduld nicht zu verlieren, wenn er sich nicht schlagartig nach meinen Vorstellungen ändert. Ich möchte ihm Mut machen, ihm vielleicht beim nächsten Schritt behilflich sein. Auch auf die Gefahr hin, dass alles beim Alten bleibt. Ich möchte daran festhalten, dass es ihm gelingen kann, aus dem Kreislauf auszubrechen. Das braucht Geduld und Zeit.
Die können wir aufbringen mit Gottes Hilfe, ohne den wir nicht geduldig sein können.

Ein Satz aus den Ermahnungen ist mir noch ganz wichtig„Alles aber prüfet, das Gute behaltet“, rät Paulus. Was für eine Freiheit! Paulus legt die Menschen nicht fest, er stellt sie in die eigene Verantwortung. Nur die Thessalonicher selbst können entscheiden, was für sie das Gute ist. Kein anderer, auch Paulus nicht, kann ihnen die Verantwortung abnehmen. Und er traut ihnen zu, dass sie das können. Alle sind immer wieder aufgefordert, zu prüfen, was ihnen und der Gemeinschaft guttut. Und das gilt auch für uns, jeden Tag neu. Wir sind aufgefordert, danach zu fragen, was der Liebe dient, was wir selbst brauchen und was mein Gegenüber jetzt gerade braucht. Und wenn wir erkennen, dass uns etwas schadet, wie etwa Fakenews oder Hass im Internet, dann gib dem keinen Raum, nimm es nicht in dich auf, behalte es nicht, verbreite es nicht.

Gott unterstützt uns bei VeränderungenAll das brauchen wir nicht allein zu tun. Betet ohne Unterlass – rät Paulus. Also führt euer Leben im Zwiegespräch mit Gott. Ihr könnt Gott alles sagen, was euch bewegt, alles, was ihr zu entscheiden habt, alles, womit ihr nicht zurechtkommt. Kein Bereich eures Lebens soll ausgeschlossen sein. Beten, das ist das Atemholen der Seele. Wir atmen ja auch ununterbrochen, ohne dass wir das bewusst und gewollt tun. So könnte auch unser Beten sein. Im Gebet können wir Gott überlassen, was uns ärgert, was wir nicht hinbekommen, was wir hoffen, was uns bewegt. Abgeben und loslassen, was festgefahren ist und dann die Welt gestalten und verändern im Sinne Jesu Christi. Das brauchen wir nicht mit Ärger und Unmut zu tun. Wir können uns dem Leben mit Mut und Liebe zuwenden. Dazu erhoffen wir Gottes Treue und Hilfe. Paulus sagt das in seinem Brief so: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige uns durch und durch und unseren Geist ganz samt Seele und Leib müsse bewahrt werden unversehrt, unsträflich auf die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird´s auch tun.“ Amen.

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