16. Sonntag nach Trinitatis (19. September 2021)

Autorin / Autor: Prälatin Gabriele Wulz, Ulm [praelatur.ulm@elk-wue.de]

Klagelieder 3, 22-26.31 und 32

IntentionDer 16. Sonntag nach Trinitatis – 24 Wochen nach Ostersonntag – feiert zu Beginn des Herbsts Gottes Macht, die den Tod überwindet. Durch Katastrophen und Abbrüche hindurch ist es Gottes Güte, dass es noch nicht gar aus ist mit uns.


„All Morgen ist ganz frisch und neu…“
Mit diesem Lied auf den Lippen könnte man fröhlich und leicht in den Tag gehen.
Könnte – sage ich bewusst, denn ich weiß, dass mancher Morgen schwer auf der Seele liegen kann.

„All Morgen ist ganz frisch und neu…“
Liebe Gemeinde, Jeder Tag trägt Spuren der Auferstehung in sich und mit sich. Jeder Sonntag zeugt von Ostern.
Deshalb: Dass ich meine Augen wieder aufschlage, dass die Schrecken der Nacht mich nicht überwältigt haben, dass ich stehe und sehe und spüre, dass mit dem Sonnenlicht die Finsternis vertrieben worden ist, das ist ein kleines Wunder und alles andere als selbstverständlich.

„All Morgen ist ganz frisch und neu…“ – dieses alte Morgenlied verdankt sich einem biblischen Text aus einem Buch, das uns in unserer Tradition nicht besonders vertraut ist und dennoch Wirkungen gezeigt hat.
Es ist der Predigttext für diesen 16. Sonntag nach Trinitatis.
Aus dem Buch der Klagelieder des Jeremia lese ich aus dem 3. Kapitel die Verse 22 bis 26 und 31 und 32:

"Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig zu sein und auf die Hilfe des Herrn zu hoffen. Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte."

Das steht mitten im 3. Klagelied, im Zentrum dieses kleinen Büchlein.
In fünf Liedern wird das Elend besungen. Der Untergang der großen und schönen Stadt Jerusalem.
„Wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war!“ Mit diesem Aufschrei beginnt das Buch.
Da ist kein Trost. Da ist nur Schmerz und Trauer.
Da ist keine Zukunft.
Verwüstung und Elend - so weit das Auge reicht. Bitter die Erkenntnis, dass die Propheten keine Gesichte mehr haben.
Gott schweigt, und die Erkenntnis wiegt schwer: Unsere Väter haben gesündigt und leben nicht mehr, wir aber müssen ihre Schuld tragen.

Im 3. Lied ist aber nun auch ein anderer Ton zu vernehmen.
Aus der Klage heraus, aus der tiefen Not findet der Beter, finden die Beter zu einer anderen Sicht auf ihr Leben.
„Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“
Das ist eine Wende. Nicht umsonst in der Mitte, im Herzstück der Sammlung.

Dem Propheten Jeremia wird diese Sammlung von fünf Liedern zugeschrieben.
Das ist historisch nicht sehr wahrscheinlich, passt aber in anderer Weise dann doch. Denn Jeremia war ein besonderer Mensch – und ein noch besonderer Prophet.
Eli Wiesel schreibt über ihn und charakterisiert ihn so:
„Jeremia war ständig hin- und hergerissen zwischen Gott und Israel, Israel und anderen Völkern, großen Mächten und kleineren, seiner verlorenen Kindheit und seinem unerträglichen Alter. Er verblüfft und interessiert, weckt alle Leidenschaften von äußerstem Hass bis zur absoluten Treue, er ist ein Außenseiter und als solcher missverstanden. Er ist, kurz gesagt, ein Überlebender, ein Zeuge. Als einziger der Propheten sagte er die Katastrophe voraus, stand sie durch und lebte weiter, um Bericht zu erstatten.“

Jeremia ist also ein Überlebender, der Kunde gibt. Ein Trauernder, der in seiner Erinnerung Widerstand leistet. Einer, der nicht verschweigt, was war und was ist, und der deshalb in Ungnade fällt und Widerwillen erntet - er wird zum Zeugen für den Neuanfang, den Gott setzt.

Liebe Gemeinde, was für den Propheten Jeremia gilt, gilt auch für die Klagelieder, die ihm zugeschrieben sind.
Auch sie sind Zeugnisse des Überlebens. Zeugnisse der Trauer, die nicht einfach und schnell zu einer neuen Routine findet. Sie sind Zeugnisse der Verweigerung.
Und dennoch gibt es auch in ihnen diesen anderen, diesen neuen Ton:
„Die Güte des Herrn ist`s, dass wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.“ All Morgen ist ganz frisch und neu!

So sind die Klagelieder mehr als ein Aufseufzen der Seele.
Es sind kunstvoll, poetische Lieder. Klagen, die durchgestaltet und durchkomponiert sind. Vom Leben selbst. Und von den Menschen, die sie immer und immer wieder gesungen haben.

In jedem dieser fünf Lieder schimmert das hebräische Alphabet in besonderer Weise durch:
Jeder Vers beginnt mit dem nächsten Vers im Alphabet.
Und im dritten, im zentralen Lied sind es jeweils drei Verse, die mit demselben Buchstaben beginnen. Von Aleph bis Taw.
So umfasst dieses Lied 66 Verse, während es die anderen vier nur auf 22 Verse bringen.
Auch daran sehen wir: Das dritte Lied ist „besonders“. In der Mitte ist das Geheimnis verborgen. Wie ein Schatz, zu dem man sich durch Klage und Tränen hindurcharbeitet.

Vielleicht, liebe Gemeinde, ist das auch der kleine, aber doch entscheidende Unterschied zu den Klageliedern, die wir oft hören und nicht mehr hören können.
Vor allem dann nicht, wenn im eigenen Leben das Schlimmste geschieht und darüber all die anderen Sorgen und Problemchen plötzlich ganz unwichtig, ganz vorläufig werden.
Der kleine, aber doch so bemerkenswerte Unterschied ist, dass hier Klage sein kann. Auch sein darf.
Aber dass sie dennoch eine Dynamik kennt, nicht im Stillstand verharrt, sich nicht einigelt und vor allem nicht immunisiert.
Die Klage der Klagelieder geht weiter und reicht weiter als die Jammertiraden unserer Tage:
Reicht bis zum eigenen Eingeständnis von Schuld und Verfehlung. Reicht bis hin zur bitteren Erkenntnis, nicht nur Spielball und Objekt gewesen zu sein, sondern auch aktiv die Zerstörung mit betrieben zu haben.
Und reicht dann aber auch bis zum Trost, der abgerungen ist.
Bis hin zum Trost, dass Gottes Barmherzigkeit, sein Erbarmen noch kein Ende hat. Weil seine Güte, seine Treue jeden Morgen neu ist.

Liebe Gemeinde, mit dem Aufgehen der Sonne, mit jedem neuen Tag erleben wir leibhaftig Auferstehung. Sieg des Lichtes über die Finsternis.
Was als Banalität oder Selbstverständlichkeit erscheinen könnte, wird für die, die Augen haben und sehen, auf einmal zum Gleichnis für Bewahrung und Rettung.

Und wir können – von den Klageliedern des Jeremia auf die Spur gebracht – entdecken und erfahren:
So etwas wie ein „gelungenes Leben“ gibt es nicht.
Und auch die Versprechungen von Glück in Gemeinschaft, Gesundheit und Geselligkeit – seien sie noch so gut erforscht und in Skalen abgebildet – sie halten nicht ewig. Es ist dünnes Eis, auf dem wir gehen.
Zum Leben gehört die Erfahrung des Scheiterns, der Niederlage, der Verzweiflung --- aber und das ist der große Einspruch und Widerspruch Gottes:
Seine Barmherzigkeit, seine Güte tragen uns durch Niederlage, Scheitern und Verzweiflung hindurch.
Nicht, dass wir das immer sofort und gleich spürten. Keine Frage.
Gott schweigt --- und gibt sich nicht als das Allheilmittel gegen allen Frust zu erkennen.
Aber im Gebet, in der Klage, in der Anklage, im Schrei, der sich an Gott richtet, scheint auch die andere Erfahrung auf:
Die Erfahrung des Sieges über den Tod. Die Erfahrung des Lichtes trotz aller Finsternis. Die Erfahrung, dass Auferstehung wahr wird. Heute. An jedem Tag. Und dereinst in der ewigen Vollendung.

Glaubst du das?
Glaubt ihr das?
Geb’s Gott, dass wir zu solchem Glauben, zu solchem Vertrauen finden und deshalb an jedem neuen Tag das Licht begrüßen als Unterpfand seiner Güte und Treue und seines Erbarmens.
Amen.

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