15. Sonntag nach Trinitatis (12. September 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer Matthias Hennig, Weilheim/Teck [Matthias.Hennig@elkw.de ]

Lukas 17,5-6

IntentionDie Predigt greift die vermutete Gefühlslage in der Gottesdienstgemeinde am Sonntag vor Schuljahresbeginn auf und bietet in herausfordernder Zeit zunächst den Jüngerwunsch um gestärkten Glauben zur Identifikation an. Sie weckt durch das ebenso provokative wie befreiende Senfkorngleichnis Jesu bei den Zuhörenden das Lebensgefühl einer „verantworteten Sorglosigkeit“, auf das der Wochenspruch zielt.

17,5-6 Die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: „Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer“!, und er würde euch gehorsam sein.


Es geht wieder los – mit gemischten GefühlenLiebe Gemeinde, jetzt geht es wieder los. Die Sommerferien sind zu Ende. Morgen beginnt das neue Schuljahr. Spätestens mit der neuen Woche sind wieder alle am Start. Auch in den Büros und den Praxen ist wieder Betrieb, auf den Ämtern, in den Geschäften, in den Werkhallen.
„Jetzt geht’s wieder los.“ Oft war ein Lächeln dabei, wo ich den Satz hörte in den letzten Tagen. In der Grundschule, an der ich unterrichte, traf ich Lehrerinnen, die sich auf die Kinder richtig freuen. Wie ist das bei euch Konfirmanden? Freut ihr euch auch?
Aufregend ist das. Auch eine gewisse Unsicherheit schwingt in diesen Tagen mit. Viele beschäftigt die Frage: Wie können wir mit den Coronaviren leben? Wie wird das gehen im Herbst? „Wir werden einander viel zu verzeihen haben.“ Der Satz stammt aus dem Mund des Bundesgesundheitsministers zu Beginn der Coronakrise. Er kommt mir immer wieder in den Sinn. Nicht nur beim Umgang mit der Pandemie. Sondern wie wir Menschen überhaupt zueinander sind. Beides ist ja nicht einfach: um Verzeihung zu bitten und Verzeihung zu gewähren. „Und wenn einer sieben Mal am Tag an dir sündigen würde und sieben Mal wieder zu dir käme und spräche ‚Es reut mich‘, so sollst du ihm vergeben.“ Jesus sagt das. Seine Aufforderung geht im Lukasevangelium dem heutigen Predigttext voraus. Die Jünger reagieren prompt. Weil so viel zu verzeihen sein wird, bitten sie Jesus: „Stärke uns den Glauben!“ Sie merken offensichtlich: Dazu haben wir nicht die Kraft. Es bräuchte Kraft von Gott, um das ganze Maß an Unrecht und Leid zu ertragen, zu vergeben, gar zu heilen. Es bräuchte Kraft, die uns zufließt aus der Verbundenheit mit Gott. Denn es ist schwer, zu verzeihen, was war.

Wäre doch mehr los – mit gestärktem GlaubenStärke uns den Glauben. Die Bitte der Jünger berührt mich. Und zwar gerade, weil sie das gemeinsam sagen, weil sie es miteinander so meinen. Nicht ein Einzelner will stärker sein im Glauben. Sondern sie sagen es in Solidarität, sie stehen Seite an Seite da, wahrscheinlich spricht es Einer für alle aus: Stärke uns den Glauben.
Es ist eine ehrliche Bitte, eine ernsthafte und solidarische Bitte. Sie berührt mich, spricht mir aus dem Herzen. Stärke uns den Glauben. Ich sehe mich an der Seite der Religionslehrerinnen und der Erzieherinnen. Auch an der Seite von Taufeltern, Großeltern und Paten. Denn wir haben Ja gesagt zu dem Auftrag der christlichen Erziehung. Uns ist es wichtig, dass die Kinder den Lebensmut spüren, den lebensfreundlichen Umgang mit sich und anderen kennenlernen, der sich aus dem christlichen Gottvertrauen speist. Wie aber können wir von Gott sprechen vor unseren Kindern, vor unseren Enkeln, vor den Heranwachsenden in Schule und Jugendarbeit? Wie soll ich von Gott erzählen, wie soll Gottes Existenz gedacht werden? Das kann deshalb schwer sein, weil der Mensch Gott nicht mehr braucht als Erklärung für den Ursprung der Welt, auch nicht als Hilfe bei Krankheit. Für Viele ist es nicht plausibel, Gott zum Gegenüber zu haben. Den Kindern kommt Gott nicht zwangsläufig in den Sinn. Das Leben lässt sich ohne Gott organisieren und auch ohne Gott deuten. Ist es vielleicht sogar ein Wesenszug von uns Menschen, Gott gar nicht im eigenen Leben haben zu wollen? Sich gar nicht dreinreden lassen zu wollen von einem, der sich nicht fassen lässt?
Stärke uns den Glauben. So bitten die Jünger. So bitte ich: Stärke uns den Glauben als Eltern und Großeltern und Paten, als Pädagogen und Gruppen- und Chorleiter: Nicht nur, um uns und anderen verzeihen zu können, was wir versäumen und verkehrt machen. Sondern um ein Beispiel zu geben, wie das Leben von dir, Gott, gemeint ist. Um ein Beispiel zu geben, wie das Leben hell und weit wird, wo wir uns dir öffnen. Stärke uns den Glauben für die Gestaltung der Schulgottesdienste in dieser Woche. Für die Wiederkehr des Tauftags des Enkels. Auch für das Bild, das wir als Gottesdienstgemeinde abgeben am Sonntagvormittag vor den neuen Konfirmanden und ihren Familien. Auch für das Gesicht, das wir der Kirche geben. Und nicht zuletzt für das Miteinander in unserer Gesellschaft, in der wir einander viel zu verzeihen haben. Stärke uns den Glauben.

Die Sorgen los – mit senfkornkleinem GlaubenWie finden denn Sie die Antwort, die Jesus auf die Bitte der Jünger gibt, liebe Gemeinde? Jesus sagt: „Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich in Meer! Und er würde euch gehorchen.“ Das klingt verrückt, oder? Der Maulbeerbaum wurzelt bis zu zwei Meter tief in der Erde und kann mehrere hundert Jahre alt werden. Das dürften die Jünger gewusst haben. Denn tiefe Wurzeln sind ungewöhnlich in einem Landstrich, dessen karge Böden eher den flach wurzelnden Gewächsen zusagen. Ausgerechnet ein zäher, hartholziger Maulbeerbaum also hebt sich aus dem Boden und verpflanzt sich selbst ins salzhaltige Meerwasser? So etwas Unsinniges und Unmögliches passiert, wo Gottvertrauen in der Größe eines Senfkornsamens im Spiel ist. – Eine drastische Antwort. Eigentlich ist es gar keine Antwort auf die Bitte der Jünger um stärkeren Glauben. Sondern Jesus weist die Frage zurück. Er behauptet tatsächlich: Schon der Glaube vom minimalen Ausmaß eines Senfkornsamens ruft Wirkungen hervor, die alle menschenmöglichen Vorstellungen sprengen. Offensichtlich meint Jesus zu den Jüngern: Lasst euch genug sein an dem Glauben, den ihr bekommt. Und lasst diesen Glauben wirken, der von der Größe noch kleiner als ein Senfkorn ist. Dann geschieht genug.
Maximal drei Millimeter lang, maximal einen Millimeter breit, das ist das Senfkorn, von dem Jesus spricht. Gottvertrauen in dieser Größenordnung also würde Menschenunmögliches und Undenkbares zuwege bringen. Kleiner noch als das Senfkorn: so muss Glaube gedacht werden! Kühner noch, als es die Liebe tut: So wird das Kleinste wertgeachtet! Geringer noch als der Millimetersamen: So ist die Unscheinbarkeit, mit der Gott etwas anfängt mit uns Menschen! Und radikal anders als die menschengemachten Koordinatensysteme aus „höher, schneller, weiter“, in denen ich mich bewege. Es geht um Glauben im Millimeterbereich.
Nur einen einzigen Millimeter braucht es – das Senfkorn ist groß genug. Es geht auf, es wächst und entfaltet sich zu einem Strauch in vielfältigen Zweigen. Die gelben Blüten an der bis zu zwei Meter hohen Staude leuchten aus der Landschaft hervor! – Nur einen einzigen Gedanken braucht es – der Glaube ist stark genug. Zum Beispiel einen Gedanken, der mich im Gottesdienst anspricht. Ist es heute vielleicht das Wochenlied „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu. Vertrau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu …“?
Nur einen einzigen Gedanken braucht es und der Glaube ist stark genug. Wenn er nur nicht von zu vielen Gedanken und Tönen zugedeckt wird. Wenn er nur nicht gleich weggedrückt wird, weil ich mich nach dem Gottesdienst gleich wieder in Geschäftigkeit stürze. Wenn er nur nicht übersehen wird, weil ich lieber nach Greifbaren ausschaue, als auf die leisen Klopfzeichen der Seele zu achten. Tatsächlich ist ein Millimeter genug, ist ein Gedanke genug, ein Moment wie heute im Gottesdienst – und der eine Gedanke, wie aus der Liedstrophe, fällt in mich und tut Wirkung. Er wurzelt ein in Gestalt des Gesangbuchs, das ich daheim aufgeschlagen lasse durch die neue Woche hindurch. Der Gedanke wächst auf und wird mein Begleiter „Verricht das Deine nur getreu …“. Er verzweigt sich in den kommenden Tagen in den verschiedenen Begegnungen. Er wird dem einen oder anderen Mitmenschen vielleicht sogar als leuchtende Blüte vor Augen kommen, ein leuchtendes Beispiel für das Gottvertrauen, für die Gelassenheit bei allem, was jetzt wieder los geht und wieder ab geht. Der Mitschüler, mit dem ich es in der Siebten schwer hatte, staunt morgen über meine Millimeterfreundlichkeit. Das Patenkind staunt über das Pixi-Bilderbüchle der Noahgeschichte, das ich zum Tauftag vorbeibringe. Der Nachbar ist überrascht, dass ich Gebrauch mache von der Möglichkeit, den blöden Streit zu beenden und zu verzeihen.
Der millimetergroße, senfkornkleine Glaube ist stark genug. Und er ist da! Geschenkt. Der eine Gedanke aus dem Wochenlied mag es sein. Oder das eine Gebet. Oder der eine freundliche Blickwechsel am Ausgang. Es geht um den Glauben in Millimetergröße. Der eine Gedanke ist stark genug, das eine Gebet, der eine Blick. Unverfroren und verrückt wie Jesu Antwort, liebe Gemeinde – genau so lassen Sie uns von dem Kleinsten groß denken! Den einen Gedanken überaus wertachten! Die eine Liedstrophe liebhaben! Das eine Gebet nachmurmeln! Den einen Blick erwidern. So seltsam und bezaubernd ist es mit dem Glauben an Gott, dass ich darüber – jetzt, wo alles wieder losgeht – jede Sorge los bin. Amen.


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