20. Sonntag nach Trinitatis (17. Oktober 2021)

Autorin / Autor: Pfarrerin i.R. Annette Kick, Stuttgart [a.kick@gmx.de]

Prediger 11,9-12,7

IntentionAuch wenn das Schlussgedicht von Kohelet vor allem über die ganz Alten spricht, wendet es sich an die Jungen. Dem will ich Rechnung tragen, indem ich den in der Perikope „abgeschnittenen“ Anfang des Gedichts in Kapitel 11 wenigstens teilweise ergänze.
Ich will das Schlussgedicht zum besseren Verständnis in den Zusammenhang des modernitätstauglichen Lebens- und Glückskonzepts des ganzen Buches stellen: Angesichts der Vergänglichkeit alles Irdischen auf den geschenkten Kairos setzen. (Ausnahmsweise würde ich auch die Schriftlesung aus demselben Buch wählen und den Anfang von Prediger 3 lesen.) Hier geht es um den Kairos, der in verschiedenen Lebensaltern zu ergreifen ist. Neben der Jugend und dem hohen Alter thematisiere ich wegen aktueller Dringlichkeit auch die Phase der jungen Alten, die es so in damaliger Zeit noch nicht gab.

Pred 11, 9 So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt...10 …denn Jugend und dunkles Haar sind eitel (Windhauch).
12, 1 Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: „Sie gefallen mir nicht“; 2 ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, – 3 zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, 4 wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen; 5 wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; – 6 ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. 7 Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

Liebe Gemeinde,
war das wirklich ein Bibeltext? Ein Aufruf an die Jugend, das Leben in vollen Zügen zu genießen! Die Alten nicht als Vorbild, sondern eher als Warnung: Bald seid ihr auch so hinfällig.
Und wie wird hier über das Alter gesprochen! In schönen Bildern, ja. Aber ohne alle Beschönigung und ohne frommen Trost.
Immer wieder wurde bezweifelt, ob Kohelet zu Recht in der Bibel gelandet ist. Ich freue mich, dass wir ihn haben. Denn diese Gedanken sprechen Menschen an, die mit religiöser Sprache und frommen Sprüchen nichts anfangen können. Auch Kohelet hinterfragt die religiösen Traditionen. Die Vertröstung auf ein Jenseits lehnt er ab.

Modernitätstaugliche GlückssucheWorauf ist Verlass, wenn alles vergeht, nur „häbäl“, Windhauch ist? Das ist sein Thema und „häbäl“ sein Lieblingswort. „Eitel“ übersetzt Luther, manche gar: „sinnlos“, „absurd“. Besser lassen wir es unübersetzt und denken an den Wind, der im Sommer die Blütenblätter und jetzt im Herbst das bunte Laub mitnimmt. Realistisch und wehmütig nehmen wir wahr, wie vergänglich alles ist.
Kohelet befragt nicht nur die religiöse Tradition nach dem, was dem Windhauch standhält. Er kennt auch die Glücksphilosophien seiner Zeit. Glücksratgeber und Glücks-Coaches haben auch bei uns Hochkonjunktur. Damals wie heute behaupten die meisten davon, Glück sei irgendwie machbar. „Du musst nur das tun, dies lassen und so denken!“ So machen Glücksratgeber oft unglücklich. Wenn das Glück sich nicht einstellt, hat man etwas falsch gemacht. Kohelet widerspricht. Er ist eben doch einer, der mit Gott rechnet. Die Grundlage des Glücks ist, dass alles „von Gottes Hand kommt“ (2,24). Zu dieser Einsicht kommt er auch nach einem Selbstversuch. Er denkt sich ein Leben in der Rolle Salomos aus, in dem er sich alles nimmt, was das Herz begehrt: Häuser, Frauen, Knechte, Wissen usw. Aber das zeigt sich als Windhauch. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht heute vom krampfhaften Streben nach immer größerer Reichweite. Wir optimieren Körper, Wissen, Besitz, Ansehen und vieles mehr, um der Welt immer mehr habhaft zu werden; alles nur: um … zu. Um eines Tages das optimale Leben gestalten zu können. Dabei weicht die Welt aber vor uns zurück, wird stumm. Wir hören und fühlen unsere Umgebung nicht mehr, sind nicht lebendig. „Das ist alles Windhauch“, sagt Kohelet nach diesem Experiment.
Was macht dann glücklich? Die Lösung, zu der Kohelet gelangt, klingt einfach, ist es aber nicht:
Erkennen, was uns alles geschenkt ist.
Voll Freude und Dankbarkeit das Geschenkte mit anderen Menschen genießen.
Erkennen, was hier und jetzt dran ist „unter der Sonne“; den Kairos, den jeweiligen Augenblick, den schönen und den schwierigen, ergreifen. So wie es im bekannten Abschnitt aus dem Buch in Kapitel 3 heißt: „Alles hat seine Zeit…“

Carpe Diem (Pflücke den Tag)Am Ende seiner Glückssuche nimmt Kohelet in einem Schlussgedicht zwei besondere Zeiten in den Blick: die Zeit der Jugend und die letzte Wegstrecke. Er spricht viel über die Alten, wendet sich aber an die Jungen. Ihre Jugend und Schönheit – dafür stehen die dunkel glänzenden Haare – sind Windhauch, schnell vorbei. Bald sind die Haare grau. So rückt der Prediger sie alle in Ihrem jeweiligen Lebensalter ganz eng zusammen. Sie sind die gleichen Menschen, nur grade mal an verschiedenen Punkten auf dem schnell vorwärts schießenden Zeitstrahl. Ihr Jungen werdet flugs die Alten sein, und ihr Alten wart grade noch jung und schön! Zugleich gilt: Eure Rollen sind verschieden. Jedes Alter ist ein Kairos, ein besonderer Augenblick mit spezifischen Geschenken und Herausforderungen.

Die Jungen und die jungen Alten
An die Jungen ergeht der Rat, das Leben zu genießen, den eigenen Träumen und Intuitionen zu folgen. Keine Rede von Karriereplanung und Selbstoptimierung. Kann das gut gehen? Ja, denn einen „frommen“ Wunsch hat Kohelet dann doch: „Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend.“ Es gilt, darauf zu horchen, was der Schöpfer in einen hinein gelegt hat und das zu entfalten; sich nicht ohne Resonanz mit dem Schöpfer und den Mitgeschöpfen selbst zu erschaffen, wie Kohelet im Salomo-Experiment; und wie es heute mit digitalen Mitteln noch weit besser möglich ist.
Gönnen wir es den Jungen, das Leben zu feiern? Ja, ermöglichen wir es ihnen? In der Corona-Pandemie erging an die Jungen ein anderer Appell: Verzichtet auf euren „Beruf“ als Lebens-Auskoster, für uns Ältere! Größtenteils sind sie diesem Appell klaglos gefolgt. Jetzt sollten sie wieder dran sein!
Ich höre den Appell an die Jungen als einen indirekten Appell an uns Ältere. Viele von uns jungen Alten, „Babyboomern“, zu denen ich mich zähle, hatten in diesem Land, Gott sei Dank, bisher ein ziemlich gutes Leben. Im Ruhestand dürfen auch wir unser „Herz guter Dinge sein lassen“. Aber es ist doch auch der Augenblick, mit unseren Bedürfnissen ein Stück weit zurückzutreten; und so viel wie möglich dafür zu tun, dass für die Jungen noch ein gutes Leben „unter der Sonne“ möglich ist. Der YouTuber Rezo appelliert angesichts der Klima-Katastrophe an die Älteren: „Ihr habt die Zukunft der jungen Leute in der Hand. Ohne euch können wir das nicht schaffen.“ Nutzen wir die Zeit, ehe die Tage kommen, in denen wir wieder ganz auf die Hilfe der Jungen angewiesen sind!

Die letzte WegstreckeEs kommen „Tage, die uns nicht gefallen“. Was für eine gute Beschreibung. Kein pauschales Gejammer: „Altsein ist schrecklich.“ Es gibt weiterhin auch die guten Tage: „Denn wenn ein Mensch viele Jahre lebt, so sei er fröhlich in ihnen allen und denke an die finsteren Tage“(11,8). Die finsteren Tage sind aber unvermeidlich. Das darf nicht schön geredet werden. Sicher war damals der körperliche Rückbau viel unaufhaltsamer und augenfälliger. Heute treiben wir mit Kosmetik, Medizin, Fitnessprogrammen usw. einen immensen Aufwand, damit uns die Tage weiterhin gefallen. Wir hören: „Wenn du nur alles richtig machst, bleibst du ewig jung und frisch.“ Die Prozesse des Alterns werden verdrängt und vertuscht.
Vielleicht helfen die einfühlsamen Bilder, das Altern mit etwas Humor zu betrachten und diesen letzten Kairos anzunehmen:
Zunächst wird das Wetter um das Lebenshaus herum ungemütlich. Das Haus selbst wird baufällig. Die „Hüter“ meinen wohl die Hände, die für ein tätiges, sich behauptendes Leben stehen, jetzt aber zittrig werden. Die „Starken“, die Beine, wollen nicht mehr so recht, wenn sie einen Menschen treu durch das Leben getragen haben. Die Müllerinnen, die Zähne, werden immer weniger und stellen ihren Betrieb ein. Die künstlichen Kameradinnen heute helfen weiter, wollen irgendwann aber auch nicht mehr. Aus den Augen-Fenstern wird der Blick trübe. Die Tore, die Ohren, schließen sich zur Gasse hin. Überhaupt rückt die „Gasse“, die Welt, immer weiter weg.
Welche Veränderungen am Lebenshaus nehmen Sie wahr, bei sich oder bei Angehörigen, die älter werden? In meinem Lebenshaus fällt mir beispielsweise auf, dass der Keller des Gedächtnisses nicht mehr so leicht zu erreichen ist. Und das, was ich neu hineingeräumt habe, finde ich oft nicht mehr. Das gefällt mir gar nicht und doch muss ich lernen, damit zu leben.
Der Kreislauf der Natur draußen geht immer weiter, der Mandelbaum blüht im Frühling, es folgen Sommer und Herbst. Für jeden Menschen aber zerbricht einmal die Goldene Schale, das kostbare Leben. Kostbar war und ist es, wenn wir zur rechten Zeit das Geschenkte genießen; und wenn wir Tage, die uns nicht gefallen, wenn wir die besonderen Herausforderungen jedes Lebensalters annehmen und bestehen.
Irgendwann treten wir alle unseren letzten Gang an, „der Staub wird wieder zur Erde“. Im ganzen Buch hat der Prediger unsere volle Aufmerksamkeit auf das gegenwärtige Leben hier „unter der Sonne“ gelenkt. Bloß kein Aufschieben und Vertrösten auf das Jenseits! Aber hier, ganz am Ende des Buches, klingt eine zarte Hoffnung an: Unser Leben verweht nicht einfach. Nicht Windhauch, sondern „ruach“, göttliche Geistkraft, hat Gott jeder und jedem von uns bei der Erschaffung in die Nase geblasen. Sie macht uns lebendig. Und am Ende kehrt sie mit allem, was sie gewirkt hat, zu Gott zurück.
Amen.


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