Drittletzter Sonntag des Kirchenjahrs (07. November 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Johannes Wischmeyer, Tuttlingen [Johannes.Wischmeyer@elkw.de]

Psalm 85, 1-14

IntentionZiel der Predigt ist, Psalm 85 als ein Bewegungsbild zu erschließen – es geht um die Bewegung Gottes hin zu uns Menschen. Die Zuhörenden vertiefen sich in Motive, die Gottes Ankunft in unserem Leben erfahrbar machen.

Anteilnahme, Freundschaft, Liebe. – Wetteifer, Missverständnis, Abneigung. Beziehungen zwischen Menschen können ganz unterschiedlich sein. Dazu kommt: Keine Beziehung ist einfach, häufig erlebe ich in der Beziehung zu einem Menschen widerstreitende Gefühle.
Nicht anders in meiner Beziehung mit Gott.
Wie lässt sich in Worte fassen, was sich da in meinem Kopf und in meinem Herzen abspielt an Beziehungsarbeit; zwischen Momenten des Einverständnisses, des Vertrauens – „ich glaube“ – und den Erfahrungen von Fremdheit, Enttäuschung, Zweifel? Wahrscheinlich kennen alle, die glauben, beide Zustände (und wie es sich anfühlt, wenn die Beziehung zu Gott gestört ist, wissen die meisten leider besonders gut).
Wie lässt sich in Worte fassen, dass diese Beziehung zu Gott das Privateste ist, das ich habe – und dass mich die Gewissheit, dass ich etwas mit ihm zu tun habe, gleichzeitig zum Teil einer großen, einer weltweiten Gemeinschaft von Menschen macht?
Wie lässt sich das in Worte fassen: Dass meine Beziehung zu Gott Wirkungen zeigt? Dass sie mich, als einzelne(n), und dass sie uns als Gemeinde teilhaben lässt an so viel Gutem, das Gott in die Welt bringt?
Der 85. Psalm gibt Antwort auf diese Fragen. Er ist ein Stück zeitloser Dichtung. Seine Antwort formuliert er nicht in nüchterner Alltagssprache, sondern im Flug der Poesie. Wir können in seine Worte einstimmen, uns ihnen überlassen, allein für uns – so wie man ein Gedicht liest – und als Gemeinde.
Ich möchte mich mit Ihnen in diesen Psalm vertiefen und einige Motive betrachten. Motive im wahrsten Sinne des Wortes: „Bewegungsbilder“. Denn dieser Psalm ist voller Bewegungen Gottes und der Menschen; harmonischen und koordinierten Bewegungen, wie in einem Ballett, auf einer gemeinsamen Wanderung oder dort, wo im Mannschaftssport das Zusammenspiel gelingt.
Doch zuerst hören wir ihm zu, in der Übersetzung von Martin Luther:

„HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;
der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und alle seine Sünde bedeckt hast;
der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:

hilf uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns!
Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
dass dein Volk sich über dich freuen kann?
HERR, erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!

Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet,
dass er Frieden zusagte seinem Volk
und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten.
Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
dass in unserm Lande Ehre wohne;

dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
dass uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;
dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge."

BalancierenMomente der Erfüllung: Gottes Hilfe ist nah. Gott ist anwesend. Vor unseren Augen geschieht etwas, wir wissen und spüren: Es ist Gott persönlich, der hier handelt. Die Bibel erzählt von vielen dieser Momente. Mose, der am Sinai seine kräftezehrenden Begegnungen hat mit dem fordernden Gott des Gesetzes. Oder Jakob, der am Jabbok kämpft mit einem dunklen, gewalttätigen Gott, der ihm dennoch wohl will.
Unser Psalm bleibt dabei: Es ist nichts Alltägliches, sondern etwas ganz Besonderes, wenn Gott sich zu sehen gibt. Hier zeigt er sich in Gestalt seiner besten Eigenschaften, seiner schönsten Wirkungen. Wir sehen, wie vier Tugenden anmutig zusammentreffen. In menschlicher Verkörperung treten sie vor unser Auge. Da hat man vier junge Leute vor Augen, ernsthaft, beseelt, schön anzusehen wie die Skulpturen in einem gotischen Dom. Das erste Paar – Güte (oder vielleicht eher: Huld, Freundlichkeit) und Treue (oder: Echtheit, Wahrhaftigkeit): Die beiden begegnen sich, sie tauschen sich aus, nehmen aneinander Anteil. „Die Güt und Treue werden schön / einander grüßen müssen“ – so heißt es in einer Vertonung des Psalms von Paul Gerhardt (EG 283, Str.6).
Zwei weitere Personen treten hinzu, ein noch intensiverer Austausch beginnt. Sieh da: Sie küssen sich! Gerechtigkeit und Friede, denn die eine kann ja ohne den anderen nicht sein. Hier findet zusammen, was zusammengehört. Gott bringt alles an seinen richtigen Platz. Seine Gegenwart wird erfahrbar als Harmonie, als Balance, wenn soziale und politische Verhältnisse ins Lot gebracht sind.
Auf dieses Zusammentreffen von allen Seiten her folgt ein weiteres, ein Stelldichein in der Mitte, zwischen oben und unten. Dort, gleichsam frei schwebend, über dem Boden schwingend, nehmen zwei der Tugenden eine neue Position ein: von oben die Gerechtigkeit, die vom Himmel herabscheint wie die Morgenröte; von unten, aufgehend wie eine von der wärmenden Sonne beschienene Pflanze, die Treue.
Was unser Psalm auf kunstvolle Weise miteinander in Beziehung gesetzt hat, das ist die Essenz von Gottes Wirken in der Welt. Das hat seit den Tagen der Psalmendichtung unsere jüdische und christliche Kultur so tief eingefärbt und geprägt, dass wir wohl sogar sagen können: Güte und Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Friede, diese Vierfalt ist der Wertehimmel unserer globalen Zivilisation. So viel Furchtbares muten die Menschheit einander zu, doch diese Werte bleiben eine große Hoffnung, ein Fixstern am Horizont.

Sich WendenPsalm 84, der Vorgänger unseres Psalms, stellt uns Menschen vor, die ihren Lebensweg in Vollkommenheit gehen. Auf diesem Weg wächst ihnen ungeahnte Energie zu. „Wir wandern in der Pilgerschaft / und gehen fort von Kraft zu Kraft“ heißt es in der Vertonung von Psalm 84 in unserem Gesangbuch (EG 282, Str.4).
Wer Gott entgegenwandert, der hat ein sicheres Ziel. Doch dies Ziel hat keinen festen Ort, so dass wir es irgendwo auf der Landkarte ausfindig machen könnten wie zum Beispiel einen Berggipfel. Gott ruht nicht unbeweglich in sich selbst, er ist ebenso mobil wie wir Menschen. Er kommt uns entgegen, ein Gott, der nicht ohne sein Volk sein möchte; ein zugewandter, ein teil–nehmender Gott. Unser Psalm 85 malt aus, dass vor ihm her die Gerechtigkeit geht; wie einen Herold können wir sie uns vorstellen, der der Königin eine Fackel voranträgt. Und die Gerechtigkeit ist, wie wir wissen, eng umschlungen, untergehakt mit dem Frieden, ein beschwingtes Paar, das im Doppelschritt ankündigt: Gott selbst ist im Kommen.
Der Psalmbeter bemüht sich darum, „zu hören, was Gott redet“. Er weiß: Jetzt dauert es nicht mehr lang; bald ist es soweit, und Gott grüßt uns, seine Gemeinde, mit dem Friedensgruß – „dass er Frieden zusage seinem Volk“. Dann wissen wir: Wir sind am richtigen Ort. Was zu Anfang des Psalms in banger Spannung erbeten worden ist, wird nun allmählich Wirklichkeit: Alles wendet sich.
Die Wende, die Wendung zum Guten, das ist das wichtigste Wort im hebräischen Text des Psalms.
Neben diesen Ausdruck der Bewegung treten noch andere, es entsteht das Bild einer großen Dynamik: Gott hat schon vormals das Geschick des Hauses Jakob gewendet. Sich selbst hatte er damals abgewandt von der Glut seines Zorns, seinen Grimm eingesammelt so wie eine Ausrüstung, die man nicht mehr benötigt. Schuld und Sünde waren abgetragen, zugedeckt.
Jetzt bitten wir, er möge uns wiederherstellen. Sein Volk soll doch nicht zu falscher Zuversicht zurückkehren. (An all diesen Stellen steht im Hebräischen dasselbe Wort „wenden“, Sie sehen, wie schwer eine Übersetzung der Psalmen ist, das können wir im Deutschen nicht nachmachen).
Gott ist es, der wendet. Er wendet unser Böses ab und sich selbst uns zu, trotz all unserer abstoßenden Fehler und Unzulänglichkeiten. Wir dagegen tun gut daran, Gott auf dem geraden Weg entgegenzulaufen, den er uns weist. Dann werden wir uns im Zeichen des Friedens, unter dem Regenbogen, begegnen.

Sich locker machenDer Ort, an dem Gott mit uns Menschen zusammentrifft – dort ist das Heil, dort macht Gott das Wahre, Schöne, Gute für uns erlebbar. Und wir? Haben wir die Kraft – die Konzentration, die Offenheit – uns darauf einzulassen, was Gott uns anbietet?
Wie oft traue ich mich nicht, die Flügel auszuspannen, um meinen Hoffnungen, meinen Sehnsüchten im Flug der Poesie zu folgen? Wie oft sehen wir mit dem Alltagsblick in die Welt und erhalten dann eine Fehlanzeige bei all dem, was uns verheißen ist für eine gute Zukunft. Das macht mich mutlos und verkrampft: Ich sehe Geschäftsmäßigkeit und Berechnung, Vorteilsnahme und Streitsucht in den Beziehungen der Menschen. Deine Gnade und deine Treue, unser lebendiger Gott, deine Gerechtigkeit und dein Frieden – wo sind sie?
Erinnere mich doch an die frohe Botschaft, dass ich erlöst bin! – Erinnere mich, dass ich mich locker machen kann. Es ist ja schon alles gut. Ich bin ja schon fähig – ich als allererster! – diese Lockerheit zu leben. Es ist doch gar nicht so schwer, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, wenn ich weiß: Gottes Gnade trägt mich. Es ist sogar möglich, Frieden zu stiften und nach echter Gerechtigkeit in dieser Welt zu suchen, wenn ich mich daran erinnere: Das sind keine Unbekannten, sie sind irgendwo hier. Ich habe sie beobachtet, ganz aus der Nähe, wie sie sich küssten!
Der Dichter unseres Psalms ist sicher: Eine grundlegende Erneuerung steht an, eine Wiederherstellung. Sie lässt all das, was gut war, noch schöner und klarer werden. Machen wir uns locker. Lassen wir diese Verwandlung mit uns geschehen. Gottes hat uns doch schon lange zugesichert, dass alles vergeben ist, was schiefgegangen war. Ein für allemal hat er das geklärt, als er auf dem Weg zu uns Menschen war im Menschen Jesus.
Wir selbst sind es, die dafür sorgen werden, dass das dürre, gottferne Land fruchtbar wird. Treue, Wahrhaftigkeit wird aus dem Boden sprießen wie das Gras in der Frühlingszeit. Alles wird Frucht tragen, das heißt: Unser Leben wird Sinn ergeben, wir werden in Gottes Namen zu Menschen, die selber Schlechtes zum Guten wenden. Unverkrampft, ganz locker können wir uns mit dem Gedanken vertraut machen: Wir werden für Gott eine echte Hilfe sein.

Und das Ganze noch einmalVor unseren Augen: ein Kaleidoskop aus bunten Bildern, schwungvollen Bewegungen. Zauber der Dichtung. – Und in Wahrheit? Wir brauchen doch eine Wahrheit, die auch dann trägt, wenn der harte, unharmonische Klang unseres Alltagslebens wieder laut wird. Wie bewahre ich mir den Schwung im Glauben? Das Gefühl, Eins zu sein? Die intensive Begegnung mit Gott in den Routinen des Alltags, in all den Zwängen und Zumutungen, in denen ich lebe?
Auch darauf hat Psalm 85 eine Antwort. Zorn und Ungnade, das ist ja gerade auch die Erfahrung der Person, die diesen Psalm betet. Sie steht zwischen den Zeiten; zwischen den Zeiten, in denen die Harmonie erfahrbar ist. – Wir können uns das räumlich vorstellen: In der Rückschau sehe ich, wie Gott anwesend war bei seinem Volk. Damals sind die Sünden verschwunden. Vormals, früher, in der guten Zeit, an die ich mich erinnere. Und jetzt wende ich mich um. Ein Blick in die Gegenrichtung: Weit voraus, am Horizont, da gibt es eine neue Aussicht. Da wartet ein beschwingtes Rencontre (Wiedersehen) mit dem lebendigen Gott, aufs Neue. Ich weiß genau, dass er auf dem Weg ist. Ich spüre, wie er näherkommt. Das ist der Grund für meine Hoffnung.
„Willst du uns denn nicht wieder erquicken?“ Das Psalmgebet hält die Schwebe zwischen dem, was jetzt schon ist, und dem, was noch nicht ist, doch in meiner sehnsuchtsvollen Erwartung bereits existiert.
Der Psalm lehrt die Schönheit des Wiederholens: Eine Wiederholung bringt ja nichts Neues, nichts, das nicht schon dagewesen ist. Ihr Zauber besteht darin, dass sie das, was vertraut und scheinbar schon bekannt ist, aufs Neue dem Erleben aussetzt. „Da capo“, das rufen wir, wenn uns die Musik, die wir eben gehört haben und die jetzt geendet hat, noch ganz erfüllt. „Da capo“, das ist der Grundton meines Gebets. Denn Gott hat das Gute für mich ja schon getan, ein für allemal. Ich aber kann nicht genug davon haben, dies Gute in unserem Leben zu erfahren, es bei mir heimisch werden zu lassen, es mit meinen eigenen Händen weiterzugeben.
„Willst du uns denn nicht wieder erquicken?“ Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich erquicken lassen von diesem Psalm und anderen Psalmen, vom Flug der Poesie und vom Ernst des Gebets, die in ihnen stecken – allein beim aufmerksamen Lesen und im gemeinsamen Gottesdienst. In niedergeschlagener wie in beschwingter Stimmung. Und immer wieder aufs Neue zum Segen.
Amen.

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