1. Advent (28. November 2021)

Autorin / Autor: Prälatin Gabriele Wulz, Ulm [praelatur.ulm@elk-wue.de]

Jeremia 23, 5-8

IntentionMit dem Beginn des neuen Kirchenjahrs am 1. Advent bereiten wir uns auf das Christfest vor und fragen: Was dürfen wir hoffen? Die Verheißung des gerechten Königs im Buch Jeremia führt uns zu Gott und seinem Geheimnis der Erlösung.

Am 1. Advent, liebe Gemeinde, gehen wir wie durch ein offenes Tor.
Das neue Kirchenjahr liegt vor uns.
Das große Fest ist zum Greifen nah. Unsere Sehnsucht nach gutem Leben bekommt ein Gesicht und einen Namen.
Und wir?
Wir bereiten uns vor. Machen uns wach, erwartungsfroh, neugierig und gespannt.
Schütteln ab, was uns im Laufe eines Jahres an Schwerem und Schwermütigem zugewachsen ist und hören von neuem auf die große Geschichte von der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes.

Wir tun das nicht allein. Gott sei Dank sind wir in unserem Glauben und in unserer Hoffnung verbunden mit Christenmenschen, mit Kirchen und Gemeinden auf der ganzen Welt.
Denn die Erde gehört dem Herrn, und Leben ist nur gemeinsam möglich. Gerechtigkeit ist nicht teilbar.
Davon erzählt die Bibel: im Alten und im Neuen Testament.
Ich lese den Predigttext für den 1. Advent. Aus Jeremia 23 die Verse 5 bis 8:
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird der Name sein, mit dem man ihn nennen wird: Der Herr unsere Gerechtigkeit.“

Es kommt die Zeit …
Es kommen die Tage, an denen diese außer Rand und Band geratene Welt zur Ruhe kommt. Denn durch Gericht, durch Katastrophe und Zerstörung hindurch kommt das große Licht. Kommt der Trost. Kommt die Rettung.

Der Prophet Jeremia ist überzeugt: Es kommen die Tage, da wird heil, was zerbrochen ist.
Da werden die Zerstreuten wieder eingesammelt, und Israel wird wiederhergestellt. Da wird Gerechtigkeit wieder im Schwange stehen.
Es kommen die Tage, da wird ein König regieren, der Spross Davids, der sich von allen bisher bekannten Regenten unterscheidet. Sein Name ist Programm: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit, so wird man ihn rufen.

Liebe Gemeinde,
die jüdische Reformbewegung hat schon vor vielen Jahrzehnten die Hoffnung auf einen Messias, der als Person kommt, abgelegt.
Im 19. Jahrhundert – auch im Zuge der Aufklärung – war diese Tradition, die Idee eines personalen Messias vielen peinlich geworden.
Ihre Erwartung richtete sich stattdessen auf den Fortschritt zum Guten, richtete sich auf die Entwicklung der Menschheit, die, endlich einsichtig und verständig geworden, das Gute suchen wird und den Frieden und die Gerechtigkeit. Messianische Zeiten also statt eines Messias.

So verlockend dieser Gedanke auch sein mag…
Ich gebe zu, dass ich so hoch von uns Menschen nicht denken und nicht glauben kann. Dass die Menschheit sich in dieser Weise – wie von selbst – zum Guten entwickeln wird, fällt mir – je länger ich lebe – immer schwerer.
Und trotzdem kann ich die Skepsis gegenüber der biblischen Rede vom Messias doch auch nachvollziehen.

Wie viel Unheil ist durch selbsternannte Heilsbringer über die Menschheit gekommen. Wie viel Not und Verzweiflung. Wie viel Krieg und Leid.
Ich kann`s verstehen, dass man die religiöse Hoffnung auf die eine, die große Rettergestalt nicht weiter befeuern will.
Zu zwiespältig sind die Erfahrungen, die wir im Laufe unserer Menschheitsgeschichte mit eben solchen selbsternannten Rettern und Erlösern gemacht haben.
Und nicht nur deshalb macht mir die Sehnsucht nach starken Männern und nach einfachen Lösungen für unübersichtliche und komplexe Probleme zurzeit eher Angst als Hoffnung.

Aber trifft diese Sorge, trifft diese Skepsis auch das, was der Prophet Jeremia im Auftrag des Gottes Israel sagen lässt?
Im Grunde nicht.
Denn mit der Ankündigung des gerechten Königs macht sich Jeremia nicht zum Handlanger irgendwelcher Populisten.
Und er befriedigt auch nicht die autoritären Bedürfnisse seiner Zeitgenossen. Er stellt vielmehr einen Maßstab auf. Gibt Kriterien an die Hand, mit der wir Herrschaft beurteilen können.

Deshalb redet Jeremia auch gegen die falschen Hirten, gegen die Verführer und gegen alle, die sagen: Es ist Friede! Und es ist doch kein Friede!
Gegen die Propaganda der Menschen beharrt Jeremia darauf, dass sich mit dem erwarteten und kommenden Spross Davids etwas ändern wird. Grundlegend, grundstürzend ändern wird. Ja, auch ändern muss, wenn er denn der von Gott verheißene Heiland ist.
Und das hängt am Namen dieses künftigen Herrschers.
„Der Herr ist unsere Gerechtigkeit“ – so wird man ihn rufen.
Ich verstehe das so: Dieser Herrscher ist nicht in eigener Sache unterwegs. Er ist genau das Gegenteil von all denen, die auf die Frage nach der Weltmacht mit drei Buchstaben mit „ICH“ antworten.

Der verheißene Spross aus Davids Stamm will nicht für sich selbst etwas sein, sondern will mit allem, was er ist und tut auf Gott verweisen und auf Gottes Gerechtigkeit. Und die ist nichts anderes als Gemeinschaftsgerechtigkeit: also eine Gerechtigkeit, die Gemeinschaft herstellt, Gemeinschaft baut, in dem sie die einzelnen aufrichtet.

So unterscheidet sich der kommende Heiland von allen Herrschern, die wir kennen. Er bringt Freiheit. Er bringt Erlösung von den Ketten, mit denen wir uns selbst fesseln und ums Leben bringen.

Es kommt die Zeit – sagt der Prophet. Es kommen die Tage, da werden wir das sehen und staunen und lachen.
Es kommt die Zeit, da wird uns die herzliche Barmherzigkeit besuchen und uns freimachen.
Wenn das aufgehende Licht aus der Höhe erscheint, dann werden wir es dem greisen Zacharias gleichtun. Dann werden wir aus Sprach- und Wortlosigkeit herausfinden und singen: Nun komm, du Heiland der Völker.

Jetzt sitzen wir noch in Finsternis und im Schatten des Todes – das ist wohl wahr, aber wir ahnen schon das Licht und wissen vor allem, dass Gerechtigkeit mehr ist als ein Traum und dass Hoffnung nicht zuschanden macht. Und dass die Liebe stärker ist als der Tod.

Liebe Gemeinde,
wir sagen heute den 1. Advent an. Damit machen wir eine Zeitansage. Nach außen und nach innen.
Nach außen, indem wir die erste Kerze am Adventskranz anzünden und eine heilige Zeit ansagen.
Nach innen, indem wir uns fragen, wie es denn mit unserer Hoffnung aussieht. Wie es um unseren Glauben bestellt ist.
Wir machen uns klar: Die Geschichte „läuft“ nicht einfach ab – wie ein Uhrwerk. Und es wird nicht immer alles besser.
Wir drehen uns ja oft genug im Kreis und kommen nicht von der Stelle.
Die Tage kommen. Ja. Aber sie gehen und vergehen, und es ist kein Fortschritt geschehen. Nicht mehr Licht in die Welt gekommen, nicht mehr Glück. Nicht mehr Heil. Nicht mehr Frieden.
Und selbst wenn man mal gemeint hat, schon einmal ganz nah dran gewesen zu sein und Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden am eigenen Leib gespürt hat, so wissen wir doch auch, dass auch dieses Gefühl wieder vergeht, wieder verschwindet …
So wie das Licht, das aufleuchtet und scheint – und wieder versinkt.

Wie also Advent feiern?
Wie dem guten Leben, wie der Gerechtigkeit Hoffnung und Nahrung geben?
Wie wach und neugierig und gespannt und erwartungsvoll werden und auch bleiben?

Liebe Gemeinde,
ich erlebe gerade in meinen Begegnungen mit Kirchen und Gemeinden in der Diaspora, die es – rein äußerlich gesehen – nicht leicht haben, dass eben diese Kirchen und Gemeinden über eine Kraft, über eine Energie verfügen, die mich oft genug beschämt. Vor kurzem erzählte mir eine Mutter eines ehemaligen GAW-Freiwilligen: Ihr Sohn habe in diesem Jahr in Argentinien zum ersten Mal das Gefühl gehabt: Ich bin stolz, Christ zu sein und zu den Christen zu gehören.
Denn Christen hoffen. Und setzen sich ein für Gerechtigkeit und für das gute Leben aller Menschen.
Sie vertrauen darauf: Gott hat uns nicht vergessen. Er schickt uns eine Erlösung. Einen Menschen. Seinen Sohn, der nichts für sich selbst sein will, sondern sein Leben für uns und für unsere Gerechtigkeit dahingibt.
Diese Geschichte, liebe Gemeinde, ist geschehen und ist vergangen. Und ist doch jeden Morgen neu. Sie hat eine Kraft, die alle Zeiten überstrahlt und allen Zeiten – auch unseren – Licht schenkt.
So dass wir dranbleiben. Weiter nach der Gerechtigkeit und dem guten Leben fragen.
Und vor allem darüber nachdenken, wie wir mit den Gaben, die Gott uns anvertraut hat, unser Leben leben: Fremde aufnehmen. Hungrige speisen. Gefangene besuchen. Für Kranke beten. Untereinander Gemeinschaft halten. Und die, die im Todesschatten sitzen, trösten.

Das Licht, liebe Gemeinde, ist in diese Welt gekommen und hat einen hellen Schein in unser Herz gelegt.
Dieser Schein macht uns – in diesen dunklen Zeiten – schon jetzt zu Kindern des Lichts und des Friedens. So feiern wir Advent und gehen dem entgegen, der kommt. In unsere Zeit.
Amen.

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