2. Advent (05. Dezember 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Friedemann Bresch, Rottenburg [bresch72072@aol.com]

Jesaja 63,15 - 64,3

IntentionDie große Volksklage wird verstanden als Reaktion auf die Katastrophe der Zerstörung Jerusalems 587 v.Chr. Dabei wurden falsche Sicherheiten zerschlagen, die Menschen standen ohne die Vermittlung von Kult und Institution vor Gott.
Gottes Kommen an Weihnachten ist eine Antwort auf diese Klage. Und dennoch sehen wir bis heute wenig von dem, was uns unser Glaube als Reich Gottes vor Augen stellt.

Jes 63,15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. 16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. 17 Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! 18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. 19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, 64,1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! 3 Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Liebe Gemeinde,
eine eindrucksvolle, berührende Klage wird da ausgesprochen. Um zu verstehen, worum es geht, machen wir eine kleine Rückblende:

Falsche Sicherheit im Kult„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“ So hatten die Pilger damals gesungen, gerufen. Mit leuchtenden Augen waren sie vor den hohen Toren des Tempels gestanden, sie und viele tausend andere auf dem Weg zum großen Festgottesdienst. Gab es etwas Prächtigeres als den Tempel und seine schönen Gottesdienste? Hier hatten sie Gottes Gegenwart gespürt. Das hatte ihnen Freude bereitet und ihrem Leben Sinn und Sicherheit gegeben. Was konnte ihnen, was konnte Jerusalem geschehen? Schließlich war der Tempel Gottes da. Den würde Gott notfalls gegen alle Feinde verteidigen mit mächtiger Hand. So, wie er es damals getan hatte, als die Ägypter samt Pferden und Streitwagen in den Fluten des Schilfmeers untergegangen waren. Er hatte doch versprochen, ihr Gott und Erlöser zu sein. Sie waren doch sein Volk, das er nicht preisgeben würde.
Über dieser Sicherheit geriet damals immer mehr in Vergessenheit, für was dieser Gott stand: Für Solidarität und gegenseitige Hilfe. Für eine Freiheit, die gerade den Armen gilt. Für Unterstützung von Bedürftigen, auch und gerade von Ausländern. Immer mehr war Gott zu einer Chiffre geworden, die das Volk in Sicherheit wiegte und ihnen sagte: Ihr seid die Richtigen. Ihr seid auf dem richtigen Weg. Dass darüber Menschenrechte abgeschafft wurden, dass immer mehr unter der Armutsgrenze lebten, dass sich die Schere zwischen Reichen und Armen immer weiter öffnete, dass Unschuldige im Gefängnis verschwanden und Ausländer unterdrückt und diskriminiert wurden, das nahmen sie gar nicht richtig wahr. Hauptsache, sie waren Gottes auserwähltes Volk.

Klage als Reaktion auf die KatastropheBis, ja bis die Katastrophe eintraf. Was bis dahin undenkbar war, geschah: Jerusalem fiel dem babylonischen Heer zum Opfer, der Tempel wurde bis auf die Grundmauern zerstört, seine Schätze im Triumphzug in die feindliche Hauptstadt gebracht. Von den tausenden Toten und Gefangenen, dem Schreien der Männer und dem Weinen der Frauen ganz zu schweigen.
Und nun? Alle Sicherheit war weggeblasen, die Überzeugungen in sich zusammengestürzt. Als ob man ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen hätte.

Das geht bis heute Menschen so. Der Partner liegt nach einer Gehirnblutung im Koma. Das Kind hat sich umgebracht. Die geliebte Schwester ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Gestern hat man eine Diagnose bekommen, die einem nur noch wenige Wochen Leben prognostiziert. Was nun? Alles, was bisher dem Leben Sicherheit gegeben hat, ist pulverisiert. Nackt und bloß steht man vor Gott.

Da bleibt nur, ihm seine Fragen, seine Enttäuschung und seine Sehnsucht in die Ohren zu schreien. Eben das geschieht hier. Mit einer Wucht, die wir auch nach 2600 Jahren noch spüren. „Gott, wie kannst du dich in deine herrlichen himmlischen Wohnungen zurückziehen und tun, als seien wir dir egal? Du bist doch ein Gott, der sieht. Dann sieh, was hier los ist! Kannst du da wirklich ruhig bleiben bei diesem Elend? Es muss dir doch das Herz zerreißen. Es muss dich doch dazu drängen, was zu tun. Hast du nicht versprochen, unser Gott zu sein? Tragen wir nicht deinen Namen? Und wie stehen wir da vor der Welt, wir, deine Kinder? Zum Gespött sind wir geworden. Und du mit uns. Kannst du das wollen? Warum lässt du das alles zu? Du hättest doch verhindern können, dass wir so schlimme Fehler gemacht haben. Warum hast du es nicht getan? Warum hast du einfach zugesehen, wie wir ins Verderben gerannt sind?
Also mach was! Kehr um! Zerreiß den Himmel! Komm runter! Zeig, wer du bist! Und zwar so gewaltig, dass niemand mehr an dir zweifelt. Am wenigsten wir selbst. Die Berge sollen beben und Feuer speien, alle sollen Angst vor dir bekommen. Dann werden wir alle auf dich hören und eine neue Zeit kann beginnen.“

Meine Erfahrung ist: Schon allein, dass man Gott seine Klagen und Anklagen, seine Fragen und seine Verzweiflung so offen sagt, ist befreiend. Endlich einmal kann ich aussprechen, was mir das Herz abdrückt. Die Bitterkeit geht nach außen, anstatt mich innerlich zu vergiften. Es ist wie bei Jakob, der mit Gott kämpft. Am Ende verlässt er den Kampfplatz als Gesegneter.

Gott hörtUnd Gott hört und lässt sich bewegen. Nicht immer sofort. Manchmal werden Hoffnung, Glaube und Geduld auf eine harte Probe gestellt. Es ist, als hätte sich Gott verborgen. Der Mystiker Johannes vom Kreuz spricht von der dunklen Nacht der Seele. Sie ist schwer auszuhalten. Aber sie geht vorbei.
Damals konnten rund 50 Jahre später Jerusalem und der Tempel neu aufgebaut werden. Alle Verheißungen einer neuen Welt schienen sich zu erfüllen. Aber was folgte, war nicht das erhoffte Paradies. Die Mühen, der Streit, die Ungerechtigkeit gingen weiter.
Weitere 500 Jahre später wurde Jesus geboren. In ihm sehen wir Christen Gott den Himmel zerreißen und herabkommen. Aber er kommt ganz anders als erwartet. Da zittern nicht die Feinde und da zerfließen nicht die Berge. Da wird vielmehr ein Kind geboren und liegt in einer Krippe. Anstelle eines furchterregenden Zeichens wird den Hirten gesagt: „Das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Ein Zeichen, das zu Herzen geht und uns fragt: Versteht ihr immer noch nicht, was es mit Gottes Liebe auf sich hat? Sie will nicht zerstören und niemanden bekämpfen. Sie gilt doch allen und will alle retten.

Zwischen Klage und HoffnungAuch Jesus kannte die dunkle Nacht, diesen Kampf um das Bleiben an Gott, auch wenn er uns scheinbar verlassen hat. Und in den Tagen nach seinem Tod herrschte wirklich die Finsternis. Aber mit der Auferstehung bricht ein neuer Tag an und Gottes Treue erstrahlt in hellem Licht.
Die ersten Christinnen und Christen glaubten, dass nun bald das Reich Gottes anbrechen würde. Auch da gibt es Bilder vom überwältigenden Eingreifen Gottes mit Blitz und Erdbeben und der Schlacht von Armageddon. Der christliche Glaube schwankt zwischen der Sehnsucht nach einem gewaltigen Umsturz und Neuanfang einerseits und dem Blick auf das Kind in der Krippe und den Gekreuzigten von Golgatha andererseits. Bis heute ist das so.
Und bis heute sind wir Christen ausgespannt zwischen der Erfahrung der Nähe Gottes und dem Gefühl, es kümmere ihn nicht, was hier mit mir, mit uns, mit der Welt geschieht. Immer wieder leuchtet das Reich Gottes ein wenig hervor. Aber genauso schnell wird es wieder zugedeckt.
Wenn ich auf die Welt schaue mit dem Klimawandel, der Ungerechtigkeit, den Kriegen und Geflüchteten, dann spricht mir die alte Klage aus dem Jesajabuch direkt aus dem Herzen.
In dieser Spannung zwischen Klage und Hoffnung lebe ich ebenso wie die Generationen vor uns. Was also bleibt? Glaube, Hoffnung, Liebe sagt Paulus. An Gott festhalten im Dank, in der Klage und Bitte, im Zweifel und in der festen Zuversicht, dass sein Reich kommt. Und dann die Werke der Liebe tun als wäre sein Reich schon mitten unter uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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