Neujahrstag (01. Januar 2022)

Autorin / Autor: Rundfunkpfarrerin i. R. Dr. Lucie Panzer, Stuttgart [lucie.panzer@web.de]

Sprüche 16, (1-8)9

IntentionEine Predigt zu Neujahr sollte die Zukunft nicht als ungewisse Bedrohung, sondern als Verheißung Gottes und das Gelingen als sein Geschenk sehen. So kann sie entlasten von dem Druck, alles allein schaffen zu müssen.
Da der Gottesdienst am Neujahrstag mitten in einer langen Reihe von Feiertagen und direkt nach der Silvesterfeier liegt, sollte sich die Predigt und der ganze Gottesdienst kurzfassen, wie es in der Pandemiesituation ja vermutlich sowieso vorgegeben sein wird. Diese Predigt bedenkt deshalb ausdrücklich nur Sprüche 16,9.

Liebe Gemeinde,
ich will sie heute nicht nach Ihren Vorsätzen für das Neue Jahr fragen. Die gehen mich ja nichts an. Obwohl Vorsätze gut zu dem kurzen Vers passen würden, der für den Neujahrstag als Predigttext vorgesehen ist. „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg“ – so fängt er an. Aber man braucht ja kein besonderes Datum, um Pläne zu machen und Vorsätze zu fassen. Jede und jeder versucht doch, das Beste aus sich und seinem Leben zu machen. Jeder und jede fragt sich: Was ist denn der richtige Weg. Was sollte ich tun? Ratgeber und Berater bieten ihre Dienste an. Die Ratgeberliteratur in den Buchhandlungen macht uns weis: Wir könnten letztlich alles, wenn wir es nur ernsthaft wollen und dabei ein paar Ratschläge befolgen. Also los, auf ins neue Jahr… Wenn es schief geht, ist im Grunde jeder und jede selbst schuld. So wächst der Druck, nun alles richtig zu entscheiden und richtig zu machen.

HindernisseAber dann kommen Hindernisse. Leider hat man selbst nicht alles und vor allem nicht alles allein in der Hand. Das allermeiste muss man mit anderen Menschen absprechen, vieles gemeinsam entscheiden und tun. Und da geraten verschiedene Interessen miteinander in Konflikt. Wer hätte gedacht, dass wir auch in diesem Jahr zu Weihnachten und Neujahr nur unter Coronabedingungen miteinander feiern können? Im Sommer sah das ganz anders aus. Da haben viele schon wieder den Winterurlaub geplant und davon geträumt, endlich wieder mit der ganzen Familie und an Silvester ganz groß feiern zu können. Und nun sind die einen schon geboostert, aber viele immer noch nicht geimpft. Pflegekräfte sind abhanden gekommen, weil sie sich nicht genügend wertgeschätzt fühlen und den Stress nicht mehr ertragen wollen, und die neue Variante Omikron macht uns Sorgen. Man kann viel und schön planen – und dann kommt alles ganz anders. Wie oft mussten wir das lernen im vergangenen Jahr. Und das gilt ja nicht nur für die Entwicklungen in der Pandemie.
Wenn aus den Plänen und Vorsätzen nichts wird, warum auch immer, dann ist man enttäuscht, oft auch wütend. Und manchmal schämt man sich auch, weil es wieder nichts geworden ist mit dem Abnehmen, mit dem Rauchen aufhören oder mit dem weniger Trinken. Deshalb erzählen viele gar nicht erst von ihren Vorsätzen, weil sie dann auch nicht zugeben müssen, wenn es nicht geklappt hat. Wer öfter erlebt hat, wie Vorsätze geplatzt sind, wird mutlos. Oder sogar bitter: „Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht. Und mach dann noch’n zweiten Plan. Geh’n tun sie beide nicht.“ Hat schon Bertolt Brecht gedichtet.

Was macht MutDa macht am 1. Tag des Jahres der Vers aus den Weisheitssprüchen der Bibel Mut. Obwohl es auf den ersten Blick nicht so klingt: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr lenkt seinen Schritt.“
Hat es also gar keinen Sinn zu planen und Vorsätze zu fassen? Auch hier klingt das erst einmal nach Verbitterung, mindestens aber nach Resignation. „In scha’ Allah“ sagen auch die Muslime und meinen das gleiche: „Wenn Gott will!“ Und ehrlich gesagt, manchmal ist das auch gut so, manchmal wünsche ich mir das ja sogar, dass Gott eingreift. Ich frage mich: Warum greift Gott nicht ein und hilft denen, die unter die Räder kommen, verhungern, ertrinken oder Gewalt leiden?
Aber wenn es doch um meine eigenen Pläne geht? Meine guten Vorsätze? Meine Karriereplanung, meine Urlaubspläne, meine Hoffnungen und Pläne für die Zukunft der Kinder? Wenn daraus dann nichts wird – ist das dann auch Gottes Eingreifen und warum?

Gottes Lenken entlastet vom Druck, alles richtig machen zu müssen„Der Mensch denkt und Gott lenkt.“ Diese volkstümliche Fassung des Bibelworts hat mich dazu gebracht, genauer hinzuschauen. In der Hebräischen Bibel steht da nämlich gar nicht „aber“ Gott lenkt. „Aber“ das klingt nach Widerspruch und Gegensatz. In der Hebräischen Bibel ist da nur ein ganz schmales Zeichen zwischen den beiden Satzteilen. Ein schmaler Strich, der die beiden Satzteile voneinander trennt, gesprochen kaum zu hören. Und er kann “aber“ bedeuten – viel öfter aber einfach „und“. „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg – und Gott lenkt seinen Schritt.“ Gott zeigt den richtigen Weg, der zum Ziel führt. Es ist gut, auf seinen Wegen zu gehen. Dann geht vielleicht nicht alles im „Hauruck-Verfahren“, wie ich das manchmal gern hätte. Dafür können die anderen sich die Sache überlegen und vielleicht mitkommen und mitmachen. Nicht alles gleich und alles auf einmal, wie mir das oft am liebsten wäre. Dafür bleibt mir Zeit, mich zu besinnen und zu prüfen: Bin ich noch auf dem richtigen Weg?
Ich glaube, so ist das bei vielem. In der Erziehung braucht man nicht nur Konzepte und Konsequenz, wie sie in den Büchern stehen. Es braucht vor allem Liebe und Maß, Geduld und Verzeihen. Eltern haben nicht versagt, wenn die Kinder nicht so werden, wie sie es gern hätten – aber die von den anderen anscheinend schon. Ich habe nicht alles in der Hand. Wenn ich Gott meine Schritte lenken lasse und behutsam einen nach dem anderen gehe – dann wird etwas Gutes daraus werden. Dann komme ich am Ende vielleicht nicht an mein Ziel – aber Gott an seines. Längst nicht alles ist machbar, und Schicksalsschläge und persönliches Unvermögen gehören zum Leben dazu. Gott aber hilft tragen und aushalten, was ich mir nicht gewünscht und nicht ausgesucht habe. Er hilft aushalten, wenn es nicht nach meinen Plänen und Vorsätzen geht.

Umkehren ist kein VersagenUnd er lenkt meinen Schritt zur Umkehr. Es ist keine Schande zu sagen: Das war der falsche Weg, jetzt versuche ich es anders. Gott ist bei denen, die nicht stur auf dem einmal eingeschlagenen Weg beharren, sondern umkehren.
Ich glaube, solches Umdenken und Umkehren sollten wir auch denen zugestehen, die versuchen, uns durch die Pandemie zu führen. Die Politiker müssen mit Hindernissen kämpfen, auch mit Unvermögen, das wohl, auch mit dem Starrsinn von uns Bürgern, die wir so schnell wie möglich alles wieder haben wollen wir früher. Auch die Politiker erdenken einen Weg durch die vielen Hindernisse und müssen mit Unvorhergesehenem kämpfen.– hoffen wir, dass Gott ihre Schritte lenkt.

Zum Schluss: Verstehen Sie mich nicht falsch. „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg – und Gott lenkt seinen Schritt.“ Das ist kein Plädoyer für Bequemlichkeit. Das heißt nicht, es hat keinen Sinn, Pläne zu machen und Vorsätze zu fassen. Aber es entlastet. Wir können auf Gott vertrauen, auch wenn alles anders kommt als geplant und erhofft. Auch wenn sich Hindernisse auftun oder die Kräfte nicht ausreichen. Niemand ist allein verantwortlich für das Gelingen seiner Pläne. Ich muss nicht allein einen Ausweg zu finden, wenn der Plan nicht aufgeht. Ich kann und muss nicht schon vorher für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Gott begleitet uns – Sie und mich – und wird uns beistehen. Er lenke unsere Schritte auf seinen Wegen – auch im neuen Jahr. Amen.

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