1. Sonntag nach Weihnachten (02. Januar 2022)

Autorin / Autor: Pfarrerin Lisbeth Sinner, Wildberg [Lisbeth.Sinner@elkw.de]

1. Johannes 5,11-13

IntentionNoch am Eingang zum neuen Jahr erklingt ein Festlied, ein Loblied auf das Leben. Was ist und was kennzeichnet Leben? Es ist Geschenk und Wunder aus der Hand dessen, der das Leben will. Gott sagt Ja zum Leben. Darum ein Hoch auf das Leben!

Gott sagt Ja zum Leben
Ein Hoch auf uns
und auf das Leben.
Auf den Moment,
der immer bleibt.

Ein Hoch auf uns
Auf jetzt und ewig.
Auf einen Tag
Unendlichkeit.

Liebe Gemeinde, dieser Ohrwurm von Andreas Bourani ist aus keiner Partynacht wegzudenken: „Ein Hoch auf das Leben“ mitten in der lebenszerstörenden Kraft der Pandemie. „Auf einen Tag Unendlichkeit“ mitten im Überlebenskampf ungezählter Menschen.

Der Predigttext aus dem 1. Johannesbrief ist ein Lied auf das Leben. Ein Hoch auf das Leben „und den Moment, der immer bleibt“:
„Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.
Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“

Liebe Gemeinde, „das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat.“ Das Zeugnis, das hier ausgestellt wird, ist ein Zeugnis Gottes, es ist sein Bekenntnis zum Leben. Jetzt und ewig, heute und für immer: Gott sagt Ja zum Leben. Leben, das er geschaffen hat. Leben, das er gewollt hat. Leben, das er, der Ewige und Lebendige, niemals aufgeben wird.
Gott sagt Ja zu einem ungeborenen Kind. Ja zum Leben eines behinderten Menschen. Er sagt Ja zum Leben, das so verletzlich ist, so gefährdet. Er sagt Ja zum Leben eines Menschen, der sich selbst aufgegeben hat und sein Leben beendet. Er sagt Ja zum Leben eines Sterbenden auch über die Grenze des Todes hinaus.
Ein Hoch auf das Leben! Ein Hoch auf Gott, der dieses Leben will!

Leben ist mehrDoch Leben ist mehr als geboren zu werden und zu sterben. Leben ist mehr als der Kampf ums Überleben auf unseren Intensivstationen. Leben ist mehr als die bloße Existenz. Mehr als die Fähigkeit, die Gattung Mensch zu erhalten und sich fortzupflanzen. Leben ist aber auch mehr als das, was uns Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln nehmen können. Leben und Sterben lässt sich nicht in Inzidenzen, R-Werten oder den täglich veröffentlichten nackten Todeszahlen erfassen. Denn Leben ist niemals abstrakt. Leben hat Hunger und Durst. Leben kennt Sehnsucht und Liebe, Angst und Verletzung. Leben kennt den Tod. Und Leben heißt zu atmen, zu riechen und zu fühlen. Leben heißt zu genießen und zu ersehnen, zu lieben und zu enttäuschen. Leben mit Haut und Haaren kennt den Schmerz und die Sehnsucht, das tiefe Glück und die Freude, die uns jubeln lässt. „Ein Hoch auf das Leben und den Moment, der immer bleibt“.
Doch Leben entsteht nicht aus sich selbst heraus. Ich lebe, weil ich geschaffen wurde. Und so, wie der Ursprung meines Lebens nicht in mir selbst liegt, so liegt das Ziel meines Lebens auch nicht in mir. Ich lebe, weil ich auf meinen Schöpfer und seine Schöpfung hin geschaffen wurde. Leben weist immer über sich selbst hinaus und ist mehr als Atem und Herzschlag, mehr als geboren zu werden und zu sterben. Leben wird sich niemals selbst genügen.
Von Gott geschaffen, sind wir lebendig durch Gottes Atem, den er in uns gelegt hat. Gott ist der Schöpfer allen Lebens, und er selbst ist das Leben. Er ist, der da war, der da ist, und der da kommt. Der lebendige Gott will das Leben und teilt das Leben mit uns.

Liebe Gemeinde, das Unerhörte des christlichen Bekenntnisses ist nicht, dass es einen Gott gibt, sondern dass dieser Gott Ja sagt zum Leben in all seinen Facetten und Begrenzungen. Das Unglaubliche des christlichen Glaubens ist nicht, dass es eine Ewigkeit gibt, sondern dass der ewige Gott den Schritt in die Endlichkeit wagt. Der Sohn Gottes betritt diese Welt mit seinen Füßen. Gott teilt mit uns das Leben und das Sterben. Niemand kann mehr sagen: Gott weiß nicht, was Leben und Sterben bedeutet.
Gott sendet seinen Sohn aus der Ewigkeit in diese endliche Welt und mit ihm zieht an Weihnachten das Licht der Ewigkeit in die Dunkelheit, mit ihm stirbt Gott auf Golgatha, mit ihm siegt das Leben am Ostermorgen.

Alles Leben ist Begegnung„Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn.“ Gott bindet sein Ja zum Leben an seinen Sohn, der das Leben in sich trägt, der das Leben ist. Der von sich sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11,25).
Als Glaubende sehen wir im Stall von Bethlehem das ewige Leben aufleuchten. Hier tritt Gott in Beziehung zu dieser Welt. Hier ist das Leben zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken. Denn – so Martin Buber – „alles wirkliche Leben ist Begegnung!“ Leben weist damit nicht nur über sich selbst hinaus, sondern weist mich an andere. Ich bin auf Beziehung hin geschaffen und erlebe mich als lebendig in der Beziehung zu Menschen, zu Gott und zu seiner ganzen Schöpfung.
Gott wird Mensch, und sein Sohn lebt in dieser unmittelbaren und unauflöslichen Beziehung zu seinem Vater. Das Evangelium dieses Sonntags (Lk 2,41-52, Der zwölfjährige Jesus im Tempel) legt Zeugnis ab von dieser „intimen“ Beziehung zwischen Sohn und Vater. Wer diesem Sohn begegnet, begegnet seinem Vater. Und in diesem Sohn tritt der Vater in Beziehung zu seinen Geschöpfen.
Leben wird so im wahrsten Sinne des Wortes “be-greifbar”. Das Leben, Gott selbst, ist in seinem Sohn zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken. Gott ist nahe. Jesus Christus ist „das Zeugnis, dass Gott das ewige Leben gegeben hat.“
Und da ist die Ahnung und die Sehnsucht, die uns jedes Jahr neu durch die Weihnachtstage und den Jahreswechsel trägt: Es gibt sie, die Ewigkeit mitten in der Zeit, diesen einen Moment Unendlichkeit.

Ewiges Leben – jetzt und immerSicher, Unendlichkeit ist für uns endliche Menschen nicht zu fassen und der Ausdruck “ewiges Leben” ist ein Paradox in sich. Wir erfahren Leben immer als begrenzt und gefährdet. Leben ohne den Tod zu denken, liegt außerhalb unseres Erfahrungshorizontes. Abgesehen davon weckt die Vorstellung eines Lebens ohne Ende für mich das Gefühl einer unsagbaren Langeweile. Doch ewiges Leben ist weit mehr als eine Form der unendlichen Existenz. Mehr als ein immer längeres Leben, bevor wir endlich sterben dürfen. Mehr als das Versprechen eines ewigen Gedenkens in Traueranzeigen oder einer scheinbar zeitlosen Erinnerung in der virtuellen Präsenz des world wide web.
Ewiges Leben ist weder endloses Leben im Diesseits noch ein Leben, das erst im Jenseits beginnt. In der Beziehung zu dem, der das Leben ist, gibt es ewiges Leben diesseits und jenseits des Todes. Denn „wer den Sohn hat, der hat das Leben“.
Leben und Sterben im Horizont der Ewigkeit kann uns befreien aus der Angst vor dem Tod und der Angst vor dem Leben. Denn wer das Leben hat, kann es weder verlieren noch verpassen.

Auf das Leben!
Geschaffen und anvertraut von dem, der das Leben ist.
Unendlich verletzlich und doch voller Kraft.
Es gibt ihn, den Moment der Unendlichkeit mitten in dieser Zeit.

Ein Hoch auf das Leben!
Geschenk und Wunder aus der Hand dessen, der das Leben will.
Geschunden, schutzlos und ohnmächtig und doch erfüllt von Hoffnung.
Anvertraute Lebenszeit, die wir teilen, jetzt und ewig.

Auf das Leben!
Auf den Moment, der immer bleibt.
Denn Leben ist mehr als das, was mit dem Tod endet.
Leben ist Beziehung, die diesseits und jenseits des Todes trägt.

„Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, euch, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“ Amen.

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