Epiphanias (06. Januar 2022)

Autorin / Autor: Pfarrer PD Dr. Thomas Knöppler, Heroldstatt [Thomas.Knoeppler@elkw.de]

Johannes 1,15-18

IntentionIn der Gemeinschaft unter dem Wort Gottes hören wir von Jesus Christus und seinen unerschöpflichen Gnaden. Im Hören erhalten wir die Kraft des Glaubens und die Gesundheit der Lehre. Das stärkt uns zu Beginn des neuen Jahres.

Unerschöpfliche GnadenAls Predigttext hören wir aus dem Evangelium nach Johannes 1,15-18. Zu Beginn spricht Johannes der Täufer über Jesus:

„Johannes zeugt von ihm und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der den Vorrang vor mir hat; denn er war eher als ich.
Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.
Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn verkündigt.“

Das Weihnachtsfest, liebe Gemeinde, liegt hinter uns. Vor einigen Tagen sind wir in ein neues Jahr eingetreten. Es liegt vor uns wie ein weites und noch unbekanntes Land. Was mag es bringen? Was kommt da auf uns zu? Können wir unsere Pläne verwirklichen? Erfüllen sich unsere Hoffnungen? Viele Fragen haben wir.
Es scheint aus der Zeit gefallen, dass wir heute noch einmal Weihnachten feiern. Das Fest der Erscheinung des Herrn, mit bürgerlichem Namen „Heilige Drei Könige“, führt uns zurück zum Weihnachtsfest. Denn das Evangelium des Tages erzählt von den Weisen aus dem Morgenland. Sie finden das neugeborene Jesuskind. Daran, dass der Sohn Gottes auf Erden erschienen ist, soll zu Beginn des neuen Jahres noch einmal erinnert werden.

Johannes der Täufer: Zeuge von JesuDer Tradition entsprechend gelten die Weisen aus dem Morgenland als die ersten Missionare. Zwar schweigt sich der Evangelist Matthäus darüber aus. Aber sie gelten als diejenigen, die die frohe Botschaft von der Geburt Jesu als erste in aller Welt verkündigen. So wurde der Epiphaniastag zum ältesten Missionsfest: Das im Jesuskind aufscheinende göttliche Licht wird in die Welt hinausgetragen.
Unserem Predigtwort liegt der Missionsgedanke eher fern. Da geht keiner hinaus, um die Welt von Jesus zu überzeugen. Einer aber ist da draußen, am Ufer des Jordan. Es ist Johannes der Täufer. Er lebt und wirkt dort. Dem vierten Evangelisten zufolge ist es sein einziges Ziel, das Kommen Jesu vorzubereiten.
Als Zeuge von Jesus tritt er auf. Und dabei trifft er eine merkwürdige Feststellung: „Nach mir wird kommen, der den Vorrang vor mir hat; denn er war eher als ich.“ Es gibt da also einen, der später als der Täufer erscheint. Aber er soll schon früher dagewesen sein. Wie kann das sein? Und wieso kommt jenem eine höhere Würde zu als dem Täufer selbst?

Johannes der Evangelist: Zeuge von JesusDie Antwort auf diese Fragen gibt der vierte Evangelist. Auch er wird Johannes genannt. Auch er tritt als Zeuge Jesu auf. Er hat einen Hymnus an den Beginn seines Evangeliums gestellt. Der besingt das vorzeitliche Sein des Wortes bei Gott und dessen Kommen in die Welt. Jesus Christus ist dieses Wort Gottes. Vor allem Anfang war er bereits bei Gott. Auch an der Schöpfung wirkte er schon mit.
Von diesem Jesus bezeugt der Evangelist: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Das ist durchaus exklusiv gemeint. Alles, was vor Jesus von Gott zur Welt kam, konnte Gottes Gnade nur begrenzt verdeutlichen. Und alles, was nach Jesus zur Welt kommt, kann die in ihm erschienene Gnade Gottes nur bezeugen.
Gott hat sich uns Sündern gnädig zugeneigt. Er ist uns nahegekommen. Dadurch, dass er seinen Sohn gesandt hat, findet Gottes Zuwendung ihren überzeugendsten Ausdruck. Der vierte Evangelist bezeugt die unerschöpflichen Gnaden, die in Christus erschienen sind.

Eine Gegenüberstellung: Mose und Jesus ChristusDer Evangelist Johannes verdeutlicht das durch eine Gegenüberstellung. Als Kontrast zu Christus nennt er Mose, die überragende Persönlichkeit der jüdischen Geschichte. Durch Mose gab Gott seinem Volk das Gesetz. Damit tat er dem Volk seinen heiligen Willen kund. Wer zu Gottes Volk gehörte, war verpflichtet, das Gesetz zu befolgen. Ob wohl das Volk dabei auch dem gnädigen Angesicht Gottes begegnete? Eine zunächst offene Frage.
Im Kontrast dazu sagt der Evangelist über Jesus Christus: Durch ihn ist „die Gnade und Wahrheit ... geworden“. Christus repräsentiert Gottes Gnade und Wahrheit in Person. Offensichtlich war die Leistung des Gesetzes begrenzt: Es konnte die Gnade und Wahrheit Gottes nicht unter die Menschen bringen.
Erst der Gesandte aus Gottes Welt vermittelt uns überzeugend, dass Gott Wohlgefallen an uns hat. Erst Jesus verbindet uns in Wahrheit mit Gott. Er allein. Johann Albrecht Bengel bringt es auf den Punkt: „Vorher hatte die Welt Gnade weder gekannt noch gehabt.“

Gnade und WahrheitEs kommt hier leicht zu Missverständnissen. Wenn wir von Gnade sprechen, dann meinen wir häufig, dass die Gültigkeit des Rechts außer Kraft gesetzt wird. Und mit dem Begriff der Wahrheit verbinden wir nicht selten drei Momente: den Sachverhalt einer objektiven Richtigkeit, den Tatbestand einer Deckung von Behauptung und Realität und das Faktum einer subjektiven Wahrhaftigkeit. Das alles aber ist hier nicht gemeint.
Die Gnade besteht vielmehr darin, dass Gott sich uns in Christus vorbehaltlos zuwendet. Uns, die wir fern von Gott sind, kommt er nahe. Indem er dies tut, richtet er sein heilvolles Recht bei uns auf. So werden wir von Sündern zu Gottes Kindern.
Und die Wahrheit Gottes ist nicht durch Tatbestände, Sachverhalte oder Fakten bestimmt. Wenn die Bibel von Gottes Wahrheit redet, dann bringt sie damit die lebendige Beziehung zu Gott zur Sprache. Die Wahrheit ist die Wirklichkeit der Offenbarung Gottes. Allein Jesus Christus bringt uns die gnädige Wahrheit Gottes und seine wahre Gnade.

Jesus Christus – der Einzige seiner ArtDarum ist Jesus mehr als eine moralisch hochstehende Persönlichkeit der Vergangenheit. Das vierte Evangelium führt ihn ein als den, der vor aller Zeit bei Gott war. Ja, der selbst göttlichen Wesens ist. Und der als solcher die Begrenztheit menschlichen Lebens auf sich genommen hat. Der von Gott selbst stammt. Und der daher präzise Auskunft geben kann über das Wesen Gottes.
Das Nizänische Glaubensbekenntnis formuliert das mit den Worten: „aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“. Diesem Sohn Gottes gleicht keiner.
Wird uns Menschen die Gnade geschenkt, aus Gott geboren zu werden, dann sind auch wir Töchter und Söhne Gottes. Das freilich ist eine geistliche Geburt. Und wir bleiben Geschöpfe Gottes. Christus hingegen stammt leibhaftig von Gott ab. Dadurch ist er vor allen Menschen ausgezeichnet.

Jesus Christus – der einzigartige Ausleger GottesWollen wir Gott sehen, so müssen wir auf seinen Sohn blicken: Jesus Christus. Wollen wir wirklich wissen, wer Gott seinem Wesen nach ist, dann erfahren wir es zuverlässig durch Christus. Damit ist zugleich eine Absage erteilt an alle, die nach Jesus mit Gottesbotschaften gekommen sind.
In der Verkündigung Jesu und in der Geschichte des Christus begegnet uns Gott, wie er wirklich ist. Abgesehen davon kann uns niemand authentisch Mitteilung über Gott machen. Das bleibt dem leibhaftigen Sohn Gottes vorbehalten. Er, der selbst göttlichen Wesens ist, ist der einzigartige Ausleger Gottes.

Konsequenzen der Exklusivität Jesu ChristiKönnen wir dem überaus hohen Anspruch folgen, den der vierte Evangelist für Jesus Christus erhebt? Jesus Christus – der exklusive Ausleger Gottes? Gnade und Wahrheit erst durch ihn? Wenn wir hier dem Evangelisten zustimmen, hat das Folgen. Sie betreffen unsere Sicht des Alten Testaments und unser Verhalten im Dialog mit anderen Religionen.
Schon im Alten Testament finden sich viele und vielfältige Aussagen über die Gnade und Wahrheit Gottes. Der vierte Evangelist sieht darin freilich nur vorläufige Zuschreibungen. Was Gottes Gnade und Wahrheit wirklich ist, erschließt sich erst durch Jesus Christus. Die theologischen Gegner Jesu im vierten Evangelium praktizieren das Prinzip der Bibeltreue. Der Evangelist ersetzt dieses Prinzip durch das der Christustreue. Können wir ihm darin folgen?
Wenn wir mit Menschen sprechen, die einer anderen Religion angehören, empfinden wir exklusive Aussagen als hinderlich. Wir sind dann geneigt, darauf zu verzichten. Wir wollen ja einladend bleiben. Wozu aber laden wir ein, wenn wir die Gnade und Wahrheit durch Christus verschweigen?
Wir sind erfreut, wenn uns ein freundschaftlicher Dialog mit Angehörigen anderer Religionen gelingt. Die Klarheit über Jesus Christus sollte sich dabei freilich nicht eintrüben.

Stärkung zu Beginn des neuen JahresIch komme zum Schluss. In Oberfranken gibt es um den 6. Januar herum eine spezielle Sitte: das „Stärk’ antrinken“. Man verabredet sich mit seinen Verwandten oder Freunden zum Besuch einer der zahlreichen Brauereigaststätten. Dort bestellt man das zu diesem Anlass gebraute Starkbier. In bierseliger Gemeinschaft hockt man beieinander. Und man trinkt sich Kraft und Gesundheit – die „Stärk“ – für das neue Jahr an.
Wir, liebe Gemeinde, sind heute hier zum Gottesdienst beieinander. Wir haben Gemeinschaft unter dem Wort Gottes. Wir hören von Jesus Christus und seinen unerschöpflichen Gnaden. Im Hören erhalten wir die Kraft des Glaubens und die Gesundheit der Lehre. Das stärkt uns zu Beginn des neuen Jahres. Amen.

AnmerkungenZu Joh 1,15 wurde die Übersetzung der Lutherbibel 2017 korrigiert. Nach Auskunft von Wörterbuch und Grammatik sowie zur Vermeidung einer Tautologie lautet V.15b: „Der nach mir Kommende hat den Vorrang vor mir, denn er war eher als ich.“
Gerne folge ich hier einem Vorschlag von Bernhard Mutschler, auch die Übersetzung in Joh 1,18 zu korrigieren: „... der hat ihn verkündigt.“ Im Grundtext steht zwar weder für „es“ noch für „ihn“ ein griechisches Äquivalent. Sachlich geht es aber um die Offenbarung Gottes durch Jesus Christus.

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