Letzter Sonntag nach Epiphanias (01. Februar 2026)
Pfarrer im Amt für Kirchenmusik Frieder Dehlinger, Tübingen [Frieder.Dehlinger@elkw.de]
Offenbarung 1,9-18
Liebe Gemeinde,
was für ein Bild! Was für eine große Schau!
Johannes hört eine Stimme, er bekommt einen Auftrag: Schreib auf!
Er wendet sich um - und schaut Gott.
Und aus seinem Aufschrieb unser heutiger Predigttext.
Es ereignet sich an einem Sonntag,
am Tag des Herrn, am Auferstehungstag.
Johannes ist im Gottesdienst, als er den Ruf hört
und ihm die Augen aufgehen und die himmlische Wirklichkeit
hinter und in allem Irdischen sich ihm offenbart.
Und es geschieht auf der Insel Patmos vermutlich am Ende des 1. Jahrhunderts. 60, 70 Jahre nach Jesu Auferstehung werden in vielen Teilen des Römischen Reiches die wachesenden christlichen Gemeinden bedrängt. Sie gelten als Staatsfeinde, denn sie weigern sich, den römischen Kaiser wie einen Gott zu verehren.
Johannes wurde nach Patmos verbannt. Sein Schreiben, unser Buch der Offenbarung, soll in den Gottesdiensten gelesen werden.
Er sagt: Wir Christen gehören nicht zum Reich Roms, sondern zum Reich Gottes! Wir warten mit Geduld, auf das Ende dieser Welt und die volle Entfaltung des Reich Gottes!
Johannes ist bestens vertraut mit der Hebräischen Bibel.
Jetzt, an diesem Sonntag, erfährt er seine Berufung.
Und wie er seine Berufung beschreibt, das ist ganz ähnlich
wie die Berufung des Mose am brennenden Dornbusch
oder wie die Berufung des Jesaja im Jerusalemer Tempel.
Nur dass es jetzt nach Ostern Jesus Christus ist, der sich als Gott ihm zeigt. Christus gibt ihm seinen Auftrag, spricht zu ihm:
„Fürchte dich nicht!“, legt seine Hand auf ihn und segnet ihn.
Die weihnachtliche Offenbarung des Messias/des Christus
Nun feiern wir heute mit dem letzten Sonntag nach Epiphanias
das Ende der Weihnachtszeit.
Vor 40 Tagen an Heiligabend feierten Christi Geburt.
Christus: ein kleines, neugeborenes Kind in der Krippe, Gottes- und Mariensohn (EG 38,1), wahr Mensch und wahrer Gott (EG 30,3),
geboren im Stall, bei Ochs und Esel, im Dreck. Gefährdet und zunächst bemerkt nur von Maria, von Josef und von ein paar Hirten.
[Doch auch über den Hirten war der Himmel offen.
Auch zu ihnen - wie zu Johannes - sprach der Engel: Fürchtet euch nicht!
Auch sie bekamen einen Auftrag.
Und sie hörten die Engelscharen singen vom Frieden
und von der Freude Gottes an der Welt.]
- Was ist das für ein Heiland, was ist das für ein Christus,
dass er im Stall geboren wird.
Dass er Frieden bringt - und nicht das Schwert.
Dass er Freude verkündet, Gottes Wohlgefallen an den Menschen.
Dass seine Legionen Engel sind - und keine waffenstarrenden Legionäre.
Die endzeitliche Offenbarung des Messias/des Christus
Und nun, 100 Jahre nachdem in Bethlehem Hirten und Könige den Christus in menschlich-kindlicher Armut und Schwäche gesehen und angebetet hatten, - nun 1000 km weiter westlich, in Europa auf Patmos,
nun schaut Johannes den Christus in ewiger himmlischer Herrlichkeit!
Erst die Stimme: „Schreib auf, was du siehst!“
Dann die Umwendung
[- so wie Maria Magdalena am Ostermorgen sich umwendet,
bis sie den auferstandenen Christus erkennt -]
und als Johannes sich umgewendet hat, nun plötzlich - ganz anders - die himmlische Schau. Johannes sieht sieben goldene Leuchter
und in ihrer Mitte sieht er einen, der einem Mensch gleicht:
langes Gewand, goldener Brustgürtel, schneeweißes Haar,
Füße schwer und fest,
eine Stimme wie das Rauschen eines Wasserfalls,
ein Gesicht voll leuchtend-mächtigem Licht, wie die Sonne.
Wer vermag in die Sonne zu schauen? Wer hält dem Stand,
die unverhüllte Gottheit Christi leuchtend und klar zu schauen?
An Weihnachten noch ist Gottes Majestät im Christkind verhüllt.
Auf Karfreitag ist Gottes Herrlichkeit in Jesu Leiden
von Finsternis umnachtet.
An Ostern sind es nur wenige, Maria Magdalena, die Jünger, die Christus den Auferstandenen mit seinen Wunden erkennen und glauben.
Doch hier nun: Christus offenbar, erkennbar, schaubar, strahlend
in seiner vollen ewigen, himmlischen Herrlichkeit.
Was für ein Bild! Was für eine große Schau!
Der eine Christus in verschiedenen Gestalten
In den ersten Jahrhunderten durfte der Christus, den Johannes schaut und beschreibt, nicht gemalt werden, denn da stand das Gebot:
Du sollst Dir kein Bildnis machen! (2. Mose 20,5) Erst ab dem 4. Jahrhundert finden wir in den Kirchen die ersten Christusbilder. Sie zeigen nicht das Christkind. Sie bilden nicht den Gekreuzigten ab. Sie zeigen hoch oben im Gewölbe den himmlischen Jesus Christus, den unumschränkten Herrscher seines ewigen Reichs.
Nicht ein Kaiser, sondern Christus herrscht!
Später im Mittelalter wird die ganze Geschichte der Christusoffenbarung zwischen Himmel und Erde dargestellt. In Chor zum Beispiel des Klosters Blaubeuren zeigt der Hochaltar zentral das Christkind in den Armen Mariens. Direkt darunter ist Jesus als Rabbi und Lehrer im Kreis seiner Jünger dargestellt. Oben im gotischen Gesprenge des Altars erscheint Jesus als der Auferstandene mit seinen Wunden. Und nochmals darüber ganz oben im Schlussstein des Gewölbes: da thront der Jesus aus der Johannesoffenbarung als Weltenherrscher und Weltenrichter. - Gegenüber vom Blaubeurer Altar im Bogen zur Empore: Jesus am Kreuz.
Und jedes Mal ist es derselbe Christus:
das Christkind, das Frieden und Gottes Wohlgefallen bringt; der Rabbi und Lehrer, der die Friedensstifter seligpreist; der ohnmächtig Gekreuzigte; der Auferstandene, der den Tod überwunden hat und uns vorausgeht zum Leben. Und der Weltenrichter - der die Mühseligen und Beladenen aufrichtet, der die Frevler und Gewalttäter, die Kriegs- und Machtgierigen zur Rechenschaft zieht und die Sanftmütigen, die Armen und die, die nach Gerechtigkeit hungern, in sein Reich holt. Fünfmal derselbe Christus: Kind, Rabbi, Leidender, Auferstandener und Weltenrichter.
Viermal offenbart Gott sein tiefstes Wesen in seinem Sohn Jesus Christus verhüllt. Doch hier nun beim Seher Johannes unverhüllt.
Ganz offenbar.
Alles andere ist Anschein, was Johannes hier schaut, ist Wirklichkeit pur.
Alle anderen Reiche sind vorläufig, hier ist Ewigkeit.
Alle anderen Herrscher, die kleinen und die großen, müssen sich rechtfertigen. Gott selbst wird sie messen. Er misst sie am Maßstab, den Jesus gesetzt hat: schon in seiner Geburt - und durch sein Leben, seine Lehre, seine Predigt - und noch mehr durch sein Leiden und Sterben, schuldlos und für uns.
In allem ist der Christus anders, anders als die Großen, die Herrscher dieser Welt. Er ist nicht gerüstet und hoch zu Roß. Sein Gewand ist über dem Herzen gegürtet und der Gürtel der Liebe ist aus ewigem Gold.
Das Schwert hat er nicht in der Hand, sondern im Mund, weil das Wort, das zu Herzen geht, das Wort, das den Unterschied macht, sein einziges Machtmittel ist.
Er blendet nicht mit Geld und Macht, er blendet mit reinem himmlischen Licht.
Johannes überwältigt vom Licht, überwältigt von der heiligen Nähe
fällt Christus zu Füßen. Er ist wie tot,
bis Christus ihn aufhebt, ihn segnet, ihm zuspricht:
„Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte
und der Lebendige.
Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit
und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“
Vorhang auf: Alles wird gut!
Offenbarung. Der Vorhang ist aufgezogen, der Himmel ist offen.
Alles ist sichtbar, was war, was ist und was kommen wird.
Johannes sieht - und er schreibt auf, was er sieht, und er schickt sein Buch an die Gemeinden.
Schaut hier, sagt die Offenbarung, schaut hin, das ist die Gottes Himmel, das ist Gottes Wirklichkeit. Dieses Licht und diese Klarheit wird am Ende sein, am Ende dieser Zeit. Denn diese Welt mit ihren Herren vergeht - und das Reich Christi kommt. Und die Leiden dieser Zeit vergehen, die Tränen werden abgewischt (Offb 21,4) und die Herrlichkeit Christi kommt. Und wir, die wir auf der Spur Christi glauben und geduldig lieben und vergeben und hoffen, uns wird Christus aufnehmen in seine Herrlichkeit, in seine Liebe, in sein ewiges Reich.
Trost
Ob dieser Trost wohl ankam? Ob dieser Trost wohl ankam bei den bedrängten, kleinen Gemeinden und den zweifelnden Christen in Kleinasien am Ende des 1. Jahrhunderts?
Sicher wissen wir: was Johannes schaute und aufschrieb,
es wurde gelesen! Es wurde abgeschrieben und weitergegeben,
wurde als das Buch der Offenbarung dem Kanon des Neuen Testamentes hinzugefügt und prägt die Weltsicht der Christen bis heute.
Freilich: wenn es den Kirchen und den Menschen gut geht, interessiert kaum jemand sich für das Ende dieser Weltzeit. Wenn die Zeiten schlecht sind und die Menschen nach Trost suchen, dann wird Johannes erinnert und gelesen, dann wird sein Blick hinter den Vorhang der Zeit aktuell.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: ich liebe dieses Leben,
liebe die Erde, die Schöpfung, die Menschen.
Ich will nicht, dass alles kaputt geht in Kriegen oder weil wir nicht bereit sind, zur Eindämmung der Klimaerwärmung unser Leben zu ändern.
Ich will eine gute Zukunft für diese Erde!
Aber dann bin ich doch erleichtert, dass die Bibel ein gutes Leben nach diesem Leben verheißt und dass Johannes eine gute Weltzeit nach dieser Weltzeit voraussieht. Dann bin ich doch getröstet: All unsere Versuche, diese Welt hier zu einem besseren Ort zu machen, verlaufen immer wieder im Sand. Und dennoch sagt die Bibel: Christi Reich kommt. Gott wird es entschleiern und erfüllen.
Und wir, wir Menschen guten Willens, müssen das Reich nicht machen. Nur Zeichen sollen wir sein, Zeuginnen und Zeugen, dass Christus Liebe ist und Licht ist und Leben schaffender Geist und dass dem Schöpfer das Leben heilig ist.
Gott gibt seine Welt nicht auf, trotz allem nicht,
heute nicht und morgen nicht, auf immer nicht.
Er wird uns erlösen und verwandeln und uns hineinnehmen
in Christi ewiges Reich.
AMEN.
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