Estomihi (15. Februar 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Carolin Braun, Bopfingen [Carolin.Braun@elkw.de]

Lukas 18, 31-43

Intention
Die Predigt stellt die Frage nach der Verbindung zwischen der 3. Leidensankündigung auf der einen und der Heilung eines Blinden auf der anderen Seite. Sie stellt dafür in einem Textabschnitt voller Bewegung die Aussage „Jesus aber blieb stehen“ (V.40) in den Mittelpunkt, als Zeichen für die Zuwendung Jesu zu den Schwächsten, auch dann, wenn gerade „Weltbewegendes“ im Gange ist.

Liebe Gemeinde,
es gibt Filme, da weiß man schon nach den ersten paar Minuten ziemlich genau, wie die Geschichte weiter verlaufen wird. In der Regel tauchen darin Heldinnen auf, die für die Zuschauenden völlig eindeutig mit dem Falschen liiert sind. Sehr schnell taucht dann der eindeutig Richtige auf, was wiederum alle Zuschauenden sofort bemerken. Nur die Heldin braucht dafür noch ein paar Umwege, aber am Ende fallen sich zwei glücklich in die Arme.
So ähnlich funktionieren auch viele pädagogisch wertvolle Kinderbücher. Das richtige Verhalten ist von Anfang an allen völlig klar – nur die handelnden Personen brauchen eben noch ein bisschen, bis sie das auch verstanden haben. Spannung und unerwartete Wendungen sind hier nicht enthalten, dafür ist ein Lerneffekt intendiert.
Unser heutiger Predigttext mutet ein bisschen ähnlich an. Auch hier hört man erst einmal weder Neues noch Überraschendes. Man hat den Eindruck: „Das kenne ich doch schon!“ Und auch die Aussageabsicht scheint auf den ersten Blick vollkommen klar zu sein.

Ich lese aus Lukas 18, die Verse 31-43:

Die dritte Ankündigung von Jesu Leiden und Auferstehung
Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Die Heilung eines Blinden bei Jericho
Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Wenn das kein Klassiker ist…
…und noch dazu einer mit wunderbar einfachen Gegensätzen: Da haben wir auf der einen Seite die Jünger. Jesus kündigt ihnen an, es gehe jetzt hinauf nach Jerusalem, aber nicht hinauf zum Feiern, sondern zum Leiden und Sterben. Dass es sich schon um die dritte Leidensankündigung handelt, macht die Reaktion der Jünger noch peinlicher – sie verstehen nämlich einfach nicht, was Jesus meint. Auch wenn sie den Weg hinauf nach Jerusalem mitgehen, tun sie das im Unwissen und – so könnte man meinen – deshalb gewissermaßen unnütz und sinnlos.
Auf der anderen Seite haben wir den blinden Bettler. Er, der erst eingeschränkt ist und dessen Existenz eine Bettelnde – und damit unnütz und sinnlos – ist, erkennt, wer Jesus ist, vertraut völlig auf ihn, lässt sich vom Glauben retten, wird geheilt und folgt Jesus jubelnd nach auf seinem schweren Weg.
Der Zusammenhang scheint klar: Der Blinde macht alles richtig, die Jünger machen alles falsch. Nicht nur hinaufziehen ist gefragt, sondern nachfolgen, und zwar richtiges Nachfolgen: Nachfolge auch ins Leiden, bedingungslos und idealerweise noch mit einem Gotteslob auf den Lippen. Auch die Botschaft für die Leser des Evangeliums genauso wie für uns als Predigthörende heute wäre klar: Eine Mahnung stünde dann als Überschrift über diesem Schwellensonntag am Eingang zur Passionszeit: Macht es bloß nicht wie die Jünger, bleibt nicht im Unverständnis, „drückt euch nicht“ vor der Nachfolge, wenn es ungemütlich oder gefährlich wird. Macht es vielmehr wie der Blinde, vertraut ganz auf Jesus und folgt ihm nach, denn werdet ihr wahrhaftige „Sehende“ und damit gute „Gläubige“ werden. Nicht nur planloses Hinaufziehen ist das Gebot der Stunde, sondern wirklich verstehendes Nachfolgen.

Oder doch nicht?
Erst beim genaueren Hinsehen fällt auf: So einfach ist es nicht. Der geheilte Bettler taugt nur bedingt als Vorbild für die richtige Leidensnachfolge. Er antwortet mit seinem Lobpreis und der Nachfolge ja nicht auf die Leidensankündigung. Davon, dass Jesus zum Sterben nach Jerusalem zieht, weiß er nichts. Er antwortet vielmehr auf seine Heilung – so wie das ganze anwesende Volk, dass Gott für dieses Wunder preist. Von Spott, Verachtung, Schmerz und Tod ist hier nicht die Rede. Dass jemand nach einer Heilung voller Dankbarkeit dem nachgeht, der ihn geheilt hat, das braucht wohl weder Heldenmut noch sonstige besondere Nachfolgequalifikationen. Und wie lange seine Nachfolge währt, ist auch nicht gesagt. In der Passionsgeschichte taucht er nicht mehr auf, dort sind es bekanntlich nur die Frauen, die bei Jesus bleiben. Die Gegenüberstellung von guter und schlechter Nachfolge kann also nicht das Thema sein, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Aber was ist es dann?

Alle sind irgendwie in Bewegung – nur einer bliebt stehen
Wenn man sich die beiden Szenen vom Gespräch Jesu mit seinen Jüngern und von der Heilung des Blinden genau anschaut, dann fällt auf: Da ist ziemlich viel Bewegung drin. „Wir gehen hinauf nach Jerusalem“, sagt Jesus zu seinen Jüngern, am Ende heißt es von dem Blinden: „Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach.“ Auch dazwischen kann von Stillstand keine Rede sein. Der Weg führt durch Jericho, wo die Menge „vorbeiging.“ Der Blinde, der vor der Stadt sitzt, bemerkt die Unruhe, er fragt, wer vorbeigehe und als er nach Jesus ruft, fordern die ihn zum Schweigen auf, die „vornean gehen“. Alle sind also irgendwie in Bewegung, man spürt der Erzählung richtig ab, dass es „vorwärts geht“, auf den Höhepunkt zu, hinauf nach Jerusalem eben, wo sich Jesu Schicksal entscheiden soll, wo Unfassbares geschehen, ja, wo sich die ganze Welt verändern soll. Mittendrin ist der, um den sich alles dreht: Jesus selbst. Jesus weiß, wohin der Weg führt. Er hat es seinen Jüngern in der Leidensankündigung detailliert beschrieben. Er geht mit festem Schritt, das Ziel vor Augen…und dann geschieht plötzlich das eigentlich Außergewöhnliche: Jesus bleibt stehen. Mitten in der ganzen Betriebsamkeit, mitten in der allgemeinen Bewegung. Jesus bleibt stehen, weil er den Blinden gehört hat. Er stoppt die ganze Betriebsamkeit. Er geht nicht zu dem Blinden hin oder heilt ihn so im Vorübergehen. Er bleibt stehen.
Weil Jesus der Mittelpunkt der ganzen Bewegung ist, bringt sein Stehenbleiben, auch die Menge zum Stehen. Jesus lässt den Blinden zu sich rufen. Er fragt: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Diese Frage ist deshalb entscheidend, weil sie deutlich macht: Der Blinde ist kein Mittel zum Zweck. Seine Heilung dient nicht hauptsächlich dazu, den Jüngern die Augen zu öffnen oder der Menge etwas klar zu machen. Seine Heilung dient in erster Linie dem Blinden selbst! Wichtig ist, was ER will und was ihm gut tut! Die ganze weltbewegende Wichtigkeit des Weges Jesu kommt zum Stillstand, damit Jesus sich EINEM einzelnen Menschen zuwenden kann.
Und plötzlich geht es nicht mehr um Jünger, die nichts verstehen oder um Predigthörende, die unbedingt etwas tun sollten. Die wichtigste Frage ist nicht, ob wir eher so scheinbar begriffsstutzig sind wie die Jünger oder eher so glücklich lobpreisend wie der Blinde. Die wichtigste Frage ist vielmehr, ob wir sehen, was Jesus hier tut: Der Gottes-Sohn Jesus bleibt stehen, weil ein Menschen-Kind nach ihm ruft. Auch dann, wenn gerade Weltbewegendes im Gange ist, – auch dann, bleibt Jesus stehen, um sich einem einzelnen zuzuwenden. Das ist die Liebe, die in der Schriftlesung in 1. Korinther 13 beschrieben wird, die Liebe, die alles glaubt, alles hofft, alles duldet und nie mehr aufhört.
Die Jünger, die Gemeinde und unser aller Scheitern in der Nachfolge – das ist alles eigentlich gar nicht Thema. Es geht darum, dass mit Jesus eine Welt beginnt, in der jeder einzelne gesehen und in seinen Bedürfnissen ernst genommen wird, so unglaublich und unvorstellbar das auch scheint. Es geht darum, dass es in dieser neuen Welt keine Kollateralschäden gibt, kein „Über-Leichen-Gehen“, um ein großes Ziel zu erreichen. Und wir dürfen, mit unserem Unwissen, unserem Nicht-Verstehen und unserem ständigen Scheitern am Entstehen dieser neuen Welt mitwirken. Jesus nimmt uns TROTZDEM mit, hinauf nach Jerusalem. So gesehen ist Nachfolge nicht unser hart erarbeiteter Verdienst und etwas, das wir immer Gefahr laufen „falsch“ zu machen – so gesehen ist Nachfolge ein Geschenk.
Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)