Invocavit / 1. Sonntag der Passionszeit (22. Februar 2026)

Autorin / Autor:
Rundfunkpfarrerin i. R. Dr. Lucie Panzer, Stuttgart [lucie.panzer@web.de]

1. Mose 3,1-24

Intention
Zum Beginn der Fastenzeit konfrontiert der Predigttext den Menschen mit sich selbst. Die Predigt versucht zu zeigen: Die Geschichte vom Sündenfall ist kein historischer Bericht, auch kein Märchen. Sie zeigt, wie und warum die Welt so geworden ist, wie sie ist. Und dass Gott trotzdem seine Geschöpfe am Leben erhält.
Wie konnte das passieren?
Wo sind wir bloß hingeraten? Wie konnte es so weit kommen? Die Nachrichten von Kriegen und Klimakrise, von Missbrauch und Gewalt, lassen solche Fragen entstehen. Die Bibel versucht eine Antwort (1. Mose 3,1–24):

„Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“

Was heute ist und warum
Dieses Märchen soll Antworten geben für unser Leben, fragen Sie vielleicht? Ja, das kann diese Geschichte. Sie erzählt ja nicht etwas historisch Geschehenes, „es war einmal“. Die Geschichte vom sogenannten Sündenfall ist auch kein Märchen. Die Geschichte vom Sündenfall erzählt die Wahrheit über den Menschen. Sie erklärt, was heute ist und vor allem wie und warum es so geworden ist.

Das verlorene Paradies
Wie im Paradies könnte es noch sein, wenn die Menschen nicht eine Grenze überschritten hätten und immer wieder überschreiten, erzählt die Geschichte vom „Sündenfall“. Die Menschen wollen selber ihr Leben in die Hand nehmen. Aber erschrocken stellen sie fest, was geschieht, wenn sie das menschliche Maß überschreiten. Wichtige Punkte sind:
Nicht das Essen verlockender Früchte ist das Vergehen der Menschen. Nicht die Lebenslust ist das Problem, sondern dass sie ihre Grenzen überschreiten. Sie wollen sein wie Gott, wollen autonom entscheiden können, was gut ist und was böse. Einen Maßstab durch Gottes Gebot brauchen sie nicht. Meinen sie jedenfalls.
Dabei wird nicht zwischen dem Vergehen von Mann und Frau unterschieden. Der weibliche Mensch, hebräisch ischa, tut eigenmächtig und scheinbar souverän, was verboten ist, und der männliche Mensch (isch) macht einfach mit.
Danach erkennen beide, dass sie nackt dastehen. Sie verstecken sich – als ob das die Probleme lösen könnte.
Die Frage nach der Schuld versuchen die Menschen abzuschieben. Gott ist schuld! Seine Schöpfung hat einen Fehler! Adam verweist auf Gott: „Die Frau, die du mir zugesellt hast“; „die Schlange betrog mich“ (die Gott gemacht hat), versucht die Frau sich herauszureden. Die Schlange wird nicht gefragt. Der Ursprung der Schuld bleibt unerklärt.
Gottes Reaktion ist die Vertreibung aus dem Paradies, wo alles „sehr gut“ ist. Schon die ersten, die sich diese Geschichte erzählt haben, wussten, wie das Leben „jenseits von Eden“ ist. Sie mussten als Sklaven leben, verschleppt, nachdem sie selbst einen Krieg angezettelt hatten. Kein Gedanke mehr an Autonomie und Selbständigkeit. Sie müssen sich dem fügen, was sie selbst angerichtet haben.
Was das heißt, beschreiben die Strafsprüche am Ende der Geschichte. Die Erde ist seither verflucht, die Arbeit für den Lebensunterhalt schwer. Das Kindergebären wird schmerzhaft und lebensgefährlich, und m. E. ist besonders hervorzuheben: Frauen stehen unter der Herrschaft der Männer. Nach dieser Geschichte ist das ein Teil des Fluchs über die Menschen, die meinen, dass sie Gott nicht mehr brauchen. Dass Frauen von Männern dominiert werden, ist Teil dieses Fluchs und nicht Gottes Schöpfungsordnung.

Mensch wo bist du?
Wo bist du, Mensch? Wie bist du da hineingeraten in diese unmenschlichen Zustände? Wohin haben dich deine Gedanken, deine Wünsche gebracht? Viele fragen sich so. Und diese Geschichte zeigt: Auch Gott fragt so. Fragt uns Menschen. Fragt Sie und mich.
Auch heute gibt es die Versuchung, wie Gott sein zu wollen. Wir formulieren bloß anders. Die Versuchung, Grenzen des Menschlichen zu überschreiten, ist allgegenwärtig. In der Medizin zum Beispiel: Gott sei Dank macht sie immer mehr möglich. Aber es kann auch Unheil geschehen, wenn man immer noch mehr zu machen versucht. Die Grenzen des Menschlichen werden überschritten, und dabei kann man die Risiken nicht mehr überblicken. Das oft beklagte Immer-höher-immer-schneller-immer-weiter-immer-Mehr führt in Sackgassen, aus denen kein Ausweg mehr bleibt. Wo die einen sagenhaften Reichtum anhäufen, bleibt vielen anderen nicht genug zum Leben. Menschen können nicht teilen. Trotz gottähnlicher Fähigkeiten und Möglichkeiten scheinen sie nicht in der Lage, die Welt so lebenswert zu erhalten oder zu machen, wie Gott sie für alle seine Geschöpfe geschaffen hat.
Mensch wo bist du hingeraten? Die Frage konfrontiert den Menschen mit sich selbst. Die Risiken des Fortschritts sind unbeherrschbar, überhaupt die Folgen seines Handelns unabsehbar. Und wir erschrecken. Wir erkennen, dass wir nackt dastehen und schieben die Verantwortung ab. Gott ist schuld! Er lässt das alles zu. Verzweifelt versuchen wir, unsere Nacktheit zu verbergen.

Wer hat dir das gesagt?
Die andere Frage lautet: „Wer hat dir das gesagt, Mensch, wie es um dich steht?“ Auch sie verweist den Menschen auf sich selbst. „Wer hat dir das gesagt…“ Wir wissen es doch selbst, wie es um uns steht. Die Zeitungen, die Nachrichten, sind ja voll davon. Menschengemacht ist das meiste, was uns in die Verzweiflung treibt. Kriege und Krisen, Klimakatastrophen, Hungersnöte, Grenzkonflikte – auch da sind fast immer Menschen verantwortlich, die den Hals nicht vollkriegen können, die nicht zufrieden sein können mit dem, was sie haben. Das kann einen mutlos machen und hoffnungslos. Es ist zum Verzweifeln. Und wir merken: Angesichts solcher Fragen kann man sich nicht verstecken. Da kann man keine Lösung finden. Der Mensch bleibt nackt.

Gottes Erbarmen
Aber dann erzählt die Geschichte doch auch: Die Menschen sollen und werden nicht sterben. Gott macht ihnen Kleider. Sie sollen nicht erfrieren in ihrer Welt, die kalt geworden ist. Was sie selbst nicht vermocht haben, ihre Nacktheit und Hilflosigkeit zu bedecken, macht Gott für sie. Das Leben wird härter. Wir leben nicht mehr im Paradies. Aber Gottes Treue zu seinen Geschöpfen bleibt. Das ist der einigermaßen hoffnungsvolle Schluss der Geschichte.
Gott will nicht, dass seine Menschen untergehen im harten Leben. Die jüdischen Schriftgelehrten erzählen dazu folgende Geschichte (1):
Der Mann, als er hört, dass er im Schweiße seine Angesichts Brot verdienen soll, sagt zu seiner Frau: „Hörst du, wir bekommen doch Brot!“ Und als die Frau hört, dass sie unter Schmerzen Kinder gebären werde, sagt sie zu ihrem Mann: „Hörst du, wir bekommen Kinder!“ Gott setzt sein „Experiment Mensch“ fort! Das Leben geht weiter. Wir haben Fähigkeiten und Möglichkeiten – auch zum Guten. Wir könnten teilen. Wir können trösten. Wir könnten verzeihen. Wir könnten Frieden schließen. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern der barmherzige Gott. Amen.

Anmerkung 1: Nico ter Linden, Es wird erzählt, Bd 1, S. 30.

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