Karfreitag (03. April 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Dr. Karoline Rittberger-Klas, Tübingen [karoline.rittberger-klas@elkw.de]

2. Korinther 5, 14b-21

Intention
Die Predigt zeigt die Zumutung und die Verheißung, die das „Wort von der Versöhnung“ birgt.

(Hinweis: Die Predigt nimmt Bezug auf die Kreuzigungsschilderung nach Lukas 23, 32-49 – diese sollte als Lesungstext im Gottesdienst vorkommen!)

Liebe Gemeinde,
„noch heute wirst du mit mir im Paradies sein“, sagt Jesus. Das ist eine der Szenen, eines der Worte aus der Passionsgeschichte, die mich am meisten bewegen.
Der Mann, der da neben Jesus am Kreuz hängt, hat Schuld auf sich geladen, das steht fest. Und er weiß es auch selbst: „Wir empfangen, was unsere Taten verdienen“, sagt er. Was genau er getan hat, wissen wir nicht. Wahrscheinlich hat er gemordet. Es kann gut sein, dass er einer von denen war, die den Guerillakrieg gegen die römische Besatzungsmacht führten – mit allen Mitteln. Heutzutage hätte er vielleicht Bomben gelegt. Und den Tod von Menschen mindestens in Kauf genommen. Oder sogar bewusst getötet.
„Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!“ Kann, darf Jesus ihm das einfach so sagen? Nur weil er ihn darum bittet? Ist Vergebung, ist Versöhnung so einfach? Und: kann sie soviel erreichen?

Versöhnung ist eine ungeheure Kraft – das hat der Apostel Paulus gespürt. Im zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth, einer Gemeinde, in der sie nur noch streiten konnten, hat er ausführlich davon geschrieben. Ich lese aus dem 2. Korintherbrief, Kapitel 5, Verse 14 bis 21:

„Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.
Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.
Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

Das „Wort von der Versöhnung“ – das ist für Paulus das Zentrum seiner Botschaft. Das, was er sonst „gute Botschaft“, Evangelium nennt. Hier geht es um etwas Großes. Um das Verhältnis zwischen uns Menschen und Gott. Und um das Verhältnis von uns Menschen zueinander. Dass wir uns versöhnen können und als Versöhnte leben.

„Versöhnung … ist nichts für Feiglinge!“ – So hat es der südafrikanische Bischof Desmond Tutu einmal gesagt. Jahrzehntelang hat er sich für die Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen in Südafrika eingesetzt. Für Versöhnung braucht man also Mut. Und Kraft.

„Versöhnung ist nichts für Feiglinge.“ Für mich ist dieser Satz eine Zumutung. Denn ich muss zugeben: Manchmal versöhne ich mich gerade, weil ich feige bin. Streit und Meinungsverschiedenheiten auszuhalten, fällt mir schwer. Da ist es leichter, mal kurz zu sagen: „Sorry, war nicht so gemeint!“ Und zu hoffen, die Sache ist damit aus der Welt geschafft. So muss ich nicht aushalten, was ich falsch gemacht habe. So kann ich auch zurücknehmen, was ich am anderen zu kritisieren hatte. Denn das wäre ja unangenehm, wenn ich weiter versuchen würde, da etwas zu ändern, Anstrengend. Nichts für Feiglinge eben…
Nicht einfach klein beigeben, sondern sich wirklich versöhnen, einen Kompromiss finden also, vielleicht sogar eine Lösung, die für beide Seiten gut ist: das ist tatsächlich anstrengend. Eigentlich eine Zumutung. „Lasst euch versöhnen mit Gott“, ruft er den Christen in Korinth zu und allen anderen, die es hören können. Im Namen und an der Stelle von Christus selbst sagt er das, so betont er.

(1) Lasst euch versöhnen mit Gott! Zuallererst ist das eine Zumutung, weil Versöhnung ja voraussetzt, dass es einen Konflikt gibt. Lebe ich denn in Unfrieden mit Gott? Reicht es nicht, dass ich mir einigermaßen Mühe gebe, ein netter Mensch zu sein – und dann darauf bauen kann, dass Gott auch ein netter Gott ist? Nein, sagt Paulus. Versöhnung mit Gott bedeutet, ehrlich darauf zu sehen, was nicht stimmt mit mir und in meinem Leben. Da, wo ich mir etwas vormache, weil ich nicht wahrhaben will, wie es wirklich um mich steht. Da, wo ich an Hoffnungen festhalte, damit ich nur nichts an meinem Leben ändern muss. Und Versöhnung mit Gott bedeutet auch zu erkennen, dass ich das aus mir selbst heraus gar nicht schaffen kann – mein Leben so zu leben, dass ich Gott und den Menschen gerecht werde.
Versöhnung ist eine Herausforderung, weil ich zuerst anerkennen muss, dass es ein Problem gibt. Weil Versöhnung nur dann möglich ist, wenn ich bereit bin, Schuld ernst zu nehmen. Zwischen mir und Gott, der eben nicht nett, sondern gerecht ist – und dann auch zwischen mir und meinen Mitmenschen.

(2) Lasst euch versöhnen mit Gott! Versöhnung, wie Paulus sie versteht, ist zweitens auch deshalb eine Zumutung, weil sie nicht umsonst ist, sondern teuer. Wenn Jesus am Kreuz dem Mörder das Leben verspricht, dann kann er das deshalb tun, weil er selbst dafür stirbt.
Mich schreckt dieser Gedanke. Dass einer dafür sterben muss, dass ich versöhnt leben kann. Aber es zeigt mir: Versöhnung hat einen Preis. Zwischen Gott und mir – und dann auch zwischen mir und meinen Mitmenschen.
Um mich mit einem anderen Menschen zu versöhnen, muss ich vergeben – über meinen Schatten springen und die Hand reichen, auch wenn der Schmerz über das, was geschehen ist, bleibt.
Nicht immer ist das möglich. Und niemals darf jemand zur Versöhnung gedrängt werden, wenn er oder sie innerlich nicht bereit ist. Besonders Menschen, die in der Kirche sexualisierte Gewalt erfahren haben, warnen davor, dass wir als Christinnen und Christen von den Leidtragenden fordern, den Tätern zu vergeben. Manches bleibt hier und heute unter Menschen unversöhnt – es kann wohl nicht anders sein.
Und doch gibt es immer wieder Geschichten von Menschen, die auf atemberaubende Weise Gräben von Schmerz und Schuld überwinden – und Zeichen der Versöhnung setzen. In der hoffnungslos scheinenden Situation im Nahen Osten habe ich neulich wieder an den Film „Das Herz von Jenin“ denken müssen, der vor fast 20 Jahren entstanden ist. Ein palästinensischer Vater, dessen Sohn von israelischen Soldaten erschossen wird, entschließt sich, dessen Herz an todkranke Kinder aus Israel zu spenden.
Aber auch weit ab von solchen großen Dramen bedeutet Versöhnung: Ich muss Kompromisse schließen, und dabei auch selbst etwas hergeben, einen Preis zahlen.
Den Preis der Versöhnung zwischen Gott und mir allerdings, den hat Gott ganz allein gezahlt. Um mir so gesagt: Auch wenn du bei jeder Versöhnung etwas von dir selbst hergibst – du wirst dich selbst nicht verlieren. Ich halte dich in der Hand. Du gehst nicht verloren.

(3) Lass dich versöhnen mit Gott! Noch aus einem dritten Grund ist Versöhnung, wie Paulus sie versteht, eine Herausforderung: Versöhnung stellt nicht einfach den alten Zustand vor dem Konflikt wieder her. Durch Versöhnung entsteht etwas Neues. Wenn ich jemanden schwer gekränkt habe und wir uns wieder versöhnen, wird es danach nicht mehr so sein wie vorher. Sondern im besten Falle auf neue Weise gut. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“, schreibt Paulus. Wenn Gott sich mit mir versöhnt, dann fügt er – so stelle ich es mir vor – das, was in meinem Leben kaputt und zerbrochen ist, neu zusammen. Aber aus den Scherben entsteht niemals das gleiche wie zuvor. Nicht nur, dass die Risse und Bruchstellen sichtbar bleiben – und auch bleiben dürfen. Es kann auch etwas ganz Neues daraus werden.

(4) Lasst euch versöhnen mit Gott! Noch auf eine vierte Weise steckt in der Versöhnung eine Zumutung: Das Neue, das entsteht, ist erstmal kein angenehmer Zustand. sondern eher ein Auftrag. Versöhnung heißt nicht „sich wohlfühlen, sondern tun, was recht ist“, so hat es ein anderer Geistlicher auf Südafrika gesagt. Das Neue, das in der Versöhnung entsteht, ist nicht einfach da und ist nicht einfach fertig. Es will und soll weiterwachsen, sich ausbreiten. Versöhnungsprozesse in einer Gesellschaft brauchen oft Jahrzehnte. Streit in der Familie setzt sich manchmal über Generationen fort. Genauso lange dauert es oft, wenn man versucht, sich zu versöhnen.
Aber wo ich darauf vertraue, dass Gott das, was in meinem Leben zerbrochen ist, neu zusammensetzt – oder erlebe, dass jemand auf mich zugeht und mir die Hand reicht, wo ich es nicht erwartet habe, macht das auch mir Mut zum Neuanfang.
Das setzt mich in Bewegung, meinerseits auf die zuzugehen, denen ich sonst lieber aus dem Weg gehe. Oder vielleicht auch und gerade da für Versöhnung einzutreten, wo ich nicht mitten im Konflikt stehe, sondern von außen vermitteln kann. Obwohl das manchmal erst recht unbequem ist – zwischen allen Stühlen zu sitzen und weder zu den einen noch zu den anderen halten zu können. Wenn Streit zwischen Nachbarn herrscht, zum Beispiel, oder Kollegen untereinander nicht klarkommen.

„Versöhnung ist nichts für Feiglinge.“ Weil sie voraussetzt, dass ich Konflikten nicht aus dem Weg gehe und Schuld ernst nehme. Weil sie immer einen Preis hat. Weil sie nicht einfach das Vertraute wiederherstellt, sondern Neues schafft. Und weil dieses Neue nicht einfach ein angenehmer Zustand ist, sondern ein großer Auftrag.

Versöhnung ist eine Zumutung. Aber sie ist auch eine große Kraft.
„Lasst euch versöhnen mit Gott“, sagt Paulus. Für mich heißt das:
Vertraue darauf: Gott fügt die Bruchstellen in deinem Leben neu zusammen. Vertraue darauf: Du verlierst nicht, wenn du nachgibst und Kompromisse schließt.
Und: Hör auf Gott, der jeden Tag zu dir sagt: Noch heute wird dein Leben neu. So wie Jesus zum Verbrecher am Kreuz gesagt hat: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.
AMEN

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