Miserikordias Domini (19. April 2026)
1. Petrus 2,21b – 25
Intention
Die Predigt lädt dazu ein, in Jesu Fußstapfen zu treten und ihnen zu folgen. Dies bedeutet insbesondere, Gott zu vertrauen. So betrachtet, macht mich der Glaube an einen barmherzigen Gott resistent. Und ich darf mich frei bewegen, denn Gott sorgt für mich. Die Gemeinde entdeckt, was Nachfolge Christi heute heißt.
Ich ein Schaf?
„Ich bin der gute Hirte.“
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“
Die Texte des heutigen Sonntags sind durchzogen von diesem Bild: Gott, Jesus Christus, als guter Hirte. Es ist eines der bekanntesten Bilder für Gott. Und da kann man sich etwas darunter vorstellen: ein Hirte, der auf seine Schafe aufpasst, der keines verloren gibt, wie in der Erzählung vom verlorenen Schaf.
Gott, ein guter Hirte, achtsam seine Herde leitend – eine schöne Vorstellung.
Und gleichzeitig stößt mir das irgendwie auch auf. Wenn Gott der Hirte ist – bin ich dann das Schaf? Natürlich geht es in der Bibel nicht in erster Linie um Tierhaltung.
Gott ist für uns wie ein Hirte? Aber was heißt das? Die mögen zwar ganz süß und nett sein, aber sie gelten jetzt auch nicht gerade als die spannendsten und klügsten Tiere. Und wie viel Freiheit bleibt mir eigentlich, wenn ich von einem Hirten geleitet werde?
Wie lebt es sich mit Jesus Christus, mit Gott als Hirten? Damit beschäftigt sich auch der heutige Predigttext aus dem 1. Petrusbrief (2,21b – 25) :
„Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“
Dass Jesus Christus der Hirte ist, heißt also zuerst einmal, dass wir ihm nachfolgen sollen.
„Ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen.“
Diese Zeilen richten sich an eine Gemeinde, verfasst wahrscheinlich im 2. Jahrhundert nach Christus. Die Gemeinde litt unter sozialer Ausgrenzung. Eine Minderheit, die ihren christlichen Glauben nicht frei ausleben konnte. Sie haben mit der Frage gerungen, wie sie unter diesen Bedingungen leben und glauben können.
Die Antwort, die der oder die Briefschreiber finden, scheint erstmal simpel zu sein: Nehmt euch Christus zum Vorbild, folgt seinen Fußspuren.
Seinen Spuren folgen – Keine Sünde, keine Lüge, keine Widerrede, keine Vergeltung
Es werden vier – ich sag mal Verhaltensweisen – aufgezählt, an denen man sich orientieren soll.
Nicht sündigen, nicht lügen, nicht widersprechen, nicht mit Vergeltung drohen. All das hat Jesus getan. Folgt seinen Fußspuren.
Nur – muss man daran nicht scheitern? Und ist nicht genau diese Art moralischer Vorhaltungen das, was das Christentum für viele unattraktiv erscheinen lässt?
Es wird hier ein Idealbild von Jesus Christus gezeichnet. Sicher, eine bewusste Lüge von Jesus, um anderen zu schaden, wird man nirgends finden. Er hat Menschen, die ihn kritisiert haben, widersprochen. In den Augen mancher hat er gesündigt, denn er hat geltende und allgemein anerkannte religiöse Regeln übertreten.
Er hat am Sabbat geheilt. Er hat mit Menschen, die als Sünder angesehen wurden, zu Abend gegessen. Jesus hat gerade nicht alles so hingenommen, wie es gang und gäbe war. Er ist Konflikten nicht ausgewichen und er konnte auch provozieren.
Wie Jesus hier dargestellt wird, als einer der alles erträgt, zeigt also nicht das ganze Bild von ihm. Aus gutem Grund. Denn die Gemeinde, an die sich dieser Brief richtet, war – wie gesagt – Repressalien und Anfeindungen ausgesetzt. Die Empfehlung lautet hier offensichtlich: Wehrt euch nicht, das macht alles nur noch schlimmer. Versucht es zu ertragen, dabei habt ihr Jesus Christus auf eurer Seite. Deshalb steht ganz am Anfang auch der Hinweis auf das Leid, das Jesus über die Maßen aushalten musste. Auch Jesus hat gelitten, dadurch. Dadurch, dass ihr angefeindet und ausgegrenzt werdet, folgt ihr seinen Fußspuren. In eurem Leiden und dadurch, dass ihr die Ungerechtigkeiten hinnehmt, habt ihr Christus auf eurer Seite. Der Briefschreiber möchte den Adressaten Mut machen.
Nicht sündigen, nicht lügen, nicht widersprechen, nicht mit Vergeltung drohen.
Wir heute hören das wahrscheinlich ein bisschen anders als die Menschen damals. Nicht als etwas, das wir für unseren Glauben aushalten müssen. Sondern etwas, das einer christlichen Lebensweise entspricht. Etwas, das wir tun oder eben nicht tun sollen. Und das sind ja auch Motive, die in der Bibel immer wieder begegnen:
Sich daran zu orientieren, ist angebracht und hilfreich, nicht nur für andere, sondern auch für mich. Wer lügt, schadet oft auch sich selbst. Der schließt sich aus, belügt sich selbst und verspielt Vertrauen.
Wer mit Vergeltung droht, macht es meistens nur noch schlimmer. Ich weiß nicht, wie oft in den letzten Monaten politisch Verantwortliche mit irgendetwas gedroht haben. Macht wird demonstriert. Es wird weiter eskaliert.
Aber Konflikte werden oft dann beendet, wenn man aus diesem Modus ausbricht, mal einen Schritt zurücktritt und die Spirale von Schlag und Gegenschlag nicht immer weiter anzieht und anheizt.
Das hat Jesus vorgelebt. Das sind seine Fußspuren.
Jesus hat, „als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwidert Er drohte nicht, als er litt. Er stellte es dem anheim, der gerecht richtet“.
Oder in einer anderen Übersetzung (BasisBibel):
„Vielmehr aber übergab er seine Sache dem gerechten Richter.“
Aber vor allem: Ein Vertrauensvorbild
Der letzte Satz ist das Wichtigste, das Entscheidende in der Nachfolge Christi.
Jesus Christus ist ein Vertrauensvorbild. Er muss nicht selbst für Gerechtigkeit sorgen. Sondern er vertraut sich einem gnädigen und barmherzigen Gott an, der sein Recht durchsetzt. Das ist das Fundament, auf dem alles andere aufbaut und von dem alles andere abhängt.
Jesus Christus ist in erster Linie ein Glaubensvorbild. Er hat ein tiefes Vertrauen in einen gütigen und vergebenden Gott. Er ist sich sicher: Da ist jemand, der für mich, für uns streitet und uns bewahrt.
Auch bei Jesus hat diese Haltung dazu geführt, dass er gelitten hat und zu Lebzeiten angefeindet wurde. Da haben wir es heute besser.
Wir müssen nicht das durchmachen, was Jesus Christus für seinen Glauben durchgemacht hat. Er hat schon dafür gesorgt, dass wir heute an einen barmherzigen und vergebenden Gott glauben können. Dank Jesus müssen auch wir nicht für uns selbst sorgen. Es gibt jemand, der uns bewahrt: Gott, der gute Hirte.
Zu dem seid ihr zurückgekehrt, zu eurem Hirten. Der beschützt euch!
Christus zum Vorbild zu nehmen und ihm nachzufolgen, heißt vor allem, an einen barmherzigen Gott zu glauben.
Das sagt übrigens auch der Name des heutigen Sonntags: Miserikordias Domini: Barmherzigkeit des Herrn.
Für mich heißt das, mit den eigenen Grenzen zu leben. Ja, sich so zu verhalten, dass man in Frieden miteinander auskommen kann, das ist wichtig. Aber der eigene Anspruch sollte einen nicht ruhelos und krank machen. Der Verfasser des 1.Petrusbriefs wollte den Leserinnen und Lesern vor allem Mut zusprechen. Euer Glaube hilft auch in ausweglosen oder sinnlos erscheinenden Momenten. Ihr seid nicht allein. Ja, an einen barmherzigen Gott zu glauben, macht im besten Fall widerstandsfähig.
Ein solcher Glaube hilft in Krisen (hoffentlich). Man kann darauf vertrauen: Das Böse kann überwunden werden. Wir leben nicht ohne Zuversicht und Hoffnung.
Es mögen manchmal große Fußstapfen sein, die Jesus da hinterlassen hat. Aber ich glaube gerade deshalb ist es gut, immer wieder von dem barmherzigen Gott zu hören und Barmherzigkeit im eigenen Leben zu erfahren und weiterzugeben.
Den Fußspuren Jesu zu folgen, heißt also nicht, ihm sanft und willenlos hinterher zu trotten. Es heißt vielmehr, so wie er dem zu vertrauen, dem Jesus vertraute: dem barmherzigen Gott. Solches Vertrauen, solcher Glaube macht frei.
Ich muss erstmal „nur“ glauben. Ein barmherziger, gnädiger Gott verlangt nichts für den Glauben. Ich muss mich nicht abmühen um dann mit Glauben belohnt zu werden. Ich muss nichts Bestimmtes leisten für Gott. Ich bin ihm anvertraut. Er ist da, mit seiner voraussetzungslosen Gnade. Das entlastet und befreit mich. Und da kommt für uns wieder das Bild des Hirten ins Spiel.
Ich als Schaf!
Gott engt uns nicht ein. Vielleicht waren Sie schon einmal an der Nordsee und haben die Schafe auf dem Deich grasen gesehen. Die Schafe geben ein ungemein friedliches Bild ab. Und sie leben in weitgehender Freiheit. Sie sind nicht eingezäunt. Sie können sich – in einem bestimmten Korridor – frei bewegen. Sie werden nicht ständig beobachtet oder eingeschränkt.
Aber da ist einer, der ihnen den Rahmen gibt. Der aufpasst, dass ihnen nichts passiert. Der für sie eintritt, wenn Gefahr droht. Der sich um das Anvertraute kümmert. Deshalb gefällt mir das Bild von Gott als Hirten, weil genau das für mich darin steckt. Gott lässt uns unsere Freiheit, aber er setzt doch einen Rahmen für unser Leben. Bei dem Glauben, den Jesus gezeigt hat, geht es nicht vor allem darum, dass ich dieses und jenes tun oder nicht tun muss, sondern es geht darum, was ich tun kann, wenn ich den Fußspuren Jesu folge. Ich kann glauben an den einen Gott. Er ist für mich und für andere da. Er bewahrt mich. Er ist da. Er ist barmherzig. Amen.
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