Christi Himmelfahrt (14. Mai 2026)
Johannes 17,20–26
Intention
Einheit ist keine Homogenität, sondern ein Zusammensein in Gott. Die Predigt ist idealerweise für einen ökumenischen Gottesdienst im Freien geeignet.
Mäuschen sein
Ihr Lieben, ihr Schwestern und Brüder in Christus, das Johannesevangelium bietet uns eine tolle Möglichkeit, einmal ganz nah bei Jesus zu sein. Seine Worte zu hören. Einmal Mäuschen sein bei Jesus. Es ist eine lange Rede, die Jesu da hält, aber sie kommt an ihr Ende. Wenn Jesus diese Worte gleich geredet hat, wird er aufstehen und in den Garten Gethsemane gehen. Wir kennen diese Geschichte von Verrat und Verhaftung.
Aber jetzt hören wir, wie Jesus im Johannesevangelium spricht. Er spricht nicht nur, er betet zu Gott, seinem Vater. Er betet nicht für sich. Nicht für seine Jünger, sondern für uns. Hören wir also genau zu: Johannes 17,20–26
„Ich bitte aber nicht allein für sie (also die Jünger), sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.
Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.“
Einssein
Jesus betet für uns, die wir glauben, weil andere vor uns von Jesus erzählt haben. Von diesen faszinierenden Geschichten. Von der Geburt, von Tod und Auferstehung und davon, dass Jesus in den Himmel zum Vater aufgefahren ist. Und heute feiern wir eben dieses Fest: Christi Himmelfahrt.
Wir sind die, für die Jesus hier betet und er bittet für uns, dass wir „eins seien“. Und ja, jetzt sind wir hier zusammen und eine Festgemeinde. Aber später gehen wir wieder auseinander. Jede und jeder in ihre und seine Lebenswelt. In die heimatliche Kirchengemeinde. Und schon hat sich das mit dem Einssein. Und schon ist es vorbei mit der Schönheit, die wir in die Welt tragen sollen …
Aber wenn ich nochmal hinhöre, dann höre ich: „Auf dass sie eins seien.“ Ohne das Wort „Sollen“ – kann es sein, dass wir dieses Einssein gar nicht herstellen können?
In-nigkeit
Und wenn ich weiter als Mäuschen Jesus beim Beten zuhöre, dann höre ich Sachen wie: „ich habe ihnen Herrlichkeit gegeben“, „dass du … sie liebst, wie du mich liebst“ „sie sollen Herrlichkeit sehen“, „die Liebe soll bei Ihnen sein.“ „Die Liebe sei in ihnen und ich in ihnen.“ So viel Würdigung. So viel Zuspruch. So viel Liebe. So viel zärtliche Innigkeit.
Vielleicht ist es gar nicht nötig, dass wir alles gleich machen, sondern dass wir hören: Wir sind gemeinsam in Gott zusammen. Wir sind gemeinsam im Schiff, das sich Kirche oder Gemeinde nennt. Wir sind eins, weil wir in den Worten Jesu und in den Geschichten der Bibel uns suchen – und finden! Wir sind eins, weil wir an diesem Fest miteinander feiern.
Wer gemeinsam in einer Aufgabe steckt, der ist eins. In einer Fußballmannschaft, im Team in der Arbeit, in einem Posaunenchor. Jeder mag ein Instrument spielen, aber erst wenn jeder sein Musikinstrument auch so spielt, dass es zu den anderen passt, wird spannende, mehrstimmige Musik draus. Und dabei muss jeder sein Instrument anders spielen, damit aus den einzelnen Stimmen ein größeres Ganzes wird.
Der gesellige Gott genügt sich nicht selbst
Eine Schülerin der Oberstufe, Hanna, hat mir einmal erzählt, dass sie Lust hatte, in der christlichen Jugendarbeit mitzumachen. Durch die Konfirmation hatte sie Feuer gefangen. Sie kannte sich inzwischen aus im Gemeindehaus, sie fand die Menschen nett und interessant. Aber dann kam die große Enttäuschung. Sie fand ihren Platz nicht, denn es gab für sie keinen. Alle anderen waren nämlich die ganze Zeit mit sich beschäftigt. Wenn man zum Gespräch zusammenstand, fanden sich gleich die Gruppen, die sich schon immer kannten, Hanna hatte aber nicht den Hintergrund, kannte die Geschichten nicht, konnte nicht mitreden. Und die Gruppen? Die waren sich selbst genug. Ob Hanna dabei war oder nicht, machte keinen Unterschied. Sie war schließlich so frustriert, dass sie aufgab und feststellte, dass es im Musikverein anders ist: Hier wusste sie, welchen Platz sie einnehmen musste. Hier war ihre Stimme wichtig. Und es funktionierte nicht gut, wenn sie nicht da war. Schon aus technischen und musikalischen Gründen war sie wichtig. In einem Musikverein kann man sich nicht selbst genug sein.
Könnte es sein, dass es bei Gott und Jesus ähnlich ist? Dass auch Gott sich selbst nicht genug ist? Und immerhin: Als Christinnen und Christen sprechen wir von dem dreieinigen Gott: Vater, Sohn und Heiligem Geist. Vielleicht ist es ja so, dass Gott eben gerade nicht nur für sich sein möchte, sondern mit anderen zusammen. So wie wir uns heute eben nicht alleine treffen, sondern als Ökumene und nicht abgeschlossen in unseren Kirchenmauern, sondern hier im Freien.
Ich sein dürfen – in Jesus
Einmal Mäuschen sein bei Jesus. Hören, was er sagt. Und ich denke: Ich muss gar nicht Mäuschen sein, denn er betet ja nun wirklich für uns, ja für mich und dich. Ich muss mich nicht klein machen wie ein Mäuschen, sondern ich bin gemeint, wenn er für diejenigen betet, die die Worte der Jüngerinnen und Jünger, der Evangelisten, und derer die die Bibel geschrieben haben, hören. Das Gebet Jesu für uns, das macht uns groß, finde ich, und es macht aus uns Einzelnen Eins. Er nimmt uns mit hinein in ein Gespräch zwischen sich und Gott und uns. Dieses Gespräch, diese Kommunikation bringt uns zusammen. Und so wie es wichtig ist, dass Hanna im Musikverein ihr Instrument spielt, ist es wichtig, dass wir uns mit unserer Stimme, unseren Anliegen, unseren Sehnsüchten mit einbringen. Schön, dass wir also heute miteinander feiern und als Verschiedene eins sind, weil Jesus für uns betet. Amen.
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