Autorin / Autor:
Pfarrer Dr. Lukas Lorbeer, Stuttgart [lukas.lorbeer@elkw.de ]

Jeremia 31,31-34

Intention
Der „neue Bund“, den Gott Jeremia ankündigt, gibt Anlass zu einer Predigt über Beziehungen.
Die Intention der Predigt ist es, den Zuhörenden die Hoffnung auf einen neuen Bund auch für die eigene Gegenwart plausibel zu machen. Sie soll die Erwartung auf eine Welt wecken, in der jedem Menschen unmittelbar erschlossen ist, was es für das Gelingen von Beziehung zu anderen Menschen und zu Gott braucht. Und sie soll die Aufmerksamkeit der Zuhörenden darauf lenken, wo der beziehungsstiftende „Geist der Wahrheit“ möglicherweise jetzt schon wirksam ist.

Ganz einfach verheiratet sein
Verheiratet sein – eigentlich kann das doch nicht so schwer sein. Man lernt sich doch automatisch immer besser kennen, wenn man zusammenlebt. Man weiß immer besser, wie die andere tickt, was der andere braucht. Wenn man einmal geheiratet hat, hat man eine gemeinsame Basis. Dann muss man die Ehe doch einfach auf dieser Basis nur aufbauen.
Ganz so einfach ist es aber offenbar doch nicht, verheiratet zu sein. Manchmal ist es sogar so kompliziert, dass es gar nicht mehr funktioniert. Die gemeinsame Basis hat sich irgendwohin verflüchtigt. Dabei könnte doch, denkt man sich, alles so einfach sein.

Ganz einfach reden
Miteinander reden – auch das kann doch eigentlich gar nicht so schwer sein. Man muss sich doch eigentlich nur ausreden lassen. Man muss doch nur zuhören. Sich ein bisschen in sein Gegenüber hineinversetzen. Auf die Suche nach Gemeinsamkeiten gehen.
Ist doch ganz einfach. Warum funktioniert es dann so oft nicht, miteinander zu reden? Warum reden wir unablässig aneinander vorbei? Woher kommt es, dass sich die so genannte Gesprächstemperatur heute oft so schnell aufheizt – zwischen Politiker*innen, zwischen Verwandten, zwischen Fremden, die gemeinsam im Bus fahren? Was ist da los?

Ganz einfach glauben
Glauben. Das kann doch auch nicht so schwer sein. Ich weiß ja, dass es mehr gibt, als ich sehen kann. Ich weiß, dass es um mich herum etwas Größeres gibt, das ich nicht beeinflussen kann. Ich weiß, dass ich meine Existenz nicht mir selbst verdanke. Ich bin getauft. Ich weiß, wo sonntags Gottesdienst gefeiert wird. Biblische Texte sind mir vertraut. Ich müsste mich einfach nur fallen lassen in die große Gegenwart Gottes.
Ist Glauben also ganz einfach? Irgendwie gar nicht. Der Glaube entschlüpft, er entzieht sich. Manchmal würde ich gerne, kann aber nicht. Bekomme das, was ich erlebe oder was ich in der Welt sehe, nicht mit der Existenz eines liebenden Gottes zusammen. Was bleibt, ist die Sehnsucht, dass alles ganz einfach, dass Gottes Liebe mir erschlossen ist.

Es ist kompliziert
Beziehungsstatus: Es ist kompliziert! Wo ist es das nicht? Kompliziert ist der Beziehungsstatus bei vielen Paaren. Kompliziert sind auch viele andere Beziehungen zwischen Menschen: zwischen Einzelpersonen, zwischen verschiedenen Gruppen – den Jungen und den Alten, „Boomer“ vs. „Gen Z“; zwischen Arm und Reich oder zwischen Berlinern und Schwaben.
Kompliziert gestaltet sich auch die Gottesbeziehung. Kurzum: In Beziehungen ist leider nur selten alles ganz einfach.

Verlässliche Bündnisse
Beziehungen auf eine verlässliche Grundlage stellen: wie macht man das? Indem man Bündnisse schmiedet, das heißt: sich aneinander bindet, sich verpflichtet, füreinander einzustehen. Die Idee ist: gemeinsam sind wir besser dran, sind wir stärker, tun wir uns leichter als jede und jeder für sich.
Solche Bündnisse gibt es viele. Jede Ehe ist eins, jeder Vertrag. Auch internationale Beziehungen sind von Bündnissen getragen. Wenn sich jemand an so ein Bündnis nicht mehr gebunden fühlt, etwa an die NATO oder die UNO, lässt das die Menschen nicht kalt. So ein aufgekündigter Bund macht die Verlassenen unsicher und erhitzt die Gemüter. Und der globale Beziehungsstatus wird dann auch höchst kompliziert.

Der gebundene Gott
Der Gott der Bibel, der Gott Israels, stellt die Beziehung zu seinem Volk zu seinen Menschen von Anfang an auf eine verlässliche Basis. Er schließt einen Bund mit ihnen. Im deutschen Wort „Bund“ steckt das Verb „binden“. Gott, frei und ungebunden, wie er ist, lässt sich darauf ein, sich zu binden. An die Menschen. Weil sie ihm am Herzen liegen. Er kennt sie. Er weiß, mit Menschen wird der Beziehungsstatus höchstwahrscheinlich schon bald relativ kompliziert. Vermutlich eher früher als später. Aber sie sind es ihm wert.

In Trümmern
Und dann kommt es, wie es kommen muss: Es wird kompliziert. Weil Beziehungen, wenn Menschen beteiligt sind, einfach so sind. Weil wir im entscheidenden Moment manchmal genau die falschen Entscheidungen treffen, nicht erkennen, was eigentlich wichtig ist. Weil wir Beziehungen vor die Wand fahren – mit Gott, miteinander und auch in der Politik.
Damals war das Ergebnis: Die Babylonier überziehen Juda mit Krieg. Sie legen den Tempel in Schutt und Asche. Der Bund zwischen Gott und den Menschen liegt in Trümmern. Der felsenfesten Verbindung von Gott und seinem Volk ist mit dieser Katastrophe die verlässliche Basis abhandengekommen. Der Prophet Jeremia hat das Unheil kommen sehen und konnte es doch nicht verhindern.
Und dann hört er diesen Trost: den Predigttext für den heutigen Sonntag Exaudi (Jeremia 31,31-34).

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: ‚Erkenne den Herrn‘, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“

Die Trümmer von Jerusalem hat Jeremia vor Augen – für uns sind es die geborstenen Hochhäuser in Kiew, die rußgeschwärzten Betonruinen im Libanon, die zerstörten Industrieanlagen und Brücken im Iran, die gottvergessene Drohung, ein ganzes Land auszulöschen – und auch die anderthalb Millionen Kubikmeter Schutt auf dem Stuttgarter Birkenkopf, dem „Monte Scherbelino“.
In den Drohungen der Mächtigen und der Machtbesessenen und in den Bildern des Krieges erkennen wir die zerstörerische Wirkung von Macht und Machtgier auf menschliche Beziehungen; die menschliche Ignoranz gegenüber anderen Menschen; das Scheitern an der einfachen Anforderung einander Rücksicht und Verständnis entgegenzubringen.

Mit großen Lettern
Eigentlich wäre doch alles ganz einfach. Wenn nur jeder Mensch das in sich hätte – das, was es bräuchte, damit wir solche Bilder nie wieder sehen müssten. Wenn wir nicht ständig in immer neuen Predigten aufeinander einreden müssten. Wenn wir auf die endlosen gegenseitigen Belehrungen („Erkenne den Herrn!“) einfach verzichten könnten. Wenn es die ganze Sisyphusarbeit, mit der wir versuchen, uns gegenseitig zu besseren Menschen zu erziehen, gar nicht mehr bräuchte – weil einfach jede und jeder jederzeit wüsste, was Gottes Bund mit den Menschen in diesem Moment von uns fordert. Wenn es in jedem unserer Herzen, in jedem Kopf sonnenklar einfach da wäre wie mit großen Lettern geschrieben.
Dann wäre alles endlich ganz einfach. Dann würden unsere Beziehungen endlich gelingen: die Ehen, die verkrachten Freundschaften, die komplizierten Familienkonstellationen, der Frieden zwischen den Völkern, die Beziehung zu Gott. Dann wüssten wir alle: Gott ist unser Gott und wir seine Menschen. Alle.

Es kommt die Stunde und ist schon jetzt
Siehe, es kommt die Zeit, in der es so ist, verkündete damals Jeremia. Und wir warten sehnsüchtig. Lieber Gott, schreib uns deinen neuen Bund doch bitte ganz schnell ins Herz hinein. Weil es mit den verlässlichen Beziehungen bei uns oft nicht so klappt: Gott sei Dank ist da deine Macht, die ist verlässlich, unverrückbar und unumstößlich. Du hast dich an die Menschen gebunden, in Jesus sehen wir es. Der neue Bund ist seine Taufe und der Geist der Wahrheit schreibt uns schon jetzt neue Gesetze ins Herz.
Mitten in unserem Kriegs- und Beziehungschaos bricht die neue Zeit bereits an: überall dort, wo etwas Kleines gelingt, wo Menschen mit anderen Bündnisse schmieden, wo sie füreinander und für Schwächere einstehen, wo wir Menschen den Gewalttätern widersprechen. Der Geist der Wahrheit hilft dazu. Denn gemeinsam sind wir besser dran als jede und jeder für sich. O komm, du Geist der Wahrheit! Amen.

Foto: Gabriel Parsyak

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