Pfingstsonntag (24. Mai 2026)
Apostelgeschichte 2,1-13
Intention„Was feiern wir an Pfingsten?“ ist die Frage vieler Christen. Der Predigttext erzählt: Pfingsten ist die Antwort auf die Frage: „Wie geht es weiter?“ nach einer schweren Erschütterung. Die Antwort: Es gibt auch weiterhin den Beistand Gottes, den Tröster auf dem Lebensweg. Das soll die Predig zeigen.
Predigttext (Apg 2, 1-13)Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.
Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.
Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.
Liebe Gemeinde!
„Das mit Pfingsten habe ich noch nie so richtig verstanden!“ So sagte neulich eine Patientin zu mir. Vielleicht geht es manchen von Ihnen auch so. Das Pfingstfest gehört mit Weihnachten und Ostern zu den drei großen Festen im Jahr der Kirche. Es muss also eine besondere Bedeutung haben. Aber was feiern wir an Pfingsten?
I.Bei den zwei anderen christlichen Hauptfesten fällt die Antwort leichter.
An Weihnachten denken wir an das neugeborene Jesuskind in der Krippe im Stall von Bethlehem. Es ist die „Hauptperson“ in der Heiligen Nacht. Zu ihm gesellen sich Maria und Josef, die Hirten und die Engel auf den Feldern. Auch die Tiere dürfen nicht fehlen. Eindrücklich berichtet davon die Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas. Zu Weihnachten gehört die Botschaft, dass Gott Mensch wird in Jesus Christus. Viele schöne Bilder und Lieder machen dieses Fest für viele zum liebsten Fest des Jahres.
An Ostern wiederum hören wir die Osterbotschaft: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Ostern – das Fest der Auferstehung. Wir feiern Jesu Sieg über den Tod. Für uns Christen bedeutet das, dass wir von Ostern her kommen. Es tut gut, in diesen Zeiten daran zu erinnern: „Gib dich nicht der Verzweiflung preis. Wir sind das Ostervolk, und Halleluja ist unser Lied.“ So hat es der frühere Papst Johannes Paul II. einmal gesagt. Wesentlich zum Osterfest hinzu gehört der Karfreitag, der Gedenktag von Jesu Kreuzigung. Jesus ist gestorben und wieder auferstanden, der Tod hat nicht das letzte Wort, auch nicht Schuld und Sünde oder alles, was gegen uns sprechen könnte.
Zur Osterbotschaft gehören die eindrücklichen Geschichten vom leeren Grab und den Erscheinungen des auferstandenen Jesus. Und auch zu Ostern gibt es viele Bilder, die uns dieses Ereignis näherbringen.
II.Jetzt aber Pfingsten. Wie ist es mit dem Pfingstfest? Manche erinnern sich vielleicht an Gelerntes aus dem Konfirmandenunterricht: „Pfingsten ist der ‚Geburtstag‘ der Kirche!“ Oder auch: „An Pfingsten bekommen die Jünger den Heiligen Geist.“ Andere antworten ganz im Reisefieber: „An Pfingsten, da fahren wir immer in die Toskana!“ Und wie ist es mit Pfingsten in der Bibel? Gab es da nicht einmal eine Taube als Symbol für den Heiligen Geist, den Gott zu den Menschen sendet? Und wie ist in unserem Predigttext das mit den geheimnisvollen „Zungen“, die vom Himmel herabkommen?
„Das mit Pfingsten habe ich noch nie so richtig verstanden!“, fragte die Patientin.
Mit unserem Predigttext, der Geschichte des ersten Pfingsttages in Jerusalem, können wir Pfingsten näher verstehen.
III.Los geht es am Morgen des Pfingsttages. Wir befinden uns in der Stadt Jerusalem, 50 Tage („Pentekoste“) nach Ostern, am jüdischen Wochenfest. Die Stadt ist voll von Menschen. Es geht fröhlich zu. Man feiert auf den Straßen, wie es sich für das Fest gehört.
Jetzt aber zu unseren „Hauptpersonen“, den Jüngern Jesu: „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort.“ Den Jüngern ist nicht nach feiern zumute. Sie bleiben in ihrem Haus. Sie hören die Festfreude der anderen, sind aber selbst verunsichert. Mir scheint, dass eine Frage sie besonders bewegt. Es ist die Frage: „Wie geht es weiter?“ Wie geht es weiter ohne Jesus an ihrer Seite, ohne Jesus in unmittelbarer Nähe?
„Wie kann es weitergehen?“ Das ist eine Frage, die auch in unserem Leben eine Rolle spielt. Wie geht es weiter in oder nach einer Krise, nach der Erkrankung, nach der Enttäuschung, nach dem schweren Abschied? Wie geht es weiter ohne die wichtige, liebgewordene Person, an der wir uns orientiert und aufgerichtet haben? Und nun ist diese Person nicht mehr da.
IV.Zurück zu unserem Predigttext. Jetzt geschieht etwas, plötzlich und unvermittelt. Als sie im Haus beisammen waren, „geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“
Ein gewaltiges Geschehen! Wir erinnern uns an die Frage der Jünger: „Wie geht es weiter?“ Wir könnten sagen: die Antwort der Pfingstgeschichte auf diese Frage ist dieses gewaltige äußere Geschehen: ein „gewaltiger Sturm“, ein wunderbares Geschehen, „Zungen, zerteilt und wie von Feuer“, und alle sind davon überwältigt, „erfüllt vom Heiligen Geist“.
Ja: das Pfingstfest hat seinen sichtbaren Ursprung in diesem Geschehen am ersten Pfingsttag. Aber es ist mehr als dieses äußere Ereignis. Zum Äußeren hinzu tritt das Innere. Und das Spannende geschieht oft nicht „außen“, sondern „innen“. Wenn wir in unserem Predigttext vom „Haus“ hören, das von Gottes Geist wie von einem Sturm erfüllt wird, dann ist das auch das „Lebenshaus“ der Jünger gemeint. Es sind ihre Herzen, die berührt werden vom Heiligen Geist. Es ist der ganze Mensch, der bewegt und erfüllt wird vom Geist Gottes!
Gottes Geist verändert Menschen! Das feiern wir an Pfingsten! Dass Gottes Geist – Gott selbst - in Aktion tritt, ganz unverfügbar, nicht auf Kommando, und Menschen verwandelt.
V.Gottes Geist berührt mich im Herzen, dass ich in Bewegung komme. Das ist „pfingstliches Leben“. Etwas, das innerlich wie erstarrt (verkrümmt) war, öffnet sich. Menschen geht das Herz auf. Die Angst ist nicht mehr so groß. Ich kann auf einmal wieder auf einen Menschen zugehen. Ich kann auf einmal über etwas sprechen. Auch über mein Inneres. Ich kann mir selbst neu begegnen. Ich spüre neuen Mut und kann auf andere zugehen. Ich spüre wieder Boden unter den Füßen. Ich erfahre, dass ich nicht allein bin. Ich spüre einen Trost.
Wenn wir uns an die Frage von vorhin erinnern: „wie geht es weiter?“, hören wir als Antwort: mit Gottes Geist geht es weiter. In der Sprache des Evangelisten Johannes: Es gibt ihn weiterhin auf unserem Lebensweg und Glaubensweg: den Beistand (Joh 14, 16), den Tröster (Joh 14, 26), der, der mich begleitet und begabt und mich gewiss macht, dass Christus da ist.
Das haben die Jünger am ersten Pfingsttag in ihren Herzen erfahren: Jesus, den sie vermissen, ist weiter da. Er ist da in anderer Form. Der Heilige Geist nimmt Jesu Stelle ein. Er ist in unseren Herzen als „der innere Gott“, als die Existenzweise Gottes in unserem Herzen.
An Pfingsten feiern wir, dass Gottes Geist – und damit der Geist Gottes und der Geist Jesu – unter uns ist.
Und davon erzählen die Jünger gleich an diesem ersten Tag. Sie behalten ihre neue Freude nicht für sich. Das muss unter die Menschen. Die Jünger erzählen es so, dass alle sie verstehen können. Am ersten Pfingsttag ist auch die babylonische Sprachverwirrung zu Ende. Pfingsten ist das Gegenereignis zum Turmbau von Babel. Und 3000 Menschen, so hören wir, finden an diesem Tag zum Glauben. So ist Pfingsten in der Tag der „Geburtstag der Kirche“.
VI.Weihnachten, Ostern und Pfingsten sind die drei Hauptfeste unseres Glaubens. Alle drei Feste berühren uns auch in unseren Herzen. Aber es gibt etwas, das Pfingsten von den beiden anderen Festen unterscheidet. An Weihnachten und Ostern geht es um das Schauen. Pfingsten dagegen ist ein Sprachereignis. Da geht es ums Sprechen und Hören. Der Heilige Geist kommt in Feuerzungen herab. Das heißt auch: er kommt in einer Sprache, bei der ein Funke überspringt, er kommt in einer wärmenden Sprache. Eine kalte Sprache führt dazu, dass Menschen sich innerlich „erkälten“ und sich verschließen. Eine kalte Sprache verurteilt oder belehrt. Dagegen verschließen wir uns. Die Sprache an Pfingsten aber ist eine wärmende Sprache. Sie kommt aus einem warmen Herzen. Jesus selber hat diese Sprache gesprochen. Der Evangelist Lukas erzählt in seinem Evangelium davon, dass die Emmausjünger sagen: „Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete?“ Das Reden Jesu war eine Sprache, die das Herz wärmt, weil sie aus dem Herzen kommt.
Und von diesem Pfingstwunder her, dass Gottes Geist uns berührt mit einer warmen Sprache, lässt es sich „pfingstlich“ leben. Frohe und gesegnete Pfingsten Ihnen allen!
Amen.
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