Trinitatis (31. Mai 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Dr. Stefanie Wöhrle, Tübingen [stefanie.woehrle@elkw.de]

4. Mose 6,24-27

IntentionDie Predigt versucht die Wirkmächtigkeit des aaronitischen Segens nachzuempfinden. Er schenkt Lebenskraft und umspannt das gesamte Leben. Denn er ist in Gottes Ewigkeit verankert. Einige Passagen sprechen die Predigthörer:innen mit Du an. Das mag ungewohnt erscheinen, nimmt aber die direkte, individuelle Sprechrichtung des Predigttextes auf.

Verlesung des Predigttextes zu Beginn der Predigt (am besten ohne Einleitung):„Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Vertraute Worte aus Gottes Ewigkeit„Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“
Der aaronitische Segen. Vertraute Worte. Sonntag für Sonntag wird er in unseren Kirchen am Ende des Gottesdienstes gesprochen. Viele Gottesdienstbesucher:innen erwarten voller Sehnsucht diese Worte. Ja, für viele sind sie sogar so unverzichtbar für die neue Woche und ihr Leben, dass sie nur wegen dieses Segens am Sonntagmorgen in die Kirche kommen. Den Segen am Ende des Gottesdienstes in vollkommen andere Worte zu hüllen oder ihn gar wegzulassen, ist für diese Menschen nahezu unverzeihlich.
Heute stehen diese vertrauten Worte an unvertrautem Ort. Sie erklingen nicht am Ende, sondern mitten im Gottesdienst. Sie bekommen Raum und Gewicht als Predigttext für den heutigen Sonntag. Und es ist gut, dass ihnen dieser Raum heute zuteilwird. Denn es sind Worte, die in Gottes Ewigkeit verankert sind und die den Menschen Anteil an dieser Ewigkeit geben. In ihnen klingt der Segen des Schöpfers. Gott hat ihn über der Welt ausgesprochen. Am Anfang, als er die Welt geschaffen und weise geordnet hat, so dass sie zum guten Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen werden konnte. In diesem Segen steckt Lebenskraft, die nötig ist, damit alles wachsen und werden, damit alles leben kann.
Und mehr noch. Der Segen Gottes begleitet das Leben seiner Menschen und beinhaltet Wohlergehen und Heil. So hat er Abraham und Jakob gesegnet und schließlich sein Volk Israel. Gottes Segen ist die Verheißung, dass das Leben gelingt, dass es Glück und Zufriedenheit mit sich bringt, hier und jetzt.
Einige der vertrauten Worte des aaronitischen Segens finden sich auf Silberamuletten, die den Toten mit in ihre Gräber gelegt wurden. Der Segen soll bis an die Grenzen des Lebens, über den Tod hinaus wirken. Auch hier soll den Menschen Wohl und Heil zuteil werden. So umspannt Gottes Segen das Gestern, das Heute und das Morgen und füllt alles mit Leben. Von Ewigkeit und zu Ewigkeit.

Gewichtige Worte, die Leichtigkeit schenken„Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“
Der aaronitische Segen. Gewichtige Worte. Sie werden im 3. und 4. Buch Mose überliefert. Nur diese Worte. Weitere Gebete, weitere Lieder oder sonstige Formen sucht man vergebens. Es scheint, dass es reicht, wenn allein dieser Segen im Gottesdienst erklingt. Nur er ist wichtig. Der Rest ist Schweigen. Das macht diese Worte so gewichtig, so stark, so heilig. Gott selbst legt sie Aaron und seinen Söhnen durch Mose in den Mund. Er hat sie auserwählt als seine Priester, die seinen Segen weiter-geben sollen. Wenn sie ihn den Menschen beim Darbringen der Opfer zusprechen, sagen sie: Wenn Gott sein Angesicht über dir aufleuchten lässt, wird dir Gnade zuteil. Du musst dich nicht vor der Begegnung mit dem richtenden Gott fürchten. Sein Angesicht kann dir nicht schaden, wie es in an-deren biblischen Geschichten erzählt wird. Gott lässt sein Angesicht über dir aufleuchten und deine Schuld ist dir vergeben. Das ist Gnade. Vergebung aller Schuld, die es dir möglich macht, Gott nahe zu sein, vor ihm und mit ihm zu leben, ohne in seiner Gegenwart zu vergehen.
Diese Worte haben Gewicht, aber sie sind nicht schwer. Sie halten nicht fest an dem, was war. Sie verleihen Weite und Freiheit. Wenn sie ausgesprochen werden, entfaltet Gottes Gnade seine Wirkung und alles, was schwer auf den Schultern und Herzen der Menschen lastet, fällt ab. Mit dem Leuchten von Gottes Angesicht über ihnen wird das Leben leicht. Die Gesegneten richten sich auf und können ihre Beziehungen zu anderen Menschen, zur gesamten Schöpfung und zu Gott neu gestalten.

Worte, die in die Welt hineinwirken„Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“
Der aaronitische Segen. Wirkende Worte. Manchmal kannst du es direkt spüren. Wenn du die Worte hörst, ist es so, als würde tatsächlich Gottes Angesicht über dir aufgehen wie die Sonne und dich in ein neues Licht tauchen. Manchmal kannst du es sehen in den Gesichtern der Menschen um dich herum. Und andere können es vielleicht auch in deinem Gesicht sehen: Das Gesicht wirkt gelöst und entspannt. Manchmal zeichnet sich ein Lächeln darauf ab. Es ist, als würden die Menschen, denen diese Worte zugesprochen werden, selbst anfangen zu leuchten. Als würden sie selbst strahlen.
Mit diesem Strahlen gehst du hinaus in die Welt. Gottes Segen nimmst du mit und hast damit alles, was es zum Leben braucht. Und Frieden, den hast du auch. Dabei kann man diesen Frieden eigentlich gar nicht wie einen Besitz haben. Man kann ihn nicht für sich behalten. Dieser Friede will gelebt werden. Er eröffnet einen Raum, in dem eine ungestörte Beziehung zu allem gelebt werden kann, was ist: zu Menschen und Tieren, zu Pflanzen und Landschaften, zu Gott.
Wer so gesegnet ist, begegnet anderen Menschen und der gesamten Schöpfung mit Respekt. Denn es ist nicht nötig, sich länger um das eigene Wohlergehen zu sorgen, länger nur den eigenen Vorteil im Auge zu haben. Du bekommst, was du brauchst und noch viel mehr. All das ist dir mit dem Segen längst geschenkt. Deshalb geh mit offenen Augen und weitem Herzen in deinen Alltag und in die Welt. Geh mit einem Lächeln auf den Lippen und mit helfenden Händen. Geh mit Worten auf der Zunge, die den Sprach- und Wortlosen eine Stimme geben. Geh mit Gottes Segen und mit seinem Frieden, auf dass Segen und Frieden sich ausbreiten unter uns.
„Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Amen.

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