5. Sonntag nach Trinitatis (05. Juli 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrer i.R. Frieder Grau, Plochingen [frieder.grau@web.de]

Lukas 5,1-11

IntentionDie Predigt will Mut machen zum „Aber“ des Glaubens und will Augen öffnen für die Fülle der Gaben Gottes.

PredigttextEs begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Aber„Aber“, sagt Petrus. Ein mutiges „Aber“, kein einschränkendes, sondern ein eröffnendes „Aber“. Kein „Aber“ eines kleingläubigen Bedenkenträgers. „Aber“ sagt hier ein trotzig-mutiger Hoffnungs- und Glaubensmensch. „Aber auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen. Als sie das taten, fingen sie so viele Fische, dass die Netze zu reißen drohten.“

Zwei Kontrastszenen am gleichen SeeuferDer Reihe nach: Jesus hält am Seeufer einen Gottesdienst, eine Bibelstunde im Grünen. Die Leute drängen sich um ihn. Sie wollen ihn hören. Sie sehnen sich danach, das gute Wort Gottes gesagt zu bekommen. Denn, liebe Gemeinde, zum Gottesdienst kommen Menschen, die ein Verlangen nach dem Evangelium haben. Die Hinteren können Jesus nicht sehen, nicht hören. „Bitte lauter!“, hallt es mitten im Gottesdienst. Gedränge hilft nichts.
Ein paar Meter weiter reinigen ein paar frustrierte Fischer ihre Netze und bessern sie aus. Außer Tang und Unrat haben sie nichts gefangen. Vergeblich abgemüht. Frust. Da hat man hart gearbeitet – in seinem Beruf, an einer Beziehung, in einem Projekt, in der Fürsorge für die Kinder, in der Kirchengemeinde, im Konfirmandenunterricht. Und der Erfolg? Spärlich, mehr als spärlich, gleich Null. Eine bedrückende Erfahrung. Das geht an die Existenz.
Zwei Kontrastszenen am selben Ort – scheinbar unverbunden nebeneinander. Ein erbaulicher Gottesdienst für erwartungsvolle Hörerinnen und Hörer, daneben der harte Alltag deprimierter Fischer. Unverbunden? Ich stelle mir vor, dass die Fischer mit einem halben Ohr Jesus zuhören. Und dass Jesus aus den Augenwinkeln hinüberschaut und wahrnimmt, mit welch enttäuschten Mienen die Fischer lustlos an ihren Netzen herumwerkeln. Ahnt Petrus schon: Du bist ein Jesus, der mich sieht? Jedenfalls verknüpfen sich die beiden scheinbar unverbundenen Lebenswelten. Jesus steigt ins Boot des Petrus. Der rudert ein paar Schläge hinaus. Mit Hilfe des Petrus kann Jesus besser predigen. Die Menschen sehen und verstehen ihn besser. Und Petrus findet nach einer sinnlosen Nacht Sinn. Er kann die die verständliche Verkündigung des Wortes Gottes unterstützen.

Das verwegene Aber des GlaubensNach Beendigung der Predigt mischt der Wanderprediger Jesus sich ein in die Enttäuschung, den Misserfolg des Petrus. Er zeigt nicht nur Mitgefühl für dessen berufliche und persönliche Krise. Trost, Verständnis, Zuspruch wären schon viel. „Das nächste Mal klappt‘s wieder“, würden wir vielleicht sagen. Aber Jesus eröffnet Petrus überraschend eine ganz neue Zukunft. Zunächst gibt er dem Fischereiprofi Petrus einen doppelt unfachmännischen Rat: Er soll jetzt bei hellem Tag nochmals die Netze auszuwerfen und das in tieferen Gewässern. Ich vermute, dass Petrus denkt: Bleib du in deiner Welt des Predigens statt dass du mir mit unsinnigen Fischereiratschlägen eine weitere Niederlage bescherst. „Aber“, sagt dann Petrus, „aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen“. Liebe Gemeinde, vielleicht weiß Petrus selbst nicht, wie er zu diesem mutigen „Aber“ kommt. Vielleicht hat er‘s sogar ironisch gemeint. Glaube ist mehr als sich trösten lassen. Immer wieder werden Leute überraschend von diesem mutigen kühnen Vertrauen ergriffen. Mitten in ihrer Not setzen sie – sie wissen selbst nicht wie – auf dieses Hoffnungs- und Glaubens-Aber. Die Bibel erzählt viel von solchen Situationen. Eine ausländische Frau bittet Jesus schreiend um Heilung ihrer geisteskranken Tochter. Sie wird von Jesus abgewiesen. Aber sie lässt nicht locker. Sie sagt trotzdem und trotzig „aber“, sie besteht hartnäckig auf einem „Aber doch“! „Frau, dein Glaube ist groß“, spricht Jesus ihr hinterher zu. Das verwegene “Aber“ einer scheinbar Ungläubigen ist wirklich Glaube, großer Glaube sogar. „Dir geschehe wie du willst.“

Gott schenkt in Fülle...Jedenfalls machen Petrus und seine Kollegen den Fischfang ihres Lebens. Die stabilen Netze drohen zu reißen, die gut gebauten Boote drohen zu sinken. Auf die Nacht tiefer Frustration folgt der Tag üppigen Segens. Liebe Gemeinde, zuweilen schenkt uns Gott so viel, dass wir es kaum fassen können. Unser Herz droht von der Überfülle seiner Gaben zu zerspringen. Unser Leben kann die alles übersteigende Größe eines Wunders nicht begreifen. Auch hier: die Bibel ist voll von Geschichten der überschäumenden Fülle der Gaben Gottes. „Du schenkest mir voll ein...“, „Gottes Brünnlein hat Wasser die Fülle“ (Psalm 65,10). Bei der Hochzeit in Kana verwandelt Jesus Wasser in einen exzellenten Wein. Die Gäste können ihn zu später Stunde nicht einmal mehr richtig würdigen. Als der Sohn aus der Fremde zurückkehrt, richtet der Vater ein rauschendes Fest aus. Der andere Sohn kann das absolut nicht begreifen. Nachdem 5000 Leute satt geworden sind, bleiben zwölf Körbe übrig. Auch heute noch: Ein überraschend ermutigender Anruf verwandelt die depressive Stimmung mit einem Schlag in Heiterkeit. „Aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“, staunt das Johannesevangelium.
Manchmal passiert es, dass wir von einer Realität erfasst werden, die alles Begreifbare übersteigt. An einem höchst irdischen Erfolgserlebnis bricht etwas überirdisch Göttliches durch. Der überwältigende Fischfang wird zum Zeichen der Fülle Gottes, die er für uns bereithält. Petrus war ein eigentlich durch und durch pragmatischer und nüchterner Mann. Er rechnet keinesfalls mit solch einer Erfahrung – trotz seinem mutigen „Aber“. Das Geschenk übersteigt alle Erwartungen. Er hat das Wunder nicht gesucht, aber gefunden. Der Glaube, liebe Gemeinde, kennt beides: die Fülle der Gaben Gottes und erbärmliche Durststrecken. Aber am Ende steht die Fülle.

… und der Mensch erschricktUnd dann – eigenartig –: Petrus ist nicht nur voller Freude und Dankbarkeit. Sondern ihn ergreift ein tiefes Erschrecken, ein erschütterndes Erschauern. Petrus geht auf die Knie, fällt zu Boden. Geh weg von mir, du kommst von Gott. Ich bin ein Erdling, und was für einer. Wir passen nicht zusammen. Ich bin dir nicht gewachsen. Das Netz meiner Vorstellungskraft droht zu reißen. Das Boot meines Lebens droht zu sinken. Liebe Gemeinde, Gott zu begegnen ist selten harmlos. Jesaja droht zu vergehen. Die Frauen am österlichen Grab erfasst Zittern und Entsetzen. Saulus/Paulus fällt vom Pferd. Gott zu begegnen, kann im wahrsten Sinn des Wortes erschüttern. Es führt in die Krise. Gottes überraschende Fülle mitten im Alltag kann einen umhauen. Der heilige Gott trifft auf mich mit Fehlern behafteten Menschen.

Der Menschenfischer Petrus wird von Jesus berufen, Netze zu zerreißen„Geh weg von mir“, ruft Petrus. Aber Jesus geht nicht weg. Im Gegenteil. Er bleibt beim verwirrten Petrus. Jesus wendet sich mit Vorliebe den Erschrockenen, den Sündern, den Verunsicherten zu. Jedenfalls nimmt die Geschichte ein überraschendes Ende. Jesus geht nicht weg von Petrus. Sondern er geht weg mit Petrus, er bricht mit Petrus zu neuen Ufern auf. Nach dem Fischfang seines Lebens verlässt Petrus seine Netze und wird zu einem Agenten der Freiheit. Jesus macht aus dem Fischefischer einen Menschenfischer. Was soll das denn nun wieder sein? Jedenfalls einer, der eher Netze zerreißt, in denen Menschen sich verfangen. Nicht einer, der Menschen einfängt oder an der Angel zappeln lässt. Menschenfischer in der Nachfolge Jesu sind keine Verführer, sondern Befreier. Wie Retter im Mittelmeer fischen sie schiffbrüchige Flüchtlinge aus aufgewühlten Wassern. Sie bewahren Gefährdete vor dem Ertrinken und retten ihnen das Leben. Sie befreien sie von Lebens- und Todesängsten.

Das Aber des Glaubens freut sich über geschenkte Erfolge und hält frustrierenden Misserfolgen standLiebe Gemeinde, der Menschenfischer Petrus bleibt ein höchst fehlerhafter, ja sündiger Mensch. Mit solchen begrenzten Menschen wie Petrus baut Jesus seine Gemeinde. Auch in seiner neuen Aufgabe erlebt Petrus überwältigende Erfolge und frustrierende Rückschläge. Dann erinnert er sich an das „aber auf dein Wort hin...“. Auch wir heute erleben, dass in dürftigen Zeiten etwas aufblitzt von der Fülle Gottes. Gott schenkt seiner frustrierten Kirche immer wieder solche unerwarteten Wunder. Dann sind wir überrascht, beschenkt, beschämt. Dann erschrecken wir über unseren Kleinglauben angesichts der Fülle der Gaben Gottes. Dann werden wir ermutigt zu einem erneuten „Aber“ der Hoffnung. Das „Aber“ des Glaubens ist ein Risiko, das „Trotzdem“ des Gottvertrauens ein Wagnis. Erfolg ist weder garantiert noch selbstverständlich. Aber auf dein Wort hin…! Aber auf dein Wort hin erwache ich aus Enttäuschung und Mutlosigkeit, tue ich einen mutigen Schritt nach vorne. Ich traue Gott etwas zu. Dann und wann schenkt Gott viel mehr als erwartet. Dann führt das zukunftsoffene „Aber“ des Glaubens zu überbordender Freude.
Amen.

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