8. Sonntag nach Trinitatis (26. Juli 2026)
Johannes 9,1–7
IntentionHüte dein Auge! Reinige den Blick! Jesus öffnet einem von Geburt an Blinden das Auge. Er entdeckt jene Welt ursprünglich, die sich den vermeintlich Wissenden schon längst verstellt hat.
PredigttextUnd Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Sehen, das Licht spürenSehen, das Licht spüren, den Blick schweifen lassen, am Schönen verweilen, im Glück der Augen die Welt kosten – wieviel Lebensfreude liegt im freien Spiel der Augen. Doch was, wenn das Auge blind ist, wenn es nicht schauen kann, gar von ihm selber nur Dunkelheit ausstrahlt? Was erst, wenn ein Mensch geblendet ist von falschem Schein, wenn sein Urteilsvermögen getäuscht wird? Fragen stehen im Raum wie: Was sehen wir, was meinen wir zu sehen, was wollen wir sehen? Oder einfach nur: Was leitet unseren Blick?
Ein Dachgarten und zwei WeltenLassen Sie mich mit einer kleinen orientalischen Geschichte beginnen:
„Auf dem Dachgarten eines Hauses schliefen in einer Sommernacht die Mitglieder einer Familie. Die Mutter sah, voll Missgunst, dass ihre nur widerwillig geduldete Schwiegertochter und ihr Sohn eng aneinander geschmiegt schliefen. Diesen Anblick konnte sie nicht ertragen, weckte die beiden Schläfer und rief: ‚Wie kann man nur bei dieser Hitze so eng zusammen schlafen. Das ist ungesund und schädlich.‘ In der anderen Ecke des Dachgartens schliefen ihre Tochter und der verehrte Schwiegersohn. Beide lagen voneinander getrennt, mindestens einen Schritt weit voneinander. Fürsorglich weckte die Mutter die beiden und flüsterte: ‚Ihr Lieben, wie könnt ihr nur bei dieser Kälte so weit voneinander liegen, statt euch gegenseitig zu wärmen?‘ Dies hörte die Schwiegertochter. Sie richtete sich auf und sprach mit lauter Stimme wie ein Gebet folgende Worte: ‚Wie allmächtig ist Gott! Ein Dachgarten und ein so unterschiedliches Klima.‘“
Was hier in so leichter und doch schlagfertiger Weise formuliert wird, deckt auf, wie Interessen unseren Blick lenken. Wir sehen, was wir sehen wollen. Es sind eingeübte Denkmuster, die uns längst schon gefesselt haben, bevor wir auch nur den Blick heben, um zu erkennen. Es sind vermeintlich immer schon geltende Bewertungen, die unser Verstehen im Griff haben und die uns blenden. bis der Moment kommt, wo es einem wie Schuppen von den Augen fällt und unser Denken endlich frei wird, ja Gott selbst, das reine Licht, in unser Leben fällt.
Eine verblendete SichtDie Heilung des Blindgeborenen steht dafür. Sie steht für die Befreiung aus der Verblendung. Alles ist hier konkret – alles ist symbolisch. Wir sehen Jesus im Vorübergehen einen Blinden entdecken. Er hat den Tempel hinter sich gelassen, ihm den Rücken gekehrt. Vor seinen Toren begegnet er dem Elend dieser Welt. Ein von Geburt an Blinder, zum Betteln verdammt. Wir hören nichts von ihm, als gäbe es ihn gar nicht. Fremd ist ihm die Welt, dunkel der Raum. Die Jesus begleiten, sehen unwillkürlich eine unbekannte Schuld In seiner Blindheit am Werk.
Wer so vegetiert, muss ein zu Recht Geschlagener sein. Die Strafe liegt auf ihm. Was hat sie ausgelöst? Leid ist die objektive Gestalt der Sünde, das hat man sie gelehrt. Phantasien keimen auf. Hat er im Mutterleib schon den Götzen gedient? Hat er – wie einst Esau – seinen Bruder Jakob gestoßen, einem Zwilling das Leben genommen? Und wenn nicht er, waren es seine Eltern, deren Vergehen sich an ihm auswirkt? Der Zeitgeist raunt von Freveltaten wie von Bettgeschichten aller Art. Gott aber lässt sich nicht spotten. Kinder büßen für ihre Eltern.
Wer so auf den Blinden schaut, sieht Gott als unbarmherzigen Richter. Hinter der Frage der Jünger steht ein Tasten nach Erklärung, der Versuch, Gründe zu finden, ein wenig Rationalität in die Zumutungen des Lebens zu bringen. Wie es Grade der Heiligkeit gibt, so gibt es Grade der Strafe. Dafür steht das Religionsgesetz: Schütze dich vor dem göttlichen Fluch durch Wahrung der Kultvorschriften, durch Treue zu den Ordnungen der Väter! Vor allem aber zeige keine Empathie! Kalt ist der Blick derer, die so fragen. Ihr Reden steht in Gefahr, ein leichtfertiges Spiel mit dem Leid anderer zu werden.
Eine aufgeklärte SichtDoch scharf und prägnant zerbricht Jesus ihr Räsonieren. Er weist klar dieses verquere Gottdenken zurecht. Seine Antwort ist der entscheidende Schlüssel. Das enge Band, das die Religion Israels um Krankheit und Sünde gelegt hatte, wird aufgelöst. Jesu Haltung ist eindeutig: Die Werke Gottes offenbaren sich nicht in der Zerstörung eines Menschen, sondern in seiner Heilung. Die Blindheit offenbart nicht eine göttliche Strafe, sondern wird zum Ruf nach Rettung und zur Herausforderung an uns, dazu beizutragen, dass Blinde sehen, Lahme gehen, Gebeugte sich wieder aufrichten.
Es gilt am schöpferischen Werk Gottes nach Menschenart mitzuwirken, Menschen ins Licht zu heben, dem Strahlen des Himmels Augen zu schenken, sehen, einander sehen! Es kommt darauf an, Herzen zu öffnen; verstehen zu wollen, ohne zu verdammen; lieben, ohne zu hassen. Jesus handelt aus dem festen Blick auf seinen himmlischen Vater. In seinem Tun enthüllt sich uns Gott als Ermutigung, den Blick zu heben und frei für das Tun des Guten zu werden. Wann, wenn nicht jetzt, wer, wenn nicht Du! Was Jesus leitet, ist Verpflichtung und Verheißung für die Seinen.
Es geht um den Sinn für den günstigen Augenblick, für das, was jetzt gilt, um Menschen beizustehen. Jesus heilt den Blindgeborenen. Wir spüren Jesu Geist und Kraft. Hier ist Licht, aus Licht geboren, Licht, das in die Welt flutet, Licht, das sich überträgt. Der Damm, der den Lichtfluss im Blinden stoppte, wird aufgebrochen. Das Medium ist Jesu Speichel, mit Erde vermischt, als Salbe aufgetragen, zum Auge geformt. Speichel begegnet uns in der antiken Medizin als Heilmittel. Speichel galt als Träger des Lebensgeistes. Was zur Menschwerdung ausstand, wird vollendet.
Hüte dein Auge, reinige deinen BlickDer besondere Zug, dass Jesus die Augen des Blinden mit einem Teig aus Speichel und Erde salbt, erinnerte schon die Ausleger der frühen Kirche an die Erschaffung Adams aus feuchter Erde. Einer von ihnen, Irenäus, führt aus, dass Jesus hier ergänzt, was in der Verborgenheit des Mutterleibs versäumt blieb. Alles ist hier konkret – alles ist symbolisch. Zur Heilung gehört die Waschung im Teich Siloah. Sein reines Wasser war berühmt und galt als heilkräftig. Die Wasser von Siloah nehmen mit dem Brei allen Unrat der Seele mit sich fort. Die Augen gehen auf. Der Blick ist frei!
Hüte dein Auge! Reinige deinen Blick! Es ist unser Vermögen zu lieben, d.h. aufmerksam zu sehen, das uns von Einbildung befreit. Die Heilung des Blindgeborenen steht für das Geschenk des freien Blicks. Sehen, das Licht spüren, im Glück der Augen die Welt kosten: Das heißt Mensch sein. Wunderbar bringt es Pablo Neruda in seiner „Ode an das Auge“ auf den Punkt: „Auge, wundersame Himmelskugel, … (du) verfolgst das Wachsen des Orangenbaums, stellst die Gesetze der Morgenröte unter Kontrolle, du … begegnest dem Strahl anderer Augen, und im Herzen entbrennt die Flamme.“ Amen.
Hinweise
Die Geschichte „Ein Dachgarten und zwei Welten“ ist entnommen aus: Nossrat Peseschkian, Der Kaufmann und der Papagei, Frankfurt/M 1979, S. 26.
Pablo Nerudas Ode an das Auge, in ders., Elementare Oden, Neuwied 1985, S. 339-343, Zitat auf S. 340.
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