12. Sonntag nach Trinitatis (23. August 2026)
1. Korinther 3,9–17
IntentionDie Vielfalt der Kulturen und Religionen unserer Zeit ist eine Bereicherung und zugleich eine Herausforderung im Blick auf verlässliche Orientierungen. Traditionen werden hinterfragt. Auch religiöse Entscheidungen können und müssen individuell getroffen werden. Durch die Predigt sollen die Hörerinnen und Hörer in ihrer von Gott geschenkten Identität gestärkt und ermutigt werden, ihren Glauben zu leben und damit ihre Verantwortung als Christenmenschen wahrzunehmen.
Eine Zeitreise nach KorinthSommerzeit ist Ferienzeit. Eine Zeit der Unterbrechung, Erholung und Neubesinnung. Für viele auch Urlaubszeit und Reisezeit.
Sie haben sich entschieden, heute Morgen die Kirche zu besuchen, um mit anderen zusammen Gottesdienst zu feiern. Sie alle haben ihren jeweils eigenen Grund, warum sie heute Morgen hier in der Kirche sind. Sie haben ihren Platz eingenommen zwischen Bekannten und Fremden oder auch ganz allein.
Ich lade Sie zu einer Zeitreise in die Jahre 53 bis 56 n. Chr. nach Korinth ein. Korinth ist die Hauptstadt der Provinz Achaia in Griechenland. Mit etwa 100.000 Einwohnern damals ist Korinth ein sehr bedeutendes Handelszentrum, eine pulsierende, wohlhabende und multikulturelle römische Metropole.
Hier begegnen wir unterschiedlichsten Kulturen und Religionen. Mehr an Multikulti als in Korinth kann man sich kaum vorstellen. Grundsätzlich gilt in dieser Stadt eine Gleichheit aller Kulturen und Religionen. Doch was sich nach großer Toleranz anhört, hat auch seine Schattenseiten. Korinth ist berüchtigt für extremen Reichtum. Wo viel Reichtum ist, da geht die Schere der sozialen Gegensätze weit auseinander: Armut, Gewalt, Kriminalität und Sittenlosigkeit sind sehr verbreitet.
Die christliche Gemeinde in KorinthIn dieser Stadt der Vielfalt und der Gegensätze treffen wir auf eine junge, kleine christliche Gemeinde. Die Menschen, die sich hier als Christinnen und Christen versammeln, kennen wenige christliche Traditionen. Ihre Wurzeln liegen im Judentum. Als Judenchristen brauchen sie eine richtungsweisende Orientierung, die ihnen hilft, ihren Glauben in all dieser Vielfalt zu leben.
Eine ihrer Grundfragen könnte sein: „Wieviel Anpassung an die hellenistisch-römische Kultur ist möglich? Wieviel Widerstand ist nötig?“
Christliches Leben in einer multikulturellen GesellschaftIch sehe die Christinnen und Christen des 1. Jahrhunderts vor ähnliche Herausforderungen gestellt wie wir es in unserer Zeit sind.
Die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Bewegungen in Europa nimmt zu. Sie ist sichtbar, wenn wir durch die Straßen der Städte gehen und auf die Sprachen der Menschen hören. Ich frage mich: Woran orientieren wir uns, um die Vielfalt als Bereicherung und nicht als Bedrohung zu erleben? Ich frage nach der Bedeutung und dem Auftrag der Kirchen in einer Zeit, in der mehr und mehr Kirchengebäude geschlossen werden oder überwiegend zur Besichtigung offenstehen. Christliche Gemeinden in Westeuropa haben ihre Stellung als Mittelpunkte in Kultur und Gesellschaft längst verloren. Wir befinden uns in einer Marktsituation mit abnehmender Stammkundschaft. Christliche Traditionen werden immer weniger von Generation zu Generation weitergegeben. Entscheidungen müssen individuell getroffen werden. Die Frage, ob wir unsere Kinder taufen lassen oder ob sie später selbst entscheiden sollen, ist nur eine unter vielen individuellen Entscheidungen. Diese können Freiheit bedeuten, aber auch zur Belastung und Überforderung werden, weil eine richtungsweisende Orientierung fehlt.
Stärkung der christlichen Gemeinde und ihrer GliederIn die Vielfalt der Angebote gilt es, eine Antwort zu geben auf existentielle Fragen wie: „Wer bin ich eigentlich“, und „Was hat das Leben für einen Sinn?“. Dazu schreibt der Apostel Paulus einen Brief an die christliche Gemeinde in Korinth. Er möchte die Menschen in ihrem Glauben stärken. Sie sollen sich ihrer von Gott gegebenen Identität bewusst sein. Ein Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief ist der heutige Predigttext. Als Überschrift könnte man „Was ist der Mensch in den Augen Gottes?“ darüberschreiben. In diesem Sinn fragt Psalm 8: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“
Hören wir unter dieser Ausrichtung auf 1. Korinther 3, Verse 9–17:
„Wir sind Gottes Mitarbeiter;
Ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.
Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf.
Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk einem jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.“
Was ist der Mensch, dass du (Gott) seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?Wer bin ich in den Augen Gottes? Wer sind wir als christliche Gemeinde, zumal in einer Zeit, in der die öffentliche Bedeutung der Kirche kleiner wird? In mehreren Bildern gibt Paulus Antworten, nämlich:
(1) Ihr seid Gottes Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; (2) ihr seid Gottes Ackerfeld; (3) ihr seid Gottes Bau; und schließlich: (4) Ihr seid Gottes Tempel.
Besonders dieses letzte Bild ist unerwartet, weil der Tempel das Heiligtum einer Religion bezeichnet. Paulus schreibt: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ Das seid ihr! Ein starkes Bild, in dem Paulus den Menschen als Raum der Gegenwart Gottes beschreibt. Gott ist nicht in Kathedralen, Tempeln, Kirchen oder sogenannten Heiligen Stätten. Gott verortet sich im Menschen. Das bedeutet: Seine Existenz und seine Gegenwart sind unabhängig von der Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft. Diese Zusage ist zeitlos. Sie gilt der kleinen Gemeinde in der großen Multikulti-Stadt Korinth. Genauso gilt sie uns, die wir zwischen anderen Religionen, Kulturen, Traditionen und Bewegungen unseren christlichen Glauben buchstabieren. Paulus stärkt seine Adressaten in ihrer Suche nach Identität. Er antwortet auf die Frage: „Wer bin ich und was hat mein Leben auf dieser Erde für einen Sinn?“
Der göttliche Grund im Leben eines Menschen ist gelegt. Wir müssen uns diesen nicht erarbeiten oder verdienen. Das Herzstück unserer Identität ist Gott in Jesus Christus. Paulus formuliert als Basis: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Von ihm her erschließt sich unser Menschsein. Es tut gut, der göttlichen Wirklichkeit in uns Menschen immer wieder nachzuspüren. Gerade in Krisenzeiten, wenn der Grund unter unseren Füßen wankt und plötzlich hinterfragt wird, was wir glauben. Wenn Menschen zum Beispiel begründen müssen, warum sie sich kirchlich trauen lassen oder warum sie ihre Kinder taufen lassen. Der Marktplatz der Kulturen, Religionen und Bewegungen ist groß und bunt. Er ist eine Bereicherung – und zugleich eine Herausforderung, sich darin zurechtzufinden. Es ist nicht unsere Aufgabe, diejenigen Menschen, die sich an verschiedenen Ständen bedienen, zu bewerten, zu beurteilen oder gar zu verurteilen. In Korinth wurde die Vielfalt als gleichwertig angesehen. Auch Paulus spricht nicht gegen Vielfalt. Für ihn ist die Existenz Gottes in Jesus Christus grundlegend: Sie ermöglicht Vielfalt. Paulus sagt in Bildern, wer wir als Christinnen und Christen sind: Ihr seid Gottes Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld; ihr seid Gottes Bau; und ihr seid Gottes Tempel.
Geschenkte Menschenwürde und VerantwortungIn Christus gründet unsere unanfechtbare Würde. Von ihm her unsere Gaben, Grenzen und Aufgaben bestimmt. Wer sich seiner Würde bewusst ist, muss andere nicht kleinmachen, demütigen oder verurteilen. Dennoch müssen wir uns zu Recht fragen lassen, warum in Geschichte und Gegenwart auch durch Christenmenschen viel Unheil geschah und geschieht. Dieser Frage können wir uns nicht entziehen.
Eine göttliche Würde ist uns von Gott verliehen. Leider verhindert sie die Auswirkungen unserer menschlichen Schattenseiten nicht. Wenn wir jedoch unser Leben im Lichte Gottes betrachten, dann dürfen wir unsere Schatten nicht verdrängen oder ignorieren. Christus entlässt uns nicht aus unserer Verantwortung gegenüber der großen und kleinen Welt, in der wir leben. Mit unseren Gaben, aber auch mit unseren Grenzen, sind wir beteiligt an der Pflege des göttlichen Ackerfeldes und am Bau Gottes in der Welt. Die Baumaterialien, die wir in die Hand nehmen, sind unterschiedlich. Paulus spricht von Gold, Silber, Edelsteinen, Holz, Heu und Stroh. Mit dem, was uns zur Verfügung steht, sind wir gefordert, mit Hand anzulegen, damit Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Frieden sich küssen, wie es in Psalm 85 so schön formuliert ist. Was Bestand hat, wird sich am Ende der Zeiten zeigen. Gutes wird Bestand haben. Zerstörerisches wird verbrennen. An der Tatsache jedoch, wer wir vor Gott sind, wird sich aufgrund unseres Tuns und Lassens nichts ändern. Wir sind Gottes Tempel, Gottes Bau, Gottes Ackerfeld, Gottes Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und der Geist Gottes wohnt in uns.
Auf unserer Reise durch das Leben nehmen wir den Brief des Paulus an die Menschen in Korinth mit hinein in unseren Alltag.
Würdig und demütig beten wir immer wieder mit den alten Worten:
Christus kehre ein in dieses Haus
und lass deine heiligen Engel darin wohnen.
Sie mögen uns in Frieden behüten.
Dein heiliger Segen sei alle Zeit über uns, um uns und in uns.
Darum bitten wir durch Christus,
unseren Bruder und Herrn. Amen.
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