13. Sonntag nach Trinitatis (30. August 2026)
Apostelgeschichte 6,1–7
IntentionGemeindeleitungen stehen bleibend vor der Aufgabe, auf Entwicklungen, gegebenenfalls auch Konflikte zu reagieren. Leitend muss die Frage sein: Wie kann das geistlich-theologische Profil der Gemeinde so geschärft werden, dass die Lösung dem Evangelium entspricht. Apostelgeschichte 6 gibt spannende Hinweise.
Keine und keiner kann allesKeine und keiner kann alles. Wir alle sind keine Tausendsassas. Und wir sind verschieden begabt. Dafür schärft uns das Neue Testament den Blick. Dem einen geht leicht von der Hand, was dem anderen schlaflose Nächte bereitet. Darum ist es sinnvoll, Aufgaben den Begabungen entsprechend zu verteilen.
Keine und keiner kann alles erledigen, was zu tun ist. Jede und jeder von uns hat nur begrenzt Zeit und Kraft. Aufgabenteilung ist notwendig. Das Miteinander funktioniert am besten, wenn sich alle nach Gaben und Erfahrungen, nach Kräften und Möglichkeiten einbringen.
So weit, so einleuchtend. Oder doch nicht? Arbeit will getan sein. Sie findet erfahrungsgemäß immer diejenigen, die sie zu tun bereit sind, die Gutmütigen, die Willigen. Zugegeben, die jeweils gegebene Leistungskraft ist verschieden. Aber auch der Leistungswille. Diejenigen, die viel zu leisten bereit sind, werden darum leicht überbelastet. Oft auf Kosten von deren Familie und Gesundheit. Und oftmals bis zum Burnout.
Nein, ich denke dabei nicht allein oder zuerst an die Arbeitswelt. Ich denke auch an das, was in unseren Gemeinden geschieht. Auch da sind die Hoch-engagierten und Einsatzwilligen oft überbelastet. Was tun?
Ein Beispiel für das, was getan werden kann, wird uns in Apostelgeschichte 6 berichtet:
„In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.“
Unzufriedenheit verschafft sich Luft. Beschwerden werden laut vorgebracht. Ein handfester Konflikt entwickelt seine Dynamik. Eine größere Gruppe in der frühen Jerusalemer Gemeinde, die griechisch-sprachigen Judenchristen, sieht sich benachteiligt. Ihre Witwen werden nicht in gleicher Weise von der Gemeinde betreut und versorgt, wie die Witwen der Einheimischen. Sie werden bei der täglichen Versorgung nicht berücksichtigt, einfach übersehen. Der Gemeindefrieden ist empfindlich gestört. Es besteht dringender Handlungsbedarf.
Mit Konflikten umgehenDas mag beruhigen: Wir sind nicht die Ersten, die vor der Frage stehen, wie Aufgaben in der Gemeinde bewältigt werden können. Wir sind nicht die Ersten, die mit Konflikten, mit Unzufriedenheit und Unfrieden in den Gemein-den zu kämpfen haben.
So ist das, wo Menschen beisammen sind: Es kommt zu Versäumnissen, Irritationen, Spannungen, Blockierungen, Missverständnissen und Konflikten. Unsere Gemeinden sind da nicht ausgenommen. Die Ursachen sind vielfältiger Natur.
In Jerusalem war der Grund ein erfreulicher: Die Gemeinde wuchs. Und die Apostel konnten die vielfältigen Erwartungen nicht mehr zufriedenstellend erfüllen. Es war ihnen nicht möglich, für alles zuständig zu sein und alle im Blick zu haben. Sie waren durch die erwartete Allzuständigkeit schlichtweg überfordert.
Bei uns entstehen die Spannungen derzeit unter entgegengesetztem Vorzeichen. Die Gemeinden werden kleiner. Strukturen und Angebote müssen an-gepasst werden. Was bisher Aufgabe von Hauptamtlichen war, muss künftig von Ehrenamtlichen übernommen werden. „Downsizing“ heißt die Aufgabe, wie man heute mit einem englischen Wort sagt. Das erzeugt Ängste und Unmut.
Wie gehen die Apostel in Jerusalem vor? Ich sag’s vorweg: Das Konfliktmanagement der Apostel ist vorbildlich! Sie werden nämlich sogleich tätig, machen sich ein Bild, informieren sich. Sie gehen den Konflikt an, bevor er „heiß“ geworden und in seiner Dynamik nicht mehr zu kontrollieren ist.
Die Apostel berufen eine Gemeindeversammlung ein, um den Konflikt in der Gemeinde mit der Gemeinde zu beraten. Miteinander suchen sie nach Wegen der Abhilfe. Die ihnen entgegengebrachten Erwartungen sehen die Apostel als Aufgabe der Gemeinde an. So werden alle an dem Konflikt Beteiligten an seiner Lösung beteiligt. Die Apostel tun, was ihre Leitungsaufgabe ist: Sie unterbreiteten einen Vorschlag. Der leuchtet allen ein und wird von allen einmütig angenommen. Im Konfliktfall ist dies der Idealfall. Einmütigkeit ist anzustreben.
Gute Lösungen schaffenVon diesem Vorgehen kann jede Gemeinde und Gemeindeleitung lernen. Doch nicht nur davon, sondern auch von dem bemerkenswerten Vorschlag der Apostel zur inhaltlichen Lösung des Konfliktes.
Man war sich einig: Der Missstand, der den Konflikt ausgelöst hatte, musste beseitigt werden. Die Witwen der Diaspora-Judenschaft sollen genauso versorgt werden wie die anderen.
Es ist leider nicht immer so einfach und klar, wie die Lösung eines Konfliktes aussehen kann. Beim sogenannten Apostelkonvent – in Kapitel 15 der Apostelgeschichte wird uns von ihm erzählt – gibt es ein heftiges theologisches Ringen und eine lange Diskussion. Einvernehmliche Lösungen sind manchmal schwer zu finden, und nicht alle sind sofort mit einem vorgeschlagenen Lösungsweg einig. Dann muss diskutiert werden und miteinander gerungen werden, auch wenn dies Mühe macht. Vielleicht muss auch Hilfe von außen erbeten werden. Es kann schwer sein, einen Kompromiss zu finden, dem alle zustimmen können.
In welchem Gemeindeteil soll die Pfarrperson wohnen? Wann und in welchem Rhythmus finden wo unsre Gottesdienste statt? Welche Gebäude brauchen wir wirklich? Es kostet Zeit und Kraft, solche Fragen befriedigend zu beantworten. Es braucht Bereitschaft zu Verzicht und Kompromiss bei allen Beteiligten. Es darf nicht nur Gewinner und Verlierer geben.
Der Lösungsvorschlag der Apostel ist dieser: Sieben Männer mit gutem Ruf und voll Heiligen Geistes und Weisheit sollen berufen werden und den dia-konischen Dienst in der Gemeinde wahrnehmen. Die Begründung der Apostel: Wir können nicht für alles zuständig sein. Wir dürfen uns nicht verzetteln. Unsere Aufgaben sind Gebet und Verkündigung.
Die Apostel setzten klare Prioritäten. Einleuchtend zeigten sie die Alternative auf: Wenn wir die Versorgung der griechischsprachigen Witwen übernehmen, können wir unsren ureigenen Auftrag nicht in der nötigen Sorgfalt erledigen. Dann kommt unser Dienst, das Wort Gottes zu verkündigen, zu kurz. Dann haben wir nicht mehr die erforderliche Zeit und Ruhe zum Gebet. Deshalb müssen andere für die diakonische Aufgabe gefunden werden. Das wird anerkannt und getan.
Der Bericht des Lukas liest sich, als wären die sieben neuen Mitarbeiter schnell gefunden worden. Das mag ja der Fall gewesen sein. Vielleicht lesen wir aber auch etwas in den Bericht hinein. Mitarbeitergewinnung ist in der Gemeinde Jesu selten eine leichte Aufgabe. Wie gesagt: Mitarbeitende sollen ja nach Gaben und Möglichkeiten eingesetzt werden. Ehrenamtlich Mitarbeitende zumal.
Dringliches und Wichtiges unterscheidenDie Apostel unterscheiden Dringliches und Wichtiges. Sie setzten für sich ei-ne Priorität, die für die Gemeinde Jesu zu allen Zeiten gilt: Verkündigung und Gebet stehen an erster Stelle. Sie dürfen nicht vernachlässigt werden. Sie sind gleichsam das Rückgrat jeder Gemeindearbeit. Sie sind das Wichtigste.
Diese klare Entscheidung der Apostel setzt ein Fragezeichen hinter viele Aufgabenbeschreibungen von Pfarrerinnen und Pfarrern und die Gemeindeerwartungen an sie. Die teils übernommene, teils zugeschriebene All- und Alleinzuständigkeit verhindert, dass in ihrem Kalender das Wichtigste das Wichtigste ist. Deshalb die direkten Fragen: Haben Pfarrerinnen und Pfarrer genügend Zeit für Bibelstudium, Gebet und Predigtvorbereitung? Was ist uns das Wichtigste? Und was ist nur dringlich?
Die Dringlichkeit des Dringlichen, sprich: Die Versorgung der bisher vergessenen Witwen, wird nicht in Frage gestellt. Diakonie und Verkündigung werden nicht gegeneinander ausgespielt. Aber die Aufgaben werden aufgeteilt. So sind sie jeweils in befriedigender Weise zu erfüllen. So werden Dringliches und Wichtiges miteinander versöhnt.
Geeignete Mitarbeiter findenDie Apostel nennen für die Gewinnung der neuen Mitarbeiter anspruchsvolle Kriterien: Sie sollen einen guten Ruf in der Gemeinde haben und voll Geist und Weisheit sein. Hängen die Apostel die Erwartungen nicht viel zu hoch? Geht es im diakonischen Dienst nicht hauptsächlich um eine praktisch-organisatorische Aufgabe? Werden da nicht Managertypen und Organisationstalente gebraucht, um die Aufgaben zu erledigen?
Für die Apostel ist klar und das sollte auch uns zu denken geben: Jede Aufgabe in der Gemeinde ist eine geistliche Aufgabe – die Mitarbeit im Kirchengemeinderat, die Leitung einer Jungschar, der Besuchsdienst, das Kaffeekochen. Egal, um welche Aufgabe es sich handelt. Alles.
„Wer kann dann aber Mitarbeiter sein?“ So fragen sie vielleicht. Nun, es geht nicht um Perfektion. Mitarbeiter brauchen keine fehlerfreien Menschen und perfekte Christen zu sein. Aber die Verwurzelung in der Gemeinde und ihrem Gottesdienst muss gegeben sein. Ein geistliches Leben muss gewollt sein, wenn jemand zur Mitarbeit in der Gemeinde berufen werden soll. Wenn dieses gegeben ist, kann jemand in und mit seinen Aufgaben wachsen. Auch geistlich.
Seit damals entwickelte sich das Diakonenamt. Jerusalem ist zum Vorbild für eine diakonische Gemeinde geworden. Die sieben Männer werden gefunden und unter Gebet und Handauflegung der Apostel in den Dienst gestellt. Übrigens, das verraten die Namen, Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Insbesondere Stephanus und Philippus, so berichtet die Apostelgeschichte, waren leidenschaftliche Evangelisten. Diakonie und Verkündigung stehen nicht in Konkurrenz, sie bedingen, sie brauchen einander. Bis heute.
Ich komme zum Anfang zurück: Niemand kann alles. Keine und keiner kann alles tun. Eine All- und Alleinzuständigkeit der Pfarrerinnen und Pfarrer für das Gemeindeleben lässt sich nicht aus der Bibel lesen. Und eine Rundum-Versorgungsmentalität der Gemeindeglieder ebenso wenig. Die ganze Gemeinde ist dafür verantwortlich, dass getan werden kann, was jetzt und hier wichtig ist, und auch, was für dringlich erachtet wird. Überbelastungen einzelner sind nicht gut. Und nicht gottgewollt. Die Gemeinde lebt davon, dass alle Mitglieder ihre Gaben und das ihnen Mögliche einbringen. Dann kommen die vielen Gaben, die Christus zum Wohl aller schenkt, zur Entfaltung. Und alle sind für alle ein Geschenk.
So erfüllt die Gemeinde Jesu ihren Auftrag in unserer Welt. Amen.
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