14. Sonntag nach Trinitatis (06. September 2026)
Lukas 19,1–10
IntentionDie Predigt versucht, sich in die Person des Zachäus einzufühlen, und nimmt dessen Sicht der Dinge, seine Erfahrungen, aber auch seine Sehnsucht nach einer Begegnung mit Jesus auf. Auf diese Weise erschließen sich eine ganze Reihe von Perspektivwechseln und -wandlungen. Sie können zu einem Schlüssel werden, die Erzählung für uns heute neu zu hören.
PredigttextUnd er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Liebe Gemeinde,
wissen Sie, was ein „Scheinriese“ ist? Der „Scheinriese“ ist eine Figur aus Michael Endes Erzählkosmos. Er kommt in der Reise vor, die Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, mit der Lokomotive „Emma“ nach China unternehmen. Dabei bestehen sie eine ganze Reihe von Abenteuern und begegnen unter anderem auch einem „Scheinriesen“. Eine wunderbare Figur! Der „Scheinriese“ ist – wie seine Bezeichnung sagt – nämlich nur scheinbar riesig. Aus der Ferne betrachtet wirkt er wie ein gigantisches Wesen, das aufgrund seiner enormen Körpergröße einschüchtert und beängstigt. Doch je näher man dem „Scheinriesen“ kommt, desto kleiner wird er. Begegnet man ihm schließlich auf Augenhöhe, ist er gar nicht mehr groß, geschweige denn riesenhaft, sondern ein ganz normales, fast eher noch ein wenig kleineres Männchen.
Der „Scheinriese“ ist also eine Sache der Perspektive, allerdings der umgekehrten Perspektive. Gewöhnlich wirken Dinge in unserer Umgebung perspektivisch verkleinert. Die wahren Größenverhältnisse zeigen sich, je näher wir den Dingen sind. Im Herannahen wachsen sie an. Michael Ende greift dieses Phänomen auf und dreht es um. Nicht aus Spielerei oder weil er ins märchenhafte Fabulieren verliebt wäre, sondern weil er damit auf etwas aufmerksam machen will, was es durchaus gibt – nicht im dreidimensionalen Raum, aber in unserer Seelenwelt. Oft erscheinen uns Dinge, die angegangen werden müssen, riesengroß: ein Arbeitstag, eine Schulaufgabe, ein unangenehmes Gespräch, die Steuererklärung… Wenn wir sie dann anpacken, schrumpfen sie bisweilen, und am Ende hat man das Gefühl: Na, so schlimm war es nun wirklich nicht. Manchmal werden Dinge kleiner, wenn wir ihnen näher sind. Doch solange wir sie auf Abstand halten oder vor uns herschieben, erscheinen sie riesengroß und flößen falschen Respekt ein.
Eine Frage der PerspektiveVieles im Leben ist eine Frage der Perspektive, und manches verändert sich deutlich durch einen Perspektivwechsel. So geht es mir mit der Geschichte, die im heutigen Predigttext erzählt wird. Zachäus erlebt einen Perspektivwechsel. Und zwar gleich in doppeltem Sinn: Es verändert sich seine eigene Perspektive und die anderer auf ihn. Die Jünger Jesu (und damit wir!) erleben als Beobachter der Szene diesen Perspektivwechsel. Und die Menschen um Zachäus herum (und damit wiederum wir!), die ihn nun lange genug kannten und an diesem Tag etwas Neues an und mit ihm erleben, werden eingeladen, einen Perspektivwechsel mit zu vollziehen.
Die Erzählung von Zachäus ist im Neuen Testament einzigartig. Es gibt sie nur bei Lukas – nicht dem Lokomotivführer, sondern dem Evangelisten! Und er erzählt sie auf eine bestechend schöne Weise. Kinder lieben diese Geschichte. Aber es ist eben nicht nur eine Kindergeschichte, sie eignet sich auch bestens für Erwachsene. So wie es vieles gibt, was kindlich ist und doch auch uns Erwachsenen guttut und für uns lehrreich sein kann. „So ihr nicht werdet wie die Kinder …“
Auch Kinderspiele haben übrigens etwas mit Perspektiven und Perspektivwechsel zu tun, ganz gleich, ob es um den Klassiker eines kindlich inszenierten Familiensettings geht, um die Puppenstubenwelt oder die Spielzeugautos, die über die Muster des Teppichs fahren. Eine Zeitlang war eine Fernsehsendung ein großer Hit, in der kleine Menschen (Kinder) gegen große Menschen (Erwachsene) antraten und sie herausgefordert haben. „Klein gegen Groß“ hieß sie. Kinder hatten das Selbstbewusstsein, etwas besonders gut zu können und darin besser zu sein als mancher Erwachsene und wollten sich nun mit ihnen messen. Und oft genug ging es auf: Kinder erwiesen sich als wendiger und schneller, sie hatten offensichtlich das bessere Gedächtnis, die größere Auffassungsgabe und die raschere Reaktionsfähigkeit.
Klein gegen groß„Klein gegen groß“ könnte nicht nur die Geschichte von David und Goliath, sondern auch die Zachäus-Erzählung überschrieben sein. Zachäus war von kleiner Gestalt und deswegen offensichtlich benachteiligt, jedenfalls wenn es darum ging, in einer Menschenmenge zu stehen und etwas sehen zu wollen. Kleine werden leicht übersehen. In anderen Zusammenhängen erwies sich der kleine Zachäus allerdings gar nicht als so klein, wie er von Körpergestalt her war. Als Zollverwalter saß er am längeren Hebel, wenn es um Geld ging. Dann hatte er das Sagen und die anderen das Nachsehen. Da war er der Große, der Mächtige, der „King“! Vielleicht hing beides miteinander zusammen, und Zachäus hat seine Körpergröße und den Nachteil, den er hierdurch erfuhr, auf diese Weise kompensiert. Wäre nicht das erste Mal!
In Sachen Geld hatte Zachäus jedenfalls die Nase vorn, oder sagen wir besser: die Nase oben, denn Macht und Einfluss haben ihn arrogant werden lassen. Er arbeitete mit der römischen Besatzungsmacht zusammen, galt als korrupt, verlangte mehr als erforderlich und ließ den Überschuss in seine Tasche wandern. Das machte ihn sehr reich, den kleinen Zachäus, und auf diese Weise groß: Er konnte sich vieles leisten, mehr als andere. Und es machte ihn auch wiederum unbeliebt. Ob aus Neid oder weil man seine Betrügereien zu Recht hasste – Zachäus war nicht gerne gesehen bei den anderen. Um ihn, den „Gernegroß“, machte man lieber einen Bogen, wenn man nicht unbedingt mit ihm zu tun hatte. So werden manche, die groß rauskommen wollen, gemieden und andere, die vielleicht wirklich Größe haben, klein gemacht.
Der Bauch genährt, die Seele durstigGroß oder klein, einflussreich oder schwach, beliebt oder gemieden, im Zentrum des Geschehens oder randständig – das alles ist eine Frage der Perspektive in der Geschichte des Zachäus. Man kann ihn so oder so sehen. Und das gilt auch für die Frage: War er denn nun reich oder doch eher arm? Ein reicher Hund oder eben doch nur – eine „arme Sau“?
Wahrscheinlich konnte sich der Zolleinnehmer Zachäus so manches leisten im materiellen Sinn, aber arm blieb er trotzdem. Liebe kann man sich nicht kaufen. Die Erfahrung, nicht nur nicht geliebt, sondern geradezu gemieden zu werden, macht einsam. Zachäus war einsam, finanziell zwar abgesichert, doch sozial abgeriegelt. Der Bauch ist genährt, aber die Seele durstig.
Das kommt sehr schön in Zachäus’ Bedürfnis zum Ausdruck, diesen Jesus zu sehen, ihn einmal aus nächster Nähe zu erleben. Doch wie anstellen bei seiner Kleinheit? Dass Zachäus befürchten musste, Jesus im Gedränge der Menschenmenge gar nicht zu Gesicht zu bekommen, war vielleicht ein Grund für ihn, auf einen Baum zu steigen und die Szene von oben zu betrachten (auch ein Perspektivwechsel – und wiederum passend für einen, der gerne den eigenen Kopf über den anderen hielt). Doch es gibt mindestens noch einen Grund für diese Idee: Da Zachäus unbeliebt war, hätten die anderen ihn womöglich weggestoßen. Überhaupt, wollte er sich den anderen denn zeigen? Wollte er ihnen begegnen? Sollten sie erfahren, dass er diese Neugier in sich trug, Jesus zu erleben?
Zachäus hatte manches zu verbergen, nicht nur die Machenschaften um seinen unehrlich erworbenen Reichtum, sondern auch seine Gefühle, sein Innenleben, seine Bedürfnisse. Das ging niemanden etwas an. Wer einsam ist, verstrickt sich oft noch mehr in seine Einsamkeit, weil er verlernt hat, sich zu öffnen – oder es sich einfach nicht mehr traut.
Sich verbergen und – gefunden werdenUnd so bahnt sich der nächste Perspektivwechsel in dieser Geschichte an, zunächst ganz räumlich, dann aber auch mit enormen Auswirkungen in den innerseelischen Dimensionen.
Ich stelle mir diese Szene gerne bildlich vor: wie Zachäus da oben im Baum sitzt und herunterschaut, und wie Jesus zu ihm hinaufsieht – vielleicht weil er einen Schatten in den Blättern bemerkt, ein Rascheln hört, ein Ast sich übermäßig neigt… Interessanterweise sehe ich diese Szene immer aus der Perspektive von oben, also mit den Augen des Zachäus. Ich blicke ihm sozusagen über die Schulter, sehe mich mit ihm dort sitzen und sehe, wie Jesus seinen Blick nach oben richtet und von unten Zachäus und mich ansieht.
So geschieht der Wechsel: Der Verborgene wird entdeckt, aber auch das, was versteckt gehalten wird, darf hervortreten und sichtbar werden; es wird gefunden. Auch dies ein Kinderspiel, aber zugleich mehr als das! Nichts ist langweiliger als wenn man beim Versteckspiel nicht gefunden wird. Und nichts ist öder und unerträglicher, wenn man sich verbirgt, sei es aus Scham oder aus Angst, und nicht gefunden wird, obwohl man sich doch im Grunde nichts sehnlicher wünscht als gesehen zu werden, wenigstens einmal!
Die Szene der Entdeckung des Zachäus im Baum durch Jesus hat nichts Peinliches. Jesus überspielt das sofort. Da wird nichts aus dem Verborgenen ins Licht gezerrt und dem Voyeurismus aller dargeboten. Zachäus wird nicht bloßgestellt. Er wird von Jesus geadelt: Ausgerechnet bei ihm will er zu Gast sein, bei ihm kehrt er ein, für ihn nimmt er sich Zeit.
Jesus meint ihn, ganz persönlich. Und ich erlebe beim Lesen dieser Geschichte: Er meint auch mich, er sieht mich an. Mit meiner Sehnsucht …
Ein aufgerichteter, aufrechter MenschWeitere Perspektivwechsel reihen sich an: Der eher verschlossene Zachäus öffnet Jesus die Türen seines Hauses – mit Freuden. Er erweist sich als Gastgeber und wird im Verlauf des weiteren Gesprächs, dessen Inhalt Lukas diskret verschweigt, ein Gast bei Jesus. Denn Jesus nimmt Zachäus, den Ausgegrenzten, auf diese Weise auch bei sich auf, in seine Gemeinschaft.
Im Gespräch mit Jesus fokussiert sich das ganze Leben des Zachäus in einem einzigen Moment, wie in einem Brennglas. Und Jesus verhilft Zachäus dazu, dieses – sein – Leben mit anderen Augen neu zu sehen. Anders lässt sich die Kehrtwende am Ende kaum deuten, die aus dem Betrüger einen ehrlichen Menschen und Wohltäter macht. Und indem Zachäus die Freiheit gewinnt, seinen unehrlich erworbenen Reichtum zurückzuerstatten, ja anderen einen Gewinn daraus zu gewähren, wächst in ihm zugleich die Freiheit, ein anderer Mensch zu werden.
Was für eine einzigartige Bereicherung – diese Begegnung mit Jesus an diesem Tag! Welche neuen Lebensverhältnisse erschließen sich Zachäus im Freiraum der Liebe und Zugewandtheit Jesu. Und aus dem „Scheinriesen“ Zachäus, dem Zollgiganten, an dem man nicht vorbeikam, wird nun, aus der Nähe betrachtet, – nein, kein kleines, mickriges Männchen, sondern – ein aufrechter Mensch, mit Würde bekleidet. Amen.
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