Erntedank (04. Oktober 2026)
Markus 8,1–9
IntentionDie Predigt will ermutigen anzufangen. Wer anfängt, macht die gute Erfahrung, dass Hilfe möglich ist. Und solche Erfahrung wirkt weiter.
Predigttext8,1 In jenen Tagen, als wieder eine große Volksmenge (da) war und sie nicht(s) hatten, was sie essen konnten, sagt er, nachdem er die Jünger zu sich gerufen hat, zu ihnen: 2 „Ich habe Mitleid mit der Volksmenge, weil sie schon drei Tage bei mir bleiben und nicht(s) haben, was sie essen können. 3 Und wenn ich sie hungrig nach Hause gehen lasse, werden sie auf dem Weg zusammenbrechen. Denn einige von ihnen sind von weither da.“ 4 Und seine Jünger antworteten ihm: „Wie wird man diese hier in der unbewohnten Gegend mit Brot satt machen können?“ 5 Und er fragte sie: „Wie viele Brote habt ihr?“ Und die sagten: „Sieben.“ 6 Und er befiehlt der Volksmenge, sich (zum Mahl) auf der Erde zurückzulehnen. Und nachdem er die sieben Brote genommen, gedankt hatte, brach er (sie) und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie vorsetzten, und sie setzten sie der Volksmenge vor. 7 Und sie hatten wenige Fischchen. Und nachdem er sie gesegnet hatte, sagte er, dass sie auch diese vorsetzen sollten. 8 Und sie aßen und wurden gesättigt, und sie räumten die Überreste an Stücken in sieben Körbe ein. 9 Es waren aber etwa Viertausend. Und er ließ sie gehen.
Predigt„Ach ja, die Geschichte kenne ich“ haben Sie gerade wahrscheinlich gedacht. „Die wird oft am Erntedankfest erzählt.“ Und die sehr vernünftige Erklärung kommt gleich hinterher: Wenn man teilt, was da ist, dann reicht es für alle. Die Speisung der 5000, die nichts zu essen hatten – wunderbarerweise werden alle satt. Immer wieder versucht man, rational zu erklären, was da passiert ist. Vielleicht hatte ja doch jeder ein bisschen was dabei, Brot und Fisch. Und als sie gesehen haben, wie Jesus und seine Jünger das Wenige geteilt haben, was sie hatten – da haben die Menschen es ihnen nachgetan. Sie haben das Vorbild gesehen, und wirklich, es hat geklappt. Alle wurden satt.
Eine schöne GeschichteDas ist ja auch wirklich eine schöne Geschichte, passend zum Erntedank. Da führen wir uns vor Augen, wie gut es uns geht. Wir sagen danke dafür und sind froh, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, jedenfalls nicht um Essen und Trinken. Wir hören die Geschichte von damals im Gottesdienst, wir erzählen sie seit 2000 Jahren in Kindergarten und Schule, so wie Markus sie damals für die ersten Christen erzählt und aufgeschrieben hat. Teilen! Sollen wir verstehen, dann muss sich keiner Sorgen machen um Essen und Trinken.
Aber die Realität ist andersAber im Jahr 2026, knapp 2000 Jahre später gibt es immer noch viel zu viele, die nicht genug zu essen haben. 673 Millionen Menschen gelten als unterernährt (2024), sind von Wachstumsverzögerung bei Kindern, Auszehrung bei Kindern und Kindersterblichkeit betroffen. Das sind 8 % der Weltbevölkerung. Gleichzeitig müssen wir im wohlhabenden Teil der Erde ermahnt werden, nicht zu viele Lebensmittel wegzuwerfen. Warum klappt das nicht mit dem Teilen? Hat es denn damals bei Jesus geklappt, oder ist das nur unsere naive Vorstellung von dem, was damals passiert ist? In der Geschichte ist nicht davon die Rede, dass Jesus irgendwie – Hokuspokus – aus wenig viel gemacht hat. Was also hat es mit dieser Geschichte auf sich? Wenn das doch alles nach unserer Erfahrung nicht klappt, ja gar nicht klappen kann – warum erzählen wir seit Jahrhunderten von der Speisung dieser 5000?
Was ist das Besondere dieser Geschichte?Aber halt! War in unserem Bibelabschnitt nicht von 4000 Menschen die Rede? Tatsächlich! Markus erzählt die Geschichte zwei Kapitel weiter ein bisschen mehr ausgeschmückt noch ein zweites Mal. Und sie findet sich auch bei Matthäus, Lukas und Johannes. Alles vier Evangelisten erzählen, was sie erlebt haben, wo Menschen miteinander und mit Jesus essen. Alle werden satt! Und wahrscheinlich sollen wir heute hören: So kann es auch bei euch sein, wenn ihr im Geist und im Sinne Jesu miteinander esst und trinkt. Was ist das Besondere an dieser Geschichte, wie muss es gehen, damit es klappt mit dem Sattwerden?
EmpathieDas erste: Jesus sieht die hungrigen Menschen; und das geht ihm nahe. „Ich habe Mitleid mit ihnen“ heißt es in unserer Lutherübersetzung. Genau müsste es heißen: „Es geht mir an die Nieren“ oder „es fährt mir in die Eingeweide“. Das ist mehr als Bedauern. Jesus kann das fühlen, wie es ihnen geht. Er kann fühlen, wie das ist, wenn man Hunger hat. Vielleicht hatten manche ihre Kinder dabei, wo hätten sie die sonst tagelang lassen sollen. Wie sich das wohl anfühlt, wenn die eigenen Kinder Hunger haben, tagelang, und man kann ihnen nichts geben? Jesus weiß, wie weh das tut. Jesus denkt an die anderen. Vor ein paar Wochen sind Zehntausende übers Mittelmeer in die spanische Enklave Ceuta gekommen – schwimmend. Sie hofften dort auf ein besseres Leben. Sie hatten nur das wenige, was sie am Leib hatten, sie waren nass und erschöpft, sie hatten nichts zu essen, keinen Schlafplatz. Was haben wir gedacht, als wir die Bilder im Fernsehen gesehen haben? Ist es uns in die Eingeweide gefahren? Oder hatten die meisten Angst, dass Europa nun aufs Neue überrannt wird von Migranten? Die Einwohner von Ceuta, das versteht man, die waren verstört: Die Flüchtlinge waren fast so viele wie sie selber. Aber darüber hinaus: In ganz Europa hat man überlegt, wie man die nassen und hungrigen Menschen so schnell wie möglich wieder loswird. Und als schließlich nur noch ein paar hundert Minderjährige übriggeblieben waren, da hatte man nicht mal Platz und Schutz für die. Die satten Europäer konnten nicht fühlen, wie es den Menschen ging, die da durchnässt und entkräftet übers Meer kamen. Die spürten nur ihre Ängste vor den vielen Fremden. Die dachten nur an sich.
Genauso, wie die Jünger damals. Das geht doch nicht, haben die gesagt. Wie kann man so viele satt machen. Wir können das nicht. Wir schaffen das nicht. Die Jünger sehen nicht auf die anderen. Sie sehen zuerst auf sich selber. „Das ist unmöglich!“ Und dann sagen sie mit gutem Gewissen: Es geht einfach nicht! Tut uns leid. Was tut ihnen leid? Die nassen, entkräfteten Menschen da? Oder tun sie sich selber leid, weil sie sich überfordert fühlen? Weil sie ihren Wohlstand in Gefahr glauben oder ihre Kultur? Heute sind es nicht einmal nur die Privatleute oder die Ehrenamtlichen, die sich überfordert fühlen. Viele Politiker reden auch so: Es geht einfach nicht. Wir können sie unmöglich alle aufnehmen. Wir schaffen das nicht. So kann man „Nein“ sagen und ein gutes Gewissen dabei haben.
Jesus fängt anUnd Jesus? Der sieht die Schwierigkeiten wahrscheinlich auch. Er macht auch den mutlosen Jüngern keine Vorwürfe wegen ihrer Mutlosigkeit. Aber er sieht: Hier ist Hilfe nötig. Jetzt. Er fragt nach. Was haben wir? Er sagt nicht: Das ist ja lächerlich, ihr habt recht. Es geht nicht. Er dankt für das, was da ist. Und dann verteilt er, was sie haben. Da reicht es für alle. Alle werden satt. Ich weiß nicht, wie das möglich war. Aber so war das offenbar, wenn man mit Jesus gegessen und getrunken hat. Das war die Erfahrung der Menschen um Jesus, von der Markus hier erzählt. Wenn man anfängt auszuteilen: Dann geht es. Anfangen. Man darf nicht ängstlich zögern. Dann kann man solche Erfahrungen machen.
Mit guten Erfahrungen weiter gehenAls alle satt sind, lässt Jesus sie gehen. Einfach so. Er erwartet keine Gegenleistung. Er ermahnt sie nicht. So wie er ihnen am Anfang keine Vorwürfe gemacht hat. Warum habt ihr denn nichts mitgebracht? Es muss doch jeder für sich selber sorgen. Ihr könnt doch nicht erwarten, dass wir für euch sorgen. Das hat Jesus auch am Anfang nicht gesagt. Wer weiß denn auch, warum sie nicht für sich selber sorgen konnten? Was war ihnen passiert? Hatte sie womöglich jemand überfallen, ihnen ihre Lebensgrundlagen geraubt? Jesus macht den Hungrigen keine Vorwürfe. Auch nicht den ängstlichen Jüngern. Er gibt, was er kann. Und dann erwartet er keinen Dank. Er erwartet nichts, er lässt sie gehen. Aber sie haben jetzt eine Erfahrung gemacht. Eine gute Erfahrung. Die Erfahrung, dass es geht, wenn man will. Mit dieser Erfahrung gehen sie zurück nach Hause. Zurück in ihren Alltag.
Aus guten Erfahrungen lebenWie ist das, wenn ich mit so einer Erfahrung lebe? Wenn ich aus so einer Erfahrung lebe?
Das also ist sie, die schöne Geschichte für das Erntedankfest. Aber taugt die für unsere Realität? Jesus hat gezeigt, wie immer, wenn er mit Menschen gegessen hat, wie er die Welt haben will. So, dass es für alle reicht. Aber wir wissen auch: Unsere Welt ist nicht das Paradies. Auch nicht das Reich Gottes. Aber wir könnten es versuchen, wie Jesus es gemacht hat: Genau hinschauen. Die anderen sehen und was sie brauchen, nicht bloß unsere Angst sehen. Geben, was wir können. Die Hungrigen nicht wegschicken, sondern sie gute Erfahrungen machen lassen. Und sie dann gehen lassen. Mit ihren guten Erfahrungen. Amen.
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