Reformationsfest (31. Oktober 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrer i.R. Karl-Adolf Rieker, Herrenberg [ka.rieker@gmx.de]

Matthäus 10, 26-33

IntentionJesu Aufruf zum Bekenntnis und zur Furchtlosigkeit wird vor dem Hintergrund der lutherischen Reformation und der gegenwärtigen Alltagserfahrungen bedacht.
Dabei wird vor allem das dialektische Verhältnis von Furchtlosigkeit in der Furcht bzw. furchtbaren Situationen diskutiert und zum protestantischen Verhalten gegen diskriminierende Verhältnisse und ungerechte Zustände aufgerufen.

PredigttextDarum fürchtet euch nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.
Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.
Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Liebe Gemeinde,
heute, am Reformationstag, denken wir an Martin Luther und an das, was er bewirkt hat.
Als er am 18. April 1521 von Kaiser Karl V. zum Reichstag in Worms befohlen wurde, wusste er, was für ihn auf dem Spiel stand.
Er wusste, dass sein Wittenberger Thesenanschlag für Aufregung gesorgt hatte.
Er wusste, dass seine reformatorischen Schriften vom Kaiser für gefährlich gehalten wurden.
Er wusste, dass es für ihn um Kopf und Kragen ging.
Als er aber dann vor dem Reichstag stand und aufgefordert wurde, seine Lehre zu widerrufen, wusste er auch, was er zu sagen hatte. Laut und vernehmlich bekannte er:

„Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift oder klare Vernunftgründe überzeugt werde, bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen.
Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir. Amen.“

Luther wusste, dass ihn diese Worte das Leben kosten konnten. Noch am selben Tag wurde er mit der Reichsacht belegt und für vogelfrei erklärt. Jeder hatte von nun an das Recht ihn zu töten.
Luther wusste aber auch, dass es Worte gab, die ihm die Furcht vor Verfolgung und Tod nehmen konnten:

„Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können…
Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“

Wissen wir heutzutage mit solchen Worten noch etwas anzufangen?
Die Worte Furcht und Bekenntnis kommen in unserer Alltagssprache kaum mehr vor.
Unter Bekenntnis verstehen wir höchstens noch ein Geständnis im Sinne des Sich-Bekennens zu einer Tat oder Schuld. Fast jedem Terrorakt folgt ein sogenannter „Bekennerbrief“, und in Österreich versteht man unter „Bekenntnis“ die Steuererklärung.
Dass dieses Wort aber etwas mit dem Glauben zu tun hat und dass das „Glaubensbekenntnis“ die Kurzformel des christlichen Glaubens ist, das wissen nur noch wenige.
Wer kann das Glaubensbekenntnis noch auswendig?
Und wer hat sich außer im Konfirmandenunterricht mit den zentralen Aussagen befasst, die darin enthalten sind?

Dasselbe gilt für die „Furcht“.
Auch dieses Wort ist altertümlich und für uns ungewohnt.
Unsere Großväter und Großmütter haben es noch ganz selbstverständlich gebraucht. Heute gebrauchen wir dieses Wort kaum noch.
Sind wir deshalb furchtloser geworden?
Im Gegenteil! An die Stelle der Furcht sind hundert andere Ängste getreten.
Angst vor der weltweiten Klimaveränderung und den damit verbundenen Naturkatastrophen. Angst vor Terroranschlägen, Überfremdung und Überschuldung unseres Landes.
In den Städten hat man seit geraumer Zeit Angst vor Feinstaub. Und auf dem Land hat man neuerdings Angst vor dem Wolf.
Ich denke, es lohnt sich, wieder über die Furcht nachzudenken. Vielleicht entdecken wir dabei auch die Ursachen und Zusammenhänge unserer eigenen, einzelnen Ängste und Sorgen.

Die Bibel jedenfalls weiß, wann und warum sie von der Furcht spricht. Sie spricht immer dann von ihr, wenn der Mensch vor die Entscheidung zwischen Leben und Tod, Erlösung und Verdammnis gestellt wird. Die Bibel lässt keinen Zweifel darüber, dass dort, wo diese Entscheidung zu treffen ist, die Furcht ihren Platz hat.
Die Bibel lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass dort wo es um den Glauben geht, diese Furcht überwunden werden kann.
„Fürchtet euch nicht!“, sagt Jesus zu seinen Jüngern.
Er sagt es in unserem Predigttext nicht nur ein einziges Mal, sondern drei Mal. Und beinahe klingt es wie ein Befehl.
Furcht kann man jedoch nicht wegbefehlen.
Und Glaube kann man nicht erzwingen.
Beides kann man aber sehr wohl vorleben.
Jesus hat seinen Jüngern am eigenen Leib gezeigt, was Glaube bedeutet. Er hat ihnen gezeigt, dass es in erster Linie darauf ankommt, Gott zu vertrauen.
Dieses „Gottvertrauen“ hat er ihnen vorgelebt.
Es war ein Vertrauen, das der Furcht und dem Schrecken standhielt. Ein Vertrauen, das nicht zu Ende war, als Angst und Elend sich einstellten. Das aber auch nicht erst zaghaft begann, als Furcht und Schmerzen verschwunden waren.
Das Gottvertrauen Jesu behauptete sich mitten in der Furcht. Es reichte mit seinen Wurzeln hinab bis zu der Stunde, als Gott den Tod, das furchtbare Schicksal menschlicher Existenz, überwunden hat.
Die Furcht hat ihre Gewalt vom Tod, von der Drohung, der Tod könne das Letzte sein, was uns Menschen bevorsteht. Genauso hat der Glaube seine Macht aus dem Gottvertrauen Jesu. Aus dem Vertrauen darauf, dass der Tod das Spiel verloren hat.
Seit Jesus uns das Gottvertrauen vorgelebt hat, dürfen wir vor allem, was uns widerfährt den Zuspruch hören:
„Fürchte dich nicht!“

Das bedeutet recht verstanden, dass Furcht Furcht bleibt.
Auch Schmerz, Krankheit und Tod bleiben das, was sie sind:
Nämlich das furchtbare Schicksal unserer menschlichen Existenz.
In dem Augenblick aber, in dem ein Mensch zu sagen wagt:
„Ich nehme es aus Gottes Hand“, verändert sich die furchtbare Macht dieses Schicksals.
Denn hinter ihm erscheint das tröstliche Wort:
„Fürchte dich nicht!“
„Fürchtet euch nicht!“ Mit dem Vertrauen Luthers zu diesem Wort begann die Geschichte der Reformation in Deutschland.
Aus seinem Glauben an dieses Wort nahm Luther die Gelassenheit mit der er sich in all seiner Angst und Furcht behaupten konnte. Daraus schöpfte er den Mut zum großen Trotzdem, das der Macht des Kaisers die Bibel entgegenhielt. Gegen alle Staatsgewalt vertraute Jesus auf die bewahrende Macht Gottes.

Liebe Gemeinde, nun denkt vielleicht mancher oder manche von Ihnen:
Was für große Worte! Aber ich, ich habe ein kleines Leben.
Ich bin nicht Martin Luther.
Ich bin kein Mönch und Doktor der Theologie.
Ich muss mich mit ganz anderen Dingen herumschlagen,
Dinge, die die Weltgeschichte nicht bewegen.
Ich höre zwar vom Gottvertrauen, aber ich sehe so manches Misstrauen und manche Erbärmlichkeit in mir und um mich herum. Und das ist mir näher als der große Streit um den Glauben und das Bekenntnis.
Wenn wir so denken, ist es Zeit, auf den Vergleich zu hören, den Jesus hier in unserem Predigttext gibt:

„Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen?
Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“

Das heißt: Gott ist nichts gleichgültig.
Er übersieht nicht die kleinste Kleinigkeit.
Selbst der Tod kleiner Vögel geschieht nicht ohne sein Wissen. Denn „es fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater“.
Ist das ein Trost für unser Spatzenleben?
Und wie sieht es aus mit dem „Fallen“ in einem Christenleben?
Wie oft in unserem Leben kippt unser Vertrauen um in Misstrauen und Zweifel nicht nur an Gott, sondern auch an den Menschen und an der ganzen Welt?
Gerade da aber kommt es darauf an, dass sich die großartigen Worte in unserem normalen Leben bemerkbar machen.
In einer Zeit, in der politisch mächtige Präsidenten hemmungslos lügen und ihnen die sogenannten kleinen Leute mehr und mehr misstrauen; in einer Zeit in der die täglichen Umgangsformen immer rüpelhafter und rücksichtsloser werden und in den sozialen Medien Hass und Gemeinheit grassieren; in einer Zeit, in der schwache Menschen gnadenlos diskriminiert werden und Nächstenliebe, Anstand und Respekt unterzugehen drohen.
In einer solchen Zeit kommt es darauf an, dass wir mutig und furchtlos dagegenhalten, dass wir der Wahrheit, der Würde und den guten Sitten zu ihrem Recht verhelfen und gegen den Ungeist dieser Zeit protestieren.
Schließlich nennen wir uns „Protestanten“.
Protestanten gegen Ungerechtigkeit, Misstrauen und alle anderen Missstände dieser Zeit.
Und wir brauchen uns dabei nicht zu fürchten.
Denn die Reformation, wie Luther sie gewollt hat, ist keine einmalige Sache. Sie ist eine lebendige Bewegung.
Und der furchtlose protestantische Geist sollte auch heute in der protestantischen Kirche zu spüren sein.
„Fürchtet euch nicht!“ – Mit dem Vertrauen zu diesen Worten fing die Reformation in Deutschland an.
„Fürchtet euch nicht! – Mit dem Vertrauen zu diesen Worten geht die Reformation in unseren Gemeinden hoffentlich weiter.
Wir sollten es wagen, die Tragfähigkeit dieser Worte auszuprobieren.
Amen.

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