Drittletzter Sonntag des Kirchenjahrs (08. November 2026)
1. Thessalonicher 5,1-6
IntentionDie Predigt soll die Verheißung des Tags des Herrn in den Mittelpunkt stellen und nicht die Drohung. Sie soll den Hörerinnen und Hörern Mut machen, Christsein zu leben und sich einzusetzen, etwas in der Welt zu ändern. Auf je eigene Weise.
"Das ist der Tag des Herrn!
Ich bin allein auf weiter Flur,
Noch Eine Morgenglocke nur!
Nun Stille nah und fern!
Anbetend knie’ ich hier.
O süßes Graun! geheimes Wehn!
Als knieten Viele ungesehn
Und beteten mit mir.
Der Himmel, nah und fern,
Er ist so klar und feierlich,
So ganz, als wollt’ er öffnen sich.
Das ist der Tag des Herrn!"
Liebe Gemeinde,
vielleicht kennen Sie es. „Schäfers Sonntagslied“ von Ludwig Uhland. Ein schönes Bild malt Uhland damit vor unserem inneren Auge. Man kann sie förmlich spüren, die Ruhe und den Frieden morgens auf der Weide bei den Schafen. Der Tag des Herrn. Der Sonntag. Ein Tag des Friedens. Die beschriebene Szene strahlt Ruhe und Sicherheit aus, und fast ist es so harmonisch, dass man erwartet, dass sich der Himmel gleich öffnet und alles in Herrlichkeit aufgeht. „O süßes Graun! Geheimes Wehn!“ in dieser Zeile steckt aber auch eine Idee davon, dass es mehr gibt als die angenehme Stille.
Und genau da setzt auch der heutige Predigttext an. Er malt ein anderes Bild vom Tag des Herrn. Es ist aufrüttelnd, etwas düster und gleich verbunden mit einem Auftrag.
Hören wir den Predigttext aus 1. Thessalonicher 5,1-6:
„Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: ‚Friede und Sicherheit‘, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.“
Paulus schreibt diese Zeilen an die Gemeinde in Thessaloniki. Es ist eine junge Gemeinde. Viele Menschen sind neu zum Glauben gekommen. Aus der Gemeinde sind aber auch schon Menschen verstorben. Es ist ein Thema in der Gemeinde. Was ist mit denen, die schon gestorben sind. Wo kommen sie hin. Und was ist mit denen, die leben, was passiert mit ihnen. Von Paulus wissen wir, dass er ständig in der Erwartung lebte, dass der Herr jetzt kommen könnte. Vieles in seinem Leben hat er danach gestaltet. Manches hält sich ja auch leichter aus, wenn man vom Gedanken getröstet ist, dass alles nicht mehr ewig dauert, weil Christus gerade im Begriff ist, wieder zu kommen und die Welt zu erlösen. Nicht nur die Toten, sondern auch die Lebenden. Und nun spricht Paulus von diesem Tag.
Wie ein Dieb in der Nacht, so kommt der Tag des Herrn. Überraschend, plötzlich, heimlich, dann, wenn man nicht mit ihm rechnet.
Wir begegnen ihm nicht auf der Weide bei den Schafen, bewusst und in wohliger Stille, sondern er schleicht sich an und wenn wir nicht bereit sind, dann sind wir verloren. Wo wir uns in Sicherheit wiegen, da wird es uns so sehr schmerzen, wie die Wehen eine schwangere Frau schmerzen. Wer selbst Kinder geboren hat oder Erzählungen von Frauen gehört hat, der hat eine Ahnung davon, wie schlimm das sein kann.
Nun wäre Paulus aber nicht Paulus, wenn er bei diesem Schreckensbild stehen bleiben würde. Paulus lebt und predigt Hoffnung. Die Hoffnung des auferstandenen Herrn, der den Tod überwunden hat. In dieser Gewissheit steht für ihn fest, dass wir nicht verloren sind bzw. nicht verloren sein müssen, denn, so die Verheißung: Wir sind Kinder des Lichts.
Kinder des Lichts sind wir als Töchter und Söhne Gottes, als Geschwister Jesu Christi, der selbst das Licht der Welt ist. Kinder des Lichts sind wir, die wir im Glauben an Jesus Christus leben, ihm nachfolgen und auf ihn schauen, der das Licht der Welt ist. Und weil wir Kinder des Lichts sind, leben wir nicht in der Finsternis. Wir leben nicht, als würden wir Christus nicht kennen. Er bringt etwas in unser Leben hinein, das alles verändert. Licht, wo sonst Dunkelheit herrscht, Helligkeit, wo sonst Finsternis sich breit gemacht hat. Und das verändert alles.
„So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.“
So endet dieser Bibelabschnitt. Mit Paulus Auftrag an uns. Und das keineswegs als Auftrag, dass wir ab sofort nachts nicht mehr mit gutem Gewissen schlafen könnten. Nein, darum geht es nicht. Wir brauchen Schlaf und Erholung. Das weiß Paulus. Das weiß Gott, sonst hätte er uns nicht immer wieder die Möglichkeit zur Erholung gegeben. Er ist der Einzige, der nicht schläft oder schlummert und wenn wir es tun, dann gibt er auf uns Acht. Es geht vielmehr darum, dass wir unser Leben nicht verschlafen. Die Not unserer Nächsten nicht verschlafen. Es nicht verschlafen, unseren Glauben zu leben und anderen von ihm zu erzählen. Wir sollen „wachen und nüchtern sein“, damit wir bereit sind, als Christinnen und Christen zu leben. Das geht nicht nebenher, oder abwesend oder gedämpft. Das geht nur wach, mit Herz und Verstand.
Heute kann das heißen, dass wir nicht stehenbleiben in der Trauer um verstorbene Menschen. Trauern und dabei aber auf den sehen, der den Tod überwunden hat. Der Finsternis nicht den Raum geben, alles zu verschlucken. Der Hoffnung Platz machen. Für die Verstorbenen und für uns.
Heute kann das heißen, dass wir Nächstenliebe leben, wo sie vergessen wird. Das kann sein für Menschen da zu sein, die in Einsamkeit leben. Für Menschen da zu sein, die in der Gesellschaft keinen Platz finden. Für Menschen da zu sein, die von anderen nicht gesehen werden. Mit offenem Herzen, einem offenen Blick und so Licht in ihr Leben bringen.
Heute kann das heißen, dass wir uns mit unserem Verstand und wachem Geist für unsere Schöpfung einsetzen. Für Tiere und Pflanzen, für unseren Planeten und seine Zukunft. Nicht, indem wir Plattitüden verbreiten oder zu einfache Forderungen stellen, sondern indem wir aufmerksam machen auf die Schönheit unserer Schöpfung und der Verantwortung, die Gott uns übertragen hat.
Heute kann das auf ganz unterschiedliche Weise passieren, dass wir das Licht, das uns von innen her erhellt, das Licht, das Christus in unser Leben bringt, in die Welt hinaustragen und aus uns heraus in die Welt hinein strahlen lassen. Jeder und jede kann das in ihrem und seinem Leben auf ganz unterschiedliche Weise leben und gestalten.
Dann muss uns der Tag des Herrn nicht schrecken, sondern dann können wir ihn jeden Moment erwarten und uns freuen. Weil wir nichts Böses zu befürchten haben. Denn dann, wie jetzt, hat die Finsternis schon keine Macht mehr über uns, weil das Licht der Welt schon jetzt alle Finsternis überstrahlt und alle Dunkelheit vertreibt.
Und damit sind wir nicht alleine unterwegs, das zu wissen, das tut gut. Wenn wir als Christinnen und Christen leben, dürfen wir uns nicht nur im Gebet mit ihnen und Gott selbst verbunden wissen. Wie Ludwig Uhland es dichtet:
„Anbetend knie’ ich hier.
O süßes Graun! geheimes Wehn!
Als knieten Viele ungesehn
Und beteten mit mir.
Der Himmel, nah und fern,
Er ist so klar und feierlich,
So ganz, als wollt’ er öffnen sich.
Das ist der Tag des Herrn!“
Amen
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