1. Advent (29. November 2015)

Autor/in: Pfarrer Hartmut Mildenberger, Stuttgart [Hartmut.Mildenberger@elkw.de]

Römer 13, 8 -14

„Guten Morgen, mein Schatz. Ein neuer Tag beginnt.“Adventsmorgen:
„Guten Morgen, mein Schatz. Ein neuer Tag beginnt.“
Die Mutter hat vorsichtig die Türe geöffnet. Jetzt steht sie am Bett ihres Sohnes. Sanft streichelt sie ihm über den Kopf. Langsam zieht sie die Rollläden hoch. Draußen ist es noch nicht ganz hell. Aber es dämmert schon.
Der Sohn blinzelt. Dann schlägt er die Augen auf. Er streckt sich, er räkelt sich. Dann hält er inne. Er erinnert sich. Was für ein bescheuerter Tag gestern. Die Mathearbeit verhauen. Und dann schimpft die Mutter zu Hause. Er solle mehr lernen, nicht so viel spielen. Dann hat er sich auch noch mit seinem Freund gestritten.
„Guten Morgen, mein Schatz.“ Die Mutter hat gesehen, dass er wach ist. Freundlich schaut sie ihn an. Als ob gestern nichts gewesen wäre. „Das Frühstück ist schon fertig.“ Gut, dass es neue Tage gibt; gut, dass die Mutter nie etwas nachträgt.
Sie geht aus dem Zimmer. Er schaut sich um, sucht seine Kleider.
- Welche Kleider ziehe ich an für den neuen Tag? -

„Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf. Die Nacht ist vorgerückt. Der Tag ist nahe. Lasst uns nun ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“
Advent: Das ist: ganz normaler Alltag, - und doch Neubeginn.


Warum ein Esel?Israel 2000 Jahre zuvor. Zwei der Jesusjünger kleiden sich an. „Los, komm, wir müssen los. Jesus braucht einen Esel. Heute wird ein großer Tag.“ Die beiden sollen vorausgehen, einen jungen Esel besorgen. Jesus will auf ihm nach Jerusalem hineinreiten. Draußen ist es noch dunkel. Sie machen sich auf den Weg.

„Manchmal verstehe ich den Jesus nicht“, sagt der eine, als sie unterwegs sind. „Warum will er unbedingt einen Esel? Ich hätte ihm auch ein ordentliches Pferd organisiert. Weißt du, so ein Pferd, wie es der römische Statthalter hat. So ein richtiges Schlachtross. Und dann hätte ich ihn eingekleidet. Einen Königsmantel hätte ich besorgt. Ein ordentliches Schwert hätte ich auch noch gefunden. Einen richtigen König hätte ich aus ihm gemacht. Aber er will das alles nicht. Sein weißes Alltagsgewand will er und einen Esel, sonst nichts. Mit leeren Händen will er kommen.“

„Mir gefällt das eigentlich ganz gut, dass Jesus sich nicht kleidet wie die hohen Herren und Könige“, sagt der andere. „Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich gemerkt habe: Jesus ist anders. Ich glaube ja auch, dass er der Retter ist und dass er der kommende König ist. Aber er erfüllt seine Aufgabe eben ganz anders, als wir uns das denken.
Schau, wie offen er immer mit den Pharisäern über die Thora diskutiert hat. Ihm ging es nie um ein einzelnes Gebot, wie man das jetzt erfüllen muss. Er lebt so, als ob er es schon erfüllt hat. Immer wieder spricht er von der Liebe. Die ist ihm wichtiger als alle Gebote. Und - so wie er immer mit den anderen umgeht - für mich ist er die Liebe selbst. Ich glaube, das kommt, weil er so viel betet. Als ob er und Gott eins wären. - Doch ich finde wirklich: ein kleiner Esel passt besser zu ihm. Die Kraft, die Jesus hat, ist anders.“

Inzwischen ist die Sonne aufgegangen. Ein großer Tag steht bevor. Jerusalem wird einen neuen König begrüßen. Einen anderen König, den König der Liebe. „Sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit.“ (1)
„Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf. Die Nacht ist vorgerückt. Der Tag ist nahe. Lasst uns nun ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. - So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“

Advent lebt aus der Erinnerung an Jesus, den König der Liebe. Advent erneuert die Hoffnung auf Jesus, die Kraft der Liebe.


Christen sind frei„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. … So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“
Paulus schreibt das an die Gemeinde in Rom. Was er sagt, ist etwas völlig Neues. Es ist revolutionär. Es ist bahnrechend wie Jesus selbst. Paulus ruft den Anbruch einer neuen Zeit aus. Das meint er, wenn er sagt: „Die Nacht geht zu Ende, der Tag ist schon nahe.“

Christen sind nämlich frei. Sie können tun und lassen, was sie wollen. Christus hat die Menschen befreit. Bisher mussten sich die Menschen an Gesetze und Gebote halten. „Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen.“ Solche Gebote und noch viele mehr sind damit gemeint. Sie klingen gut, sie sind gut, - aber die Menschen halten sich nicht daran. Sie erfüllen die Gebote nicht. Menschen sind nicht gerecht vor Gott. Sie sind auch nicht gerecht zu ihren Mitmenschen, zu ihrer Umwelt.

Aber Gott sagt: Was der Mensch Jesus gemacht hat, hat er für alle Menschen gemacht. Was mit ihm geschehen ist, das gilt für alle Menschen. Jesus hat für alle Menschen die Gebote erfüllt. Jesus ist unschuldig am Kreuz gestorben. Jesus ist recht, Jesus ist gerecht. Das reicht. Keiner muss mehr irgendein Gebot erfüllen. Deshalb sind alle Menschen frei. Sie können tun und lassen, was sie wollen. Jesus Christus ist das Ende des Gesetzes. Der König mit der Dornenkrone hat das Gesetz erfüllt. Mit seinem Leben, mit seiner Liebe, mit seinem Tod am Kreuz.

Für uns Christen ist er deshalb der König. Er ist der König der Liebe.
Christen haben keine Gebote mehr. Sie sind frei. Das muss man nochmals wiederholen, weil es so revolutionär ist. Christen sind frei, es gibt kein „du musst“, „du sollst“, „du darfst nicht“. Christen sind frei wie ein neuer Morgen.

Woher aber sollen Christen jetzt wissen, was sie tun und lassen sollen? Niemand sagt es ihnen, was richtig ist. Paulus sagt: Vorschriften gibt es nicht mehr. Ein Christ, eine Christin kann selbst entscheiden, was richtig ist.

Christen glauben und lieben – mehr braucht es nicht. Sie glauben - und leben deshalb in ständiger Verbindung mit Jesus. Und sie lieben – in jeder neuen Situation entscheiden sie, was die Liebe tun würde. Man könnte auch sagen, sie entscheiden, wie Jesus entscheiden würde.

Das Leben der Christen ist frei. Ihr Leben ist ein Wagnis, sie wissen nicht schon im Vorhinein, was gut oder falsch ist. Sie entscheiden nach der Liebe. „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt.“
Christen leben so, dass sie dem anderen antworten können, wenn er fragt. Sie leben verantwortlich. Manchmal helfen die alten Gebote, sich zu orientieren. Aber letztlich ist es die Liebe. Die Liebe treibt sie an, die Liebe macht sie frei.

Paulus weiß, dass auch die Christinnen und Christen nicht immer lieben. Das sagt er gleich am Anfang: „Bleibt niemandem etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer.“
Christinnen und Christen leben deshalb immer wie im Anbruch eines neuen Tages. Immer neu lassen sie das Dunkel hinter sich und wenden sich dem Licht des Tages zu. Dem Licht Christi. Immer neu ziehen sie Christus an, sie glauben, sie bleiben in Verbindung mit ihm. Und immer neu suchen sie die Liebe. Sie wissen nie genau, ob dies oder jenes richtig ist. Ihr Leben ist ein Wagnis. Sie sind frei. Ihre Freiheit ist getragen von der Vergebung Gottes. Ihr Leben ist geborgen in der Liebe Gottes.

Advent, das ist neu entdeckte Freiheit und streben nach dem Licht der Liebe. Advent ist die Morgendämmerung der Liebe.

Was ziehe ich an? – „Meditation“Was ziehe ich an? Ich stehe an der Schwelle dieses Tages. Die Finsternis hat sich verzogen. Die Träume haben sich verflüchtigt. Jetzt stehe ich auf. Ein neuer Morgen dämmert. Was ziehe ich an?
Die alten Kleider liegen noch da. „Zieh uns an“, sagen sie. „Wir haben uns bewährt.“ Ich nehme sie in die Hand. Ich schnüffle daran. Sie riechen. Sie riechen verbraucht. Ihnen fehlt der Wohlgeruch der Liebe. Die alten Kleider: da ist das Streithemd und die Eifersuchtshose. Da ist die Lügensocke und das Fress-und Sauf-Shirt. Ich habe die alle mal getragen, es sind alles meine Kleider. Und da sind noch einige andere. Sie passen gut.

Ich schaue auf das Etikett. Sie stammen alle von einem Hersteller: „Epithymia“. Ein schöner Name für eine Bekleidungsfirma, denke ich. Auf der Rückseite sehe ich die deutsche Übersetzung: „Begierde“. Statt der Waschanleitung steht da noch mehr: „Ich und immer nur Ich“.
Alte Kleider, sie passen mir gut. Soll ich sie heute wieder anziehen?

Es klopft an die Tür. „Du weißt nicht, was du anziehen sollst. Schau ich bring dir neue Kleider. „ Ich schaue auf. Ich erkenne den Boten nicht: „Wer schickt dich?“
„Ich komme von selbst. Ich bin der Hersteller.“
Er reicht mir die neuen Kleider. Sie riechen gut. Sie duften. Ich schaue auf das Etikett. „Jesus Christus“ steht da. So also heißt der Hersteller. Ob es da auch eine Übersetzung gibt: Auf der Rückseite steht: „Liebe“. Sonst nichts. Einfach „Liebe“.

„Mit diesen Kleidern kommst du gut durch den Tag“, sagt der Bote. Seine Hände haben Narben, genau in der Mitte. „Egal, was kommt, die Kleider passen“, sagt er.

Ich schlüpfe hinein. Der Bote ist verschwunden. Die alten Kleider liegen in der Ecke. Ich schaue in den Spiegel. Die neuen Kleider stehen mir besser, sie sehen richtig gut aus. Und sie fühlen sich gut an: sie sind elastisch und beweglich. Der Tag kann kommen.

Advent: Christus kleidet mich ein mit neuen Kleidern. Sie verströmen den Wohlgeruch der Liebe.

AdventsbräucheInzwischen ist es schon Nachmittag. Der Sohn kommt heim von der Schule. In der Küche riecht es nach frisch gebackenen Plätzchen. „Du darfst ruhig naschen“, sagt die Mutter. „Mhm, lecker, meine Lieblingsplätzchen.“ Er schleckt auch ein wenig vom Teig. „Da habe ich noch Teig für die Ausstecherle“, sagt die Mutter. „Magst du mithelfen? Dann kann ich derweil die Zimtsterne machen, da muss man immer so aufpassen.“
Schon immer hat er Ausstecherle gerne gemacht. Und so arbeiten sie zu zweit in der Küche.

„Jetzt ist alles schön abgekühlt“, sagt die Mutter. „Lege alle Plätzchen hier in die Dose; - und drei von jeder Sorte kommen hier in die durchsichtige Tüte.“
„Sind die wieder für Frau Schmidtmaiermüller drüben im Altenheim?“
„Ja, ja, die freut sich doch immer, wenn sie von uns in der Adventszeit ein paar bekommt. Sie kann ja jetzt nicht mehr selbst backen.“
Liebevoll legt der Sohn Stück für Stück in die Dose und in die Tüte.
Heute ist ein besserer Tag. Noch gab es keinen Streit mit der Mutter. Nachher ist er mit seinen Freunden zum Computerspielen verabredet.
„Du, Mama, warum haben so viele von den Plätzchen eine Sternform? Du hast auch schon einen Stern ins Fenster gehängt.“
„Naja, Sterne haben eben eine schöne Form. Und, ich glaube, sie erinnern auch an Jesus. Man sagt, er ist der Morgenstern. Er bringt in die dunkle Welt sein Licht.“
Der Sohn geht in sein Zimmer. Das Türchen am Adventskalender auf der Fensterbank ist noch zu. „Komisch“, denkt er, „warum bekommt man denn einen neuen Kalender im Advent? Beginnt da ein neues Jahr, eine neue Zeit?“
Er öffnet das richtige Türchen und nimmt die Schokolade in die Hand. Ein Stern ist es. Von hinten leuchtet Licht durch die Folie. Er nimmt die Schokolade in den Mund.
Advent schmeckt gut. Amen.

Anmerkung 1: EG 1,2

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