1. Advent (27. November 2016)

Autor/in: Pfarrer Eckhard Benz-Wenzlaff, Stuttgart [Eckhard.Benz-Wenzlaff@elkw.de]

Jeremia 23, 5 -8

Liebe Gemeinde,
diese uralten Worte des Propheten Jeremia werfen ihr Echo weit über ihre eigene Zeit hinaus. Das ist wohl immer noch Zukunftsmusik: dass da irgendwann ein König sei – oder eine demokratisch gewählte Regierung, die „wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird“ – und dass der Hunger und der Durst nach der Gerechtigkeit ein für alle Mal ein Ende finden würden.
Aber auf diese Zukunftsmusik lasst uns heute hören, auch wenn ihr Echo im Lauf der Weltgeschichte nur hin und wieder leise durchklingt, weil es von den Schreien derer übertönt wird, die in Not sind.

Israels Ur-Erinnerung: AblehnungZuallererst wurzeln diese Worte tief in der Geschichte des Volkes Israel. Verstoßen sein, Ablehnung erfahren, zerstreut sein in alle Länder – schließlich gar ausgelöscht werden: Das ist eine Ur-Erinnerung dieses Volkes bis auf den heutigen Tag. In der Geschichte des Volkes Israel ist den Völkern der Welt wohl überhaupt erst zu Bewusstsein gekommen, wie die Zukunftsmusik von einem Leben in Gerechtigkeit ihren Anfang genommen hat. Es ist die Stimme Gottes in der Wüste an Mose: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.
Zur Zeit Jeremias ist die Erinnerung an diese Gottestat zum Bekenntnis geworden. So sprechen sie es einander zu: „So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägypten geführt hat!“ Hier erfährt Israel seine Energie und seine Hoffnung für alle Zukunft. Ein höchst irdisches Bekenntnis zu einer höchst irdischen Freiheit. Mit ihm hat all das angefangen, was später auch der Glaube der Christen geworden ist.
Bis auf den heutigen Tag ist es deshalb auch eine Aufgabe der Christen, diese Ur-Erinnerung Israels ernst zu nehmen und sie nicht vorschnell klein zu reden: als ob die irdische, bodenständige, politische Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit nichts wäre – und als ob der Glaube der Christen so viel mehr gelten würde: weil er längst angekommen wäre in der grenzenlosen Weite des „himmlischen Jerusalem“, weit über allem irdischen Streit unter den Völkern.
Ja, wir sind in der Adventszeit, und ja, wir hören die Verkündigung vom „gerechten Spross Davids“ auf unsere Weise – als Christen. Dafür sorgen schon die wunderschönen Adventslieder. Sie öffnen Herz und Sinne und bringen auch die alten Prophetenworte zum Klingen für das Kommen Jesu Christi. Der soll wohl regieren. Und über Bethlehem im jüdischen Land erschallt das Lied der Engel: Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Noch ist WartezeitAber noch ist es nicht so weit. Noch ist Wartezeit. Noch ist da ein geteiltes Echo auf die Botschaft von der Gerechtigkeit Gottes. Die Prophetenworte sind echte Warte-Worte. Wir sollten sie nicht vorschnell in adventlicher Glitzerwelt auf- und in christlicher Glaubens-Überlegenheit untergehen lassen. Die Botschaft des Alten Testaments ist eine heilsame Botschaft: Sie hilft uns dabei, auch in der Weihnachtszeit die Bodenhaftung zu behalten. Hier unten, auf Erden, ist die wirkliche Welt: alles, was passiert in unserer auch in diesen Tagen gewalttätigen Weltgeschichte.
Der Prophet hat das alles sehr wohl im Blick.
„Ich will euch heimsuchen um eures bösen Tuns willen“, hat er eben noch den Mächtigen im Volk entgegengeschleudert. Das haben die Planer der Predigttexte weggelassen, vielleicht wollten sie uns in der Adventszeit die Zumutung ersparen. Jeremia selbst wollte das alles ja auch nicht. Aber er hat’s doch getan. Die Drohung ist aus ihm herausgebrochen, und in diesem Moment wird ihm bewusst: Hier hat Gott selbst Besitz von ihm ergriffen. So bringt er, wenn wir ihn heute hören, einen unangenehmen Beigeschmack in die Weihnachtsbäckerei.

Jeremia – der unbequeme ProphetEin Prophet ist ein Mensch, der sieht, was andere nicht sehen, der hört, was andere nicht hören wollen. Er ist ein Spielverderber, der unsere üblichen Ablenkungsmanöver durchkreuzt, ein Störer, der sich an keine Mehrheitsmeinungen hält, ein Typ, der den Finger in die Wunden legt und keine einfachen Lösungen anzubieten hat.
Sollte Gott wirklich ein strafender Gott sein? Wie gerne haben wir uns an den Gedanken gewöhnt, dass Gott ganz einfach der liebe Gott sei: Der tut nichts! – so wie der Hund des Nachbarn nichts tut, wenn uns der Nachbar das ganz fest verspricht. Vielleicht haben wir in den letzten Jahren wieder mehr Gespür dafür gewonnen, dass da etwas dran ist: Wir sind als Mitschuldige hineinverflochten in die großen und in die kleinen Ereignisse der Weltgeschichte – sei es mit unserem Tun, sei es mit unserem Lassen. Manchmal kommen uns solche Ereignisse dann vor wie eine Heimsuchung durch eine Macht, die uns die Folgen unseres eigenen Handelns verspüren lässt. Der Prophet ist ein Realist.
Eine politische Predigt also heute? Ja – und nein zugleich. Ich bin nicht der Prophet Jeremia. Ich bin auch weit entfernt davon, mit prophetischem Anspruch politische Aussagen für unsere Zeit zu schmieden: was wir als Kirche Jesu Christi denn nun alles zu tun hätten – oder was die Parteien zu tun hätten, damit endlich, endlich Recht und Frieden würden in unserer Gesellschaft oder gar in der Welt. Ich weiß es nämlich nicht.
Aber doch kann ich den Worten des Propheten nicht ausweichen. Es ist eine beißende Kritik, die Jeremia hinausschleudert – den herrschenden Kräften mitten ins Gesicht. Es geht gegen den König, die Oberen, gegen die Entscheidungsträger des Volkes. Hier kritisiert nicht die Regierung von oben herunter das Volk, weil es sich pöbelhaft verhält und nicht mehr mitspielen will. Hier behaupten nicht die Regierenden ihre Deutungshoheit über die Ereignisse mit Hilfe von Medien, Pädagogen und Volkserziehern aller Art. Nein: von einem einzigen Menschen werden die Regierenden zur Verantwortung gezogen: Weh euch, ihr Hirten! Hier steht er, Jeremia, und kann nicht anders.

Der einsame JeremiaDas sind keine wohlfeilen Worte, das ist keine billige Kritik, an die wir uns – mir nichts, dir nichts – anschließen könnten. Der Prophet nimmt es Gott geradezu übel, dass er ihn gepackt und in seine Autorität hineingezogen hat. Denn genau das hat ihn in einen Abgrund von Einsamkeit gestürzt. Weil er aussprechen muss, was niemand hören will, gehört Jeremia zu den wenigen Menschen der Bibel, die am liebsten nie geboren sein wollten: „Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin; der Tag soll ungesegnet sein, an dem mich meine Mutter geboren hat“ (Jer 20,14). Zu seiner Einsamkeit kommt das Denunziantentum, das Mobbing seiner eigenen Freunde, sie verraten ihn: Meine Freunde lauern darauf, ob ich nicht falle (Jer 20,10).
Was aber macht uns gerade diesen Propheten zu einem adventlichen Verkündiger? Wollen wir uns diesen Spielverderber ausgerechnet heute gefallen lassen, wenn wir unsere Lieder vom Kommen Christi singen?

Zukunftsmusik von einer anderen ZeitNoch ist Wartezeit. Zeit der Besinnung auf das, was kommt. Zeit zum Innehalten von unserem Streit und von unseren Rechthabereien. Zeit auch, um Abstand zu nehmen von uns selbst: von unseren Sorgen und von manchem Kreisen um uns selbst. Dann hat auch der Prophet Jeremia Platz hinter den Überraschungstüren unseres ganz persönlichen Adventskalenders. Denn von ihm, dem Spielverderber, hören wir dann eben doch jene Zukunftsmusik von einer anderen Zeit, von einer neuen Welt: Siehe – schau genau hin! Es kommen Tage, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.
Woher weiß Jeremia das? Erinnern wir uns: Ein Prophet ist ein Mensch, der sieht, was andere nicht sehen. Die Einsamkeit in der Nähe Gottes hat in ihm ein besonderes Gespür wachsen lassen dafür, wer dieser Gott ist. Der Schmerz, der Zorn über so viel Zerstörung – das alles weist darauf hin: Der Gott Israels ist kein gleichgültiges, namenloses Schicksal, das kalt über Gewalt und Unrecht hinwegsieht. Nur wer Schmerz empfindet, ist auch zur Liebe fähig. Nur wer den Zorn in sich fühlt, ist auch in der Lage, für Gerechtigkeit einzutreten. Und nur wer die Einsamkeit riskiert, wird nicht mit den Wölfen heulen. Die Liebe Gottes gibt sich mitten hinein in unser ganz persönliches Chaos – und ebenso in das Chaos der Welt. Deshalb bleibt uns diese Liebe oft rätselhaft verborgen in und unter den Ereignissen, die wir so gerne verstehen und entschlüsseln würden.
Aber mitten drin in diesen Ereignissen erklingt nun doch jene alte Melodie des Propheten: Siehe, schau hin: es kommen Tage … Die Tür zur Zukunft Gottes mit seinem Volk wird sich wieder öffnen. Es ist immer noch eine irdische Hoffnung, gebunden an die Grundworte des menschlichen Zusammenlebens: Recht und Gerechtigkeit. Manchmal leuchten sie ja auf, auch unter uns. Manchmal glückt uns das in unserem Zusammenleben: dass Recht und Gerechtigkeit durchscheinen in unseren Beziehungen. Auch dass wir in einem Land leben, das eine freiheitliche Verfassung hat, das Grundgesetz, ist solch ein Hinweis darauf, dass diese Grundworte einlösbar sind. Was Menschen möglich ist, sollen sie auch tun.
Dass die Worte des Jeremia dennoch Zukunftsmusik sind, eine Melodie, die noch unerhört geblieben ist in einer Welt voller Chaos, davon singen wir auch in unseren Liedern zur Adventszeit: O Heiland, reiß die Himmel auf! Unser Warten auf die Geburt Jesu Christi verbindet uns mit der Melodie Jeremias. Und in der Geschichte des erwachsenen Jesus erklingt sie weiter in alle Welt. Denn das ist das Ziel, und es sei unsere Bitte für diesen Gottesdienst: dass – endlich – allen Menschen geholfen werde.
Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)