1. Sonntag nach Weihnachten (27. Dezember 2015)

Autorin / Autor: Pfarrerin i.R. Monika Schnaitmann, Tübingen [G.Schnaitmann@gmail.com ]

1. Johannes 1, 1-4

Jedes Jahr, wenn Weihnachten ist...„Jedes Jahr, wenn Weihnachten ist“ heißt ein Lied auf einer CD von Rolf Zuckowski, die meine Kinder als sie klein waren, gerne zur Weihnachtszeit hörten:
„Jedes Jahr, wenn Weihnachten ist,
denkt man an die vielen Leute,
die man sonst so leicht vergisst.
Schickt Pakete und schreibt Karten
und begräbt so manchen Zwist,
jedes Jahr, wenn Weihnachten ist.

Jedes Jahr, wenn Weihnachten ist,
sieht der Pastor all die Schäfchen,
die er sonst so sehr vermisst,
doch sein Traum, dass es so bliebe
ist vergebens, wie ihr wisst,
jedes Jahr, wenn Weihnachten ist.“

....dass es so bliebe….. Doch es kommt:

Der Tag danach!Heiligabend und die Weihnachtstage sind vorbei – diese drei Tage.
Für drei Tage ging es vielleicht etwas friedlicher zu – nicht überall in der Welt, so doch wenigstens bei uns.
Für drei Tage haben Eltern mit ihren Kindern gespielt, waren vielleicht etwas geduldiger, haben mehr Zeit füreinander gehabt.
Für drei Tage hat man sich mehr um Verwandte gekümmert, hat man ihre ärgerlichen Eigenschaften milde in Kauf genommen.
Für drei Tage sammelt man für “Brot für die Welt” und dachte mehr an jene auf den Schattenseiten des Lebens.
Für drei Tage wurden wir vielleicht etwas stiller, nachdenklicher, haben wir manchen guten Vorsatz gefasst.
Für drei Tage schwiegen vielleicht da und dort die Waffen ein paar Stunden länger.
Für drei Tage.

Wie eine gute alte Mär wollen wir in diesen besonderen Tagen eine bessere Welt sichtbar und greifbar machen: Wir schmücken die Tanne als Sinnbild für das Leben. Die Krippe mit dem Kind und seiner Mutter und dem Getier wird aufgestellt, das Krippenspiel in der Kirche besucht. Wenigstens für diese drei Tage soll die Welt so sein, wie wir sie uns erhoffen, soll ein Licht aufleuchten im Dunkel, die Sehnsucht nach Lebenswirklichkeit spüren wir in uns.
Doch bald ist der Baum des Lebens verdorrt, die Nadeln fallen ab, die Krippe wird weg geräumt und Gott ist wieder fern wie zuvor.

Was bleibt?Der Predigttext über den heutigen 1. Sonntag nach dem Christfest nimmt auf seine Weise diese Frage “Was bleibt“ auf, indem er nachdenkt über den, dessen Menschwerdung wir gefeiert haben. Er steht im 1. Johannesbrief, Kapitel 1, die Verse 1 bis 4:

„Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens –
und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –,
was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.
Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.“

Erstaunlich: Die typischen Merkmale, die Briefe auszeichnen: eine Adresse, die Anrede und der Gruß, also einen Absender, gibt es hier nicht. Der 1. Johannesbrief ist an eine unbekannte Gemeinde in Kleinasien gerichtet und um etwa 100 n. Chr. verfasst worden. Geschrieben von einem Verfasser und adressiert an Gemeindeglieder also, die wohl kaum Jesus persönlich begegnet sind. Die erste Welle der Begeisterung scheint sich gelegt zu haben.
Nimmt man im 2. Kapitel den Vers 19 dazu, liegt die Vermutung nahe, dass es eine Gruppe gibt, die sich abgesondert hat. Sie bezweifelt, dass Jesus wirklich ein Mensch aus Fleisch und Blut war. Die Menschen dieser Gruppe hielten ihn für ein nur scheinbar körperliches in Wirklichkeit aber rein geistiges Wesen. Sie konnten auch mit der Leidensgeschichte nichts anfangen, denn ein rein geistiges Wesen konnte ja nicht körperlich leiden. Das Kreuz war für sie ohne jede Bedeutung. Nur der himmlische Christus zählte für sie. Und weil sie den menschlichen Leib und seine Bedürfnisse nicht achteten, lehnten sie Nächstenliebe und Gemeinschaft unter den christlichen Geschwistern ab.
Die Aufkündigung des Gemeinsamen jedoch bedroht die junge Gemeinde. Absonderung, Trennung ruft immer auch die Wahrheitsfrage auf. Also – was bleibt?

Das Leben ist erschienen!Das bleibt – in der Gestalt eines einzigartigen Menschen. Vor diesem Hintergrund beginnt mit diesen Versen aus dem 1. Johannesbrief die nachweihnachtliche Verkündigung: Christ, der Retter ist da! Immer wieder betont der Schreiber die konkrete Erfahrung des Gesehen-, Gehört- und Betastet-Habens, die Menschwerdung Jesu.

Die Hirten waren die ersten, die zurückkehrten, sie „priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten“ (Lukas 2,20). Fast erweckt der Verfasser des Briefes den Anschein, er selbst habe mit Jesus gesprochen, seine Lebendigkeit und Wärme gespürt, um dem Irrglauben, Jesus habe nur einen Scheinleib besessen, zu wehren.

Jetzt fängt an, was im Lob der Umkehr auf dem Weg der Hirten (und uns) von der Krippe zurück in das alltägliche Leben allen Menschen guten Willens aufgetragen ist. Um die nachweihnachtliche Verkündigung geht es!

Weihnachten ist die einmalige Erinnerung und der Alltag tägliche Erfahrung und Erprobung dieser Zusage: Das Leben ist erschienen! Wunderbar ausgedrückt im Wochenlied (EG 25):
Vom Himmel kam der Engel Schar,
erschien den Hirten offenbar;
sie sagten ihn`: Ein Kindlein zart,
das liegt dort in der Krippen hart.


Das Leben entschwindet?Heute gibt es diese Irrlehre vom Scheinleib Jesu nicht mehr. Ist dann diese Perikope für uns nicht mehr interessant? Diese Frage wird uns beantwortet, wenn wir uns die zweite Aussage dieser vier Verse zu eigen machen: die Aufforderung, in einer guten Gemeinschaft miteinander und mit Gott zu leben. Eine Gemeinschaft unter Menschen, die sich zu Jesus Christus bekennt, hat ganz konkrete Auswirkungen. Woher aber bekommen wir die Hinweise, wie eine solche Gemeinschaft aussehen soll?

An nichts anderem als am Leben Jesu von seiner Geburt bis zu seinem Tod. Der jüngst verstorbene frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt hat ja einmal gesagt, mit der Bergpredigt könne man keine Politik machen. Die Worte Jesu wurden oft zitiert, um die Unzulänglichkeit des Evangeliums als Richtschnur für das Leben in der wirklichen Welt zu beweisen. Sie wurden und werden dadurch zu einem Scheinleib Jesu degradiert.

Doch kein anderer Text im Neuen Testament stellt wohl eine derartige Anfrage an die erfahrbare Realität dar wie die Bergpredigt. Kaum ein anderer Text gibt so viel Hoffnung, dass die Verhältnisse dieser Welt anders sein könnten und in Gottes Zukunft anders sein werden. Ja, das Evangelium entwirft eine Kontrastgesellschaft zum Vorfindlichen. Das Vorfindliche mit all den Kriegen und der Gewalt, den Flüchtlingen, die auf ihre körperliche Unversehrtheit in Europa hoffen, den Waffenlieferungen aus Deutschland in Krisengebiete, dem Auseinandergehen der Schwere zwischen arm und reich….und…und….und.

Nehmen wir an!Der evangelische Pfarrer Hans-Werner Bartsch schrieb:

"Nehmen wir an, es geschah wirklich im Jahre 6 oder 7
vor Christus in Bethlehem unter
der Herrschaft des Cäsar Augustus – .
Nehmen wir an, die Geburt des Jesus von Nazareth
stand im Zusammenhang mit jener Zählung
der Steuerpflichtigen in Syrien, die
die Herrschaft des Cäsar sichern sollte, so
war dies kein gleichgültiger Zufall, denn
ein anderer sagte zur gleichen Zeit, dass
es ein Unrecht sei vor Gott, den
Cäsar als Herrn anzuerkennen.

Nehmen wir an, Jesus wurde
in einer Hütte geboren, sein
erster Schrei übertönte das ruhige
Atmen des Viehs im Hintergrund und
das Rascheln des Strohs, auf dem seine Mutter lag…..

Nehmen wir an, die Angst jenes Königs
wandelte sich in Grausamkeit,
so ist dies bis heute nicht anders. Die Angst
der Herrschenden tötet grausam Kinder, -
sie könnten einmal – wie Jesus – die Welt
befreiend verändern. Aber das Leuchten
des Sterns kann kein Herrscher verhindern.
Wir tragen es weiter – durch unser Tun."

Nehmen wir das alles als wahr an und verstehen wir darunter die Menschwerdung Jesu, dann müssen wir erkennen:
Auch heute gibt es Mütter, die ihre Kinder an Orten höchster Armseligkeit gebären müssen und kaum eine Möglichkeit haben, ihre Familien halbwegs über Wasser zu halten.
Auch heute gibt es Menschen, die gleich wie die Hirten außen stehen und nicht erwünscht sind.
Auch heute tötet die Angst der Herrschenden grausam Kinder, Frauen und Männer. Sie fliehen nur mit dem, was sie auf dem Leib haben, fallen Schleppern zum Opfer, ertrinken im Meer, hoffen auf Frieden und Aufnahme in Europa.

Hier müssen wir genau so wie es in unserem Predigttext steht: hören, sehen, tasten, fühlen. Wenn wir dann erkennen, wie das damals wirklich war, müssen wir auch das Ende des irdischen Lebens Jesu in Blick haben: das Ende am Kreuz.

Der Theologe Johann Baptist Metz sagt: “Wer die Botschaft von der Auferweckung des Christus so hört, dass in ihr der Schrei des Gekreuzigten unhörbar geworden ist, der hört falsch.“
Das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz sind nicht voneinander zu trennen; in ihnen zeigen sich die beiden Seiten Gottes, der in die menschliche Zeit und in die Geschichte eingeht und sich in ihr verhüllt und offenbart; sie umschließen Leben und Tod, sie führen in die Tiefe der Freude und des Leides, und sie umhüllen die Menschlichkeit eines Gottes, der in einen Abgrund gegangen ist, den so viele Menschen in ihrem Leben ertragen müssen.

Ihn, der im Stall geboren wurde, der als Mann nicht wusste, wohin er sein Haupt legen sollte, der am Galgen endete, haben die Zeugen gehört, gesehen und mit Händen betastet. Und dieses Kind, diesen Mann müssen auch wir hören, sehen und fühlen, um zu erkennen, wo wir durch unser Tun seine Botschaft weiter tragen, um Leben zu ermöglichen – durch unser Tun, das Gemeinschaft stiftet und Trennendes verbindet, denn:
Nehmen wir an, es gibt in unserer Stadt, in unserer Gemeinde, Menschen, die zu uns geflüchtet sind und unsere Hilfe brauchen, so lasst uns hinsehen und hingehen und helfen;
nehmen wir an, die hochschwangere Frau findet keine Wohnung, weil Kinder Lärm machen, so lasst uns umdenken;
nehmen wir an, unbelehrbare Hetzer zündeln an Asylbewerberheimen und sprechen die Sprache des Hasses, so lasst uns widerstehen und widersprechen;
nehmen wir an, Streit und Unausgesprochenes trennt uns von unserem Partner, unseren Kindern, unserem Nachbarn, unserer Kollegin, dann lasst uns den ersten Schritt zur Aussprache und Versöhnung tun;
nehmen wir an, der Kranke, die Sterbende in unserer Nachbarschaft braucht Trost und Nähe, lasst uns ihn, lasst uns sie besuchen;
nehmen wir an, wir versuchen, uns das alles vorzunehmen am Tag nach Weihnachten, dann fängt unsere Welt an, ein kleines Stückchen menschlicher zu werde: „Was ihr auch einer meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Nehmen wir das an!
Amen.

Anregungen für diese Predigt sind entnommen aus: Meditative Zugänge zu Gottesdienst und Predigt, Predigttext-Reihe II,1 Vandenhoeck & Ruprecht1991; Gott dienen ist höchste Freiheit, II,1. Herausgegeben im Auftrag der kirchlichen Bruderschaft von Walter Schlenker; Walter Jens (Hrsg): Es begibt sich aber zu der Zeit, Radius-Verlag; Predigtstudien, Perikopenreihe II, Erster Halbband 2015/2016; CD: Jedes Jahr, wenn Weihnachten ist. Rolf Zuckowski und seine Freunde.

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