1. Sonntag nach Weihnachten (31. Dezember 2017)

Autorin / Autor: Pfarrer Eckhard Benz-Wenzlaff, Stuttgart [Eckhard.Benz-Wenzlaff@elkw.de]

1. Johannes 2, 21 -25

Woran denken in diesen Stunden?Erinnerungen. Bilder aus Wochen und Monaten. Gesichter: fremde und vertraute Menschen. Solche, die Sie liebhaben, – andere, die Ihnen auf die Nerven gehen. Jemand, den Sie verletzt haben. Singen und Lachen. Ein Abschied, endgültig. Die Geburt eines Kindes, eines Enkelkindes. Und was sich außerhalb der ganz persönlichen Kreise abspielt: Bilder aus den Nachrichten. Konflikte aus der Ferne sind bei uns angekommen. Fast schon haben wir uns daran gewöhnt. Aber die Gewöhnung sitzt trügerisch an der dünnen Oberfläche. Es beruhigt nicht, wenn die Stadt Bochum die Straßensperren gegen Terroranschläge als Weihnachtsgeschenke verpackt hat und mit bunten Schleifen eine heile Welt vorgaukelt. Veranstaltungen mit „christlicher Symbolik“, sagt die Polizei, sind noch mehr in Gefahr als „ohne kirchlichen Bezug“.

Vergiftete GedankenWie soll man da ein Geschenk aufpacken ohne den vergifteten Gedanken an die Gewalt, der bis unter den Christbaum gekrochen ist? Viele Menschen ahnen, dass sich so manches Geschenk als Ausdruck einer Krise entpuppen wird. Die schöne Verpackung soll die Ängste verjagen. In Wahrheit verschleiert sie die Auseinandersetzung. Selten habe ich in so vielen Gesprächen gespürt, wie tief die Politik in die eigenen vier Wände der Menschen eingedrungen ist.

So tun, als wüssten wir die Wahrheit nichtMit unseren Erinnerungen lasst uns auf die Worte der Schrift hören. Ich lese aus dem
1. Johannesbrief:
„Ich habe euch nicht geschrieben, als wüsstet ihr die Wahrheit nicht, sondern ihr wisst sie und wisst, dass keine Lüge aus der Wahrheit kommt.
Wer ist ein Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet.
Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater.
Was ihr gehört habt von Anfang an, das bleibe in euch. Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, so werdet ihr auch im Sohn und im Vater bleiben.
Und das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben.“

Klartext statt Verschleierung finden wir beim Schreiber des 1.Johannesbriefes. Nutzlos die christliche Verpackung, wenn sich darunter nur ein Ausweichmanöver verbirgt. Glasklar zieht sich die Trennlinie zwischen Wahrheit und Lüge hindurch. Und als ob Johannes eine Ahnung davon hätte, dass das bei seinen Lesern nicht gut ankommt, beugt er dem vor: Tut nicht so, als wüsstet ihr das alles nicht!
Sollen wir uns auf der Schwelle zum Neuen Jahr diese Schelte wirklich antun? Leben wir nicht alle in Grauzonen, niemals nur schwarz oder nur weiß? Haben nicht alle ein bisschen recht – und auch nur ein bisschen unrecht? Und ist „die“ Wahrheit nicht ein ziemlich unsicheres Ding geworden, kaum mehr beim Namen zu nennen?

Die Wahrheit in PersonDie Wahrheit wird im 1. Johannesbrief beim Namen genannt: Sie heißt Jesus Christus. Das Kind in der Krippe in seiner Zartheit – und der erwachsene, gekreuzigte Christus in seiner Hilflosigkeit: das ist die Wahrheit des Lebens. Kein kluger Gedanke, der allen einleuchten muss – sondern der Blick in ein Kindergesicht.
Aber darf man in der Gegenwart eines neugeborenen Kindes über Lügner und Leugner herziehen, den „Anti-Christ“ gar an die Wand malen – heute, wenn alle wissen, wie schnell man mit so etwas religiöse Auseinandersetzungen heraufbeschwören kann? Militant tönen diese Worte für Menschen, die Fragen haben oder überhaupt am liebsten ihre Ruhe hätten.
Doch mag es uns passen oder nicht: Höflichkeit ist nicht die erste Zier der Glaubenssprache. Die Wahrheit lässt sich nicht in sanfte Worte verpacken. In der Religion geht es ans Eingemachte: Alle Hoffnungen – aber auch alle Ängste bündeln sich darin wie in einem Brennglas, dort kann es richtig heiß werden. Denn es wartet eine Entscheidung: alles oder nichts! Oder, wie es der Johannesbrief sagt: „Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.“ Entweder – oder.

Der „Antichrist“Echte Entscheidungsstunden lassen keinen Spielraum. Ein unentschlossenes „Jein“ verpasst alles. Was ist das für eine Stunde der Wahrheit: hier Jesus, der Christus – und dort der „Antichrist“: all das, was Christus entgegensteht, ihn zur Seite schieben, an seine Stelle treten will? Wer sind die Lügner? Wer redet die Wahrheit?
Wenn das so einfach wäre! Dann könnten wir uns mit festem Wissen und bestem Gewissen auf den richtigen Weg ins Neue Jahr machen. Groß ist unsere Sehnsucht, im Streit auf der richtigen Seite zu stehen. Groß die Versuchung, in einer „Stunde der Wahrheit“ festlegen zu wollen, wer auf dem richtigen Weg ist – und diejenigen auszugrenzen, die sich auf dem Holzweg befinden. Vielleicht tragen besonders wir Deutsche die Sehnsucht in uns, alles richtig machen zu wollen. Der Blick auf das Dunkel unserer Geschichte, die Scham darüber, was geschehen ist, verführt dazu, endlich einmal im Licht stehen zu wollen – im Glanz derer, die alles richtig machen.
Aber wer das von sich glaubt, macht sich etwas vor. Und den anderen auch. In unseren eigenen vier Wänden – wo wir einander kennen – nimmt uns das sowieso niemand ab. Aber auch im europäischen Haus kennen wir einander. Unsere Nachbarn schauen mit Bewunderung auf Deutschland, aber auch mit einem skeptischen Blick, geboren aus schlechter Erinnerung: auf ein Deutschland, das allein zu wissen glaubt, wo es in Europa langzugehen habe.

Befreiung von eigener AnmaßungJohannes möchte seine Gemeinde befreien von der Anmaßung, alles richtig gemacht zu haben. Christen sollen „im Licht wandeln“ – und nicht in trügerischem Glanz sich selbst inszenieren. Der Lügner, der Christus leugnet, ist der Mensch, der von sich selbst behauptet: Ich habe alles richtig gemacht. „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“
Sich selbst zu betrügen ist anstrengend. Man braucht viel Energie dafür, alte Geschichten dorthin wegzuschieben, wo keiner hinsieht. Man muss kreativ sein, um notdürftig oder glanzvoll die eigene Scham zu überspielen. Das klappt – so lange, bis jemand an unser Innerstes rührt. Dann fängt es an, wehzutun. Aber dann ist auch die Befreiung nahe.

Schmerz und Blut und Ewiges LebenJohannes weiß das. Ohne den Schmerz über das eigene Versagen ist das Leben nicht zu haben. Er lädt dazu ein, sich klarzumachen: es ist ein heilsamer, ein reinigender Schmerz. „Wenn wir im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“ So hat er seinen Brief begonnen. Und so soll es auch weitergehen: „Was ihr gehört habt von Anfang an, das bleibe in euch.“
Uns modernen Menschen erscheint das unheimlich, fremd – eine Zumutung: Weshalb sollte erst Blut fließen müssen, bis Menschen es miteinander aushalten? Dass wir in guter Gemeinschaft leben können, ist doch Erziehungssache: Einsicht, Kompromissbereitschaft gehören dazu. Sozialkompetenz heißt das heute. Lehrer wissen ein Lied davon zu singen. Therapeuten geben gute Tipps. Ein vernünftiger Umgang miteinander sollte doch ausreichen! Aber wenn’s dann doch schlimm kommt: Wenn Streit und Gewalt eskalieren, dann verstehen wir mit unseren guten Vorsätzen plötzlich die Welt nicht mehr – und verpacken Sorgen und Gefahr unter bunten Weihnachtsschleifen.

Für eine gelingende Gemeinschaft unter den Menschen gibt es unter Christen ein schmerzhaft-reinigendes Erkennungszeichen: das Blut Jesu. Wo Blut im Spiel ist, da spüren wir nicht im Kopf, sondern in den Knochen: mit guten Vorsätzen ist es wohl doch nicht so weit her. Blut ist ein aufregendes Lebens-Zeichen: sein Anblick zeugt von Energie – und von Gefahr zugleich. „Nehmet hin und trinket alle daraus. Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Das tut zu meinem Gedächtnis.“ Die Lebenshingabe Jesu: für uns. Ohne Berechnung, was ihn das kosten würde. Höher als alle Vernunft, die doch nur den alten Selbstbetrug verschleiert. Zum Gedächtnis an das Blut Christi gehört ein Film, der sich abspielt vor dem inneren Auge. In diesem Film fließen Szenen ineinander von damals und heute: es ist die Nacht des Verrats. Jesus sitzt mit den Seinen zu Tisch. Es ist die Stunde der Wahrheit; alle erschrecken vor sich selbst: „Herr, bin ich’s, der dich verrät?“ Und keiner könnte die Hand für sich ins Feuer legen. Keiner verlässt sich auf seinen klaren Kopf. Sie spüren: Jetzt geht es um alles, um ewiges Leben. Entweder – oder. Und sie essen und trinken.
Und wir? Wir sind eingeladen, spielen mit in diesem Film, sitzen mit zu Tisch und spüren: Jetzt brauche ich kein Versteckspiel mehr zu treiben. Ich weiß: Ich hätte ihn genauso verraten und verlassen wie alle anderen. Ja, ich hab’s tatsächlich getan. Ich war ein Lügner. Aber die Wahrheit liegt vor mir auf dem Tisch: Iss vom Brot des Lebens und trink vom Kelch des Heils! Das stärke dich und das bewahre dich – jetzt: auf der Schwelle zum Neuen Jahr, auf dem Weg der Verheißung. „Das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben.“

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