1. Sonntag nach Trinitatis (03. Juni 2018)

Autor/in: Pfarrer Dr. Martin Hauff, Langenau [Martin.hauff@kirche-langenau.de]

Jeremia 23, 16 -29

Liebe Gemeinde!

Wem kann man noch trauen?
Es ist ein schlimmes Gefühl, wenn man Fachleuten nicht mehr trauen kann: Wenn man das Gefühl hat, mir wird nicht das Notebook empfohlen, das ich brauche, sondern dasjenige, das gerade auf Lager ist. Wenn man fürchten muss, der Vertreter schwatzt mir eine Versicherung auf, die mir im Ernstfall nichts nützt. Oder gar, wenn man Zweifel an der Kompetenz seiner Ärztin oder der Glaubwürdigkeit seines Pfarrers hat.

Schlimmer ist es, wenn es um entscheidende Weichenstellungen geht im persönlichen oder im gesellschaftlichen Leben: Wenn man ratlos den Schlagabtausch von Fachleuten, Funktionären und Politikern verfolgt und sich ihnen ohnmächtig ausgeliefert fühlt. Am schlimmsten ist es, wenn es bei solchen Fragen um die Existenz eines ganzen Volkes geht.

Anfang des 6. Jahrhunderts vor Christus hat die Großmacht Babylon das kleine Judäa mit seiner Hauptstadt Jerusalem und die Nachbarstaaten ringsum unterworfen. Sie sind gerade dabei, sich gegen die Besatzungsmacht zu verbünden, um ihr drückendes Joch abzuschütteln. Ein riskantes, gefährliches Unternehmen. Wer weiß, wohin das führt? Wer weiß, was in dieser Situation das Richtige ist? Das ist damals nicht nur eine politische Frage, sondern vielmehr auch eine religiöse Frage. Ist Gott dafür oder geschieht es gegen seinen Willen?

Die Fachleute für diese Frage sind die Propheten. Und die sind sich nicht einig. Die meisten von ihnen sind dafür. Ihre Worte bestätigen die Aussagen der Politiker. Ihre Worte bestätigen die Mehrheitsmeinung, die auf den Straßen vorherrscht, und die bewegt sich ganz auf der Welle nationaler Begeisterung. Nur eine Minderheit der Propheten ist dagegen. Sie warnen dringend vor militärischen Abenteuern. Sie versuchen, die Selbstüberschätzung der eigenen Kräfte gegenüber der Supermacht Babylon zu erschüttern. Sie berufen sich auf Gott, auf sein Wort, auf seine Offenbarung. Aber das tun die anderen auch.

Prophet gegen Prophet – überliefert sind uns vor allem die Stimmen der wenigen, die damals gegen das politische Abenteuer sind. Es sind jene, die im Verlauf der Ereignisse auch Recht bekommen. Aber sie sind weit davon entfernt, darüber zu triumphieren. (1) Im Gegenteil, es belastet sie selbst, in aller Klarheit zu sehen, welches Unheil auf ihr Volk zukommt.
Einer von ihnen ist der Prophet Jeremia. Für Jeremia ist ganz eindeutig, dass diejenigen Propheten, die die Jerusalemer beruhigen, die sie bestätigen in ihren nationalen Hoffnungen auf Unabhängigkeit, dass die die Wünsche ihres eigenen Herzens predigen, aber nicht den Willen Gottes. Leidenschaftlich setzt Jeremia sich mit denen auseinander, die in seinen Augen „falsche Propheten“ sind – doch hören wir ihn selbst: Jeremia 23, 16 bis 29:

Originalton: Jeremias leidenschaftliche Worte gegen die „falschen Propheten“„So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch, sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn.
Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die im Starrsinn ihres Herzens wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.
Aber wer hat im Rat des Herrn gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?
Siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen.
Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.
Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie.
Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.
Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?
Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der Herr.
Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt.
Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, so wie ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal?
Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der Herr.
Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“

Prophet gegen Prophet – beide werfen ihre ganze Person in die AuseinandersetzungDas sind, liebe Gemeinde, leidenschaftliche Worte, weil die Auseinandersetzung hart geführt wird. Jeremia nennt seine Gegner polemisch „Propheten, die Lüge weissagen“. Diese „falschen Propheten“ blieben für uns unwirkliche Schattengestalten, würde nicht wenige Kapitel später berichtet, wie Prophet und Prophet aufeinandertreffen. Prophet eins: Hananja. Er wirkt am Tempel. Und er kommt jetzt auf den Tempelplatz heraus. Er tritt dem Propheten zwei gegenüber: Jeremia. Es sind die Tage aufgeregter Diplomatie, in denen die antibabylonische Koalition geschmiedet werden soll.

Der Prophet Jeremia verkündigt dem König, den Jerusalemern und ihren Bündnispartnern ein Warn-Wort: „So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Lehnt euch nicht auf gegen den König von Babel! Das bedeutet angesichts seiner Übermacht den sicheren Tod. Beugt euren Nacken unter das Joch des Königs von Babel!“ Als bekräftigendes Zeichen legt Jeremia sich ein Holzjoch auf seinen Nacken und läuft damit durch die Stadt.

Der Prophet Hananja hingegen verkündigt den nach Freiheit Dürstenden ein Heils-Wort: „So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Ich habe das Joch des Königs von Babel zerbrochen. Ehe zwei Jahre um sind, werde ich die heiligen Geräte des Tempels aus Babel wieder zurück nach Jerusalem bringen, ebenso König Jojachin samt allen Weggeführten.“ Als bekräftigendes Zeichen nimmt Hananja das Holzjoch vom Nacken Jeremias und zerbricht es vor aller Augen.
Gotteswort gegen Gotteswort, prophetische Zeichenhandlung gegen prophetische Zeichenhandlung! Das muss für die damaligen Zuhörer unglaublich verwirrend gewesen sein.
Wir kennen den weiteren Verlauf der Geschichte, die Jeremia als den wahren Gottesboten erwiesen hat, der das Unheil von Norden her klar hatte kommen sehen. Aber ist es immer so klar, wenn man mitten drin steht in schwierigen Entscheidungssituationen?

Den von Jeremia angegriffenen Heilspropheten wird man nicht gerecht, wenn man sie als Schönwetter-Propheten abtutEs ist zu billig, in Hananja und den Heilspropheten simple Betrüger und Irrlehrer zu sehen. Es ist zu einfach, in Hananja und seinen Kollegen leicht durchschaubare Schönwetter-Propheten zu sehen, die allzu willfährig dem Volk und den Politikern nach dem Munde reden, die allzu gern bestätigen und damit selber groß herauskommen. Hananja und seine Kollegen waren fromme Leute, die an Gott glaubten und die gute theologische Gründe für ihre Heilsworte hatten.

Hananja und die Heilspropheten vertraten den Glauben, dass Gott sich den Berg Zion als Wohnsitz auf Erden erwählt hat und deshalb die Stadt Jerusalem und den Tempel schützt. Und er hat es ja getan, im letzten Jahrhundert, zur Zeit des Königs Hiskia, als der assyrische König Sanherib heraufzog und Jerusalem belagerte, es aber nicht einnehmen konnte. „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben… Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben.“ – So beteten sie voller Inbrunst den Vertrauenspsalm 46, den wir noch heute beten.

Und Hananja und die Heilspropheten glaubten, dass Gott das Joch der Bedrücker Israels zerbricht. Und er hat es ja getan, grade mal ein Vierteljahrhundert zuvor, grade mal so lange zuvor, wie in unserem Land in jener unvergesslichen Befreiungs-Nacht sich die Berliner Mauer öffnete. Ja, Gott hatte das Joch zerbrochen, als die assyrischen Besatzer sich zurückziehen mussten und ihr Staat unterging. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht… du weckst lauten Jubel, denn du hast ihr drückendes Joch …und den Stecken ihres Treibers zerbrochen…“ (Jesaja 9) – mit diesem Dankgebet lobten sie Gott, aus diesem Dankgebet schöpften Hananja und die Heilspropheten die feste Zuversicht, dass Gott auch dieses Mal das Joch des übermächtigen Bedrückers zerbrechen werde (2) – Worte übrigens, die für uns zu den ganz kostbaren Weihnachtsworten gehören, am letzten Heilig Abend waren sie in der Christvesper wieder einmal Predigttext.

Jeremias erster Kritikpunkt an der Verkündigung der Heils-Propheten: Heils-Verkündigung zur Unzeit wird zur Lügenpredigt!Machen wir es uns also nicht zu leicht: Die, die Jeremia „falsche Propheten“ nennt, sind nicht irgendwelche Witzfiguren, denen die Lüge aus Mund und Ohren trieft. Sie sind fromme Leute und meinen es ernst. Allerdings: Sie sagen die guten und frommen Worte, die am Tempel treu überliefert wurden, in eine gewandelte Situation hinein, in der sich diese guten und frommen Heilsworte in Lügenworte wandeln. Warum?

In Jerusalem und Juda werden Recht und Gerechtigkeit schändlich missachtet. Prunk und Protz auf der einen Seite, horrende Armut auf der anderen Seite. Und in Jerusalem und Juda wird das erste Gebot gebrochen. Statt Gott allein die Ehre zu geben, hat sich am Tempel ein wüstes Göttergemisch eingenistet.

So ist aktuell eine Unheils-Situation entstanden, in der der wahre Bote Gottes harte Mahnworte ausrichten und zur Umkehr rufen muss. Hananja und die Heilspropheten aber sehen in den überlieferten Heilsworten die Wünsche und Gedanken ihres Herzens bestätigt – und übersehen, dass diese Worte jetzt nicht ihre Zeit haben, dass der lebendige Gott jetzt das Volk ermahnt und zurechtgewiesen haben will. Jeremia bestreitet Hananja und den anderen Heilspropheten deshalb rundweg, dass sie überhaupt von Gott gesandt sind: „So spricht der HERR: Ich sandte die Propheten nicht und doch laufen sie, ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie.“

Jeremias zweiter Kritikpunkt an der Verkündigung der Heils-Propheten: Gott ist nicht nur der Gott, der nahe ist!Indem nun aber die Heilspropheten in einer Unheils-Situation „Heil und Frieden“ verkündigen, wandelt sich ihre Heilsverkündigung zur Lügenpredigt. D.h. sie nähren die Illusion des „lieben Gottes“, der immerzu gut und nahe ist, egal wie schändlich wir uns auch verhalten, und der aus allem Unheil rettet. Sie verkündigen das Gespinst des permanent gütigen Gottes. Gerade so aber nehmen sie ihren Hörern die Orientierung am wahren Gott. Gerade so lassen sie zu, dass Israel den Namen seines Gottes vergisst. Mit ihren heillos beruhigenden Scheinworten verstricken sie Israel nur tiefer in Schuld, statt es zur Erkenntnis seiner Schuld gelangen zu lassen. So hindern sie die Schuldigen an der Umkehr von ihren Wegen und geben sie dem Unheil preis.

Gegen die Illusion des allezeit nahen Gottes, gegen die Illusion des immer beschirmenden und in dieser Einseitigkeit letztlich harmlosen Gottes schärft Jeremia ein, dass Gott auch ein Gott der Ferne ist, der unsere Vorstellungen und Wünsche übersteigt. Sein Wort ist lebendiges Wort, das mit seinem Feuer die Asbestpanzer unserer Selbstbezogenheit aufzuschweißen in der Lage ist. „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“

Für unsere Kontroversen in Kirche und Gesellschaft erbitten wir Klarheit und schlussendlich gemeinsame Lösungen mit der Hilfe von Jesu Geist der Wahrheit...Liebe Gemeinde, was uns da in aller Abgründigkeit im Jeremia-Buch begegnet, wie da Prophet auf Prophet trifft, ich glaube, dass wir das nicht ungebrochen auf unsere Auseinandersetzungen in theologischen und gesellschaftspolitischen Fragen übertragen können. Und Auseinandersetzungen um theologische und gesellschaftspolitische Fragen mit viel Konfliktpotenzial, die kennen wir ja auch heute nur zu gut – sei es die Beurteilung gegenwärtig umstrittener Fragen wie Integration und die Grenzen der Belastbarkeit (so das Buch des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer), die Debatte um den Islam oder die Frage der Segnung Gleichgeschlechtlicher – aber auch so kirchenpraktische Fragen wie die gerechte und den Gemeinden dienliche Umsetzung des Pfarrplans.

Als Christenmenschen sind wir nicht Propheten, die in Gottes Rat gestanden haben. Sondern wir haben das Gotteswort nicht anders als in der von Menschen überlieferten Form Alten und Neuen Testaments. Wir brauchen die Fachleute, die die Bibel sachgemäß auslegen und Fragen des Glaubens kundig beantworten können. Wir brauchen die christlichen Praktiker, die aus langer geistlicher Erfahrung eine Antenne dafür entwickelt haben, was anliegt und was Sache ist. Aber dann gilt es für jeden Einzelnen von uns, die praktischen Folgen unseres Glaubens für den Alltag zu ziehen und uns in den Gegenwartsfragen mit unserem Gewissen zu entscheiden, das an der Bibel geschult ist. Es gilt, diesen Fragen nicht auszuweichen, sondern sich wohlbegründet für die eine oder die andere Seite zu entscheiden. Wohl wissend, dass wir uns irren können, aber im Vertrauen darauf, dass Gottes Geist uns bei dieser Entscheidung führen wird. Um ihn bitten wir, wie wir im Wochenlied gesungen haben: „Nun bitten wir den Heiligen Geist um den rechten Glauben allermeist..., du wertes Licht, gib uns deinen Schein...“ (EG 124,1-2)

Ich sehe dabei Kirche als Vertrauensraum, in dem über kontroverse und hochkomplexe Themen differenziert informiert und miteinander um die Wahrheit gerungen wird. Dabei vertrauen wir darauf, dass der Geist der Wahrheit die Wahrheit in Klarheit durchsetze. Und Kirche ist für mich auch der Raum, in dem wir uns gegenseitig die stille Korrektur erlauben.

... und doch gibt es Situationen, in denen wir wie Jeremia in die Konfrontation gehen müssen und Unrecht beim Namen nennenWo wir vom Wort Gottes nur erwarten, dass es uns in unseren Ansichten bestätigt, müssen wir uns von Jeremia daran erinnern lassen: Es gibt auch Zeiten und Situationen, in denen Gottes Wort uns heilsam beunruhigt, erschüttert, in Frage stellt. Es gibt Stunden, in denen Gottes Boten das Unrecht beim Namen zu nennen haben und zur Umkehr zu rufen. In diesem Jahr 2018 werden es 80 Jahre, dass in der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 in unserem Land die Synagogen brannten. In seiner Bußtags-Predigt in der Woche nach den Synagogenbränden stellte sich Pfarrer Julius von Jan in Oberlenningen bei Kirchheim dem vorgegebenen Predigttext aus dem Jeremia-Buch: „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! (Jeremia 22, 29)“ Von Jan hörte den Vers im Gesamtzusammenhang bei Jeremia. Er spürte die heilsame Beunruhigung dieses Wortes. Ihm war deutlich: Wenn die Predigt nur von Heil und Frieden spräche, würde sie zwar zentrale biblische Begriffe aufgreifen, aber dennoch zur Lügenpredigt werden. Die Jeremia-Worte von den Lügenpropheten wurden für Pfarrer von Jan transparent für die deutschchristlichen „Lügenprediger“, allen voran Reichsbischof Ludwig Müller und seine Anhänger.
Und so traute sich von Jan, in seiner Predigt zu sagen: „In diesen Tagen geht durch unser Volk ein Fragen: Wo ist in Deutschland der Prophet, der in des Königs Haus geschickt wird, um des Herrn Wort zu sagen? Wo ist der Mann, der im Namen Gottes und der Gerechtigkeit ruft, wie Jeremia gerufen hat: Haltet Recht und Gerechtigkeit... Gott hat uns solche Männer gesandt! Sie sind heute entweder im Konzentrationslager oder mundtot gemacht. Die aber, die in der Fürsten Häuser kommen und dort noch heilige Handlungen vollziehen können, sind Lügenprediger wie die nationalen Schwärmer zu Jeremias Zeiten und können nur Heil und Sieg rufen, aber nicht des Herrn Wort verkündigen.“(3)
Eine Woche später wurde Pfarrer von Jan von einem SA-Schlägertrupp zusammengeschlagen, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und des Landes verwiesen, dann zum Wehrdienst eingezogen. Erst 1945 konnte er seine Pfarrstelle Oberlenningen wieder übernehmen. Gut, dass die drei evangelischen Kirchengemeinden Brucken, Oberlenningen und Unterlenningen bei der Fusion Anfang dieses Jahres sich den Namen „Evangelische Julius-von-Jan-Kirchengemeinde Lenningen“ gaben – zur Erinnerung an jenen Pfarrer, der mit Jeremias Mahnung ernst gemacht hatte.

Gott ist der Gott, der bestätigt und erschüttertEs gilt, im Hören auf Jeremias Botschaft wieder neu wahrzunehmen, dass Gott schrecklich verharmlost wird, wo er nur der allezeit gütige und liebe Gott ist, der nichts anderes als ein Bild der Wünsche unsres Menschenherzens und ein Echo der Bestätigung ist. Jeremia fragt uns: Nehmen wir ernst, dass sich Gott auch verbergen kann, dass er auch zum fernen Gott werden kann? Nehmen wir ernst, dass wir uns vor ihm nicht verbergen können? Nehmen wir ernst, dass die im Alten und Neuen Testament überlieferten Worte uns nicht nur bestätigen, sondern auch erschüttern – und grade so auf Läuterung und Verwandlung zielen? Amen.

Anmerkungen:

1 Die Einleitung habe ich in leicht überarbeiteter Form von Wilhelm von der Recke übernommen; Predigt zu Jeremia 23, 16-29, für den 1. Sonntag nach Trinitatis, 18.06.2006, veröffentlicht in: Göttinger Predigten im Internet, hg. von U. Nembach; Redaktion: C. Dinkel und I. Karle.
2 Während Jeremias Schweigezeit (622-609 v. Chr.) waren an der Tradition geschulte und gebildete Kreise aus Priestern und Propheten am durch Josias Kultreform aufgewerteten Jerusalemer Tempel theologisch höchst produktiv. In seiner Studie „Die Jesaja-Worte in der Josiazeit“ konnte Hermann Barth m.E. überzeugend zeigen, dass besagte Priester und Propheten am Anfang des vorletzten Jahrzehnts des 7. Jh.s, zwischen 621 und 616, eine Zusammenfassung und einschneidende Neuinterpretation der Jesaja-Überlieferung vorgenommen haben, die Barth „Assur-Redaktion“ (= AR) nennt. Zu ihr gehören u.a. die Textstücke Jes 8,9f; 8,23b-9,6; 10,16-19; 14,24-27; 30,27-33; 31,5.8b-9. Die AR ist beeinflusst von der Jerusalemer Kulttradition (z.B. Ps 48,9: Gott erhält die Stadt Jerusalem ewiglich), altisraelitisch-landjudäischen Traditionen, weisheitlichen und prophetischen Einflüssen. Angesichts einer gewandelten geschichtlichen Lage aktualisiert die AR die überlieferten Prophetenworte und will so ein die Gegenwart erhellendes Jahwewort sein, versteht sich also mithin als Prophetie. (Barth, S. 227-230). An zeitgeschichtlicher Erfahrung verarbeitet die AR: einmal die bereits erfolgte Befreiung Israels vom Joch assyrischer Fremdherrschaft (Jes 9, 3: Du hast ihr drückendes Joch zerbrochen; präteritale Formulierung), dann den sich abzeichnenden völligen Untergang der assyrischen Bedrücker in ihrem Stammland (Jes 9,4: Jeder Stiefel wird verbrannt; Zukunftswort) und schließlich (Jes 9,5f) die Königsherrschaft Josias (Barth, S. 173.176f.247-249). Theologisch will die AR die wunderbare Weisheit des Planens und Wirkens Jahwes aufzeigen, das in der Vergangenheit befremdliche Züge getragen haben mag, aber von Anfang an auf das eine Ziel gerichtet war: das Heil Israels (Barth, S. 274). Die Auffassungen der AR, wie sie u.a. in 8,23b-9,6 (9,6: dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich) zum Ausdruck gebracht wurde, passen recht genau zur Verkündigung der von Jeremia rund 25 Jahre später angegriffenen Propheten mit ihrer Überzeugung, dass Jahwe Jerusalem und Juda Schalom auf Dauer verliehen habe und es zu einer neuen Fremdherrschaft nicht kommen werde. Vor diesem Hintergrund ahne ich, wie überzeugend der Auftritt des Propheten Hananja im Jahr 594 für seine Zeitgenossen gewirkt haben mag, der ja mit dem Anspruch, Gottes Wort zu sprechen, auftrat und sich des „So spricht Jahwe“ bediente. Warum sollte der Gott, von dem die AR bekennt: „Du hast ihr drückendes Joch und den Stecken ihres Treibers zerbrochen!“ nicht auch das babylonische Joch zerbrechen können? (Jer 28,2.4.11) (vgl. Martin Hauff, Heillose Bestätigung – heilsame Erschütterung. Predigtmeditation zu Jeremia 23, 16-29, in: Für Arbeit und Besinnung 10/2012, S. 12f.).
3 Text aus: Eberhard Röhm, Jörg Thierfelder, Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz, Stuttgart 1982,2.Aufl., S. 127-129.

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