1. Sonntag nach Trinitatis (29. Mai 2016)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Dr. Werner Grimm, Tübingen [werner-grimm.verlag@t-online.de]

1. Johannes 4, 16-21

Liebe Gemeinde!
„Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Das ist so etwas wie Thema und Mitte des 1.Johannesbriefs. Ihn, einen theologischen Traktat, hat ein großer Lehrer der Urkirche ums Jahr 100 n.Chr. an die Christen in Kleinasien geschrieben. „Gab es damals schon Entwicklungen, in welchen Christen ihre Beziehung zu Gott als eine Beziehung mystischer Innigkeit pflegten, als Gottesminne, die keinen Zutritt anderer verträgt?“, so fragt sich ein Ausleger im Jahr 2008 (1). Und wenn wir den letzten Satz des Predigttextes hinzunehmen, „dass, wer Gott liebt, auch seinen Bruder liebe“, so ließe sich solche Mystik um eine soziale Komponente erweitern – mit einem Bild von Karl Barth: Gottes Liebe ist die Quelle unserer Liebe, und unsere Liebe zu den uns begegnenden Menschen ist der Bach. Wir können auf Dauer die Geschwister nur so lieben, dass wir immer wieder neu aus der Quelle schöpfen.
Freilich, unser Predigttext ist damit noch nicht ausgeschöpft. Genau gehört, holt er uns gar bald aus der mystischen Tiefe herauf auf den Boden der herben Realität. Er lässt uns nicht länger in wohligen Gefühlen baden, sondern stellt uns, drei Male!, den Bruder in den Weg. Und damit wird es ein sehr ernster Text.

Die uralte Kain-Abel-Geschichte im HintergrundDenn das Wort ‚Bruder‘ verbinden die Propheten und Apostel der Bibel nicht mit einem „Seid umschlungen Millionen“, sondern – mit der „ur-typischen“ Geschichte von Rivalität und Gewalt; sie steht buchstäblich am Anfang der Menschheitsgeschichte.
In der uralten Zeit, in der wir sie uns vorstellen sollen, gab es für die Menschen im Vorderen Orient zwei Berufe. Man wurde ein ortsfester Bauer, bearbeitete den Acker und lebte von den Früchten des Landes. So Kain. Oder man wurde, so sein Bruder Abel, Schafhirt und lebte von Milch, Käse, Fleisch und Wolle, und alles hing davon ab, dass man fürs Vieh immer wieder Weideplätze fand zum Abgrasen. Arbeitsteilung also von Anfang an – ob sie bei allen Chancen, die in ihr liegen, auch dazu beiträgt, dass Menschen sich einander fremd werden, weil sie in verschiedenen Milieus leben? „Zwölf Wochen Urlaub hat die Lehrerin – die möchte ich mal haben!“ „Die Lokführer – haben die’s gut. Tagaus, tagein, durch die Technik entlastet, durch schöne Landschaften rauschen – und dann erlauben sie sich’s noch, den ganzen Verkehr lahmzulegen.“ Ob Sozialneid solcher Art, wobei man nur die eine Seite der Medaille sieht, eine Rolle spielt für das, was Kain nachher tun wird?

Dunkle Wolken jedenfalls ziehen auf, als sich Kain arg zurückgesetzt fühlt. Beide wollen sie dasselbe, wollen, wozu die Opfergabe da ist: Gott danke sagen und Ihm eine Freude machen; und sie hoffen, dass er sie dann seinerseits wiederum reichlich mit Segen beschenkt. Ein Kreislauf. Und nun unterbricht nicht Kain diesen, sondern Gott! Ungeheuerlich und rätselhaft: Abels Gabe nimmt er an, die seines Bruders Kain würdigt er keines Blickes. Der merkt das in seiner ganzen Existenz: daran, dass die mühselige Arbeit auf dem Acker heuer erfolglos bleibt: eine totale Missernte gibt‘s nach ausgebliebenem Regen. Kaum reicht’s für den Lebensunterhalt, während die Herde des Bruders in diesem Jahr besonders gut wirft. Ein beängstigendes Gefühl beschleicht Kain: Mein Leben misslingt. Nicht denkt er daran, dass sich im nächsten Jahr die Verhältnisse schon wieder ganz anders darstellen können. Vor Augen hat er nur immer seinen jetzt reichen Bruder. Dessen Leben glückt. Der glänzt vor Freude. Es ist unbegreiflich und fast nicht auszuhalten.

An dieser dunklen Stelle versuchen fast alle Ausleger, Gott zu entlasten. Kain habe nicht richtig oder er habe in niedriger Gesinnung geopfert. Aber davon weiß die alte Erzählung nichts. Sie sagt lapidar nur: So ist es, so geschieht es auf dieser Welt, so ungleich verteilen sich Glück und Gelingen auf die Menschenkinder. Das ist die Realität von Uranfang an.
Und diese Botschaft stimmt ja mit der Lebenserfahrung überein. So fragt doch mancher: Warum konzentriert sich alles Pech auf mich? Es gab kein Geld mehr, dass ich den Beruf meines Lebens hätte lernen können – für meine Schwester war es da. Warum musste ich mein ganzes Leben immer nur Menschen hergeben? Der Nachbar, wenn ich sein Geld hätte und seine Gesundheit – was würde ich daraus machen! Sie hören richtig: Immer ist das Ich betont in solchen Sätzen. Aber es ist die Ichbezogenheit des vielleicht wirklich zu kurz gekommenen Menschen. Am meisten greift mich nun allerdings nicht der materielle Besitz an, den der andere mehr hat – mehr noch nagt an mir etwas Elementareres: das, was der andere in sich selber ist und aus sich selber ist, was er nicht wie die Habe verlieren kann: seine Intelligenz, sein Ruhen in sich selbst, seine Festigkeit, seine von innen kommende Schönheit, sein Gottvertrauen. Es ist wie eine Bedrohung, eine Verurteilung meines Lebens.
„Und es wurde Kain sehr heiß vor Wut und sein Angesicht fiel herunter.“ Das macht er nicht, das überfällt ihn und überwältigt ihn. Psychosomatisch. Über die Seele erfasst es den Körper. Bald brennt der Neid und macht den Körper heiß und aufs Höchste geladen und will sich entladen, will die Gerechtigkeit mit Gewalt wiederherstellen. Bald zieht Depression das Angesicht nach unten. Das ist ein Ausdruck für Liebesverlust: mit dem niedergeschlagenen Angesicht ist der Kontakt zu den Mitmenschen abgebrochen. Denn für ein sich austauschendes, liebe-volles Leben braucht es das erhobene, offene Angesicht: in Augen sehen, die einen liebevoll anblicken, eine beruhigende Stimme hören, einen Menschen riechen können – alles ist versammelt im Angesicht; wir leben von Angesicht zu Angesicht. Und das ewige Leben soll bekanntlich darin bestehen, dass wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen.

Insoweit leidet Kain, und wer ihm bis dahin moralisch kommt, der oder die haben’s nie leiden müssen. Zum Verbrecher wird Kain erst da, wo er sein Leiden an Gott und der ungerechten Situation mit Gewalt beenden will, statt seine maßlose Enttäuschung und Wut ‚sich von der Seele zu schreien‘ – vielleicht hätte solches ‚Dampf ablassen‘ ja schon entspannt. Kein noch so quälendes Leiden berechtigt dazu, sich an einem Menschen zu vergreifen. Jedes Menschenleben ist Geschöpf Gottes und damit unter seinen ‚Naturschutz‘ gestellt: es ist heilig. Kain aber sinnt auf die Tötung des Bruders, und bewusst bei vollem Verstand plant er das Verbrechen so, dass es nachher unentdeckt bleibt; darum lockt er seinen Bruder aufs Feld hinaus weitab von jeder Menschensiedlung. Mag sein, dass es noch einen kurzen Wortwechsel zwischen den Brüdern gab. Kain: „Hau ab; das ist mein Ackerboden.“ Abel: „Okay, aber du – zieh deine Kleider aus. Denn die Wolle stammt von meinen Schafen!“ Und dann erschlägt Kain seinen Bruder – dort, wo das Opfer keine Chance hat, mit seinem gellenden ‚Hilfe!‘ jemanden zu erreichen, erschlägt er ihn. (Nachher wird sich freilich herausstellen, dass es das perfekte Verbrechen nicht gibt; In der Symbolsprache der Erzählung: Abels Blut tritt für den stumm gemachten Mund des Getöteten ein, und seinen Schrei hört Gott. Und Gott ahndet das Verbrechen und sei es ‚nur‘ durch die Ruhelosigkeit einer gehetzten Existenz, welcher der unentdeckt gebliebene Mörder zeitlebens nicht entkommt.)

Kain und Abel – Urgeschichte. Deshalb sollen wir sie nicht so lesen, dass der Erste in der Weltgeschichte, der seinen Bruder ermordete, ein Verbrecher namens Kain war. Sondern so: Wer immer einen Menschen verletzt, am Ende gar tötet, aus welchen Motiven auch immer, der vergeht sich am Leben eines Bruders, einer Schwester. Ist doch die Menschheit nach Gottes Willen seine Familie, in der wir unserer Geschwister Hüter sein sollten.
Und auch das sollen wir heraushören: Wenn da „Brüder“ zu Täter und Opfer werden, also Menschen, die ganz nahe beieinander leben, Lebensräume teilen – dann verkörpern diese „Brüder“ Gefahren, die in unser aller Brust schlummern.

Jesus zu Bruder-Mord und Bruder-LiebeJesus hat später den alten Menschheitsstoff aufgegriffen – unter dem Gesichtspunkt, ob und wie denn eine Kain-Abel-Geschichte einen besseren Ausgang nehmen könnte. Dabei sensibilisiert er uns für die häufigen Anfänge einer Gewaltgeschichte, ihnen zu zu wehren. Auf der Spur Kains bewege sich, wer das hässliche Schimpfwort raka, auf Deutsch etwa „Drecksack“ – wer Worte, die töten können, auf den Nächsten schießt. Jesus hat sich aber auch an „Abel“ gewandt. Auch er habe manchmal die Chance, etwas zu tun für einen besseren Ausgang der Geschichte. Wenn ein „Abel“ spürt, dass der „Bruder“ etwas gegen ihn hat, dass etwas zwischen ihnen ist, dann soll er notfalls sogar mitten auf dem Weg zum Gotteshaus umdrehen, die „Opfergabe“ liegen lassen und rasch hin zum Bruder! (Mt 5,21-24)

Johannes setzt noch andere AkzenteJohannes, sein Schüler, knüpft in anderer Weise nochmals an die Urfassung von „Kain und Abel“ an. In ihr gab es im dramatischen Geschehen ein kurzes Innehalten: Kain bekommt die Chance, in sich zu gehen. Gott spricht ihm, fast seelsorgerlich, ins Gewissen: Ist es nicht so? Wenn du ungeachtet deines Leidens konsequent vorwärts blickst, dich auf gute Ziele ausrichtest und jedenfalls stur bei der Ehrfurcht vor dem Leben als dem Unantastbaren bleibst, dann kannst du bald wieder frei aufschauen. Dann wird ein anderer Tag kommen, dann wird das Vergangene allmählich seine Macht verlieren und du wirst nicht bitter-böse werden müssen bis ins Mark hinein.

An dieser Stelle mag sich Johannes gefragt haben: Aber wie schaffen das verletzte und gekränkte Menschen, nicht wieder verletzen, kränken, Lebensglück zerstören zu wollen? Da erkennt Johannes vorab: Furcht vor einem Jüngsten Gericht wäre ein schlechter Motivator, unvereinbar mit einem Leben aus der Liebe. Wenn mich nur die Vorstellung einer ewigen Strafe davon abschreckt, dem „Bruder“ etwas heimzuzahlen, dann bliebe meine Seele krank und weh. Johannes weiß einen heilsameren Weg. Denkt doch ihr Christen bitte immer wieder daran: Er, Gott, hat uns zuerst geliebt: Die in der „Gabe“ Jesus ergangene unüberbietbare Liebeserklärung Gottes an den Menschen (vgl. Röm 8,31-38) sollte ‚Kain‘ doch von seinen Eifersuchtsdämonien befreien. Sollte es bewirken, dass er „sein Angesicht wieder hebt“ und seinerseits ‚liebe-voll‘ (wörtlich!) auf seine Schwestern und Brüder schaut und Gutes an ihnen tut. Er hat uns zuerst geliebt – mit einer „ewigen Liebe“, die alles umfängt, die uns am Anfang ins Leben schickt und am Ende heimholt. Uns dessen bewusst, können wir in der Liebe bleiben und in der Ehrfurcht vor dem Leben des anderen.
Er hat uns zuerst geliebt: Viele von uns können das durchaus zusammenbringen mit ihren bisherigen Lebenserfahrungen. Sie schauen auf ihr Leben zurück, auf eine unbeschwerte Kindheit, unverdientes Glück mit dem Partner, im Einklang mit dem Beruf, keine schlimme Krankheit: Der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint, sagen sie, und man spürt, dass sie aus diesem Gefühl heraus auch fröhliche und freundliche Menschen sind, gut zu ihren Mitmenschen, weit weg von den Finsternissen Kains.

Der mystische Eingang in den Strom der LiebeAber was ist mit den anderen? Bei denen Erfahrungen ausgeblieben sind, die ihnen das „Er hat uns zuerst geliebt“ reichlich belegt hätten? „Kein Vater hat sie auf seinen Knien reiten lassen, in seinem Arm schützend festgehalten, an seine Wange angeschmiegt. Keine Mutter hat ihr liebevoll die Brust gereicht, hat Freude an ihrem Lachen gehabt, ihr Auge hat nicht aufgeleuchtet, wenn es dem Kind begegnet ist. Keine Anerkennung in der Schule, keine Möglichkeit zu lernen, was sie lernen wollte, kein Halt an den Geschwistern, nur nach außen hin Tapferkeit … Nun eine Ehe. Ein Mann, der sie korrigiert und herabsetzt … Sie ist voller Freundlichkeit, voller Zuwendung für andere, voller Verständnis, und trotzdem voller Verzweiflung. Es gelingt nicht, sie sicher zu machen in ihrem Wert.“ Die Schriftstellerin Marielene Leist (2) beschreibt so das Lebensschicksal einer Bekannten, bei der das „Er hat uns zuerst geliebt“ wohl immer wieder ans Ohr drang, sich aber nicht ins Herz versenken konnte und schon gar nicht ihr Bauchgefühl wurde.
Und hier schließt sich nun der Kreis. Wir kommen zurück zur Stelle, da sich der Predigttext für einen mystischen Zugang in die Bewegung der Liebe öffnet: Gott ist die Liebe, und es gibt ein in diese Liebe Hineinfinden und in der Liebe Bleiben. Es gibt eine Gebetstiefe, in der ich der Liebe Gottes unmittelbar gewiss werde und sie geradezu körperlich spüre. Dann hänge ich nicht mehr gnadenlos ab von einem glücklichen Lebensschicksal, davon, dass mir Menschen die Liebe Gottes vermittelt haben. Dann gibt es eine „Alternative“. Jetzt dürfen nochmals dichterisch verdichtende Worte her; ich gebe solche des Schriftstellers Reinhold Schneiders mit auf den Weg: „Das ist das ganze Geheimnis, dass wir das Hin- und Widerströmen der Liebe fühlen und uns ihm hingeben; es kommt von oben und umfasst uns und will wieder hinauf, und wir müssen lernen, in ihm zu atmen und alles, was wir tun, in der Richtung dieses großen Stromes zu tun.“(3) Nicht sollen wir so etwas wie „Gegenliebe“ üben, sondern sollen die Liebe weiterleiten, Liebe nicht zurückgeben, sondern sie strömen lassen.
Amen.
Literaturangaben:
1 Paul Dietrich, Wegworte, 2008, S.289.
2 Größer als unser Herz, 1981, S.132ff.
3 Zitiert nach Jörg Zink, Erfahrungen mit Gott, 1974, S.453.

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