1. Sonntag nach Trinitatis (07. Juni 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrer Daniel Geese, Stuttgart [Daniel.Geese@elkw.de]

Apostelgeschichte 4,32–37

IntentionDie Predigt möchte über den „garstigen historischen Graben“ springen und zeigen, dass Diskussionen urgemeindlicher Probleme aktuelle existentielle Probleme christlicher Gemeinschaften berühren. Ohne zu strikt zu parallelisieren, versucht der Text, Mut zu machen zum Finden eigener christlich-gemeinschaftlicher Wege in Gemeinden.
Die Dialog-Form kann verteilt oder durch eine/n LeserIn gelesen werden. Sie soll die Anschlussfähigkeit des biblischen Textes und seiner aktuellen Implikationen befördern.

Liebe Gemeinde,
in der Apostelgeschichte berichtet Lukas im vierten Kapitel von der Gemeinschaft der ersten Christen. Im vierten Kapitel schreibt er in den Versen 32 bis 37:
„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.“

Was für ein Vorbild geben uns diese ersten Christen! Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie es heute mit dieser Geschichte gehen könnte. Dabei ist mir eingefallen, wie es in einer Kirchengemeinderatssitzung zugehen könnte.

Pause

PredigerIn: „Herzlich willkommen zu unserer Sitzung des Kirchengemeinderates! Ich freue mich, dass Sie es alle möglich machen konnten heute zu dieser außerordentlichen Sitzung hier zu sein. Ich habe Sie aus einem ganz besonderen Anlass so kurzfristig zusammengerufen. Uns hat Ende letzter Woche ein Brief aus dem Oberkirchenrat erreicht. Er ist Ihnen elektronisch mit der Tagesordnung zugegangen. Ja? Bitte? Ach, Sie haben den Anhang nicht öffnen können? Oh, das tut mir leid. Ich werde Ihnen den Brief vorlesen und lasse vorher noch eine Tischvorlage herumgehen, damit Sie alle mitlesen können. Danach, schlage ich vor, treten wir gleich in die Beratung über diesen Brief ein. Nun also der Brief:

Sehr geehrte Damen und Herren Kirchgemeinderäte,
im Rahmen der aktuellen Strukturveränderungen und Neuordnungen der Landeskirche ist es notwendig, sämtliche Gemeinden der Landeskirchen zu überprüfen. Es ist nicht mehr möglich, alle bestehenden Gemeinden zu finanzieren. Deshalb werden innerhalb des nächsten Jahres Visitationen durchgeführt werden. Das Ziel der Besuche wird sein, die Gemeinden nach ihrem Enthusiasmus für das Leben nach dem Evangelium und, besonders, nach ihrer Einigkeit und Geschwisterlichkeit einzuteilen.
Nur die Gemeinden, die dem am besten nachfolgen, was uns ChristInnen in den ersten Gemeinden vorgelebt haben, werden über das Jahr 2032 hinaus weiter unterstützt.
Wir erwarten eine Stellungnahme zu ihrem Gemeindeverständnis innerhalb der kommenden Monate.
Mit freundlichem Gruß,
(die Unterschrift kann ich nicht lesen), Oberkirchenrat."

PredigerIn:„So, liebe Mitglieder des Kirchengemeinderates, was machen wir jetzt? Bitte, Herr A.:“

Herr A.: „Ja, also, was meinen die denn eigentlich mit ‚dem am besten nachfolgen, was uns ChristInnen in den ersten Gemeinden vorgelebt haben‘? Bei uns ist doch alles in bester Ordnung. Wir haben das große Gemeindehaus, da ist immer viel los, Kreise und Gruppen und Chöre, außerdem noch Kindergärten, die Kirche, das Pfarrhaus. Und wir teilen untereinander was wir haben. Zum Beispiel die Mietpreise für das Gemeindehaus. Wir brauchen uns da gar keine Sorgen zu machen. Wir schicken als Antwort einfach die Monatsprogramme und Buchungsanfragen der letzten zwei Jahre nach Stuttgart. Dann sehen die schon, wie lebendig wir hier sind.“

PredigerIn: "Vielen Dank, Herr A. Bitte, Frau B.:"

Frau B.: „Nun, ich sehe das ein wenig anders. Zwar ist viel los in unseren Einrichtungen, das stimmt. Ich meine, dass wir uns ganz gut eingerichtet haben. Es ist ja wirklich alles da. Als ich noch in {hustet stark} lebte, war die Kirche dort weitaus ärmer. Ist ja auch schon ein bisschen her, aber wer zur Kirche ging, der musste mit Schwierigkeiten rechnen. Da gab's nur eine kalte, alte Kirche und ein klappriges Gemeindehaus. Aber, irgendwie war da die Gemeinschaft lebendiger. Wir hatten ja nichts. Also haben wir mehr zusammengehalten. Wir haben vieles geteilt, wir haben irgendwie intensiver und bewusster als Christen gelebt, wissen Sie? Hier ist immer alles da. Geld spielt jedenfalls keine Rolle. Nein, nein, was Sie da vorschlagen, Herr A., das funktioniert nicht. Wir können nicht einfach beweisen, dass wir so sehr für das Evangelium brennen, nur, weil das Gemeindehaus gut ausgelastet ist.“

PredigerIn: "Danke, Frau B., für Ihren Beitrag. Herr C., unser Finanzverwalter, Sie stehen als nächstes auf meiner Rednerliste. Danach habe ich mich selbst auf die Rednerliste gesetzt. Jetzt aber, Herr C., bitte:"

Herr C.: „Tja, finanziell brauchen wir von denen in Stuttgart nichts. Sollen sie doch kommen und uns die Mittel streichen, wir haben selbst genug. Dann machen wir halt ohne deren Hilfe weiter. Wir genügen uns. Das kann ich Ihnen mit meinem finanziellen Sachverstand sagen. Wir sollten so weitermachen wie bisher. Ich kann diese ganze Diskussion kaum verstehen. Wir sind ja schließlich eine Volkskirche. Die Kirche muss offen sein, für alle. Wir leben hier in der Gemeinde alle zusammen, da gestalten wir auch das Leben für alle Menschen, die hier wohnen, mit. Und wir geben doch auch schon so viel ab. Ich sehe doch die Opfer, die da immer eingezahlt werden. Nein, nein, das sind wir auf der sicheren Seite.“

PredigerIn: "Gut, Herr C., wir haben auch ihre Meinung gehört. Nun möchte ich selbst etwas zur Diskussion beitragen.
Ich erinnere mich an eine Passage aus der Apostelgeschichte, ich meine, irgendwo im vierten Kapitel. Fast wie eine Märchenwelt mutet es an, was die Apostelgeschichte da über das Leben der ersten Christen und Christinnen berichtet. Ihr Zusammenhalt und ihre Solidarität untereinander waren geradezu vorbildlich: 'Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.' Fast zu schön, um wahr zu sein! Die vollkommene Harmonie!
Ich spüre, was das für einen gewaltigen Anspruch an unsere Gemeinden heranträgt und frage mich: Wären wir hier jemals in der Lage, in einer so vollkommenen Harmonie zu leben? Ich befürchte, dass uns Lukas lediglich vor Augen führt, wozu wir nicht fähig sind!
Außerdem frage ich mich: Ist es nicht eher ein Wunschbild, das hier von der ersten christlichen Gemeinde entworfen wird – und weniger ein Abbild der Wirklichkeit? Hat es so eine 'heile Gemeindewelt' jemals auch nur ansatzweise gegeben?
Ja, bitte, Herr C.? Sie scheinen dringend etwas loswerden zu wollen."

Herr C.: „Ja, ich meine, man kann daran, wie die Gemeinden so ihr Gemeindeleben gestalten, nicht einfach ansehen, wie gerecht und freigebig und uneigennützig sie sind! Wer kann schon dem anderen in das Herz sehen. Wir machen das hier so, wie es für uns gut ist.“

PredigerIn: „Danke. -- Also, äh… Ich habe vorhin von einem ‚Ideal-Bild‘ gesprochen, das Lukas hier malt. Vielleicht ist diese Formulierung durchaus passend für unsere Verse. Möglicherweise ging es darum, das Wesen christlicher Gemeinschaft darzustellen. Oder anders ausgedrückt: Lukas zeichnet ein ‚Ur-Bild‘ christlicher Kirche. Vieles ist idealtypisch dargestellt, manche dunklen Flecken kommen gar nicht zum Vorschein, um aufzuzeigen, welche ungeahnten Möglichkeiten uns als christlicher Gemeinde offenstehen.
Aber, ich komme ins Predigen. Eine Pfarrerkrankheit. Bitte, Herr A. Sie wollen ja schon eine ganze Weile etwas sagen.“

Herr A.: „Danke. Das ist ja alles gut und schön. Aber ich habe noch nicht ganz verstanden, was denn jetzt diese Geschichte von der kommunistisch-romantischen Urgemeinde mit uns zu tun hat. Immerhin geht es hier darum, ob die uns zumachen oder nicht.“

PredigerIn: „Herr C., gleich dazu?“

Herr C.: „Ja, gleich dazu. Meinen Sie, wir sollten auch all unsere Besitze zusammenlegen und ungeteilt nutzen? Ich meine, da hört doch alles auf! Ich meine, dann müssten wir aber unser Gemeindeleben von Grund auf überdenken. Vielleicht sollten wir uns dann gleich von vielem trennen. Wer nix hat, vermisst auch nix. Sie haben ja selbst gesagt, Frau B., die Gemeinschaft sei viel besser gewesen, als Sie nichts hatten außer vielen Problemen.“

PredigerIn: "Frau B., bitte."

Frau B.: „Also, wir sollten all das, was wir hier zur Verfügung haben, bewusster nutzen. Ich habe den Lukas nicht so verstanden, dass er sagt: 'Gebt all euren Reichtum weg, das ist alles schlecht und gefährlich.' Nein, wir dürfen eben nicht vergessen, wozu wir alle diese Dinge nutzen. Sie haben mich falsch verstanden. Vielleicht war uns das Zentrum unseres Glaubens nicht so abhandengekommen, aber, ich will das nicht romantisch verklären. Lieber ein warmer Gemeindehaus-Stuhl als eine kalte, harte Kirchenbank mit direktem Blick in den freien Himmel durch die Löcher im Dach.“

PredigerIn: „Herr A., noch einmal:“

Herr A.: „Ich meine, wir sollten vor dem Brief keine Angst haben. Jetzt sitzen wir erst so kurz hier beieinander und haben schon so lebendig darüber gesprochen, was eigentlich unsere Gemeinde ausmacht. Wir sollten dem Oberkirchenrat für diesen Brief direkt dankbar sein. Das rüttelt uns wach, wenn wir vergessen sollten, warum wir uns ‚Christen‘ nennen und warum wir uns am Sonntagmorgen in unserer schönen – warmen – Kirche treffen. Gut, dass wir mal über solche Sachen sprechen müssen. Das geht eben doch unter.“

PredigerIn: „Wenn wir Abendmahl feiern, sollten wir uns an die ersten Gemeinden erinnern. Denen schrieb man in einem Brief, Gott spricht: ‚Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir‘ (Offb 3,20f.). Ich wünsche uns, dass wir diese Gemeinschaft miteinander und mit Christus wahrnehmen.
Wir werden die Diskussion im nächsten Kirchgemeinderat fortsetzen. Und dann müssen wir ja noch eine Antwort an den OKR formulieren.
Kommen wir nun zum nächsten Punkt auf unserer Tagesordnung…“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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