1. Weihnachtsfeiertag (25. Dezember 2015)

Autor/in: Pfarrer Dr. Jörg Bauer, Esslingen [jo.bauer@klinikum-stuttgart.de]

Titus 3, 4 -7

Wenn Gott auf die Erde käme…gesetzt den Fall, liebe Gemeinde, Gott gäbe es – wie wäre er, was würde er tun, wie sich zeigen, wenn er auf die Erde käme?
Manchmal wünsche ich mir, er käme – und brächte diese ganze Welt wieder zurecht. Sie ist aus den Fugen geraten.

Dabei müsste er die Guten belohnen und die Bösen, die Bosheit, bestrafen.
Viel Böses, Irrsinniges haben wir in diesem Jahr gesehen, erlebt in Syrien und im Irak, weit weg von uns, aber auch schon ziemlich nah im novembergrauen Paris, als irregeleitete junge Menschen mindestens 130 ihrer Altersgenossen hinrichteten. Im Namen Gottes. „Gott ist groß“ schrien sie, als sie so viele Leben nahmen. Viel Böses geschieht und, so scheint’s, wenig Gutes.

…dann wäre er vermutlich gar nicht zufrieden mit dem Zustand der Welt, oder: einmal muss ja alles bezahlt werden

Da müsste doch der „liebe“ Gott, wenn er diesen Namen verdienen soll, mit großen, riesengroßen Buchstaben an den Himmel schreiben: „Not in my name! Das Töten und Abschlachten im Westen und im Osten, im Norden und im Süden, das, was Menschen ihresgleichen antun auf der ganzen Welt – das geschieht nicht in meinem Namen. Ganz bestimmt nicht.“
Das müsste Gott doch endlich einmal zweifelsfrei zu Protokoll geben – und die Mörder von Paris zur Rechenschaft ziehen, was ja keine Gerichtsbarkeit der Welt mehr tun kann. Sie sind tot.

Einmal muss doch bezahlt werden. Alles. Die Rechnung kommt.
Gleichzeitig fürchte ich aber, diese Rechnung ist nicht bezahlbar.
Die Guthaben – leergeräumt. Zu viel Bosheit und Gemeinheit, zu viel Plünderung, zu viel Eitelkeit herrscht – das kriegen wir nicht mehr los. Das klebt an der Welt wie Pech an der Pechmarie im Märchen.

Eigentlich sind wir gar nicht so übel, oder?Nein, ich bin kein Mörder, niemand von uns hat einem anderen das Leben genommen. Wir versuchen einigermaßen aufrecht durchs Leben zu kommen, es zu bestehen. Und doch ahne oder befürchte ich, welche Rechnung Gott wohl auch mir präsentieren würde, wenn er denn käme.
Meine Lebensrechnung, wie sieht die aus?
Zu wenig geliebt, zu wenig aufrichtige Freundlichkeit, Menschenfreundlichkeit gelebt. So viel Gleichgültigkeit, – auch in meinem eigenen kleinen Leben.

Siehe da, Gott kommt. Aber wie! Ist das nicht absurd?Siehe da, das, was du dir gewünscht oder befürchtet hast, Mensch, geschieht, und bleibt kein Traum. Siehe da, Gott kommt, kommt auf die Erde, an Weihnachten – und wir wundern uns. Sehr sogar. Denn Gott kommt nicht zum Abrechnen, nicht als Wirt, ohne den wir die Rechnung gemacht haben:
„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig…“

Wie bitte? Das muss man, das müssen wir zweimal oder dreimal, ach was, das reicht nicht: oft lesen, immer wieder meditieren, nach buchstabieren, täglich hören. Es ist doch gar zu seltsam.
Da bringen sich die Menschen hier und da gegenseitig um, ganz sinnlos, da übervorteilt einer den anderen, während alles um das Goldene Kalb tanzt.
Sie hassen, sie haben keine oder zu wenig Liebe, stehen der Not ihrer Artgenossen oft so kalt gegenüber. Gleichzeitig optimieren sie sich und andere, werden immer effizienter, wie ihnen das die Politik, die Industrie 4.0, täglich vorbetet und einbläut. Beuten alle gemeinsam die Erde aus, zerstören sie – und Gott kommt, wird Mensch – und verlangt nichts.
Macht keine Vorwürfe. Fordert keine strengen Bußübungen von uns, obwohl die durchaus angemessen wären. Ja, wie wohltuend ist das denn?

„Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt“ (EG 16,5)Er schaut diese Welt, so wie sie ist, und ihre Menschen, so wie sie sind, stattdessen unsagbar liebevoll, voller Liebe an, wie die Mutter ihr Kind, auf das sie sich so gefreut hat.

Begegnet dem ganzen Chaos freundlich in dem Kind von Bethlehems Stall.
Hier suchen uns Gottes Augen. In diesem Kind suchen und finden sie uns.
Dieser Blick sagt alles, was zu sagen ist. Er wendet alles. Denn er behaftet und verhaftet nicht bei dem, was ist an Bösem und Gemeinem in der Welt, im eigenen Leben. Er befreit davon und legt uns nicht auf das Urteil fest, das wir vielleicht schon längst selbst über uns gefällt haben: ungenügend, nicht optimal, nicht effizient genug. Keine Liebe da, oder viel zu wenig.

Dagegen setzt Gott seinen freundlichen Blick, seine ganz verrückte, absurde Menschenliebe: „Es ist alles gut. Ich bin euch gut.“
So ist Gott, so kommt er in die Welt. Und weil er so zu uns kommt und nicht anders, atmet alles auf und verlässt den Schatten, die Angst.
Da lassen wir die Angst hinter uns. Ganz plötzlich. Auch die heimliche und offene Angst, irgendwann einmal ganz der Angst zu gehören. Sie hat keine Chance mehr: „Machte er uns selig“.

An Weihnachten werden wir selig, sind wir selig geworden wie das Kind im Arm der Mutter, erinnern Sie sich (?), als sie uns tröstete, wenn alles zu schrecklich und zu schlimm war. Die ganze Welt.
„Machte er uns selig“. Das steht fest, steht unverrückbar über der Welt, über jedem Menschenleben, über Dir, liebe Gemeinde.

Ja, wie wunderbar ist das denn? Fast möchte ich meinen, das ist so wunderbar, dass es „wahr“ ist. Dass es nur diesem Gott und seiner freundlichen Menschenliebe gelingt, diese ganze wirre und unzufriedene Menschenwelt friedlich zu stimmen und ihr die Angst zu nehmen, – oder es gelingt niemandem.

Beim Betrachten einer Weihnachtskrippe kann allerhand geschehenMan sollte, wir sollten dieser Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes ganz nahe kommen und ihre Wahrheit bis in jede Faser des Herzens hinein spüren können. Sie aufsaugen, sich an ihr satt trinken können. Das wär’s doch.

Da müsste ich Ihnen jetzt, liebe Gemeinde, eigentlich von der „Taufe“ und von „Gottes gutem Geist“ erzählen, davon, dass uns hier und da Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe ja sozusagen „konzentriert“ begegnen.
Das ist sicher sehr richtig und ziemlich gewichtig.
Ich glaub‘, ich lass das heute aber besser sein.

Statt dessen möchte ich Ihnen von einer Beobachtung meinerseits berichten.
In unserer Kirche ist in diesen festlichen Tagen die Weihnachtskrippe aufgebaut. Da sage ich Ihnen ja nichts Neues.
Faszinierend dabei finde ich, gestern Abend habe ich das wieder beobachtet, dass die Menschen von so einer Weihnachtskrippe fast magisch angezogen werden; es ist nicht so sehr der Pfarrer oder der Christbaum…
Viele Menschen kommen nach den Gottesdiensten zur Krippe und betrachten sie still-versonnen, und ganz besonders das Kind in der Krippe. Warum?
Ist das einfach nur „schön“ anzusehen? Ist die Geburt eines Säuglings in einem Stall einfach nur „rührend“? Wohl kaum.

Mir scheint, dass die Menschen hier instinktiv spüren und ganz tief drinnen, in ihren Herzen verstehen, dass die Geburt Jesu sie angeht, dass diese Geburt ihr Herz anrührt und alles gut macht mit ihnen. Da, in diesem Menschenkind, zwischen Maria und Josef, berührt mich Gottes freundlicher Blick, ist seine Menschenliebe mir ganz nah – und die Angst weg.
Und dann gehen die Menschen irgendwie anders, mit einem Lächeln, gelöst, erlöst, friedlich, „selig“, aus der Kirche in ihren Alltag zurück.
„Machte er uns selig“. Das ist wahr. Das ist kein Wunschtraum.
Das ist Weihnachten.

Alles ist gut, mit der Welt, mit den Menschen, mit uns, was immer war, was immer sein wird, weil Gott in die Welt gekommen ist. Der Gott mit dem freundlichen, dem menschenfreundlichen Gesicht. Nicht anders.
Deshalb: Was fürchtest du dich noch? Fürchtet euch nicht. Nicht mehr.
Amen.

Liedvorschlag EG Nr. 51, 1-5: Also liebt Gott die arge Welt



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