10. Sonntag nach Trinitatis (09. August 2015)

Autorin / Autor: Pfarrerin Kathrin Nothacker, Wien [Kathrin.Nothacker@elkw.de]

Lukas 19, 41-48

Liebe Gemeinde,
bei der Eröffnung einer Anne-Frank-Ausstellung im Stuttgarter Rathaus hörte ich ein bewegendes Lied. Es entstand im KZ Mauthausen und wurde später vom griechischen Chansonnier Mikis Theodorakis vertont. Es treibt einem die Tränen in die Augen.
Lässt einen einfach nur weinen:

Kinder, Männer und Frauen, „man hat sie weggebracht und keiner weiß wohin. Man hat sie weggebracht und keiner weiß, wie schön sie sind. Ihr Mädchen von Auschwitz, ihr Mädchen von Dachau. Habt ihr gesehen, die Geliebte mein? Wir sahen sie auf einer weiten Reise, wir sahen sie auf einem kalten Platz. Mit einer Nummer auf dem weißen Arm und einem gelben Stern auf ihrem Herzen. Ihr Mädchen von Mauthausen, ihr Mädchen von Belsen. Habt ihr gesehen, die Geliebte mein? Man hat sie weggebracht und keiner weiß wohin. Man hat sie weggebracht und keiner weiß, wie schön sie war.“

Es gibt Texte und Melodien und Bilder, die treiben einem die Tränen in die Augen und lassen einen einfach nur weinen.

Die TränenDer Blick auf die Stadt Jerusalem vom Ölberg aus kommend kann einem auch die Tränen in die Augen treiben. So schön ist sie. Vor allem im Morgenlicht, wenn die Sonne warm auf den hellen Jerusalem-Sandstein scheint, mit dem die Häuser und die Mauern der Stadt verkleidet sind. Man sieht auf die goldene Kuppel des Felsendoms und auf die kleinere, schlichte der Al-Aqsa-Moschee. Man sieht die Weite des Tempelplatzes und die gewaltigen Reste der Westmauer, der Klagemauer; Türme von Kirchen, und die mächtige Stadtmauer. Dieser Blick treibt einem die Tränen in die Augen. So schön ist die Stadt. Und so traurig ist es, dass der Frieden nicht in die Mauern der Stadt einzieht, obwohl ihn alle Menschen so sehr herbeisehnen und herbeiflehen.

Von Jesus wird erzählt, dass er auch geweint hat, als er auf die Stadt Jerusalem geblickt hat. Während seine Jünger, so berichtet das Lukasevangelium, angesichts der Stadt in Jubel ausbrechen und Gott preisen, hebt Jesus mit einer leisen Klage an, weint und sieht vor seinem inneren Auge die zerstörte Stadt, verschleppte, gequälte und ermordete Menschen.

Ich lese Lukas 19, die Verse 41 bis 48:
„Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen, und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.
Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): ‚Mein Haus soll ein Bethaus sein‘; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht. Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn umbrächten, und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.“

Liebe Gemeinde, am heutigen Israelsonntag denken wir Christenmenschen über unser Verhältnis zu Israel, zu den Brüdern und Schwestern jüdischen Glaubens nach. Seit langer Zeit ist dieses Nachdenken mit dem jüdischen Buß- und Trauertag, dem 9. Aw, verbunden. An ihm gedenken die jüdischen Geschwister der Zerstörung Jerusalems und des Tempels, aber auch all der anderen großen Katastrophen, die über das jüdische Volk hereingebrochen sind über die Jahrhunderte und Jahrtausende. Es ist ein Tag des Weinens, der Klage, der Trauer.

Als Jesus, so berichtet es der Evangelist Lukas, am Ende seiner Wanderungen durch das Land Jerusalem erblickt, weint er. Es ist, wie wenn er durch die Pracht und Schönheit der Häuser und Paläste und den überwältigenden Anblick des Tempels, dem schönsten Gebäude seiner Zeit, hindurchblickte. Es ist, als erscheine vor seinem inneren Auge, was wir schon aus der Geschichte kennen und was Wirklichkeit geworden ist: Die Zerstörung des Tempels und der Stadt durch die Römer, das Verschleppen der Bevölkerung, das Veröden des Landes, die Zerstreuung unter den Völkern und all das andere Unfassbare, Unbeschreibbare, was bis hinein in die jüngste deutsche Vergangenheit mit dem jüdischen Volk, dem „Augapfel Gottes“, in den Vernichtungslagern der Nazis geschehen ist. Es ist, als sehe er seinen eigenen Tod vor Augen.
Und es gehört alles zusammen und es fließt zusammen in den Tränen Jesu, die er vergießt im Angesicht der Stadt und ihrer Menschen.

Dass Jesus weint und ihm damit eine emotionale Bewegung zugeschrieben wird, die in vergangenen Zeiten nur ein Attribut der Frauen war, ist ungewöhnlich. Ein „heulender Heiland“ war eigentlich unvorstellbar und deshalb hat man auch in einigen altkirchlichen Handschriften diesen Vers herausgenommen. Jesus weint – wie die Frauen und mit den Frauen.

Es sind in den Kriegen dieser Welt die Männer, die töten, und es sind die Frauen, die den Tod beklagen. Jesus weint; es ist Gott selbst, der weint angesichts von Krieg, Zerstörung, Gewalt und Terror, angesichts des Sterbens von Unschuldigen. Angesichts dessen, dass Menschen immer noch meinen, durch Gewalt und gewaltsame Auseinandersetzung würde es mehr Gerechtigkeit in der Welt geben.
„Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen.“

Die Klage über den verlorenen FriedenLiebe Gemeinde, dieses Wort „wenn doch auch du erkenntest...“ ist kein moralischer Zeigefinger. Es ist kein Wort, das sich diejenigen aneignen sollten und dürfen, die moralische und theologische und politische Überlegenheit für sich reklamieren. Es ist eine Klage über den verlorenen Frieden, die Trauer darüber, dass Menschen, solange es sie gibt auf dieser Erde, immer wieder die Hand gegeneinander erheben. Es ist Klage und Trauer darüber, dass Menschen nicht in der Lage sind, im anderen, im Fremden, den Bruder und die Schwester zu erkennen. Und ich erkenne in diesen Worten Jesu auch seine Trauer darüber, dass die Kirche, seine Nachfolgerinnen und Nachfolger, über Jahrhunderte verkannt hat, dass Israel Gottes auserwähltes Volk geblieben ist. Und wir Christen eben nur dieser Existenz des alten Gottesvolkes und Gottes Treue zu ihm unsere eigene Existenz und unseren Zugang zu Gott in Jesus Christus verdanken.

„Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen.“ Gott sei’s geklagt: Es ist vor unseren Augen verborgen. Es ist vor den Augen der Menschen verborgen, was dem Frieden dient. Ist das nun Schicksal? Ist es also völlig egal, was Menschen tun und lassen? Ob sie Krieg säen oder Frieden stiften? Ist das völlig gleichgültig?

Der TempelEs ist interessant und bemerkenswert, dass der Evangelist Lukas an dieser Stelle die Geschichte von der sogenannten Tempelreinigung anschließt. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was der Tempel, dessen Zerstörung von Jesus beweint wird, für eine Aufgabe hat.

Von Gewalt oder einer gewaltsamen Räumung ist in der von Lukas beschriebenen Szene nicht die Rede. Jesus weist darauf hin, dass der Tempel ein Haus des Gebets sein soll; ein Haus des Betens, des Lehrens und des Lernens. Jesus selbst hat sich so im Tempel bewegt als Lehrender, als Lernender und als Betender. Man hat dort miteinander die Schrift studiert, man hat darüber diskutiert, wie die Gebote Gottes zu verstehen sind, was sie bedeuten in der jeweiligen Zeit, man hat um Weisheit und Erkenntnis gebetet und war dort miteinander auf der Suche nach Gottes Willen für die Welt. Der Tempel – ein Ort, an dem man miteinander danach sucht, was dem Frieden dient.

Liebe Brüder und Schwestern, es ist nicht von ungefähr, dass das Lukasevangelium im Tempel beginnt und im Tempel beschlossen wird. Die Heilsgeschichte beginnt mit der Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers, wie sie seinem Vater Zacharias während seines Tempeldienstes widerfährt. Sie endet mit der Erzählung von Jesu Himmelfahrt und den dort überlieferten Sätzen, die die Rückkehr der Jünger Jesu in ihren Alltag beschreiben: „Sie aber kehrten wieder nach Jerusalem mit großer Freude und waren allewege im Tempel und priesen Gott.“

Der Tempel ist also ein durch und durch „guter Ort“. Und dieser gute Ort wird zum heiligen Ort, wenn in ihm nachgedacht wird über Gottes Wort und Wille. Das Judentum hat nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 nach Christus niemals wieder einen Tempel besessen. Aber was darin geschah und woran auch Jesus festgehalten hat, das blieb bestehen und wanderte in die Synagogen, die in den Jahrhunderten nach der Zerstörung des Tempels auf der ganzen Welt entstanden – als Lehr- und Bethäuser. In denen nachgedacht wurde, was dem Frieden dient.

Gott sei Dank, dass es nach der Shoa auch wieder an einzelnen Orten in unserem Land Synagogen gibt, in denen gebetet und gelehrt wird, in denen es einen lebendigen und fruchtbaren Austausch gibt zwischen Juden und Christen und Muslimen.

Die HeimsuchungDies betrachte ich am heutigen Israelsonntag und im Nachdenken über die Worte aus dem Lukasevangelium als ein großes Geschenk und würde dies auch erkennen als Gnade oder, biblisch gesprochen, als „gnädige Heimsuchung“. Dass es nach allen Katastrophen, aller Schuld, aller Vertreibung und Vernichtung wieder eine Zeit gibt, die es uns ermöglicht, als Geschwister miteinander unterwegs zu sein. Dass wir uns miteinander darum mühen, das zu suchen, was dem Frieden in der Welt dient.

Es steht für mich unter der Überschrift „gnädige Heimsuchung Gottes“, wenn:
• Die Regierungschefs Israels und Deutschlands miteinander festhalten, dass die uneingeschränkte politische Solidarität Deutschlands dem israelischen Staat und dessen Existenzrecht gilt.
• Schülerinnen und Schüler sich mit der jüngsten Vergangenheit beschäftigen, sich zum Beispiel die Geschichte von Anne Frank aneignen und mit dafür Sorge tragen, dass der Ausgrenzung von anderen Menschen von Anfang an entgegengetreten wird.
• Wenn sich Menschen in unserer Mitte auf den mühevollen Weg begeben, sich in ihrer Andersheit, auch in der anderen Religion, zu verstehen und zu respektieren und es sich zur ihrer Aufgabe machen, gemeinsam danach zu suchen, was dem Frieden dient.

Was dem Frieden dientLiebe Gemeinde, es gibt an diesem Israelsonntag manches, über das wir weinen können und sollen. Das Gedenken daran, was unsere Vorfahren Gottes auserwähltem Volk angetan haben und worunter Kinder und Kindeskinder noch zu leiden haben, muss und soll uns immer noch und immer wieder Tränen in die Augen treiben. Es ist und bleibt zum Weinen. Auch dass immer noch kein Friede ist in dieser schönen Stadt Jerusalem. Und dass der Krieg und der Hass nicht nur diese Stadt zerreißen, sondern so viele andere auch. Gott sei’s geklagt.

Aber dass wir Jesu Stimme hören– wie das Volk, das ihn im Tempel gehört hat und ihm anhing – dass wir darüber nachdenken, was er uns hinterlassen hat und dem nachjagen, was dem Frieden dient, das sei unser Auftrag und unsere Aufgabe. Amen.

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