10. Sonntag nach Trinitatis (20. August 2017)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Michael Volkmann, Bad Boll [michael.volkmann@elk-wue.de]

Johannes 2, 13-22

Liebe Gemeinde,

das Passafest ist nahe: das Fest der Freiheit, der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Ein Wallfahrtsfest: Wer kann, steigt hinauf nach Jerusalem, um dort das Passalamm zu essen. Das Fest der ungesäuerten Brote: Schon Tage vor dem Fest schwingen die Hausfrauen den Besen und machen den Frühjahrsputz. Alles, was aus Sauerteig bereitet ist, muss aus dem Haus. An Passa isst man sieben Tage lang Mazzen, das Brot der Freiheit. Freude liegt in der Luft. Sie erinnert uns an die Osterfreude, die Freude der Auferstehung, denn Ostern ist unser Pas’cha und wird von den orthodoxen Christen auch so genannt.

Auch Jesus steigt hinauf nach Jerusalem. Wie bei der Wallfahrt üblich, geht er direkt in den Tempel. Das ist die Stätte – so heißt es in der Tora – die der HERR erwählt hat, dass sein Name daselbst wohne (5. Mose 12,5). Hier begann die Erschaffung der Welt. Hier ist Morija, wo Abraham am dritten Tag seiner Wanderung Isaak zum Opfer band und vom Engel Gottes in letzter Sekunde gestoppt wurde. Hier lagen die Tafeln des Bundes in der Lade im Allerheiligsten. Hier ist die Mitte (Joh. 8,3 und 9), wo das Volk Israel seinem Gott begegnet. Jesus ist diesem Ort verbunden. Er hat eine Leidenschaft für den Tempel, das zeigt sich jetzt.

Jesus hat eine Leidenschaft für, nicht gegen den TempelJesus findet im Tempel die Händler. Sie bieten dort Opfertiere an. Daneben die Geldwechsler für den halben Schekel, den jeder Israelit jährlich für den Tempel gibt. Diese Dinge werden für den Tempeldienst benötigt. Am Fuß der äußeren Tempelmauer haben Archäologen die Läden der Händler ausgegraben. Aber für das, was Johannes erzählen möchte, müssen sie im Tempel sein.

Jesus nimmt einige Stricke und macht sich eine Geißel. Die Geißel schwingend, scheucht er die Händler und Geldwechsler samt ihrer Ware aus dem Tempel. „Die Tempelreinigung“ steht in der Lutherbibel über diesem Abschnitt. Gerade so, als tue der Frühjahrsputz zu Passa nicht nur Privathäusern, sondern auch dem Tempel gut. Das Ganze geht geordnet vonstatten. Zu den Taubenhändlern sagt Jesus, sie sollen ihre Tiere selbst entfernen. Er sagt auch: Macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus!

Meines Vaters Haus – jetzt verstehen wir Jesu Leidenschaft. Sie ist eine Leidenschaft für, nicht gegen den Tempel. Sie ist dagegen, dass der Tempel zum Kaufhaus verkommt, und dafür, dass er für alle, die hineingehen, das Haus des himmlischen Vaters ist. Ein Haus nicht für die weltlichen Dinge, sondern zum Beten. Wir verstehen das. Das ist auch uns wichtig. Das sieht man bis hinein in die Hausordnungen unserer Gemeindezentren. Für kommerzielle Veranstaltungen gibt es andere Orte als Kirchen. Aber sollte das alles sein, was Jesus uns sagen möchte?

Macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus! Den Tempel, die Opfer und die Opfertiere gibt es zurzeit Jesu schon tausend Jahre. Deshalb ist Jesus nicht der erste, der das sagt. Jesus spielt mit seinen Worten auf die Prophetie des Sacharja an. Sacharja erlebte das Ende des babylonischen Exils. Die Rückkehr der Juden nach Jerusalem. Den Wiederaufbau des Tempels. Und dann, als der Tempeldienst wieder aufgenommen wurde, sagte er im letzten Vers seines Buches, als sein letztes Wort: Und es wird keinen Händler mehr geben im Hause des HERRN Zebaoth an jenem Tage (Sach. 14,21).

An jenem Tage: Sacharja schaut voraus auf den Tag des HERRN, auf die kommende Heilszeit, auf den kommenden Friedenskönig, der auf einem Esel in Jerusalem einreiten wird. Wenn Jesus den Tempel ein Kaufhaus nennt, dann ruft er bei denen, die ihre Bibel kennen, die Erinnerung an Sacharja hervor: an das kommende Heil, den kommenden Messias, den Tag des HERRN. Und sie begreifen: Jesus zeigt uns, dass dieser Tag, das Heil und der Messias so nahe sind wie das bevorstehende oder das nächste oder übernächste Passa. Darauf zielt seine Leidenschaft.

Wenn die, die bei Jesus im Tempel sind, das verstehen, dann haben sie viel verstanden. Denn der Evangelist sagt uns, dass sich die ganze Geschichte den Jüngern erst nach der Auferstehung Jesu von den Toten erschlossen hat. Erst im Nachhinein denken sie an den Psalmvers und an die Worte, die Jesus gesagt hat, und beginnen zu verstehen: Ostern ist der Schlüssel für unsere Geschichte.

Das Johannesevangelium spricht nicht gut von den JudenOstern ist nicht Passa. Das sagt uns Johannes bereits im ersten Vers mit einer merkwürdigen Formulierung. Er spricht vom Passa der Juden, als ginge es ihn nichts an. Doch der Evangelist ist Jude, die Jünger Jesu sind Juden, und auch Jesus, denn er ist der Sohn Davids. Noch bevor der Evangelist die ersten Juden auftreten lässt, die nicht zu den Jüngern gehören, schafft er diese Distanz. „Die Juden“ sind die Anderen. So gut wie nie bezeichnet er Jesus oder die Jünger als Juden, obwohl sie es sind. Sein Verhältnis zu den Juden ist ein gespannteres als unseres heute. Offensichtlich hat er Schwierigkeiten zu sagen, was für uns heute selbstverständlich ist. Wir bekennen heute unsere enge Verbundenheit mit den Juden. Für Johannes sind sie die Anderen. Das müssen wir beachten, wenn wir den zweiten Teil der Geschichte bedenken.

Plötzlich sind da die Juden. Natürlich sind sie da, es ist ja ihr Tempel. Aber erst jetzt, da sie auf Jesus antworten, werden sie erwähnt. Worauf antworten sie? Auf Jesu Anspielung auf den Tag des HERRN und den kommenden Messias. Ihre Antwort ist eine Frage: Was zeigst du uns für ein Zeichen, dass du dies tun darfst? Sie haben also verstanden: dieser Mann erinnert uns an Sacharjas Prophetie. Er tritt mit einem Anspruch auf. Mit welchem genau? Wer ist er? Was hat er vor? In wessen Auftrag handelt er? Sie fragen nach einem Zeichen, etwas Außergewöhnlichem, einem Wunder. Wer so handelt und redet, muss dazu in der Lage sein. Muss sich durch ein zeichenhaftes Wunder ausweisen können. Wie dürfte er sonst so reden und handeln?

Jesu messianisches Handeln wird nur von Ostern her verstehbarJesus antwortet ihnen: Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Damit bietet er ihnen ein Zeichen an. Aber eines, das sie nicht verstehen können. Auch die Jünger verstehen es erst später. Der einzige Wissende in dieser Geschichte ist Jesus. Das Gespräch findet im Tempel statt, und Jesus hat soeben vom Tempel als Vaterhaus und Kaufhaus gesprochen. Folglich beziehen die Gesprächspartner Jesu Antwort ebenfalls auf den Tempel. Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, sagen sie, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Den Jerusalemer Tempel, das größte Gebäude im ganzen Römischen Reich, an dem noch dreißig Jahre weiter gebaut werden sollte, an drei Tagen aufrichten? Sogar als Wunder würde das niemand vollbringen können, unvorstellbar.

Johannes erzählt nichts mehr von der Reaktion der Fragenden. Ärgern sie sich? Spotten sie? Werden sie nachdenklich? Er sagt es uns nicht. Er sagt uns, den Lesern, etwas Anderes: Jesus aber redete von dem Tempel seines Leibes. Dann fährt der Evangelist fort: Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, das er dies gesagt hatte … Im Nachhinein erst können sie verstehen. Die Auferstehung ist der Schlüssel dazu. Sie denken an Jesu Worte und sie denken an den Psalmvers. Und sie beginnen zu begreifen. Dazu helfen ihnen die Worte „aufrichten“ und „auferstehen“. Im griechischen Text des Neuen Testaments ist das ein und dasselbe Wort. Diesen Tempel aufrichten bedeutet: von den Toten auferstehen. Jetzt verstehen wir auch, warum Jesus von drei Tagen spricht: Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Im Glauben daran verstehen wir ihn.

Juden und Christen bewahren das Erbe des Tempels in ihren GottesdienstenAls Johannes sein Evangelium niederschrieb, war der jüdische Aufstand gegen Rom verloren. Der Tempel war zerstört und mit ihm große Teile der jüdischen Gesellschaft. Nur die pharisäische Bewegung und die Jesusbewegung existierten weiter. Beide suchten nach einer theologischen Antwort auf die Tempelzerstörung.

Die Pharisäer hielten an Gottes Treue fest. Sie waren gewiss, dass die Herrlichkeit Gottes nicht vom jüdischen Volk gewichen ist und dass sie weiterhin Geliebte Gottes sind. Ihr gottesdienstliches Leben fand schon in der Tempelzeit auch in ihren Synagogen statt. Vom Tempeldienst abgeleitet, hatten sie dort bereits opferlose Wortgottesdienste gefeiert. Ihre Nachfolger, die Rabbinen, tun das so bis heute. Ähnlich entwickelte die Jesusbewegung schon während der Tempelzeit Wortgottesdienste in ihren Häusern. Die Juden unter ihnen gingen täglich in den Tempel, die Glaubenden aus Juden und den Völkern sammelten sich täglich in den Häusern, um über die Schrift und über die Worte Jesu nachzudenken und miteinander das Brot zu brechen. Beide, Juden und Christen, bewahren das Erbe des Tempels in ihren Gottesdiensten.

Nach dieser Geschichte im Tempel, so erzählt Johannes, spricht ein Mann mit Jesus, Nikodemus, der Fraktionsführer der Pharisäer im Hohen Rat. Johannes lässt uns lange im Unklaren, welche Konsequenzen Nikodemus aus seinem Gespräch mit Jesus zieht. Am dritten Passa, von dem der Evangelist erzählt, nach der Kreuzigung, als Jesu Leib vom Kreuz abgenommen war, kommt Nikodemus. Er bringt Myrrhe, gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund. Er erweist seinem Freund Jesus die letzte Ehre. Zum Zeichen der Verbundenheit der Juden mit Jesus und seinen Jüngern.

Amen.

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