10. Sonntag nach Trinitatis (05. August 2018)

Autorin / Autor:
Dekanin Anne-Kathrin Kruse, Schwäbisch Hall [dekanatamt.schwaebisch-hall@elkw.de]

Jesaja 62, 6-12

Jerusalem, die GoldeneCremefarben ist er, der Jerusalem-Stein, aus dem ganz Jerusalem erbaut ist.
Tagsüber blendet er fast im gleißend hellen Sonnenlicht,
in der Abendröte leuchtet er golden – Jerusalem, die Goldene…

Städte leben von dem Bild, das man sich von ihnen macht.
Berlin – „arm, aber sexy“.
Schwäbisch Hall – „die kleinste Metropole der Welt“.
Jerusalem hat das nicht nötig – „die Goldene“.
Ein Name, aufgeladen in Jahrtausenden.
Kein Ort auf der Welt könnte die Sehnsucht fassen und die Hoffnung,
die sich mit diesem Namen verbindet –
und auch nicht den Überschuss an Erwartungen.

Jerusalem – Stein des AnstoßesAusgerechnet Jerusalem!
Die Stadt, die den Frieden – Shalom, Salam – in ihrem Namen trägt,
ist immer wieder ein Stein des Anstoßes und kommt nicht zur Ruhe.
Im Laufe ihrer Geschichte hat die „Heilige“, wie sie arabisch genannt wird,
wahrscheinlich mehr Eroberungen, Zerstörungen und blutige Auseinandersetzungen
erlebt und erlitten als irgendein anderer Ort auf Erden.
Jerusalem ist schön – aber auch dreckig und zugemüllt.
Voller Trümmersteine vergangener Geschichte, verpasster Chancen.
Und zugleich habe ich in kaum einer Großstadt
Menschen mit so viel Herzlichkeit und Humor, so viel Offenheit und Hilfsbereitschaft erlebt.

Jerusalem ist kompliziert, laut und hektisch – und zerrissen.
Zahlreiche Trennlinien verlaufen durch die Stadt
mit ihren jüdischen, christlichen, muslimischen, andersgläubigen und atheistischen Bewohnern.
Zwischen Menschen, die ihren Glauben leben wollen, und denen, die religiöse Freiheit fordern.
Zwischen denen, die seit Generationen dort leben und denen, die eingewandert oder geflüchtet sind.
Zwischen muslimischen und jüdischen Israelis.
Zwischen den unterschiedlichen orientalischen und westlichen Kirchen.
Diese Trennlinien sind ganz fein und wesentlich vielschichtiger
als zwischen palästinensisch-arabisch und jüdisch-israelisch.
Jeder hat seine Geschichte, jede hat ihre Wahrheit.
Wer hat das Recht, darüber zu urteilen…?
Ach, was geht uns hier Jerusalem an?! Vergiss Jerusalem!

Sehnsuchtsort JerusalemVergiss Jerusalem?
„Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein.“ Psalm 137(1)
Jerusalem ist ein Sehnsuchtsort, vor allem und zuerst für das jüdische Volk.
Wie der Baum, zu dem Liebende immer wieder zurückkehren,
weil sie sich in seinem Schatten zum ersten Mal ihre Liebe gestanden haben.
Gott, sein Volk Israel und das Land Israel gehören untrennbar zusammen.
Nie mehr soll es in Sklaverei leben.
Nie mehr sollen andere von seiner Mühe und Arbeit Nutzen ziehen.
Sie sollen ihr eigenes Brot essen und davon satt werden,
ihren selbst gekelterten Most trinken und Gott dafür fröhlich danken.
„Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten,
bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und sein Heil brenne wie eine Fackel...“

In diesem Jahr wurde die Gründung des Staates Israel vor 70 Jahren gefeiert.
1947 hatten die Vereinten Nationen beschlossen, einen vorwiegend jüdischen Staat
und einen palästinensischen Staat zu schaffen –
mit Jerusalem als internationaler Stadt und mit Zugang zu den heiligen Stätten für alle.
Für die einen ein Grund zur Freude: endlich wieder einen eigenen Staat haben,
endlich sich nicht mehr als Minderheit ohne bürgerliche Rechte herumschubsen lassen.
Für die anderen, die die Teilung nicht akzeptieren wollten und dem neuen Staat den Krieg erklärten, die den Krieg und ihre Heimat verloren, eine Katastrophe.
Jerusalem, die Heilige – für uns Christen wie für Muslime. Für sie ist der jüdische Tempelberg in Jerusalem zugleich der Ort, von wo aus Mohammed gen Himmel gefahren ist.
Denen, die im Heiligen Land unterwegs sind und es dabei gerne einfach und übersichtlich hätten,
lehrt Jesaja, genau hinzuhören
und die Spannungen, denen die Menschen ausgesetzt sind, mit auszuhalten.

Zeichen für die VölkerDer Jerusalem- Stein ist einzigartig.
Weit ins Land leuchtet er – und darüber hinaus.
Die Erwählung des kleinen Gottesvolkes Israel war und ist kein Selbstzweck.
Mit dem jüdischen Volk hat Gott alle Völker im Blick.
Es soll ihnen ein Zeichen sein, ein Licht in der Finsternis zur Aufklärung für alle,
der Anfang einer neuen Menschheit, der Beginn einer neuen Welt.
Aus ihm kommt der Jude Jehoshua – Jesus, Licht und Retter für alle Völker.
In Jerusalem hat er gelehrt und gewirkt.
„… dass die Völker sehen deine Gerechtigkeit und alle Könige deine Herrlichkeit.“ (V.2)

Aber wozu dieses eine Volk, dieses Land, diese Stadt, wenn es Gott doch um uns alle geht?
Gott will keine Allerwelts-Gottheit sein.
Diese verwirrende, anstrengende, faszinierende Stadt macht ihn unverwechselbar.
Gibt der Geschichte Gottes mit den Menschen einen festen Ort, eine Sprache,
Lieder, Farbe, Würze und Geschmack.
Man kann nicht behaupten, dass er damit sonderlich Erfolg gehabt hätte.
Die Völker haben es nicht begriffen, das Licht aus Israel hat ihnen nicht eingeleuchtet.
Generationen von Christen haben gemeint, Jesu Kommen bedeute das Ende des jüdischen Volkes,
weil es nicht an Jesus als seinen Messias glaubt.

Platz machen – den Weg bereitenJerusalem – begehrt wie eine Braut, geliebt, gesucht.
Eine Stadt, in der nach Gottes Willen Frieden und Gerechtigkeit herrschen sollen.
Davon ist sie weiter entfernt denn je.
Zu viele verfolgen hier ihre eigenen Interessen.
Legen dem Frieden und dem Wohl der Menschen Steine in den Weg.
Hindernisse türmen sich auf, die kaum zu überwinden sind.
Friedensplauderer, die aus sicherer Entfernung aus urteilen, kann Jerusalem nicht gebrauchen.
Es braucht Menschen, die immer wieder den mühsamen Weg gehen und ausgleichen, je an ihrem Ort. Und es gibt sie: Initiativen, wo christliche, muslimische und jüdische Kinder
miteinander leben und voneinander lernen, von klein auf,
damit Frieden und Versöhnung werden und wachsen können.

Jerusalem, die Goldene.
Golden leuchtet der Jerusalem-Stein, aus dem die Stadt erbaut ist.
Über Jahrtausende trug man die alten Trümmerhaufen ab
und verwendete die alten Steine für ihren Wiederaufbau.
Worte in Stein eingekerbt und noch lebendig erzählen sie.
Jesaja sucht Verbündete für diese Stadt und hat sie auch schon gefunden:

Wächter, die für ihre unterschiedlichen Bewohner einstehen
und Gott wieder und wieder in den Ohren liegen.
Die ihn lauthals an seine Treue und Gerechtigkeit erinnern.
Wächter, die herabsteigen und Zeichen setzen unter den Menschen, werden gebraucht.
Sie bleiben nicht wie angewurzelt auf ihrer hohen Zinne stehen.
Sie inspirieren, machen Mut, richten auf.

Jerusalem hat eine Menge Wegbereiter.
Die haben keine Angst, sich die Hände schmutzig zu machen.
Lassen sich von Steinen im Weg nicht weiter beeindrucken.
Folgen ihrer Sehnsucht nach Frieden
und springen dabei über ihren eigenen Schatten.
Springen in die Bresche, wo Jüdinnen und Juden bei uns missachtet werden.
Engagieren sich Tag für Tag, brauchen einen langen Atem.
Knochenarbeit ist das, und wie Steine schleppen fühlt es sich an.

Aber es hat keinen Sinn, bloß auf die Steine im Weg zu starren.

Ohne den steinigen Umweg über Jerusalem,
ohne das anstrengende Festhalten an Gottes Treue,
hat alles keinen Sinn.
Denn das hier ist nicht alles.
Da kommt noch mehr.

Nur die Herbstnacht in der Fremde
Wird das Ziel deiner Liebe entscheiden.
Deine Worte werden die Bedeutung von Schrift in Stein annehmen.
Deine Taten werden reifen wie Obst,
deine Irrwege: heimkehren auf allen Straßen
nach Jerusalem (2)

Amen.

1 Hier wurde bewusst die Luther-Übersetzung 1984 gewählt.
2 Aus meinem Tagebuch, in: David Rokeah, Jerusalem. Gedichte, München 1981, 15.

Wichtige Anregungen für diese Predigt sind entnommen aus:Matthias Loerbroks, Der Materialismus des Gottes Israel. 10. Sonntag nach Trinitatis Jesaja 62, 6-12, in: Christoph Dinkel (Hg.) Kanzelreden, Stuttgart 2011, Bd. 4, 302-305. Axel Töllner, Wo ist der Freuden Ort? 10. Sonntag nach Trinitatis – Israelsonntag: Jes 62, 6-12, in: Studium in Israel e.V. (Hg.), Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, Wernsbach 2017
Zur Perikopenreihe IV, 296-303.

Anmerkung zum Israelsonntag 2018:Gleichsam am Wegesrand der jüdischen Fest- und Feiertage zwischen dem Gedenktag der Zerstörung des 1. und des 2. Tempels am 9. Av 5778 (19. Juli 2018 christlicher Zeitrechnung) und dem Neujahrsfest am 1. Tischri (9. September 2018), dem Tag der Umkehr, des Trostes und der Hoffnung auf der Schwelle vom alten zum neuen Jahr, liegt der Israelsonntag am 10. Sonntag nach dem Trinitatisfest. Der Israelsonntag 2018 warnt mit dem Predigttext Jes 62 vor dem traditionellen Triumphalismus, der Israel der christlichen Gemeinde als Paradebeispiel des Ungehorsams und der darauffolgenden gerechten Strafe Gottes vor Augen führt. Liturgisch und homiletisch bündelt sich hier das Gedenken an die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. mit den Erkenntnissen und Erfahrungen, die durch die ersten tastenden Versuche der Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden möglich geworden sind und die noch viel zu entdecken und zu lernen Gelegenheit bieten.
Jes 62 – und eventuell zusammen mit den vorangehenden Versen Jes 61, 10f – bildet eine in sich kohärente Einheit, deren sprachliche und theologische Bilder aufeinander Bezug nehmen. Daher nehme ich diese in die Predigt mit auf und schlage sie auch zur Lesung vor.

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