10. Sonntag nach Trinitatis (09. August 2026)
Römer 11,25–32
IntentionAlles kommt in dem Mysterium zusammen, dem Geheimnis, das Paulus in den Versen des Predigttextes formuliert. Die Predigt zeigt, welche Kräfte dieser Schlussstein im Gewölbe des Römerbriefs umlenkt und bündelt. Zwei rote Fäden werden zusammengefasst: Der Lebensfaden des Rabbinenschülers und Christus-Apostels – und die Sinnlinie der in der Schrift überreich sich mitteilenden Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes.
Mehr als Kunst am Bau – ein Blick in den Chor der HeiliggeistkircheSchlank strecken sich die Pfeiler nach oben, das Auge folgt dem warmen Sandsteinrot hinauf, dorthin, wo am oberen Ende die Joche der Spitzbögen jeden Pfeiler mit dem Nachbarn verbinden. Im selben Rotton setzen dort oben weitere feine Linien an: Sie stellen Beziehungen her zu den gegenüberliegenden Säulen, senkrecht wandert der Blick über die schmalen roten Spuren und diagonal über die weiße Deckenfläche – als ob diese Sichtlinien die Kräfte abbilden, die alles verbinden und zusammenhalten. Dort, wo sich die Diagonalen schneiden – dort macht sich das Auge fest: große, runde Steine, bunt bemalt, jeder besonders und einzigartig: die Schlusssteine.
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Liebe Gemeinde:
Ziel unseres kleinen optischen Gangs sind die Schlusssteine – in diesem Fall die im Chorgewölbe der Heiliggeistkirche in Heidelberg. Sie sind geometrisch wichtig und darum auch farblich und gestalterisch hervorgehoben. Sie haben eine elementare Bedeutung für Baukonstruktion – ja für das Ganze des Baus.
In dem Moment, in dem ein Schlussstein an seine Stelle gesetzt wird, werden die Kräfte, die zur Seite in der Konstruktion wirken, aufgefangen. Viel mehr als das Eigengewicht des Steins ist es seine Position, die aus den vielen Einzelteilen der Säulen, der Stege, der Deckenziegel ein Gewölbe macht. Die Konstruktion trägt sich selbst.
Der Schlussstein im theologischen Gedankengebäude des Römerbriefs, Paulus’ VermächtnisDer Römerbrief ist das letzte Schreiben, das wir von Paulus haben – man nennt ihn auch sein Vermächtnis. In diesem ausführlichen Brief stellt er sich der ihm noch unbekannten Gemeinde in Rom vor – und auch wir lernen ihn dabei kennen.
In den Kapiteln 9–11 bringt Paulus das theologische Gedankengebäude zum Abschluss – das, was er von Gott und von Jesus Christus den Menschen zu sagen hat.
Unser Predigttext steht am Ende dieser drei Kapitel, in denen es ihm um ein sehr persönliches Anliegen geht: Um Israel, das Volk Gottes – und um seine ganz eigene Geschichte in diesem Volk. Diese Verse haben für die ganze Argumentation eine ähnliche statisch wichtige Funktion wie die Schlusssteine im Chor einer gotischen Kirche.
Aber hören Sie ihn selbst: Römer 11,25–32 (Zürcher Bibel 2007)
„Liebe Brüder und Schwestern, ich will euch dieses Geheimnis nicht vorenthalten, damit ihr nicht auf eigene Einsicht baut: Verstocktheit hat sich auf einen Teil Israels gelegt - bis dass sich die Völker in voller Zahl eingefunden haben. Und auf diese Weise wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht:
Kommen wird aus Zion der Retter,
abwenden wird er von Jakob alle Gottlosigkeit.
Und dies wird der Bund sein, den ich mit ihnen schliesse,
wenn ich ihre Sünden hinweggenommen habe.
Im Sinne des Evangeliums sind sie Feinde, um euretwillen, im Sinne der Erwählung aber Geliebte, um der Väter willen. Denn unwiderrufbar sind die Gaben Gottes und die Berufung. Wie ihr nämlich Gott einst ungehorsam wart, jetzt aber durch ihren Ungehorsam Barmherzigkeit erlangt habt, so sind sie jetzt ungehorsam geworden durch die Barmherzigkeit, die euch widerfuhr - damit auch sie jetzt Barmherzigkeit finden. Denn Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um allen seine Barmherzigkeit zu erweisen.“
Das Geheimnis, das Paulus offenbart wurdeWenn ich jemandem ein Geheimnis anvertrauen würde, dann nur, wenn ich es dort sicher weiß.
Hier ist es anders: Es ist ein für die Ohren aller Gemeindeglieder in Rom bestimmtes Geheimnis. Obwohl es zu einem guten Teil sehr persönliche, ja intime Erfahrungen sind, die Paulus gemacht hat. Sachlich kommt in diesem Mysterium, so das griechische Wort an dieser Stelle, vieles zusammen, was Paulus zuvor von Gott, dem Evangelium, der Kraft des Glaubens, der Macht der Sünde über den menschlichen Willen und über die Menschheit aus Israel und den Völkern geschrieben hat.
Was ist denn nun das Geheimnis, das Paulus offenbart wurde?
Ich sage diesen einen, einfachen Satz des Paulus in zwei Sätzen:
Gottes Volk Israel ist von Verhärtung betroffen – gemeint ist: Die Evangeliumsbotschaft von Jesus Christus können sie nicht annehmen.
Damit geht eine Tür auf für die Völker, die bisher keine bewusste und direkte Beziehung zum Gott Israels hatten – die Chance für sie alle.
Und noch ein dritter Satz gehört dazu: Das hat einen tiefen Sinn – denn am Ende wird auch ganz Israel gerettet werden.
Es ist ein Widerspruch, der zugleich eine Einheit ausdrückt:
Israel – Paulus meint die Menschen aus dem jüdischen Volk, die sein Evangelium ablehnen – sind im Blick auf die frohe Botschaft aus Gottes Sicht Feinde. Aber das gilt nur, betont Paulus, weil sie gleichzeitig geliebt sind und bleiben. Das hat Gott den Vätern verheißen.
Es scheint verwirrend. Aber vielleicht hilft uns das Bild vom Schlussstein. Die Kräfte, die oben in 15–20 Metern Höhe wirken, ziehen zur Seite und drücken nach unten. Eigentlich kann ein solches gewaltiges Gebäude gar nicht stehen. Aber dass da an entscheidender Stelle dieser Schlussstein sitzt – das versöhnt die widerstreitenden Kräfte und verleiht dem Ganzen eine unwahrscheinliche Widerstandsfähigkeit und Beständigkeit. Davon zeugen die vielen, uralten und staunenerregenden Kathedralen in unseren Städten.
Das Projekt, das Paulus im Blick hat, ist einzigartig:
Es ist der Bau der Barmherzigkeit und Liebe Gottes in der Geschichte – der sich sogar die Kräfte des Ungehorsams, das Widerstreben der Menschen, seien sie nun Juden oder Heiden, zunutze macht – „um allen seine Barmherzigkeit zu erweisen“.
Paulus: Jude – Apostel der Völker – Schriftgelehrter – das Geheimnis des WegesWoher Paulus das weiß?
Zum einen: Aus ganz persönlicher Erfahrung – also aus seiner Biografie. Gewonnen aus vielen Bruchstücken, Splittern, aus Schmerzen und Freude, offenbart auf den vielen Wegen eines Lebens, den freiwillig gewählten, den ohnmächtig geführten – aber im Licht der Gegenwart Jesu Christi und des segnenden Antlitzes Gottes.
Dazu einige Einzelheiten, die meist wenig bewusst sind – obwohl Paulus sie offen anspricht.
Wir sagen manchmal: Er sei vom Saulus zum Paulus geworden – aber meinen damit das Falsche.
Denn wie Jesus als König der Juden gestorben ist, als Jude an einem römischen Kreuz, so ist auch Paulus in Rom als Jude hingerichtet worden. Denn: Ein Austritt aus dem Judentum, um Christ zu werden, ist nicht möglich.
„Ich bin nämlich der geringste unter den Aposteln“, sagt Paulus im 1. Korintherbrief und spielt damit an auf eine andere Beziehung der beiden Namen, die er trägt: Paulos – das bedeutet klein, von geringer Bedeutung. Wenn man daran nur einen Buchstaben austauscht, wird daraus Saulos – die griechische Form des Namens des ersten Königs Israels. Diesen Namen trägt der Apostel mit Stolz. Mit ihm wurde er in der Synagoge zur Lesung der Tora aufgerufen.
„Von den Juden erhielt ich fünfmal die Vierzig-weniger-einen“ – gemeint sind Schläge. Damit beklagt sich Paulus nicht über die schlechte Behandlung von jüdischer Seite, sondern damit erkennt er an, dass er auch nach seiner Lebenswende in Damaskus weiterhin die Autorität jüdischer Gemeindegerichte anerkannte – und Strafen, die gegen ihn ausgesprochen wurden, akzeptierte.
Das waren körperliche Schmerzen.
Mehr noch hat ihn ein anderes geschmerzt:
Dass er, neuberufener Bote des Auferstandenen, ausgerechnet in den jüdischen Gemeinden der Städte, die er besuchte, kein Gehör fand. Gehör fand er allerdings unter den Sympathisanten der jüdischen Gemeinden, den Gottesfürchtigen aus anderen Völkern. Die wollten von ihm mehr wissen, wollten sich taufen lassen, wollten dazugehören.
Warum aber nicht Israel?
Das ist die Frage, die ihn tief beunruhigt hat, bis in seine Christus- und Gottesbeziehung hinein.
Und paradox ist auch das: Saulus-Paulus schreibt Israel nicht ab. Er verflucht seine Herkunft nicht, sondern er schreibt die Kapitel 9–11 seines Römerbriefs.
Das Mysterium – Grund für die letzte und größte ZuversichtPaulus blieb zeitlebens ein Schriftgelehrter. Ausgebildet als Pharisäer, wusste er, was es bedeutet, die heilige Schrift zu „lernen“ – ganz so, wie Psalm 1 sagt: „Wohl dem, der … Lust hat am Gesetz des Herrn und sinnt über seine Weisung Tag und Nacht.“
Dass die jüdischen Hörer die frohe Botschaft des Bruders Saulos nicht freundlich aufgenommen haben, war für ihn zunächst eine große Enttäuschung und widersinnig.
Dass da andere Ohren sich auftaten, Augen mehr sehen wollten und Herzen begeistert diese neue Zugehörigkeit zu Jesus Christus suchten – das war im selben Moment überwältigend, wenn auch kein Trost für die erfahrene Ablehnung.
Aber im Lichte der Schrift und aller Verheißungen für die „letzten Tage“, wo das endzeitliche und endgültige Handeln Gottes für Israel und die Völker visionär geschildert wird, wird aus all diesen Sinn- und Widersinnsplittern ein heilsames Gesamtbild: Aus Zion wird der Retter kommen und alle Gottlosigkeit von Jakob nehmen. Und dann werden die Völker sich aufmachen und zum Zion ziehen – zu diesem Gott.
Ein letzter Blick nach oben: Hymnischer Abschluss Römer 11,33–36Liebe Gemeinde, wir haben unserem Bruder Paulus mit Spannung zugehört. Ob wir ihm folgen konnten?
Unser Blick fand im Gewölbe des Chors einen ganz besonderen, einzigartigen Schlussstein:
Es ist ein Schlussring! Offen nach oben – offen für das Lob, das Paulus unmittelbar nach unserem Predigttext an Gott richtet. Seine Schlussworte klingen so:
„O Tiefe des Reichtums,
der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unergründlich sind seine Entscheidungen
und unerforschlich seine Wege!
Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt,
oder wer ist sein Ratgeber gewesen?
Wer hat ihm etwas geliehen,
und es müsste ihm von Gott zurückgegeben werden?
Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist alles.
Ihm sei Ehre in Ewigkeit,
Amen.“
Hinweis:
Der erwähnte Schlussring findet sich hier in der Mitte der dritten Reihe:
https://www.die-heiliggeistkirche-zu-heidelberg.de/innen/innen-schlusssteine/innen-schlusssteine-chor/
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