11. Sonntag nach Trinitatis (16. August 2015)

Autor/in: Pfarrerin Bärbel Koch-Baisch, Schwäbisch Hall [Baerbel.Koch-Baisch@dasdiak.de]

Lukas 18, 9 -14

Liebe Gemeinde,
manche Geschichten und Erzählungen der Bibel scheinen uns vertraut und wir meinen zu wissen, was sie uns sagen wollen. Das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner ist so eine Geschichte. Wir denken, Jesus warnt vor geistlichem Hochmut der Pharisäer und stellt dagegen den Zöllner als Vorbild christlicher Demut. Der Wochenspruch scheint das dann auch zu bestätigen, wenn es heißt: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade(1. Petrus 5,5)“.
Doch sehen wir noch einmal neu auf die Geschichte.

Es wird von zwei Menschen erzählt, die beide hinauf zum Tempel gehen, um dort zu beten. Sie suchen den besonderen Ort. Sie wollen Gott nahe sein, suchen Gottes Angesicht. Sie suchen Gottes Sicht auf ihr Leben. So ziehen sie Bilanz. Der Pharisäer und der Zöllner.

Der PharisäerDie Pharisäer kommen in der Bibel und in unserer Vorstellung ja immer schlecht weg. Dabei sind Pharisäer Menschen, die in ihrem Leben versuchen, Gott zu dienen. Nicht ohne Stolz bezeichnen sich fromme Juden zurzeit Jesu als Pharisäer. Sie waren die geistliche Elite ihrer Zeit, wachsame Hüter der Tradition. Sie hielten das geistliche Leben lebendig, indem sie die heiligen Schriften für die neue Situation auslegten. In den Augen ihrer Zeitgenossen, waren die Pharisäer angesehene Leute. In ihrem ethischen Verhalten vorbildhaft.
So kann der Pharisäer im Tempel denn auch eine positive Lebensbilanz ziehen: Was er an Unterlassungen aufzählt – Raub, Betrug, Ehebruch – das hat er wirklich unterlassen. Was er an Leistungen aufzählt, übersteigt das, was gefordert wird. Vorbildhaft ist auch seine Freiheit. Er ist frei und kann verzichten und zwar nicht nur einmal im Jahr am großen Versöhnungstag – so wie es im Gesetz steht – er fastet an zwei Tagen in der Woche. Und auch von seinem Besitz gibt er mehr als vorgesehen. Das ethische Verhalten des Pharisäers ist bewundernswert. Es gleicht dem Menschen, von dem wir eingangs mit Psalm 1 gebetet haben: „Wohl dem, der Lust hat am Gesetz des Herrn. Er ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter welken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.“ Ein Mensch wie der Pharisäer also braucht den Vergleich mit anderen nicht zu scheuen.
Für all das dankt der Pharisäer Gott: Ich danke dir. Er weiß, dass ihm das alles nicht aus eigener Kraft gelingt. Dass er sein Leben gestalten kann, so dass er zufrieden sein kann – dafür dankt er Gott.

Der ZöllnerGanz anders der Zöllner. Ein Zöllner besaß zurzeit Jesu einen äußerst miserablen Ruf. Er war im Volk unbeliebt. Als Handlanger der römischen Besatzungsmacht trieb er an Zollstationen die Steuern. Dass Zöllner dabei auch in die eigene Tasche wirtschafteten war allgemein bekannt. Der Zöllner hatte Geld – er könnte sein Leben genießen. Doch immer war er Außenseiter. Zöllner und Sünder wurden in einem Atemzug genannt. Er lebte isoliert, wurde von anderen abgelehnt. Er besaß viel, doch sein Leben – war es reich, war es gelungen? Welche Lebensbilanz kann der Zöllner ziehen?

Vor Gottes AngesichtSo sind sie nun beide im Tempel, in Gottes Haus, der Pharisäer und der Zöllner. Der eine voller Dankbarkeit, der andere voller Selbstzweifel. Der eine, Beispiel eines gelungenen Lebens, der andere Symbol einer gescheiterten Existenz. Der eine sagt Gott Dank, der andere wirft ihm die Scherben seines Lebens vor die Füße. Zu dem einen sagt Gott Ja, zu dem anderen sagt er Nein – erzählt Jesus. Zu dem einen sagt Gott: Du bist mir recht, du bist in Ordnung. Zu dem anderen sagt er nichts. Doch was überrascht – der Zöllner ist es, der Gott gefällt! Der Sünder in seiner Verzweiflung ist Gott angenehmer als der Ehrbare mit seiner Dankbarkeit. Wie ist das zu verstehen? Wie kann Jesus alles, wofür der Pharisäer steht, seine Ernsthaftigkeit im Glauben und im Leben, für unwichtig erklären?

Zwei Seiten einer MedailleIch glaube, was Jesus hier in den beiden Personen des Pharisäers und des Zöllners erzählt, steckt in Wahrheit in jeder und jedem von uns: einerseits der Mensch, der wir gerne sein möchten, vor Gott, vor unseren Mitmenschen und natürlich vor uns selbst. Und andererseits der Mensch, der wir auf keinen Fall sein wollen. Mit Zügen an uns, die wir unerträglich finden, die wir nicht ausstehen können und die wir am liebsten aus unserem Bewusstsein verdrängen wollen.
Im Gleichnis heißt es, der Pharisäer, der angesehene Fromme „stand da für sich“, und der andere, der Zöllner, „stand ferne“, hält sich im Hintergrund. Ich glaube, wir haben beides in uns: eine Pharisäer-Seite, vorne und für sich stehend, und eine Zöllner-Seite, ferne, im Hintergrund. Beides sind Teile von uns: unser erfülltes und unser verfehltes Leben. Unsere Bereitschaft zum Teilen und unsere oft nur mühsam unterdrückte Gier. Unsere Hilfsbereitschaft auf der einen Seite und unsere oft kleinliche Angst um das eigene Geld und die finanzielle Sicherheit. Selbstlose Hingabe zum einen und eine große Sehnsucht nach Anerkennung und Vorwärtskommen zum anderen.
Zwischen diesen beiden Seiten, zwischen der Pharisäer- und der Zöllner-Seite, liegt ein tiefer und schwer zu überwindender Graben. Und so ein Graben tut sich dann immer wieder auch zwischen uns und anderen Menschen auf. Gerade dort, wo uns in unseren Mitmenschen die Eigenschaften begegnen, die uns an uns selbst stören, die wir an uns selbst nicht ertragen können. Gerade dort, wo ein anderer so viel besser verkörpert, was wir so gerne sein möchten.
Der Pharisäer verschließt die Augen vor dem, was jenseits des Graben liegt: „Gott, ich danke dir, dass ich so nicht bin“ – die andere Seite – sie liegt ihm ganz fern. Deshalb macht er es Gott und seiner Barmherzigkeit so schwer!

Der freundliche Blick GottesJesus sagt: In Wahrheit gehören beide Seiten zu euch. So seid ihr eben auch! Das alles habt ihr als Möglichkeiten auch in euch. Vielleicht tief verborgen, aber sie sind doch auch Teil von euch. Und das ist die heimliche Quelle eurer Ängste, eurer Empfindlichkeiten, eurer versteckten und offenen Hassgefühle und allen Neides. Doch das sagt die Geschichte: So wie wir sind, nimmt Gott uns an und liebt uns als die Menschen, die wir sind, und nicht nur als die, welche wir sein möchten. Vor Gott können wir kommen, so wie wir sind, und er sagt: So wie du bist, bist du mir recht.
Wir sind vor Gott recht.
Was heißt das für unsere Zöllner-Seite in uns? Wird auch diese dunkle, negative Seite in uns für recht erklärt. Nein, natürlich sollen wir uns ändern, natürlich können wir, so wie wir Gott für unsere Pharisäer-Seite danken, für unsere Zöllner-Seite Gott nur bitten: Herr, sei mir Sünder gnädig. Doch um sie ändern zu können, müssen wir sie erst als einen Teil von uns wahrnehmen. Dabei hilft uns das Wissen, dass einer zu uns steht, der um unsere Zöllner-Seite weiß und trotzdem zu uns sagt: Du bist mir wichtig.
Doch dieser Weg über den Graben zu unserer dunklen Seite ist recht schwer und oft genug schmerzhaft. Darum ist es sehr wohl verständlich, dass wir die Figur des Zöllners lieber zu einem Ideal christlicher Demut gemacht haben, als ihn als das anzuerkennen und anzunehmen, was er in Wahrheit ist. Doch Jesus erzählt sein Gleichnis, um uns zu sagen: Auch um unsere Zöllner-Seite weiß Gott. Und gerade deshalb begegnet er uns mit so viel Liebe, mit der Liebe, die uns hilft, auch diese Seite zu erkennen und dann auch zu verändern.

Getaufte sind von Gott AngeseheneDiese Liebe Gottes wird sichtbar und spürbar in der Taufe. Kleine Kinder, die zur Taufe gebracht werden, können noch keine Taten aufweisen, sie kommen mit leeren Händen, mit ihrer ganzen Bedürftigkeit. Lange bevor sie ihre beiden Seiten ausgebildet haben, nimmt Gott sie an, sagt Ja zu ihnen, sagt: Ich stehe zu dir und bin bei dir in deinem Leben, wie auch immer deine beiden Seiten aussehen werden.
Der Evangelist Lukas erzählt nach dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner die Geschichte von der Kindersegnung. Jesus segnet die Kinder und sagt zu seinen Jüngern: "Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes." Mit solch einer Verheißung lässt es sich leben. Amen.

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