11. Sonntag nach Trinitatis (07. August 2016)

Autor/in: Pfarrer Dr. Martin Hauff, Langenau [Martin.hauff@kirche-langenau.de]

Epheser 2, 1 -3 ; 2, 4-10

Liebe Gemeinde!

In unserer evangelischen Kirche biegt das Reformationsjubiläum in die Zielgerade ein. Das Jubiläums-Festjahr 2016/17, beginnend mit dem 31. Oktober, steht unmittelbar vor der Tür. Die Stätten der Reformation sind hübsch herausgeputzt. Viel Material wurde bereits gedruckt. Ob sich der Aufwand lohnt, hängt am Ende davon ab, ob das inhaltliche Vermächtnis der Reformation in ihrer Breite, aber auch zugespitzt das inhaltliche Vermächtnis Martin Luthers, so vermittelt werden kann, dass es in den Köpfen und in den Herzen ankommt.

Martin Luther hat beim Apostel Paulus wieder ganz neu entdeckt, dass der Mensch, der vor Gott nichts vorweisen kann, um Christi willen voraussetzungs- und bedingungslos angenommen ist, dass er allein aus Gnade gerechtfertigt ist. So wie es vom Zöllner in der Schriftlesung hieß: „Der Zöllner schlug sich an die Brust: ‚Gott sei mir Sünder gnädig!‘... Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus.“ (1) Martin Luther hat also die Glut der Barmherzigkeit Gottes in und unter den Worten des Paulus wiederentdeckt. Dieses Vermächtnis Luthers weiterzugeben und in seiner Bedeutung für unsere Zeit herauszustellen, sind Aufgabe und Sinn des Reformationsjubiläums.

Das Vermächtnis treu weiterzugeben und in die neue Zeit hinüberzunehmen, diesen Vorgang können wir schon innerhalb des Neuen Testaments beobachten. Der Verfasser des Epheserbriefs, ein treuer Paulusschüler, hat die Kernanliegen des Paulus nach dessen Tod zusammengefasst. Er hat das geistlich-theologische Vermächtnis des Paulus in seine Generation weitergetragen. (2) Er gibt der Gemeinde für die Zeit nach dem Tod des Apostels Hinweise, wie sie ohne direkten Austausch mit ihm weiter aus dem Glauben an die Auferstehung Jesu leben kann.(3)
Mit dem Epheserbrief ist das Vermächtnis des Paulus treu weitergegeben worden. Allerdings hat sich die Zeit gewandelt. Deshalb genügt es nicht, lediglich Wort für Wort des Paulus zu referieren. Für die Gemeinden, die der Epheserbrief im Blick hat, lag der große Aufbruch mit dem Glauben an den auferstandenen Jesus Christus in der Vergangenheit. Die Anfangs-Euphorie ist verflogen. Der Geschmack des Neuen am christlichen Glauben und der damit verbundene Hauch der Freiheit waren Erfahrungen der ersten Generation. Jetzt in der zweiten Generation war die Erwartung des in Bälde kommenden Herrn in den Hintergrund getreten. Die Auferstehung Jesu Christi war ein geschichtlicher Punkt in der Vergangenheit, an den sich der Glaube nur noch erinnerte. Um die Köpfe und Herzen seiner Zeit zu erreichen, muss der Verfasser des Epheserbriefs das Alte neu sagen und auch überraschende Zuspitzungen riskieren. Zwei solch überraschende Zuspitzungen begegnen in unserem Predigttext.

Die erste überraschende Zuspitzung: Gott hat uns mit Christus auferweckt...Paulus selber konnte sagen: „Wir, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind auf seinen Tod getauft. So sind wir mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod...“(4) Keine fremde Herrschaft, auch nicht die der Sünde, hat ein Anrecht auf den Getauften. Er steht ganz im Herrschaftsbereich Jesu Christi, der gestorben ist, aber von Gott auferweckt wurde. Wer getauft ist, weiß: Es gilt ein neues Leben!(5) Das neue Leben der Getauften ist ausgerichtet auf Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, und seine Zielperspektive ist das künftige Leben der Auferstandenen im Reich Gottes.

Der Epheserbrief zieht diese Linie weiter aus und sagt überraschend kühn: „Gott hat uns mit Christus lebendig gemacht, mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel.“ Nun weiß auch der Epheserbrief, dass wir in diesem irdischen Leben noch der alten Erde verhaftet sind. Dass uns Christen und Christinnen in diesen gegenwärtig so bewegten, ja sich überschlagenden Zeiten auch manche Sorge bewegt. Wie wird sich das entwickeln mit dem Brexit, mit den islamistischen Anschlägen und mit der nach dem Putschversuch angespannten Situation in der Türkei?

Mit seiner überraschend zugespitzten Formulierung sagt der Epheserbrief: Auferstehung ist kein punktuelles Ereignis in der Geschichte, von dem wir uns immer weiter entfernen. Auferstehung ist vielmehr ein Ereignis für die Gegenwart. Denn sie ist eine Wirklichkeit, die hineinwirkt in die Realitäten unserer Tage und die Glaubenden mitnimmt in die Zukunft Gottes. Denn Gott ist es, der Christus lebendig gemacht hat und auch uns lebendig macht.
Ein Mensch, bei dem kein Platz für Gott ist; der nicht mit Gottes Gegenwart rechnet; der meint, alles selber machen, selber Unternehmer und Sinngeber seines Lebens sein zu müssen, der ist in Wahrheit schon tot, auch wenn er biologisch noch am Leben ist.

So hat es Jesus anschaulich geschildert, als er von dem jüngeren Sohn erzählt, der sein Vaterhaus verlässt und in die Fremde geht. Er wird dort nicht verantwortungsvoll erwachsen, sondern bricht jeden Kontakt mit dem Vaterhaus ab. Er wirft sein ganzes Vermächtnis an Werten aus dem Vaterhaus über Bord und lebt nur nach den Bedürfnissen des eigenen Ego. Als er erkennt, wie er auf diese Weise sein Leben verfehlt, wie er immer tiefer in den Abgrund zwischen seinem Vaterhaus und sich selbst hinabstürzt, wie er sich immer tiefer in Sünde verstrickt, da kehrt er um. Er läuft in die offenen Arme des Vaters, der sagt: „Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.“(6)

Was Jesus anschaulich erzählt, fasst der Epheserbrief in dogmatische Begriffe. Er sagt: So wie der verlorene Sohn wart auch ihr tot in euren Sünden. Ihr wart tot, weil ihr versucht habt, alles selber zu machen, weil ihr euch selber gnadenlos gefordert und der Gnade Gottes keine Chance gegeben habt. Wo aber Gott mit seinen guten Mächten aus einem Leben hinausgedrängt ist, besetzen andere Mächte seinen Platz. Der Epheserbrief spricht von kosmisch-dämonischen Mächten. In seinem Weltbild sind sie zwischen der himmlischen Sphäre Gottes und Christi und der irdischen Sphäre der Menschenwelt angesiedelt. Sie versuchen ständig, den Kontakt zwischen diesen beiden Sphären zu stören und die Menschen von Gott abzuhalten. Christus aber gebietet ihrem Treiben Einhalt. Er unterbindet die Störungen zwischen göttlicher und himmlischer Sphäre. Für uns sehr ferne und fremde Gedanken. Aber an einer Stelle spüren wir die bleibende Aktualität: Wo Gott mit seinem guten Geist aus einem Leben hinausgedrängt ist, besetzt „der Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist“, das Vakuum. Viele Gesichter hat der Geist, der zu unserer Zeit am Werk ist: der Geist des Egoismus und der Menschenverachtung, der Geist des simplen Schwarz-Weiß-Denkens, das in unserer komplex gewordenen Welt alle Zwischentöne ausblendet, der Geist des Nationalismus, der Geist der Rache und Vergeltung. Christinnen und Christen, die, wie der Epheserbrief sagt, mit auferweckt und mit in den Himmel eingesetzt sind, leben bereits im Einflussbereich des auferstandenen Christus. Sie leben im Wirkungsraum Gottes – und müssen sich dennoch, solange sie auf Erden leben, dieser dunklen und lebensbedrohlichen Geister je aufs Neue erwehren.

Wirklichkeit der Auferstehung – im gottesdienstlichen Leben schon jetzt erfahrbarWo aber ist die Wirklichkeit der Auferstehung erfahrbar, die für die Christinnen und Christen schon jetzt in die Realitäten unserer Tage hineinragt? Der Epheserbrief lässt erkennen: Ganz sinnenfällig in der Taufe. Taufe ist ein Rettungsvorgang: Der Mensch wird symbolisch untergetaucht im Wasser der Taufe, und dann wieder daraus emporgehoben. In diesem Vorgang bildet sich die Rettung aus den Todesfluten der Sünde ab. Taufe ist Rettung aus dem Tod, ein Mitlebendiggemacht-Werden mit Christus, ein Mitauferweckt-Werden. Der Getaufte wird in die Geschichte von Jesu Sterben und Auferstehen mit hineingenommen.

Wo ist die Wirklichkeit der Auferstehung erfahrbar? In jedem Gottesdienst. Jeder Gottesdienst am Sonntag, dem ersten Tag der Woche, ist Auferstehungs-Vergegenwärtigung: „Das ist der Tag, da Jesus Christ / vom Tod für mich erstanden ist / und schenkt mir die Gerechtigkeit, / Trost, Leben, Heil und Seligkeit. / Halleluja.“(7) In jedem christlichen Gottesdienst geht es ausdrücklich oder dem Sinne nach um Vergewisserung der Auferstehung und der daraus für die Christen erwachsenden Hoffnung. Der Liedermacher Wolf Biermann hat einmal gesagt: „Auferstehung ist die härteste Währung auf dem Markt, wo Hoffnung gehandelt wird.“ Im Gottesdienst erhalten wir einige Münzen Hoffnung, mit denen wir die Woche über haushalten können.

Wo ist die Wirklichkeit der Auferstehung erfahrbar? Sie ist auch in der Feier des Abendmahls erfahrbar. Vieles steckt im Abendmahl an Bedeutung mit drin. Immer auch, mal mehr vordergründig, mal mehr hintergründig, dass es das Mahl der Gegenwart des auferstandenen Herrn ist, das österliche Freudenmahl.

Aus Gnade GeretteteIm Gottesdienst, in Taufe und Abendmahl, ist die Wirklichkeit der Auferstehung präsent. Und mehr noch: Hier werden wir vergewissert, wer wir sind: „Aus Gnade Gerettete“, wie gleich zweimal in unserem Abschnitt betont wird. Was Paulus in seinen Briefen – und Jesus im Gleichnis, das wir als Schriftlesung hörten – mit dem gewaltigen Begriff der „Rechtfertigung“ ausdrückt, das übersetzt der Epheserbrief leichter fassbar als „Rettung“. Leichter fassbar als der dogmatisch komplexe Begriff „Rechtfertigung“ ist der der „Rettung“. Denn was „Rettung vor dem Tod“ bedeutet, ist angesichts der vielen Todesmächte, die uns in unserer Gegenwart bedrohen, verständlicher. Nicht wir können uns aus den Abgründen des Todes selber herausziehen. Sondern Gottes Barmherzigkeit, Gottes Liebe, Gottes Gnade rettet aus dem Machtbereich des Todes in seinen vielerlei Gestalten.

In Jesu Weg und Hingabe hat sich die Barmherzigkeit Gottes verkörpert. Paulus hatte erkannt: „Durch Jesus Christus bin ich unwiderruflich vor Gott anerkannt. Nicht meine Leistungen machen mich zu der Person, die ich bin, aber auch nicht meine Fehlleistungen definieren mich. Ich als Person bin vor Gott mehr als die Summe meiner Taten und Untaten. Diese Anerkennung kann ich mir nicht erarbeiten, sie wird mir durch Gottes Barmherzigkeit und Gnade geschenkt.“ Diese Erfahrung des Paulus hält der Verfasser des Epheserbriefs als Vermächtnis des Apostels fest. Diese Erfahrung des Paulus entdeckt in der Reformationszeit Martin Luther neu und formuliert sie als „Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade, allein aus Glauben.“

Die zweite überraschende Zuspitzung: Der Mensch wird gerecht ohne eigenes Werk, und ist doch geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken.Ausdrücklich betont der Epheserbrief, dass der Mensch nichts, aber auch gar nichts zu seinem Heil beitragen kann: „Gottes Gabe ist es.“ Es ist die Erfahrung, die Martin Luther im seelsorgerlichen Gespräch von seinem Beichtvater, Johann von Staupitz, vermittelt bekam. Der sagte zu Luther: „Schau nicht ständig auf deine eigenen Unzulänglichkeiten. Schau von dir weg auf Jesus Christus, der hat alles für dich getan!“ Und Luther konnte später dankbar sagen: „Der Staupitz hat die Lehre des Evangeliums angefangen.“ Also: Der Epheserbrief weiß um die unbeschreibliche Kraft, die dort wirksam wird, wo wir Liebe erfahren; wo wir empfangen, was wir nicht selber herstellen können.(8)

Doch dann gibt der Epheserbrief dem Verhältnis von Glaube und Werk eine überraschende Wendung: Dass der Mensch nicht aus Werken, sondern aus Glauben gerecht wird, heißt nicht, dass er keine guten Werke tun soll. Im Gegenteil: Wir sind in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken. Und die guten Werke existieren schon längst als Urbilder in Gottes himmlischer Welt. Der Mensch muss sie nur noch abbildhaft vollziehen. (9) Gottes guter Geist, nicht der Geist der Jetzt-Zeit, gibt dem Menschen die Kraft, gute Werke zu vollbringen.

Glaube und gute Werke in Luthers FreiheitsschriftDiesen Zusammenhang von Glaube und guten Werken hat Martin Luther in seiner grundlegenden Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) herausgestellt. Im Rahmen des Reformationsjubiläums wird diese Schrift nächstes Jahr im Mittelpunkt der Aktion „Baden-Württemberg liest Luther“ stehen – eine Aktion, bei der es darum geht, das geistlich-theologische Vermächtnis Luthers wahrzunehmen. Angedacht ist, dass in möglichst vielen Gruppen und Organisationen diese Freiheitsschrift gelesen und diskutiert wird. Hören wir heute schon einen Ausschnitt aus der Freiheitsschrift, die den Zusammenhang von Glaube und Werken darstellt, wie ihn der Epheserbrief, das Vermächtnis des Paulus aufnehmend, pointiert formuliert hatte.
Luther schreibt: „Obwohl der Christ ganz frei ist, soll er sich doch umgekehrt willig zu einem Diener machen, um seinem Nächsten zu helfen; er soll so mit ihm umgehen und an ihm handeln, wie Gott an ihm durch Christus gehandelt hat, und so denken: ‚Wohlan, Gott hat mir unwürdigem Menschen ohne alles Verdienst ganz umsonst und aus lauter Barmherzigkeit durch und in Christus vollen Reichtum aller Rechtschaffenheit und Seligkeit gegeben, so dass ich hinfort nichts weiter bedarf als dass ich glaube, es sei so. Ei, so will ich einem solchen Vater, der mich mit seinen überschwänglichen Gütern so überschüttet hat, meinerseits frei, fröhlich und umsonst tun, was ihm wohlgefällt; ich will gegenüber meinem Nächsten auch eine Art Christus werden, wie Christus es mir geworden ist, und will nur noch das tun, wovon ich sehe, dass ihm nötig, nützlich und heilbringend ist, weil ich doch durch meinen Glauben alles in Christus zur Genüge habe.‘ Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dass ich dem Nächsten umsonst diene.“ (10) Amen.

Anmerkungen:
1 Lukas 18,13f; das altkirchliche Evangelium auf den 11. Sonntag nach Trinitatis, Pharisäer und Zöllner, Lukas 18,9-14, bietet sich als Schriftlesung an. Diese Schriftlesung stellt die Gnade Gottes als Quelle der Rechtfertigung des Zöllners heraus.
2 Vgl. dazu Michael Gese, Das Vermächtnis des Apostels (WUNT 2, 99), Tübingen 1997, S. 108-110.146-171.
3 Vgl. Katharina Wiefel-Jenner, Singen gegen die Dämonen, Meditation zu Eph 2,4-10, in: GPM 70, S. 380-385, dort S. 381.
4 Römer 6,3f
5 Vgl. EG 202,1
6 Lukas 15,24(.32)
7 EG 162,2
8 Vgl. Heinz Grosch, Aus deiner Hand. Kleines Stundenbuch für alle Tage, Frankfurt 1995, S. 201.
9 Vgl. dazu Gese, S. 166.170f.
10 Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen (Calwer Lutherausgabe Bd 2), Gütersloh 1977, S. 183.

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