11. Sonntag nach Trinitatis (27. August 2017)

Autorin / Autor: Pfarrer Gottfried Hengel, Plochingen [Gottfried.Hengel@elkw.de]

Matthäus 21, 28 -32

Liebe Gemeinde,
Diskussion am Mittagstisch. Die Familie sitzt zusammen. Das Thema ist ernst. Das spüren alle, als die Mutter sagt:
„Max, es ist dringend nötig, dass du mal dein Zimmer aufräumst. Man kann es fast nicht mehr betreten, soviel liegt dort rum!“
Zum allgemeinen Erstaunen kommt kein wütender Protest.
„Klar, mach ich“, antwortet Max.
Die Mutter freut sich. Langsam scheint er ja zur Vernunft zu kommen.
Der prüfende Blick am Abend belehrt sie allerdings eines besseren. Das Zimmer sieht genauso aus wie Abend zuvor. Das Ja von Max war in Wirklichkeit keines. Es war nur so dahingesagt. Damit er seine Ruhe hatte.

Andere Szene. Die gleiche Situation, die gleiche Aufforderung. Nur geht sie dieses Mal an Moritz, den Bruder. Dieser reagiert schroff.
„Mein Zimmer aufräumen? Nö, kein Bock! “
Die Mutter schweigt resigniert. Bei dem redet sie doch immer in taube Ohren.
Aber als ihr Blick am Abend in das Zimmer fällt, ist sie sprachlos. Ein tiptop aufgeräumtes Zimmer liegt vor ihr. Das schroffe Nein wurde doch zum Ja.

In einer Konfirmandengruppe wurden einmal diese Beispiele gewählt, um das Gleichnis zu verdeutlichen. Doch ob die zwei Söhne nun ihr Zimmer aufräumen oder im Weinberg helfen sollen, bei beiden ist das Ergebnis anders als erwartet.

Ein ungewöhnliches GleichnisDieses Gleichnis von den zwei Söhnen ist ein merkwürdiger Text. Nur der Evangelist Matthäus überliefert ihn uns. In den anderen Evangelien finden wir ihn nicht.

Merkwürdig ist auch, dass in verschiedenen Bibelausgaben die Reihenfolge unterschiedlich ist.
In der Lutherbibel wird zuerst vom Sohn berichtet, der Nein sagt, und dann doch in den Weinberg geht. Der zweite ist derjenige, der erst Ja sagt, aber nichts tut.
Wer dagegen die ökumenische Einheitsübersetzung aufschlägt, findet genau die umgekehrte Reihenfolge.
Das Gleichnis ist uns in verschiedenen handschriftlichen Fassungen überliefert, die die Reihenfolge vertauschen. Vielleicht hat schon die Abschreiber das Hin und Her der beiden Söhne verwirrt.
Denn eine klare Linie hat keiner der beiden. Auf ihre Worte kann man sich in beiden Fällen nicht verlassen.

Warum gibt es keinen dritten Sohn?Warum gibt es eigentlich keinen dritten Sohn? Einen, bei dem alles klar ist? Einer, bei dem ein Ja ein Ja bleibt?

Doch diese Variante sieht Jesus im Gleichnis nicht vor. Er bleibt bei dem Beispiel mit den beiden wankelmütigen Söhnen. Und er bezieht seine Zuhörer direkt ein. Was meint ihr dazu?, fragt Jesus.
Wer von den beiden hat den Willen seiner Eltern getan?

Die Antwort auf diese Frage scheint scheint zunächst klar zu sein.
Zwar liegen bei beiden Söhnen Reden und Handeln auseinander – aber wenn wir beide vergleichen, ist der besser, der erst nein sagt, aber dann doch handelt. Letztlich zählt das, was am Ende herauskommt.

Wer Erwartungen weckt, aber dann nichts tut, frustriert seine Gesprächspartner. Wie oft kommt diese Klage über die, die im Rampenlicht stehen, über Politiker oder Führungskräfte.

Deshalb scheint die richtige Antwort auf die Frage von Jesus nahe zu liegen. Es gibt zwei Gruppen von Menschen.
Und Jesus möchte uns mit diesem Gleichnis sagen:
Seht zu, dass ihr bei der richtigen Gruppe seid!
Und schon könnten wir das Amen sprechen.
Dann würde es heute ein recht kurzer Gottesdienst.

Doch Vorsicht!
Jesus lädt in seinen Worten eben gerade nicht dazu ein, die Menschen einzuteilen – in „die da“ und „die da“.

Genau das tun die frommen Pharisäer, die sich so genüßlich abgrenzen von den anderen, den Zöllnern und Huren, den Unvollkommenen und Gottlosen. Doch genau ihr Verhalten wird hier von Jesus kritisiert. Die Leidenschaft der Pharisäer, Menschen einzuteilen, ist gerade das Problem!

Wir selbst sind gemeint – nicht die anderenJesu Worte helfen mir aber nicht, über andere zu urteilen, sondern wollen meine Selbsterkenntnis schärfen. Deshalb nehmen wir sie bitte persönlich – so persönlich, dass sie uns gelten.
Teilen wir die beiden Menschen deshalb nicht auf nach den beiden Brüdern – sondern suchen wir sie beide in uns drin.
Wir kennen ihren Wankelmut von uns selbst. „Kommst du mich mal besuchen?“, so fragt uns der Bekannte, den wir auf der Straße treffen. „Ja klar, mach ich“, so sagen wir rasch – und dann geschieht es nie. Manches Ja wird nur so dahingesagt, aus Gedankenlosigkeit, und um unsere Ruhe zu haben.

Es kann aber auch geschehen, dass ein Nein doch zum Ja wird – weil wir es uns anders überlegen, weil wir unsere Ablehnung letztlich nicht aufrecht erhalten, weil wir eine Chance doch nicht aufgeben wollen. So sind wir. Max und Moritz in einem. Absolute Eindeutigkeit ist uns nicht beschieden. Denn wir sind Menschen und keine Engel.

Jesus geht es in seinen Worten deshalb nicht darum, uns bei einem der beiden Söhne einzuordnen. Er will nicht Menschen vergleichen, sondern er will jeden und jede von uns, – mich! – in die Nachfolge rufen.
Das ist die Pointe dieses Gleichnisses.
Jesus will mich in die Nachfolge rufen – mit meinem halbherzigen Ja, mit meinem Nein an der falschen Stelle, mit meinen Jeins und Vielleichts.

Nachfolge heißt UmkehrenDoch was heißt Nachfolge? Nachfolge bedeutet eben nicht, im Gleichschritt stur hinterher zu laufen – sondern lebendig zu sein und sich immer wieder neu auszurichten auf Gott, die Quelle des Lebens.
Bei der Nachfolge ist das entscheidend, was der Sohn erlebt, der zuerst Nein sagt. Er empfindet Reue, heißt es. Sein Nein beschäftigt ihn. Er überlegt es sich neu und kommt zu einen anderen Ergebnis.
Er kehrt um, orientiert sich neu.

Genau dieses Umkehren ist ein Kennzeichen der Nachfolge, in die Jesus ruft. Dieses „Umkehren in die offenen Arme Gottes“, wie es Martin Luther einmal nennt, ist kein einmaliger, sondern ein täglicher Vorgang.
Der Ruf zur Nachfolge geht jeden Tag neu an uns.
In der Taufe, wie lange sie auch zurückliegt, ist dieser Ruf an uns zum ersten Mal laut geworden. Nun ist es an uns, ihn täglich neu zu hören.

Nachfolge geschieht täglich neuJeden Tag neu kann und darf ich mich berühren lassen von Gottes Güte. Jeder und jede, jeden Tag kann ich neu versuchen, umzukehren aus meinen täglichen Vielleichts, aus meinen lebenslangen Widersprüchen und aus meiner Leidenschaft, andere Menschen einzuteilen in Gerechte und Ungerechte, Willkommene und Unwillkommene, Gerettete und Verlorene.
Immer wieder neu kann ich zu Gott finden und auf sein Ja vertrauen, das er zu mir spricht.

Denn bei Gott ist ein Ja ein Ja und bleibt es auch.
Und damit sind wir bei der Variante, die wir am Anfang gesucht haben.

Christus selbst ist der dritte SohnEs gibt ihn nämlich doch, den dritten Sohn. Jesus, der uns dieses Gleichnis erzählt, ist es selbst. Er ist der, der uns Gottes Ja bringt. Er sagt Ja zu dem Weg, den er für uns geht, den Weg, der ihn bis ans Kreuz führt.
In Jesus selbst ist Gottes Ja zu uns lebendig geworden.
Weil Gottes Ja ein Ja ist und bleibt, gilt sein Ruf allen. Der Vater möchte gerne beide Brüder im Weinberg haben – und die Schwestern genauso. Denn alle kann er brauchen. Auch die, die ihr vollmundiges Ja vom Anfang nicht durchhalten. Auch die, die gar kein Ja über die Lippen bringen, weil ihre Zweifel zu groß sind.

Auch die, bei denen der Abstand von Reden und Tun interplanetarisch weit ist.
Auch uns.

Sicher bleibt noch manche Aufgabe liegen, die eigentlich auf uns wartet. Sicher bleibt noch manches unaufgeräumt, auch in unserem Leben. Sicher muss Gott uns wieder und wieder rufen.
Doch er tut es. Weil sein Ja, ein Ja ist und bleibt.
Auch heute.

Amen.

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