11. Sonntag nach Trinitatis (12. August 2018)

Autor/in: Pfarrer i.R. Günter Knoll, Herrenberg [pfarrer-knoll@t-online.de ]

Galater 2, 16 -21

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder!
Wen meint er da eigentlich, wenn der Apostel Paulus „wir“ sagt? Ich rufe uns das fünffache „wir“ unseres Predigttextes gleich noch einmal ins Gedächtnis; da muss man nämlich sehr genau hinhören, wenn man verstehen will, was Paulus den Empfängern seines Briefes sagen will.
„Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht. Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, sogar selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne!“
Wir wissen – so fängt alles an – also es fängt nicht mit dem Glauben an, auch wenn wir das bei Paulus doch eigentlich annehmen müssten; keiner hat so enthusiastisch und so eindringlich vom Glauben gesprochen wie er. Aber damit fängt nicht alles an, sondern es fängt an mit „wir wissen“. Was wissen wir? „Wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus.“
Ist es allzu keck, wenn ich den Apostel frage: „Woher wissen wir das? Woher weißt erst einmal du das? Das scheint ja ein ganz fundamentales Wissen zu sein, hinter das wir auf keinen Fall zurückgehen dürfen. Du, Paulus, bist jedenfalls unter keinen Umständen bereit, von diesem Wissen abzurücken. Und du sprichst da offensichtlich nicht für dich allein, sondern du sprichst da für uns, in der Wir-Form.“
Es ist also ein verbindliches Wissen, und wenn ich es recht verstehe, dann spricht Paulus hier einen Grundsatz aus, der das Christsein ausmacht und von allen anderen Glaubensarten unter-scheidet. Wenn wir Christen etwas wissen, und wenn etwas charakteristisch ist für unsere religiöse Grundhaltung, dann ist es dies: Durch Werke des Gesetzes wird der Mensch nicht gerecht, sondern durch den Glauben an Jesus Christus.

Er hat sich mir in den Weg gestellt„Ja, ist dir denn dein angestammter Glaube nicht genug, lieber Paulus? Du hast doch in diesem Glauben nach eigenem Bekunden geeifert wie kein anderer.“ „Das ist wohl wahr“, höre ich Paulus antworten, „aber gerade in dieser Hinsicht habe ich eine Bekehrung mitgemacht. Es geschah in der Nähe von Damaskus. Ich war getrieben vom Eifer für das Gesetz, und mein Kampf für das Gesetz war zugleich ein Kampf gegen die Christen, die in der Nachfolge Jesu einen so ganz anderen Umgang mit dem Gesetz hatten – dieser Umgang war gekennzeichnet von einer, soll ich sagen, gewissen Leichtigkeit im Unterschied zu meiner eigenen Verbissenheit. So kann ich es aber erst im Nachhinein sagen. Mein Eifer für das Gesetz war nämlich nur der Ausdruck meines Eifers für Gott, der doch dieses Gesetz seinem Volk gegeben hat, damit es sich daran halten kann und ihm so die Ehre gibt, die ihm gebührt, in heiligem Gehorsam.
Ich konnte es vor jenem Ereignis bei Damaskus nicht anders sehen und wusste mich in meinem Hass auf die Verächter des Gesetzes, als die ich die Christen gesehen habe, auf dem richtigen Weg. Deshalb habe ich sie mit rigorosem Eifer verfolgt. Aber eben, dann kam ‚Damaskus‘. Plötzlich war er da, vor mir, über mir, in mir. Er, Christus selber, den ich in seinen Anhängern verfolgt hatte, stellte sich mir in den Weg und ‚zwang‘ mich gleichsam zur Umkehr. Es geschah nicht auf einen Schlag, aber es war eine unumkehrbare Entwicklung.

Gott schenkt zuerstDas von mir bis zum heutigen Tag geliebte Gesetz Gottes, sein großes Geschenk an sein Volk, darf nie und nimmer, ich betone ‚niemals!‘ mit Gott selbst verwechselt werden. Es kommt nicht darauf an, dass ich alles recht mache, alle Gebote einhalte, alle ethischen Forderungen erfülle, die mir Gottes Wille vorschreibt. Mit anderen Worten: durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht; vielmehr: Es kommt darauf an, dass ich daran glaube und an diesem Glauben festhalte, dass Gott mir gnädig ist. Ja, das weiß ich, ja das ist es, was wir Christen wissen: Gottes Treue ist unverbrüchlich. Darauf – und auf nichts sonst – können wir uns verlas-sen.“
Die Einhaltung von Gottes Geboten, das Erfüllen von ethischen Forderungen ist nicht die Geschäftsgrundlage unseres Gottesverhältnisses. Wenn es so etwas wie eine Geschäftsgrundlage gibt, dann ist es die Liebe Gottes, die in seinem Sohn Jesus Christus offenbar geworden ist. An IHN glauben macht vor Gott gerecht. An Jesus Christus glauben, sein Evangelium annehmen macht uns zu Kindern Gottes und befreit uns von der gnadenlosen Forderung nach Selbstverwirklichung. Denn Selbstverwirklichung heißt ja immer: Erst wenn du diese und jene Forderung an dich selbst erfüllst und dann auch noch diese und jene andere Forderung, dann erst bist du mit dir – und mit Gott! – im Reinen.
Aber Gott ist keiner, der immer nur fordert, er ist vielmehr einer, der schenkt. Eines der Weihnachtslieder von Paul Gerhardt bringt das unübertrefflich zum Ausdruck:
„Sehet, was hat Gott gegeben:
seinen Sohn zum ewgen Leben.
Dieser kann und will uns heben
aus dem Leid ins Himmels Freud.“ (EG 39,3)

Alles ist GnadeWenn wir auf Jesus Christus schauen, wird uns das zur unumstößlichen Gewissheit: Alles ist Gnade. Auch dass ich die Gebote Gottes erfüllen kann, ist Gnade. – Aber ich scheitere doch so oft daran. Gerade, wenn ich zum Glauben an Jesus Christus gefunden habe und mich ganz auf sein Evangelium verlasse, merke ich doch erst, was ich für ein hoffnungsloser Sünder bin. Wie oft falle ich wieder in mein altes Denken zurück; stelle mir selbst gegenüber und auch gegen-über anderen Forderungen auf, die ich zur Voraussetzung dafür mache, dass ich Gott recht bin. Dabei bin ich ihm doch schon recht, wenn ich mich nur darauf verlasse, dass er mir gnädig ist.
Meine „Lust zur Sünde“, mein Hang dazu, mich lieber auf mich selbst zu verlassen als auf Gott – wohin damit? Paulus sagt: Lass deinen alten Adam sterben, noch deutlicher: Lass ihn mit Christus gekreuzigt sein. Noch deutlicher: Als Christus am Kreuz gestorben ist, da ist schon dein alter Adam, dein sündiges Ich mitgekreuzigt worden. Und wenn dir im Licht dieses Vorgangs, dieses Mit-Christus-gekreuzigt-Seins aufgeht, was für ein notorischer Sünder du bist, dann hat dir Christus damit nicht zur Sünde verholfen, sondern zu deinem Heil. Denn wenn du das Gesetz nicht mehr als einen Heilsweg betrachten musst, sondern als einen Ausdruck von Gottes Gnade, dann lebst du schon in Gottes Nähe als sein Kind. Als Kind Gottes aber bist du gerecht vor Gott.

Wir werfen die Gnade nicht wegGnade vor Recht; wenn es irgendwo gilt, dann gilt dieses Prinzip bei Gott. Diese Erkenntnis dürfen wir uns als Christen nicht nehmen lassen. Das wissen wir und halten es im Glauben fest. Paulus sagt es am Ende unseres Predigttextes überdeutlich: „Ich werfe die Gnade Gottes nicht weg; denn wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.“ Das aber ist für uns Christen undenkbar.
Sein Tod ist unser Leben.
In seinen Banden ist die Freiheit uns gegeben.
Sein Kreuz ist unser Trost, die Wunden unser Heil,
sein Blut das Lösegeld, der armen Sünder Teil. (nach EG 87,3).

Amen.

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