11. Sonntag nach Trinitatis (16. August 2026)
Lukas 18,9–14
IntentionDie Predigt will die Selbstbewussten erinnern: Du verdankst dein Leben Gott. Und die Verzagten sollen hören: Gott bleibt bei dir, was auch geschieht.
Predigttext"Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."
Noch selten hat mich eine Jesus-Geschichte so in Zweifel gebracht wie diese. Dabei scheint doch alles klar. Jesus selbst sagt, was er von diesen beiden Männern hält. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. Alles klar, könnte man sagen. Und so sind wir ja auch erzogen worden, wir älteren Christenmenschen jedenfalls.
FrüherEs ist unangenehm, wenn einer sich selbst lobt. Zum Fremdschämen. Denken Sie an den Präsidenten der USA, der sich bei jeder Gelegenheit über den grünen Klee öffentlich selbst lobt und seine Verdienste aufzählt. Der ist vielleicht das beste Beispiel für diese Haltung. „Eigenlob stinkt“, sagt man ja auch etwas drastisch. Dagegen hat man uns beigebracht, bescheiden zu sein. In der Kirche und auch sonst sitzen wir deshalb lieber hinten. „Kind, sei nicht so vorlaut!“, hat meine Mutter mich zurechtgewiesen. Vielleicht wegen dieser Geschichte von den beiden Männern. So erzogen, kann man dann kaum ertragen, wenn einen jemand lobt, geschweige denn, es genießen: „Aber das ist doch selbstverständlich“, sage ich, „das ist doch nicht der Rede wert“. Dabei weiß ich inzwischen: Doch, es ist der Rede wert, wenn jemand etwas gut kann und gut macht. Aber so bin ich halt erzogen und sicher nicht nur ich.
Und heute?Aber – vor allem von Jüngeren habe ich inzwischen gelernt: „Klappern gehört zum Handwerk.“ Wo etwas gelingt, da muss man auch davon reden, um andere mitzuziehen und zu begeistern. Und ein gesundes Selbstbewusstsein hilft dazu, mit Mut und Entschlossenheit zu tun, was nötig ist. Wer selbstbewusst ist, der versteckt sich nicht hinter anderen. Der geht tapfer voran und bringt die Dinge auf den Weg. Und die Bescheidenheit, die Demut? Das war immer das beste Mittel, um vor allem Frauen klein zu halten. Die sollten bescheiden sein, Jungen fordert man eher auf: „Na los, du schaffst das.“
„Fishing für compliments“Und manchmal ist die Demut ja auch ein „fishing for compliments“. Wie oft hört man „aber das war doch großartig, wie du das gemacht hast“, wenn man verzagt sagt: „Besser gings halt nicht.“
Das übrigens wusste schon Wilhelm Busch. Der hat gedichtet:
Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.
Die Wirklichkeit ist komplexZwei Menschen, beide reden von sich. Selbstbewusst und selbstzufrieden der eine. Der andere weiß, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Aber so eindeutig sind die Dinge meistens ja nicht. Wahrscheinlich verdrängt und versteckt der eine seine Schattenseiten und hofft, dass niemand davon etwas mitbekommt. Und der andere, der kann gar nicht mehr sehen, was gut ist an seinem Leben. Womöglich ist er depressiv und sieht alles nur noch schwarz – oder jedenfalls dunkelgrau. Dabei: Vielleicht hat der eine einfach Glück gehabt: Vielleicht hatte er ein gutes Elternhaus, eine gute Erziehung. Vielleicht hat er geerbt, wahrscheinlich verdient er gut. Jetzt ist er angesehen, und die Leute haben Respekt vor ihm. Und der andere? Womöglich aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen, keiner hat sich wirklich um ihn gekümmert, die Schule abgebrochen. So hat er gelernt: Wer es zu etwas bringen will, der muss sich durchsetzen, der muss nehmen, was er kriegen kann. Und die anderen rümpfen die Nase und meiden ihn. Da denkt er sich: Jetzt ist doch alles egal. „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“
Der Glaube sieht mehrSo bilden sich Identitäten. Wirklich? Könnte man nicht auch ganz anders von diesen beiden denken? Als Christin glaube ich, dass Menschen Gottes Ebenbilder sind. Er hat uns geschaffen zu seinem Bilde. Uns alle. Männer und Frauen. Die da oben und die ganz unten. Demütige und Hochmütige. Selbstbewusste und Depressive. Zuallererst sind wir Menschen Gottes Ebenbilder. Wir alle. Was dann aus uns wird, was Erziehung, Lebensumstände und das Schicksal aus uns machen, das ist eine andere Frage. Zuerst einmal sind wir alle Gottes Ebenbilder. Auch der im Abseits, der hier der Zöllner genannt wird. Im Abseits, draußen vor den Toren der Stadt stand auch Jesus Christus. Als ein Verachteter und Gescheiterter ist er gekreuzigt worden. Aber Gott hat ihn nicht fallen lassen. Er hat ihm neues Leben gegeben. Und zu dem mit ihm gekreuzigten Verbrecher hat dieser Jesus gesagt: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ So geht Gott mit denen um, die als Gescheiterte vor ihm stehen.
Dankbarkeit statt HochmutWahrscheinlich ist es das, was diesen hochmütigen, von sich selber beeindruckten Mann so unsympathisch macht. Er vergleicht sich. Er sieht nicht, dass der andere genauso wie er ein Geschöpf Gottes ist. Er verachtet den anderen. Er fragt nicht, wie und warum er so geworden ist. Für ihn ist der andere kein Geschöpf Gottes, kein Mensch. Höchstens ein Untermensch. Das kann übrigens auch ein ziemlich unsympathischer Fehler des Demütigen sein: Dass er den anderen verachtet. Womöglich denkt er: „Was für ein selbstgerechter Spießer“ und sieht gar nicht den Menschen, der so geworden ist, wie er ist. Es ist ja nicht verkehrt, stolz zu sein auf das, was ich geleistet und geschafft habe. Verkehrt, scheint mir, ist es, wenn ich mir das ganz allein auf die Fahnen schreibe. So, als hätte ich es ganz allein und aus eigener Kraft geschafft. Es war eben auch Glück dabei. Und statt Glück sagen wir Christen: Es war Geschenk. Gottes Geschenk. Meine Lebensumstände: Gottes Geschenk. Dass ich immer gut vorangekommen bin: mit Gottes Hilfe, sagen viele. Und deshalb müsste jener selbstbewusste Mann doch wohl eher sagen: „Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“ Gott sei Dank!
Gottvertrauen statt SelbstzweifelJa und der andere? Soll der womöglich auch danken für sein verkorkstes Leben? Womöglich von Anfang an kaum eine Chance? Nein, das kann der nicht. Das soll er nicht. Aber er sagt: „Gott sei mir Sünder gnädig.“ Er weiß, an wen er sich wenden kann. Dass er nicht aus eigener Kraft bestehen kann. Er wendet sich an seinen Schöpfer. Wie der Mann, der mit Jesus gekreuzigt wurde: „Denke an mich!“, bittet der. Gott ist da für die Mühseligen und Beladenen, für die Versager und für die Gescheiterten. Für die, die wissen, dass sie Gott brauchen. Der Selbstbewusste, der von sich Überzeugte, der braucht Gott eigentlich nicht. Der weiß nicht, an wen er sich wenden kann. Der sieht nur sich selbst.
Zwei Seelen in der BrustSie merken: Die Geschichte von zwei so verschiedenen Menschen hat mich ganz schön ins Nachdenken gebracht. Und wenn ich jetzt nochmal auf mich selbst schaue, dann scheint mir. Vielleicht sind das gar nicht zwei. Menschen sind vielfältiger, nichts ist so einfach, wie es scheint. Vielleicht habe ich ja beides in mir? Zwei Seelen in meiner Brust. Manchmal bin ich ganz zufrieden, sogar stolz auch mich und auf das, was ich kann und geleistet habe. Manchmal scheint mir: Das war doch alles nichts, ich hab’s nicht hingekriegt und ich kann gar nichts. Und die Geschichte sagt mir: Ganz gleich, wie es dir gerade geht: Gott war und ist für dich da. Er hat dir die Erfolge geschenkt und das Glück. Und wenn es schief geht und du nicht mehr weiterweißt: Dann kannst du auf ihn bauen. Er sucht das Verirrte und macht einen neuen Anfang möglich. Du kannst leben. Aufrecht und selbstbewusst. Und dankbar.
Amen.
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