12. Sonntag nach Trinitatis (23. August 2015)

Autorin / Autor: Pfarrer Prof. Dr. Klaus Müller, Karlsruhe [klaus.mueller@ekiba.de]

Markus 7, 31 -37

Liebe Gemeinde!
Jesu offene Worte heilen von den Taubheiten und Sprachlosigkeiten dieser Welt. Das ist das Wunder, dass in Jesu Gegenwart sich Ohren auftun und Lippen sich öffnen. Das ist das Wunder, dass es nicht bei den Verschlossenheiten bleiben muss – damals nicht und heute auch nicht. Das Wunder geschieht dort, wo wir durch diese alte Geschichte hindurch hören können auf uns heute und den Mann aus Nazareth, auf dessen Lippen sich das öffnende Wort Gottes formt.
Nehmen wir also miteinander die Hör- und Sprechhilfe aus der Geschichte in Markus 7 zur Hand, die uns allererst Ohren und Lippen auftut für den, der es nicht bei den Verschlossenheiten belässt, Jesus selbst.
Jesu offene Worte heilen von den Taubheiten und Sprachlosigkeiten dieser Welt.

I Jesus der GrenzgängerErst wo einer sich an Grenzen wagt, verflüssigen sich zementierte Verhältnisse und eingefahrene Zuordnungen. Jesus der Grenzgänger. Wir finden ihn in Tyrus, jenseits, drüben auf der anderen Seite, bei „den“ Anderen, mit denen wir eigentlich nichts zu tun haben wollten. Wir finden ihn gar im Lager der Unfrommen, der Kirchenverächter. Nur wo einer Grenzen zu überschreiten bereit ist, kann sich etwas lockern und ins Fließen kommen.

Dem Grenzgänger begegnen die da drüben wider Erwarten mit Vertrauen, mit Erwartungen. Sie bringen Einen, der taub und stumm ist, zu ihm. Sie bringen die personifizierte Verschlossenheit in sich selber mit – zu ihm, dem Repräsentanten der Öffnung. „Taub“ und „stumm“ zu sein verschließt mir wie nichts sonst die lebendige Kommunikation. Kein Laut. Kein Mucks. Gar nichts. Ich sehe um mich nur wandelnde Tote, kein Leben dringt in mich ein und keine Regung des Lebens kann aus mir hervorgehen.

Dass er ihm nur die Hand auflegen würde, wäre schon tausendmal mehr Beziehung als dem Beziehungslosen sonst geschenkt ist. Diese aufgelegte Hand wäre schon ein neues Leben gegenüber diesem Verhaftetsein am Rand der Gesellschaft. Doch was dann geschieht, lässt alles ins Rutschen geraten, was vorher gegolten hat: Der auf den Rand Fixierte wird zum Mittelpunkt des Geschehens. Der in den Grenzbereich Verbannte gewinnt zentrale Bedeutung beim Grenzgänger Jesus. Das hatte vorher noch keiner gewagt, so sehr hatte sich zuvor noch keiner zu ihm ausgestreckt: Die Finger ertasten die Ohren, Speichel netzt die Lippen des Sprachlosen. Tieferen Ausdruck können Menschlichkeit und Empathie nicht mehr annehmen. Noch nie hatte ihn einer so berührt. Alle hatten sie es aus gebührender Distanz immer besser gewusst, was gut ist für einen Taubstummen. Die Diagnose schien ja klar – zu überlegen und zu tun gab es da wenig bis gar nichts. Die Verhältnisse waren sortiert und festgezurrt. Wir hier, du da drüben – so war es immer schon verteilt, so hat es sich all die Jahre bewährt.
Soll hier sich etwas ändern, braucht es zunächst einmal den Exodus aus dem Festgelegten und Vorgegebenen: „Und er nahm ihn aus der Menge beiseite“ – anders geht es nicht von der Stelle. Jesus nimmt diesen Einen wahr. Er entzieht ihn diesem „großen Ganzen“, widmet sich ihm und schirmt ihn ab vor dem Zugriff und dem Beharrungsvermögen der Vielen. Jetzt erst spricht er sein „Hefata“.

II Gottes offenes Ohr für seine Geschöpfe„Sag, hörst du was?“ – in Jesu Zuwendung hallt wider das offene Ohr Gottes für seine Geschöpfe. Gott in Hörweite zu seinen Geschöpfen – diese Botschaft hat der Grenzgänger aus Nazareth auszurichten. Beziehung wird neu gestiftet, Isolation wird durchbrochen, das Leben kann noch einmal beginnen:
„Sag, hörst du was?“ Die Urfrage Gottes an den Menschen. Gott der Schöpfer lässt sich hören im Garten des Kreatürlichen – von den Menschen meist überhört oder missverstanden kommt er hörbar um herauszurufen aus Stillstand und jener Fixiertheit auf die Schuld der Anderen: „Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war“ (1. Mose 3,8) – und meinten, er komme zur Strafe und Vergeltung. Er aber lässt sich hören mit einem tastenden „Adam, wo bist du?“ „Mensch, wohin hast du dich gewandt in deiner Selbstbezogenheit?“ Und er heilt.
Jesus regt seine Finger und sammelt seinen Speichel im großen Horizont der Botschaft von der Schöpferkraft Gottes. Jesus sieht den Menschen nicht isoliert für sich allein genommen, sondern als Geschöpf des Gottes, dessen schöpferische Kraft sich nicht erschöpft hat mit der Erschaffung der Welt. Die Heilige Schrift sieht unsere vermeintliche Wirklichkeit nie einfach so, wie sie uns erscheint, sondern aus der Perspektive des kreativen Gottes. Das wirkt heilsam, über unsere konkrete, vorfindliche Erfahrung hinaus wahrzunehmen, dass sich Gott in Hörweite zum Menschen befindet. „Sag, hörst du was?“

III „Schma Israel“ – Höre, Israel“: Zum Hören befreit„Sag, hörst du was?“ In Jesu Zuwendung hallt wider der alte Ruf Gottes an sein Volk: „Höre, Israel!“ Von Anfang an ist das Gottesvolk zum Hören eingeladen. Das Hören ist die entscheidende Geisteshaltung, das Wichtigste, was wir auch als Kirche tun können und auch tun sollen. Dazu sind wir aufgefordert – wir unter uns und wir in Richtung auf Gott hin und in Richtung von Gott her auf uns hin – immer wieder Hören und wieder Hören. Wer nicht hören will, der wird auch nichts fühlen! „Schma Israel“ – „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein“; so das Grundbekenntnis Israels in den Mosebüchern (5. Mose 6,4), von Jesus zitiert und gültig bis heute.
Dass Jesus diesen einen Menschen heilt, ist sozusagen die Voraussetzung dafür, dass überhaupt ein Hören geschehen und: dass ein Bekenntnis gesprochen werden kann. Erst so wird es möglich, dass ein Loblied auf das Hören von den Lippen gehen kann. Ein solches Loblied aufs Hören hat zwei Strophen, eine alttestamentliche und eine neutestamentliche Strophe – beide überliefert in Gottes großem Hör-Buch an die Seinen. Die erste Strophe ist einem Prophetenwort abgehört aus Jesaja 55. Dort heißt es:
„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!"
Eine orientalische Szene, laut, wortreich, voller Leidenschaft, voller Überzeugungskraft. Es ist so richtig heiß draußen; die Kehlen sind trocken und verlangen nach etwas Erfrischendem: Wasser, mehr noch: Wein und Milch für vertrocknete Kehlen in kargen Zeiten. Weit weg vom geliebten Zionsberg mit dem Tempel und den Stätten der Gottesanbetung. Da mag man sogar die alten Schlager nicht mehr hören – „By the rivers of Babylon …“. „An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Wir hängten unsere Harfen an die Weiden in jenem Land“ (Psalm 137,1f). So klagten sie. Etwas Erfrischendes für vertrocknete Kehlen in kargen Zeiten. Das wünschten wir uns. Und das alles ist zugänglich nicht im Schauen, nicht im Berechnen und Kalkulieren, sondern: im Hören! „Höret, so werdet ihr leben!“
Welch hohe Tugend, welch wertvolle Gabe – das Hören. Das Auge legt fest auf ein bestimmtes Bild, das Ohr dagegen ist schöpferisch, lässt eine Melodie weiterklingen. Die Frohbotschaft Gottes braucht schöpferische Hörerinnen und Hörer und kreative Übersetzerinnen und Übersetzer, nicht Meister der Abziehbilder und Schablonen. Um das aber zu können, muss einer erst geheilt werden. „Sag, hörst du was?“
Wie bei Elia. Elia erfährt Gott nicht in den gewaltigen Naturerscheinungen, im demonstrativen Blitzen und Tosen, sondern hört ihn heraus aus dem stillen, sanften Säuseln; als er das hört, bedeckt er sein Angesicht: Er ist da.
Das Organ des Glaubens ist das Hören; die Augen müssen noch warten, denn „es ist noch nicht erschienen und vor Augen, was wir sein werden“, sagt der 1. Johannesbrief. Einstweilen liegt uns das Marktgeschrei der Frohen Botschaft noch in den Ohren, dass diese Welt neu werden wird in Gottes Namen. Aller Augen werden es erst sehen, wovon wir jetzt schon hören, wenn es Gott dereinst offenbar machen wird.
Die zweite Strophe im Loblied auf das Hören singt Jesus von Nazareth im wahrsten Sinne des Wortes in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth. Dort trägt er im traditionellen Sing-Sang der jüdischen Liturgie ein Stück aus dem Prophetenbuch des Jesaja vor, wo es heißt: (Hören wir aus den hinteren Bänken der Synagoge von Nazareth, wo die Besucher sitzen, zu und lauschen, was da zu vernehmen ist, wenn Jesus mit seinen jüdischen Schwestern und Brüdern Gottesdienst feiert; darüber staune ich ja nicht schlecht auf der hinteren Synagogenbank, dass sich Jesus in den Häusern zu Hause fühlt, die wir im November 1938 in Brand gesteckt haben – aber das ist ein Thema für sich).
Also: Jesus steht auf, man reicht ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja, um nach erfolgter Lesung aus den fünf Büchern Mose nun den Prophetenabschnitt vorzutragen. Dort heißt es: „Der Geist des HERRN ist bei mir, weil er mich gesalbt und beauftragt hat zu verkünden das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen und den Blinden, dass sie sehen sollen, den Geschundenen und Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, auszurufen ein Gnadenjahr des HERRN.“ Eine Gnadenzeit auch für solche, denen das Hören und Reden verloren gegangen ist. Jesus liest laut und fügt der Lesung eine Auslegung, eine kurze Predigt hinzu. Die lautet knapp und präzise: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“
„Sag, hörst du etwas?“ Jesus füllt unsere Ohren mit Frohbotschaft! „Erfüllt vor euren Ohren“, aber noch nicht vor euren Augen. Nein, es ist noch nicht erschienen, noch nicht sichtbar, was wir sein werden; wir haben den neuen Himmel und die neue Erde noch nicht gesehen. – auch wenn es Christen mit funkelnden Augen und vollem Munde gerade gegenüber dem Judentum immer wieder behauptet haben. Erfüllt vor euren Ohren – hört, hört! Jesu Einladung zu einer Gottes-Anhörung jenseits aller Welt-Anschauung.

IV „Hefata“ – „Tu dich auf!“: Ohr und Mund zum GotteslobDas eine öffnende Wort in der Muttersprache dessen, der Kerker öffnen und Fesseln lösen kann, genügt. Das eine „Hefata“ hilft beiden, Ohr und Zunge, auf – in dieser Reihen- und Rangfolge. Nur wer gut hören kann, wird recht reden (V.35) können. Der Ortho-doxie und Ortho-praxie stellt der heilende Jesus die „Ortho-lalie“ gegenüber. Recht reden können. Dazu braucht es Heilung von Welt-Anschauung und Befreiung zur Gottes-Anhörung – auch in der Kirche, auch im Zusammenleben der Menschen untereinander. Wenn wir fixiert bleiben auf unser Bild vom anderen, auf unsere Anschauung, dann werden wir uns immer wieder gegenseitig in Frage stellen, dann sind wir starr, wo wir schöpferisch sein sollten, und taub, wo wir empfindsam sein sollten. Ich glaube, dass die gemeinsame Gottes-Anhörung jede festgefügte Anschauung vom Anderen öffnen und kreativ überwinden kann.
„Sag, hörst du was?“ Das wäre recht geredet, das wäre eine Botschaft, die sich gar nicht aufhalten ließe, auch wenn man sie hindern wollte, von sich selber und Anderen zu sagen: Wir sind auf Hörweite zu unserem Gott. So bleiben wir Mensch, so bleiben wir auf dem Weg, unfertig, immer noch ein Stück weiter hungrig und durstig nach Erkenntnis dessen, was er uns sagen will; immer noch ein Stück weiter angewiesen auf schwesterliche und brüderliche Auslegungshilfe – auf Hörhilfe. „Hefata!“ Wir brauchen den heilenden Ruf Jesu zur Öffnung all unserer Fixiertheiten. Wer hören kann, wird auch zum Lob finden.
Amen.

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