12. Sonntag nach Trinitatis (03. September 2017)

Autorin / Autor: Pfarrerin Kira Busch-Wagner, Karlsruhe [Kira.Busch-Wagner@kbz.ekiba.de]

Jesaja 29, 17-24

Eine Predigt vom lieben und vom zornigen GottLieber Gott, sagen wir. Lieber Gott … Und wir sagen es nicht nur als Floskel. Sondern normalerweise als ernstgemeinte, rechte Anrede: Guter, lieber, liebender Gott.
Auch im Reli- oder Konfiunterricht, noch mehr in der Kita, in der Begegnung mit kleinen Kindern, ist es uns allen ein großes Anliegen, dass die Kinder einen liebenden, einen lieben Gott kennenlernen. Einen zugewandten. Einen, der sie ermutigt und nicht etwa Angst macht. Das ist richtig und gut.
Manche von den Älteren haben noch erlebt, dass Gott als Kontrollinstanz benutzt wurde. „Der liebe Gott sieht alles“ war für viele Kinder ein Schreckenssatz und in der missbräuchlichen Benutzung Gottes eine Karikatur von „lieb“.
In der Regel erzählen wir nicht von einem zornigen Gott. Nicht von einem Gott, der ahndet. Der Missetat heimsucht. Obwohl die Bibel, die Schrift davon erzählt.

Einen zornigen Gott Jesu wollen sich die wenigsten vorstellen. Im Alten Testament gibt es den vielleicht, denken manche. Und vergessen all die vielen Geschichten im Neuen Testament, wo Jesus oder Paulus vom Gericht reden, von einem Ende mit Schrecken. Vom Tag des Zorns.

Ist der zornige Gott das Gegenteil vom lieben Gott? Oder gehört er mit dazu?
Und wer hat eigentlich Angst vor dem zornigen Gott? Wer muss Angst haben vorm zornigen Gott? Wer hat ihn denn auf sich herabgezogen, den Zorn? Gibt es vielleicht auch Menschen, die ihn bitter nötig haben, den Zorn?

Lassen Sie uns hören auf den heutigen Predigtabschnitt. Eine Passage aus dem Buch des Propheten Jesaja.
Vom Zorn Gottes oder von Gottes Liebe ist erstmal nicht die Rede.
Aber man kann die Bibelstelle sehr unterschiedlich hören.
Man kann den Abschnitt hören als eine große, wunderbare Verheißung.
Man kann ihn aber auch hören als eine gewaltige Drohung.
Man kann ihn hören als eine Botschaft des zugewandten, liebevollen Gottes. Man kann ihn hören als Botschaft eines von Zorn bebenden Gottes.
Woran sich das wohl entscheiden mag?
Ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja, aus dem 29. Kapitel, die Verse 17 bis 24:

So spricht der Herr:
„Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.
Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.
Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.
Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.
Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.“

Gottes holt das Unterste zuoberstLiebe Gemeinde, es geht um einen Gott, der alles umkrempelt. Das zeigt der allererste Vers. Dieser Gott macht den Libanon zum Karmel, so im hebräischen Wortlaut, und den Karmel zum Wald.
Der Libanon, bekannt für seine Zedern, bekannt für seinen Wald, er wird mit diesem Gott ein Weinberg, wird Obstbaugebiet. Und der Karmel, sozusagen die Weinstraße Israels, wird dichter, dunkler Wald mit grünen Zedern. Der biblische Gott lässt die Dinge nicht stehen, wie sie sind. Der biblische Gott kann alles verändern, das Unterste nach oben holen.

Wenige Zeilen vor unserem Predigtabschnitt wendet sich Gott durch den Propheten an sein Volk. Weil er sieht, dass auch Menschen alles umkehren. Sie verwechseln Schöpfer mit Geschöpf, sagt er. Sie tun, als sei der Ton dasselbe wie der Töpfer. Das Bildwerk ein Kunsthandwerker. Menschen verwechseln sich mit Gott. Menschen verwechseln Geschöpf mit dem Schöpfer.
Diesem Wechselspiel, diesem Wechselwerk setzt nun Gott seinen eigenen Wechsel entgegen. Obstgebiet zu Wald, Wald zu Weinberg. Und dann erzählt Gott durch den Propheten, wo er solch Wechsel beim Menschen ansetzt. An den Machtverhältnissen nämlich. An den Ohnmachtsverhältnissen. Wer nichts machen kann, wird befähigt. Wer die Macht in Händen hält, erlebt, wie sie ihm aus den Händen gerissen wird.
Ohnmacht aufgrund von was auch immer, Ohnmacht aufgrund welcher Behinderung im umfassenden Sinn: Gott dreht die Verhältnisse um und ermächtigt die Ohnmächtigen.

Im Neuen Testament ist es spannenderweise Maria, die in ihrem Lied solch eine Umkehrung der Verhältnisse besingt: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Wer kürzlich an Mariä Himmelfahrt zufällig einen katholischen Gottesdienst besuchte, hat solches als Evangelium des Tages gehört. Und auch in den übrigen Lesungen war von radikal veränderten Machtverhältnissen die Rede. Nämlich: wie der mystische Drache der Offenbarung durch das Kind einer bedrängten Frau besiegt wird (Offb 11) Oder dass dem Christus Gottes noch der letzte Feind, noch der Tod unter die Füße gelegt wird (1. Kor 15). Radikale Veränderung. Radikaler Wechsel der Machtverhältnisse, wie wir sie kennen.

Der Libanon wird Karmel, der Weinberg wird Wald. ein Gott, der alles umkrempelt – wer muss ihn fürchten? Und wer kann sich freuen?
Im Jesajabuch werden sie aufgezählt: die Tauben und gehörlos Gemachten. Die Blinden und die im Dunkeln, die Elenden und Ärmsten. Ihre Freude ist Gottes Maßstab. Es kann ganz schnell gehen. Nur noch eine kleine Weile.

Gesellschaftsspiele und GottesrevolutionWir haben ja bald Bundestagswahl. Rings um die Kirche werben die Plakate. Wer mehr Stoff haben möchte, kann in Wahl- und Regierungsprogramme schauen. Wer mag das Beste bieten – für das Land, für die Menschen. Oder eher für die eigenen Leute?

Es gibt einen amerikanischen Philosophen namens John Rawls, der sich damit beschäftigte, wie die Welt gerechter werden könnte. Er hat folgende Idee. Eine Idee für ein Gedankenspiel. Ein Gesellschaftsspiel. Alle setzen sich zusammen und entwerfen Spielregeln für eine gute, eine gerechte Gesellschaft. Wenn die Spielregeln fertig sind, wird das Spiel, das Gesellschaftsspiel, auch tatsächlich gespielt. Aber solange alle die Spielregeln entwerfen, wissen sie nicht, in welcher Position sie später stehen, wenn‘s ernst wird. Sie wissen nicht, ob sie mitspielen als Generaldirektor oder Putzfrau, Präsidentin oder Saisonarbeiter. Solange alle mit allen Positionen im Spiel der Gesellschaft für sich rechnen müssen, müssten sie eigentlich für alle auch gut sorgen. So der Gedanke des Philosophen.

Das ist die etwas gehobenere Variante des Kindergeburtstags: Wer die Torte schneidet, nimmt sich zuletzt. Einer teilt und der andere darf wählen.
Doch die Welt ist kein Kindergeburtstag, über den eine kluge Mutter wacht. Und die Idee des amerikanischen Philosophen bleibt meist Gedankenspiel. Auch in den Entwürfen von Parteien und Institutionen. Das weiß schon der Prophet Jesaja. Und warnt. Denn wenn Gott die Dinge in die Hand nimmt, dann rappelt‘s im Karton. Dann wird der Weinberg Wald, und der Wald zum Weinberg. Dann ist Revolution. Dann geschieht ganz Neues. Und Taube hören. Blinde sehen. Elende haben Freude wegen Gott. Die Ärmsten werden fröhlich. Wer in die Ecke geschickt worden war, sich zu schämen, den holt Gott dort heraus. Mit Tyrannen hat‘s ein Ende, mit Lügnern und allen, die das Recht beugen.

Ja, der biblische Gott, der liebe Gott, kann zorniger Gott werden. Den der heilige Zorn packt, wenn er die Unterdrückung sieht und den Rechtsbruch, wenn er sieht, wie Menschen beschämt werden und hilflos gemacht werden und ohnmächtig.

Gottes HoffnungDer liebe Gott sieht alles … ja, das stimmt. Aber es ist ein Missbrauch und ein Missverständnis, das Kindern und Schwachen erzählen zu können, mit dem Ziel, ihnen Angst zu machen. Gott sieht alles. Und was Gott sieht, verändert ihn. Lässt ihn beim Blick auf die Machtverhältnisse, auf Machtgefälle, zornig werden. Das ist die große Hoffnung im Herzen der Schwachen, ein Fanal in den Händen Gepeinigter und Unterdrückter.

Liebe Gemeinde, wir müssen festhalten an dem zornigen Gott. Wir dürfen ihn nicht verbannen aus unseren Gebeten und Predigten, aus den Meditationen und Andachten.

Um dieses zornigen Gottes willen haben wir unsere Kinder in unseren Familien, aber auch in den christlichen Einrichtungen hier bei uns und auf der ganzen Welt, so zu erziehen, dass sie handlungsfähig und stark werden. Und sich an die Seite Schwacher stellen können. Und sich nicht dann stark fühlen, wenn jemand verspottet und beschämt wird, geschlagen, getreten, niedergemacht.

Um des zornigen, guten, lieben Gottes willen haben wir Wahlprogramme zu lesen daraufhin, ob Teilhabe aller möglich ist an den gesellschaftlichen Entwicklungen und wo nicht, gefördert wird. Haben wir die Welt zu sehen in ihren Zusammenhängen und auf Machtgefälle zu prüfen und sie laut herauszuschreien.

Um des zornigen, guten Gottes willen haben alle Getauften die Aufgabe zu prüfen, was verkündet wird als Theologie, als Nachdenken über Gott. Ob in diesem Nachdenken und Beten und Feiern der Heilige Jakobs geheiligt wird, der Gott Israels, der biblische Gott. Wir haben alle zu prüfen, ob der Vater Jesu Christi im Zentrum steht oder unsere eigenen Projektionen und Ideen und Verwirklichungen.

Gott selbst scheint da große Hoffnung zu haben. Er lässt durch den Propheten nicht nur verkünden, dass verkehrte Ansichten und Entscheidungen um und um gekehrt werden. Sie werden Verstand annehmen, heißt es am Ende unseres Abschnitts. Und die murren und grummeln, werden sich belehren lassen. Was für eine Aussicht! Welch eine Liebe Gottes zu seinen Kindern.

Und der Zorn und die Liebe und der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Anmerkungen:Der Hinweis auf John Rawls findet sich bei: Milena Hasselmann, 12. Sonntag nach Trinitatis: Jes 29,17-24. Nur noch ein bisschen. In: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe III. Hg: Studium in Israel e.V., Wernsbach 2016. S. 308-312.

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