12. Sonntag nach Trinitatis (19. August 2018)

Autorin / Autor: Pfarrerin Reinhild Neveling, Eriskirch [Reinhild.Neveling@elkw.de]

Apostelgeschichte 3, 1 -21

„Sieh mir in die Augen, Kleines“Bei vielen von uns taucht bei diesem Satz sofort eine Szene aus dem Film Casablanca auf. Der Abenteurer Rick, alias Humphrey Bogart, schaut Ilsa, alias Ingrid Bergmann, tief in die Augen. Damit endet diese Liebesgeschichte. Rick verzichtet auf seine Liebe und schickt Ilsa mit ihrem Mann in die USA. Er bringt sie in Sicherheit vor den deutschen SS-Schergen.
Dieser Augenblick, ihr Blick in die Augen des anderen – das ist das Letzte, das ihnen bleibt. Noch ein letztes Mal sehen sie in den Augen des anderen seine Seele, sein Wesen. Dann steigen sie ins Flugzeug.

„Sieh mir in die Augen, Kleines!“ – In Deutschland ist dieser Satz zu einem geflügelten Wort geworden. Hat er sich bei uns so tief eingegraben, weil sich insgeheim jeder danach sehnt, einmal so ganz und gar gesehen zu werden? Mit einer Zärtlichkeit und Liebe, wie in Casablanca? Steckt nicht tief in uns der Wunsch, dass es einmal ausschließlich um mich geht und ich allein wichtig bin?

Szenenwechsel-ObdachloseIch bin unterwegs, um dringende Besorgungen in der Stadt zu erledigen. In Gedanken sortiere ich schon, wo ich zuerst hingehe. Wie immer ist die Zeit knapp. Da sehe ich von der Ferne in der Unterführung Obdachlose sitzen, vor sich einen Hut. Sie betteln.
Beim Näherkommen beginne ich zu überlegen: Gebe ich ihnen etwas, und wenn ja, wieviel? Helfe ich wirklich mit einem Euro? Vielleicht grüße ich sie im Vorbeigehen freundlich? Oder…
Nicht selten bleibt es bei dem „oder“ und ich laufe eilig an ihnen vorbei, ohne mit ihnen Blickkontakt aufzunehmen.
Ich schäme mich, weil es mir so viel besser geht als diesen Menschen. Manchmal erscheint mir schon ein Blick in die Augen zu anstrengend. Manchmal fehlt mir die Energie, etwas vom Elend des anderen an mich heranzulassen. Und dann nehme ich mir nicht die Zeit, diesen kurzen Moment stehen zu bleiben.

AusgeschlossenDer Lahme in unserer Geschichte sieht den Menschen nicht mehr in die Augen. An den herannahenden Füßen erkennt er, wann er seine Bettelschale hinhalten muss. Soll er denen noch ins Auge sehen, die aus religiöser Pflichterfüllung ihm ein Scherflein in die Schale legen, ihm selbst aber keinen weiteren Blick gönnen? Muss er sich den verachtenden Blicken der Vorbeigehenden aussetzen, die ihm die Schuld für sein Lahm-Sein zuschieben? „Hat er gesündigt oder seine Eltern?“ – diese Frage, die Jesus gestellt wurde, spricht nur aus, was damals gedacht wurde.
Und – Hand aufs Herz – sind wir heute so weit davon entfernt? Ist heute nicht jeder für seine Gesundheit selbst verantwortlich? Wer sich richtig ernährt, ausreichend bewegt, alle Vorsorgen trifft, muss der nicht gesund sein?
Wer da nicht mithalten kann, wer gar mit Krankheit leben muss, wird der nicht ähnlich ausgeschlossen wie der Lahme vor der Schönen Pforte? Ausgeschlossen vom Arbeitsmarkt, ausgeschlossen von gemeinsamen Aktivitäten.

Kürzlich las ich in einem Zeitungsartikel über eine junge, fast blinde Masseurin, die trotz allerbester Noten nur Absagen bekam. Nur mit größter Mühe fand sie einen Praktikumsplatz, um ihre Ausbildung abschließen zu können. Wer nicht perfekt ist, wer mit Einschränkungen leben muss, der hat es in unserer Gesellschaft schwer. Wir blenden aus, dass jeder von uns an der einen oder anderen Stelle versehrt und bedürftig ist. Wir blenden aus, dass keiner von uns sich das Leben selbst gibt. Weil Gesundheit ein Muss ist, verbergen wir, was in unserem Leben zerbrochen und lahm ist. Und wir isolieren uns selbst.

Der Lahme damals war allerdings noch auf einer ganz anderen Ebene ausgegrenzt. Er saß wohl täglich an der Tür zum Tempel. Von den Gottesdiensten im Tempel allerdings war er ausgeschlossen. Für ihn gab es keinen Trost der Gottesdienstgemeinschaft, denn kein Versehrter hatte im heiligen Bereich etwas zu suchen.
Warum also sollte er den Menschen in die Augen sehen?

Sieh uns an!An diesem Tag aber hört er auf einmal: Sieh uns an!
Petrus und Johannes sind mit vielen anderen auf dem Weg zum Gebet im Tempel. Sie mögen mit ihren Gedanken schon bei Gott sein. Während die meisten anderen den Lahmen links liegen lassen, nehmen sie ihn wahr. Sie sehen den Menschen hinter dem Bettler und bleiben stehen. Pünktlich im Gottesdienst zu sein, das wird nebensächlich angesichts der Not eines Menschen.
Sie sehen ihn. Sie ahnen, was es heißt, so für alle sichtbar beschädigt zu sein, immer auf Hilfe angewiesen zu sein und andere über sich bestimmen lassen zu müssen und nie ganz dazuzugehören, nicht einmal beim Gottesdienst der Gemeinde.

Vielleicht erinnern sie sich an das Wort Jesu: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.
Und so bleiben sie stehen, sie sehen diesen Menschen. Sie suchen den Augenkontakt.
Da beginnt das Wunder, als der Lahme es wagt, aufzusehen und Petrus und Johannes in die Augen zu sehen.
Die Augen sind ein Fenster zur Seele und sie erzählen von dem, was in uns lebt an Freude und Hoffnung, an Verzweiflung und Elend. Sie zeigen etwas von unserem Innersten. Es gehört Mut dazu, einem anderen Auge in Auge gegenüber zu sein. Aber der Lahme riskiert es.
Und er sieht in Augen, die ihn als Menschen achten, ihn freundlich ansehen und ihm seine Würde lassen. Da, ganz leise, erwacht in ihm Hoffnung. Und er hört:

„Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir.“Bleiben wir einen Moment bei Petrus, der diese Worte sagt.
Er scheut sich immer noch nicht, deutlich das Wort zu ergreifen; aber da ist nicht mehr die lähmende Angst, die ihn dazu brachte Jesus zu verleugnen. Ja, er hatte versagt, aber das hielt ihn nicht davon ab, die Nähe zu Jesus zu suchen. Er hatte Versöhnung mit seinem Herrn erlebt. Und die Kraft des Heiligen Geistes hatte das Band zwischen Petrus und Jesus noch einmal gestärkt. Und nun kann er hier stehen als der, der er ist, mit seinen Stärken und mit seinen Schwächen. Dieser Petrus kann sich offen zu seinem Mangel bekennen: „Silber und Gold habe ich nicht.“
Materiell gesehen gehörte er zu den Armen. Aber er definiert sich nicht durch seinen Mangel. Er weiß, dass er anderes besitzt und anderes zu geben hat.

Wissen wir, was wir besitzen und was wir geben können?Vielleicht sind es auch bei uns keine großen Reichtümer, die wir verteilen können. Aber es gibt so viele andere Reichtümer: ein freundlicher Blick in die Augen eines Nächsten, ein Stehenbleiben und Reden mit einem Menschen, mit dem sonst kaum einer redet, ein Zugreifen, wo Hilfe nötig ist. Ist das denn nichts!
Vielleicht lebt in uns eine Hoffnung auf den Gott, dem alle Dinge möglich sind und der auch ausweglose Situationen verwandeln kann. Und wir können für einen anderen mit hoffen, dem diese Hoffnung verloren gegangen ist.

Wir hören heute, dass wo immer ein Mensch auf die heilende und verändernde Macht Jesu vertraut, alles möglich ist – auch bei dem anderen.
Der eine kann auf einmal sein Leben aus einem anderen Blickwinkel sehen, und er kann sein Schicksal als lebenswertes Leben annehmen.
Ein anderer erkennt die vielen kleinen Heilungsschritte und Veränderungen zum Guten, auch ohne vollständige Heilung.
Und dann – Gott sei Dank – geschieht hie und da das Unerwartete und Undenkbare, wie bei dem Lahmen, der das erste Mal in seinem Leben gehen und tanzen kann.

Wo immer der lebendige Gott Menschen begegnet, da geschieht etwas. Manchmal erschrecken wir, wie die Zuschauer damals, wenn unsere Vorstellungen von Gott über den Haufen geworfen werden, weil etwas anderes geschieht, als wir uns dachten.
Sieh uns an! – was ich aber habe, das gebe ich dir.
Mit so wenig kann Gott Überwältigendes tun. Damals und heute.

Amen.

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