14. Sonntag nach Trinitatis (17. September 2017)

Autor/in: Pfarrerin Susanne Joos, Stuttgart [Susanne.Joos@elkw.de]

Markus 1, 40 -45

Liebe Gemeinde,

Jesus tauscht mit dem Kranken die Rollen.

Zuerst war es der Aussätzige gewesen, der sich an einsamen Orten aufhalten musste.
Mit seiner entzündeten, juckenden Haut war er aus der Gemeinschaft verbannt.
Er durfte es nicht wagen, sich Menschen zu nähern.
Und kam ihm jemand zu nahe, musste er laut rufen: Unrein! Unrein!

Jetzt ist es Jesus, der nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen kann.
Der sich an einsame Orten zurückziehen muss.
Jedoch aus einem anderen Grund:
Er wird überrannt von Neugierigen und Hilfsbedürftigen.
Von überallher kommen sie zu ihm
und möchten ihn sehen, hören und geheilt werden.
Jesus hat das schon geahnt.
Nicht umsonst wird erzählt:
„Er drohte ihm
und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm:
Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst.“
Er wusste: Würde sich diese Heilung herumsprechen – er könnte sich nicht mehr retten vor lauter Bitten und Flehen und Drängen.

WiedereingliedernNoch ein Zweites hatte er vorausgesehen: dass manche es als anmaßend empfinden würden, dass er den Kranken gesund gesprochen hat.
Deshalb ermahnt Jesus den Geheilten, sich nach den Regeln der Thora zu verhalten:
„Geh hin und zeig dich dem Priester und bring ein Dankopfer für deine Reinigung, ihnen zum Zeugnis.“
Lass dich gesundschreiben, lass dich wieder eingliedern. Wie es vorgeschrieben ist und seine gute Ordnung hat.

Sich hineinziehen lassenWarum hat er den Aussätzigen dann überhaupt geheilt, wenn er die Folgen
doch hat kommen sehen?

Da ist ein Wort, das Aufschluss gibt.
Es heißt: „Es jammerte ihn.“ So übersetzt Luther.
Jesus spürt es in den Eingeweiden – so könnte man auch sagen.
Der Anblick des Aussätzigen geht ihm an die Nieren,
fährt ihm in den Bauch,
berührt ihn im Innersten.
Der Sitz der Gefühle ist hier im Spiel.
Der Sitz der Gefühle ist nach biblischem Denken nicht das Herz,
sondern der Bauch.

Der Anblick eines leidenden Menschen kann einem so nahegehen, dass sich einem der Bauch zusammenkrampft. Dass es einem ganz elend wird.
Man fühlt mit und fühlt sich zugleich abgestoßen.
So dass es kaum mehr möglich scheint, sich innerlich zu schützen, Abstand zu halten.

Wohl deshalb geht mancher solchen starken Gefühlen aus dem Weg.
Schaut lieber weg, wenn er Bettler auf der Straße hocken sieht, schmutzig und übelriechend, versehrt und krank.
Geht nicht gern freiwillig ins Pflegeheim, wo alte Menschen in Rollstühlen auf dem Flur sitzen, desorientiert und teilnahmslos warten, dass die Zeit vergeht.
„Ich kann das Elend nicht aushalten, das man da sieht.“

Meist machen wir wohl nicht deshalb die Augen zu und ducken uns weg, weil wir innerlich kalt oder gleichgültig wären.
Im Gegenteil: Gerade, weil wir die Fähigkeit haben, das Leid eines Anderen in uns zu spüren, deshalb fürchten wir uns davor.
Weil wir uns hilflos fühlen. Weil wir Sorge haben, da selber nicht mehr heil rauszukommen.

Die einen machen dicht, um sich zu schützen. Andere zerfließen im Mitgefühl und wollen helfen und übernehmen sich schnell.

EntscheidenJesus wählt einen anderen Weg.
Er nimmt die starken Gefühle wahr. Er lässt sich berühren.
Jedoch, ohne sich mit diesen Gefühlen zu identifizieren.
Ohne sich von ihnen überfluten zu lassen.
Er lässt sich nicht allzu sehr beeindrucken.
Sondern bleibt bei seiner Kraft, bei seinem Gottvertrauen.
So trifft er eine bewusste Entscheidung:
Geht ganz nah heran, streckt seine Hand aus und sagt: „Ja, ich will‘s tun.“

Durch die furchtlose Berührung mit seiner Hand erlöst er den Gezeichneten aus seiner Einsamkeit und verbindet ihn mit dem Strom des Lebens.
Durch sein Wort nimmt er ihn wieder auf in die Gemeinschaft.
Wie am Anfang der Schöpfung wirkt das Wort, was es sagt:
Der Aussatz weicht. Auferstehung.
Ansteckende Gesundheit

Balance von Nähe und DistanzNicht verschmelzen mit der Not des Anderen. Sich vielmehr berühren lassen, eine Entscheidung treffen, handeln und wieder gehen. Im Gottvertrauen bleiben.
Nicht immer ist es möglich, aber manchmal.

Dann ist es vielleicht gar nicht so schwer, jemandem, der im Bett liegt und nicht mehr sprechen kann, eine Weile die Hände zu halten und die Schultern und Arme zu streicheln, statt erschrocken auf die Apparate zu schauen und schnell wieder zu verschwinden.

Da ist es gar nicht so schwer, um Berührung zu bitten, wie die alte Frau im Pflegeheim, die zu einer Kollegin am Ende eines Besuchs sagte: „Jetzt nehmen Sie mich doch einfach mal in den Arm. Das hat schon so lange niemand mehr getan!“

Dann kann man tun, was man sowieso immer tut, aber auf eine ein wenig andere Weise.
Wie der Herzspezialist, der erzählt, wie er sich manchmal entscheidet, auf seine teuren Diagnosegeräte zu verzichten und lieber seinen Patienten mit den Händen zu untersuchen wie früher. „Ich taste ihn ab“, sagt er, „ich höre mit dem Stethoskop, und manchmal, da lege ich sogar mein Ohr auf seine Brust und lausche.“ „Nicht nur“, erzählt der Arzt, „dass ich mit meinen geübten Ohren manches höre, was die Apparate gar nicht wahrnehmen können. Während meine Hände auf dem Patienten liegen oder mein Ohr, da fängt mancher plötzlich an zu sprechen. Erzählt von dem, was ihm auf der Seele brennt und das Herz beschwert.
Und von alleine löst sich dann manchmal eine Angst, und das verkrampfte Herz wird weit.“

Man muss den Anderen ja nicht mit nach Hause nehmen! Man muss nicht sein Leben teilen.
Nur jetzt, in diesem Augenblick präsent sein, hören, mich anrühren lassen und entscheiden, was ich tun kann und will.
Was daraus wird, ist nicht verfügbar. Es bleibt in Gottes schöpferischer Hand.

EntlassenJesus lässt den Geheilten wieder los. Schickt ihn weg, geradezu ruppig – in sein neues Leben.
Er geht wieder auf Distanz und traut dem Mann zu, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen.
Nicht ohne ihm einzuschärfen, jetzt nicht hausieren zu gehen mit der Geschichte.
Sondern das Geheimnis zu bewahren, das ihm widerfahren ist.
Er darf sich Zeit lassen, damit die offenen Wunden heilen können und ihm eine neue Haut wachsen kann.
Er darf sich Zeit lassen, neu zu lernen, wie man in Kontakt ist mit anderen, wie man sich schützt.

RückzugNicht nur, weil der Geheilte nichts für sich behalten kann,
muss Jesus sich nun an einen einsamen Ort zurückziehen.
Schon vorher braucht er immer wieder selbst den Rückzug.
Er sucht die Ruhe und den Abstand.
Er möchte alleine sein.
Er braucht die Stille,
um zu beten,
in der Mitte anzukommen,
sich mit Gott zu verbinden.

Durchlässige GrenzenDoch die Leute finden ihn auch dort.

Noch suchen sie ihn, um sich helfen zu lassen.
Eines Tages treiben sie ihn hinaus aus ihrer Mitte,
nehmen ihm das Leben draußen vor der Stadt, an einem einsamen Ort.

Doch jetzt hört es erst recht nicht auf: dass viele davon reden und die Geschichte bekannt machen. Dass sie zu ihm kommen von allen Enden.

Amen.

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